Mythos Mauerbau: Die unbequeme Wahrheit über den 13. August 1961

Mythos Mauerbau: Die unbequeme Wahrheit über den 13. August 1961

Über kaum ein Thema der deutschen Nachkriegsgeschichte kursieren so viele Mythen, Einseitigkeiten und Halbwahrheiten wie über den Bau der sogenannten "Berliner Mauer".

 

Die übliche Erzählung geht ungefähr so: Eines Morgens stand die DDR auf, beschloss aus heiterem Himmel, Berlin abzuriegeln, baute eine Mauer und sperrte ihre Bevölkerung ein. Fertig ist die moralische Kurzgeschichte. Einfach, bequem, fernsehtauglich.

Nur: Geschichte ist selten so simpel.

 

Der Mauerbau war kein spontaner Alleingang der DDR. Die DDR-Führung drängte auf eine Abriegelung, ja. Die Gründe beleuchten wir weiter unten. Aber die Entscheidung fiel nicht in Ost-Berlin. Die Sowjetunion entschied die Abriegelung letztlich, und auch die Staaten des Warschauer Vertrages wurden Anfang August 1961 in Moskau in diese Entscheidung eingebunden. Am 13. August 1961 wurde die (gemeinschaftlich vom Warschauer Vertrag entschiedene) Maßnahme dann von der DDR umgesetzt. Die Entscheidung wurde Anfang August 1961 auf höchster Ebene des Ostblocks abgestimmt.

Wer also heute erzählt, die DDR habe von heute auf morgen allein beschlossen, "das Ding zu bauen", unterschlägt den entscheidenden Zusammenhang:

Berlin war 1961 keine normale Stadt. Berlin war die offenste Bruchstelle zwischen den zwei größten und feindlichsten Militärblöcken auf der Erde. Hier Warschauer Vertrag, dort NATO. Hier sozialistisches Lager, dort westliches, kapitalistisches Bündnis. Hier eine DDR, die aus Ruinen, Demontage und Reparationslasten einen Industriestaat aufbauen musste. Dort eine Bundesrepublik, die mit Marshallplan, Westintegration, Wiederbewaffnung (gegen die UDSSR gerichtet) und massiver politischer und finanzieller Unterstützung zur Frontstellung gegen den Osten aufgebaut wurde.


In Berlin standen sich nicht einfach Ostdeutsche und Westdeutsche gegenüber. Dort standen sich zwei Gesellschaftssysteme, zwei Geheimdienstapparate, zwei Bündnisse und zwei Weltordnungen gegenüber.

Wer den Mauerbau nur als innerdeutsche Maßnahme beschreibt, unterschlägt den Kalten Krieg.

Und genau deshalb braucht es eine andere Betrachtung. Nicht, um Leid an dieser Grenze klein zu reden. Nicht, um Schicksale wegzuwischen. Sondern um endlich die historischen Ursachen zu benennen, die in der westdeutschen Erinnerungskultur bis heute zuverlässig unter den Teppich gekehrt werden.

 

Fakt: West-Berlin war eine offene Operationsbasis mitten im sozialistischen Lager

West-Berlin lag wie eine westliche Insel mitten in der DDR. Formal war West-Berlin übrigens kein Teil der Bundesrepublik. Politisch, wirtschaftlich, ideologisch und geheimdienstlich wurde es aber massiv vom Westen genutzt.

West-Berlin hatte innerhalb der Bundesrepublik einen Sonderstatus, über den heute erstaunlich wenig gesprochen wird.

Dieser Sonderstatus zeigte sich nicht nur in der besonderen politischen Lage der Stadt, sondern auch im Alltag: West-Berlin war formal kein normales Bundesland der BRD, sondern stand unter alliierter Verantwortung. Genau daraus ergaben sich zahlreiche Sonderregelungen, die das Leben dort prägten – politisch, rechtlich und gesellschaftlich.

Eine der bekanntesten, aber heute fast vergessenen Folgen: Männer aus West-Berlin mussten keinen Wehrdienst in der Bundeswehr leisten. Das machte die Stadt für viele junge Männer aus der Bundesrepublik attraktiv, die keine Lust hatten, sich einziehen zu lassen.

In rund 40 Jahren BRD sollen schätzungsweise etwa 100.000 westdeutsche Männer nach West-Berlin "geflüchtet" sein, um dem Wehrdienst zu entgehen. Auch das war eine Fluchtbewegung – nur eben eine, über die heute kaum jemand spricht.

Während man bei der DDR bis heute jedes Weggehen politisch auflädt, wird diese westdeutsche Bewegung meist als lässige Großstadtanekdote behandelt: ein bisschen Kreuzberg, ein bisschen WG, ein bisschen Wehrdienstvermeidung.

Dabei zeigt sie sehr klar: Auch in der alten BRD gab es genug junge Menschen, die dem Staat nicht dienen wollten – und West-Berlin war für sie der legale Notausgang.


Für die DDR und die Staaten des Warschauer Vertrages war diese Lage der durchgängigen Blockgrenze in einer deutschen Großstadt nicht einfach ein Ärgernis. Sie war ein Sicherheitsproblem.

Denn die offene Grenze wurde nicht nur von Menschen genutzt, die Verwandte besuchen, einkaufen oder pendeln wollten.

Die durchlässige Grenze wurde auch von Nachrichtendiensten, westlichen Organisationen, Schleusern, politischen Gruppen und antikommunistischen Netzwerken genutzt. Agententätigkeit, Sabotage, Spionage, Desinformation und gezielte Destabilisierung waren keine Märchen aus dem DDR-Lehrbuch. Sie gehörten zur realen Praxis des Kalten Krieges.

Gerade West-Berlin war dafür ideal. Man konnte sich aus dem Westen heraus direkt in den Osten bewegen, Kontakte anbahnen, Informationen abschöpfen, Leute anwerben, Material einschleusen und anschließend wieder in den westlichen Schutzraum verschwinden. Für die NATO-Seite war das strategisch wertvoll. Für die DDR war es ein permanentes Loch in der eigenen Staatssicherheit.

Die offizielle Erklärung der Warschauer Vertragsstaaten sprach deshalb auch von "Wühltätigkeit", Spionage, Diversion und westlichen Störzentralen. Natürlich war diese Sprache politisch zugespitzt. Aber der sachliche Kern war tatsächlich historisch real. Westliche Geheimdienst- und Einflussarbeit in und gegen die DDR hat tatsächlich in großem Umfang stattgefunden. CIA, BND, westliche Stellen und antikommunistische Gruppen nutzten Berlin als Operationsraum.

Die DDR war hier nicht paranoid. Sie stand im Zentrum eines internationalen Systemkonflikts.

Wer heute so tut, als sei das alles nur Propaganda gewesen, sollte erklären, warum westliche Geheimdienste ausgerechnet an der heißesten Frontlinie des Kalten Krieges freiwillig untätig geblieben sein sollen. Das Gegenteil ist plausibler: Berlin war kein friedlicher Übergang zwischen zwei Nachbarschaften. Berlin war ein Schlachtfeld ohne offiziellen Krieg.

Aus Sicht der DDR und des Warschauer Vertrages lautete die Schlussfolgerung: Eine offene Systemgrenze mitten im eigenen Territorium war auf Dauer nicht kontrollierbar. Die sogenannte Mauer war deshalb auch eine Antwort auf reale sicherheitspolitische Bedrohungen, nicht nur auf innenpolitische Probleme der DDR.

Wie die BRD einen Friedensvertrag blockierte – und später der DDR die deutsche Teilung in die Schuhe schob

Nach 1945 hatte Deutschland keinen klassischen Friedensvertrag. Der Krieg war militärisch beendet, aber die deutsche Frage blieb politisch offen: Grenzen, Besatzungsrechte, Berlin-Status, internationale Anerkennung und die Zukunft eines geteilten Landes waren nicht endgültig geregelt.

Genau deshalb forderten die DDR und die Sowjetunion immer wieder einen deutschen Friedensvertrag. Dahinter stand die Logik: Wer echte deutsche Einheit will, muss zuerst die Nachkriegsordnung sauber vertraglich klären. Nicht durch Drohpolitik, nicht durch diplomatische Erpressung, nicht durch den westdeutschen Alleinvertretungsanspruch, sondern durch Verhandlungen zwischen den beteiligten Mächten und den deutschen Staaten.


Für die BRD war diese Forderung hochgefährlich. Denn ein Friedensvertrag hätte die Realität nach 1945 sichtbar gemacht: Es gab zwei deutsche Staaten. Die DDR existierte. Die Oder-Neiße-Grenze war politische Realität. Und West-Berlin war kein normales Stück Bundesrepublik, sondern ein Sonderfall unter Viermächte-Status.

Bonn wollte genau das nicht akzeptieren. Stattdessen beanspruchte die BRD, allein für ganz Deutschland zu sprechen. Wer die DDR anerkannte, wurde politisch unter Druck gesetzt. Die Hallstein-Doktrin war genau dieses Instrument: Anerkennung der DDR verhindern, internationale Kontakte blockieren, den zweiten deutschen Staat außenpolitisch kleinhalten.

Die DDR-Position war dagegen: Deutsche Einheit kann nicht entstehen, indem ein deutscher Staat den anderen für nicht existent erklärt. Einheit braucht Frieden, Anerkennung der tatsächlichen Lage und eine vertragliche Lösung.

Der Friedensvertrag war deshalb kein Nebenthema. Er war der Kern der ungelösten deutschen Frage. Die DDR wollte die Nachkriegsordnung beenden und auf eine rechtliche Grundlage stellen. Die BRD wollte ihre westliche Vormachtstellung sichern und jede Gleichstellung der DDR verhindern.

Kurz gesagt: Die DDR forderte den Friedensvertrag als Weg zu einer geregelten deutschen Lösung. Die BRD blockierte diese Logik, weil sie ihren Alleinvertretungsanspruch, ihre NATO-Westbindung und ihre politische Kontrolle über die "deutsche Frage" gefährdet sah. Wer heute die deutsche Teilung allein der DDR zuschiebt, verschweigt genau diesen westdeutschen Machtanspruch.

 

Die DDR verlor massenhaft ausgebildete Fachkräfte – während der Westen profitierte

Der zweite zentrale Grund war der Abfluss von Menschen aus der DDR, besonders von jungen, gut ausgebildeten und dringend gebrauchten Fachkräften.

Von 1949 bis August 1961 verließen Millionen Menschen die DDR in Richtung Westen. Das wird meistens moralisch erzählt: als reine "Flucht in die Freiheit". Aber wirtschaftlich war es noch etwas anderes: ein enormer Abzug von Arbeitskraft, Bildung, Qualifikation und gesellschaftlicher Investition.

Zuerst einmal muss man hier klar und historisch sauber unterscheiden:

Nach den Bodenreformen in der SBZ und späteren DDR verließen viele Menschen das Land, weil sie enteignet worden waren. "Enteignung" war das Wort, das sie selbst benutzten – und das auch Westdeutschland benutzte. "Neue, gerechte Umverteilung" war das, was die DDR darunter verstand. Und an dieser Stelle kann jeder selbst entscheiden, auf welcher Seite er historisch, politisch und moralisch steht.

Fakt ist: Auf dem Gebiet der späteren DDR herrschten über Jahrhunderte feudale Besitzverhältnisse. Vermögende Großgrundbesitzer verfügten über riesige Ländereien, während Kleinbauern, Landarbeiter und sogenannte Knechte ohne echte Perspektive für adlige Gutsbesitzer und Junker schufteten.

Deshalb war eines der ersten großen Projekte in der sowjetischen Besatzungszone genau das, was in sozialistischen Staaten immer zum Kern gehörte: die Neuverteilung von Eigentum. Man kann das gut finden oder ablehnen. Aber die Intention war klar: Land sollte nicht länger in den Händen weniger Großgrundbesitzer liegen, sondern denen zugutekommen, die es tatsächlich bewirtschafteten.

In der DDR wurde das auf die Formel gebracht: "Junkerland in Bauernhand."

Dabei ging es nicht nur um die Bauern auf dem Gebiet der späteren DDR. Es ging auch um Hunderttausende Menschen, die aus den ehemaligen Ostprovinzen des Deutschen Reiches geflohen oder vertrieben worden waren und nun in der jungen DDR eine neue Existenz aufbauen mussten. Viele dieser Menschen erhielten durch die Bodenreform zum ersten Mal in ihrem Leben eigenes Land zur Bewirtschaftung.

Gleichzeitig wurden konsequent alte adlige Feudalherren, Großgrundbesitzer und vor allem auch belastete Nazis enteignet. Viele von ihnen gingen anschließend dorthin, wo sie sich politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich eine bessere Zukunft erhofften: in den Westen. Das war kein Zufall. Wer im alten Besitzstand dachte, wer Eigentum über gesellschaftliche Gerechtigkeit stellte und wer im neuen sozialistischen Staat keine Zukunft für sich sah, der verließ dieses System.

Das war die erste große Fluchtbewegung aus der SBZ beziehungsweise DDR. Und ja: Sie war für die DDR nicht unbedingt unwillkommen. Denn es gingen nicht selten genau jene Milieus, die vorher Macht, Land, Einfluss und Besitz konzentriert hatten.

Die zweite Fluchtbewegung bis 1961 war eine andere. Sie war für die DDR deutlich schmerzhafter. Denn hier gingen nicht nur enteignete Großgrundbesitzer, alte Eliten oder politisch Gegner des neuen Systems. Hier gingen auch Fachkräfte, Ärzte, Ingenieure, junge Menschen, gut Ausgebildete – Menschen, die die DDR selbst ausgebildet hatte und dringend brauchte.

Und genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Debatte über die Ursachen des Mauerbaus.


Brain Drain: Der Westen bekam die Fachkräfte, die der Osten bezahlt hatte

Die DDR bildete Ärzte, Ingenieure, Lehrer, Techniker, Wissenschaftler und Facharbeiter aus. Diese Ausbildung kostete Geld, Zeit, Infrastruktur und gesellschaftliche Ressourcen. Und genau diese Ressourcen waren in der DDR besonders knapp.

Denn die DDR startete nicht auf einem bequemen Nachkriegssockel. Sie lag in der sowjetischen Besatzungszone, trug enorme Reparationslasten, verlor Industrieanlagen, Maschinen, Betriebe und Infrastruktur. Tausende Betriebe wurden abgebaut. Fast alle Bahnstrecken waren nach den Demontagen nur noch eingleisig. Der Osten bekam keinen Marshallplan als westlichen Anschub, sondern musste aus Ruinen, Demontage und Reparationsdruck heraus einen Industriestaat aufbauen.

Und genau dieser Staat bildete dann massenhaft qualifizierte Menschen aus. Menschen, die im Westen sofort gebraucht wurden.


Die Bundesrepublik konnte davon immens profitieren. Sie musste viele dieser Fachkräfte nicht selbst ausbilden, sondern bekam sie fertig qualifiziert. Ökonomisch war das bequem: Der Osten trug die Ausbildungskosten, der Westen kassierte die Arbeitskraft.

Genau das ist der Kern von "Brain Drain" (deutsch: "Gehirnabfluss"): Ein Land investiert in seine Menschen, ein anderes zieht sie ab.

Das geschah nicht nur passiv. Es gab auch aktive Abwerbung. Viele westdeutsche Unternehmen, Vermittler und politische Stellen hatten ein klares Interesse daran, Fachkräfte aus der DDR zu gewinnen. Für die BRD war das Arbeitsmarktpolitik, Systemwerbung und billige Qualifikation auf Abruf. Für die DDR war es ein Aderlass.

Besonders hart traf das Bereiche, die für den Aufbau eines Landes entscheidend sind: Medizin, Technik, Forschung, Industrie, Bildung.

Wer einen Arzt aus der DDR abwarb, entzog nicht irgendeinem abstrakten "Regime" eine Person, sondern einer Gemeinde, einem Krankenhaus, einem Betrieb, einer Hochschule, einer ganzen Volkswirtschaft dringend benötigtes Können.

Das westdeutsche "Wirtschaftswunder" war eben nicht nur Fleiß, Buttercreme und Ludwig Erhard im Sonntagsanzug. Es war auch Marshallplan, Westintegration, Wiederbewaffnung, Zugang zu westlichen Märkten – und ein permanenter Zufluss qualifizierter Arbeitskräfte aus dem Osten.

Die DDR dagegen lieferte unter deutlich schlechteren Startbedingungen das eigentliche Aufbauwunder: Aus Kriegszerstörung, Demontage, Reparationslasten, Rohstoffmangel und politischer Isolation entstand innerhalb weniger Jahrzehnte ein hochindustrialisierter Staat mit leistungsfähiger Bildung, Forschung, Industrie, Gesundheitsversorgung, Wohnungsbau und sozialer Infrastruktur.

Und genau aus diesem Staat wurden die lebenswichtigen Fachkräfte abgezogen.

Man kann das auch in die Gegenwart übersetzen: Wenn hochqualifizierte Menschen aus wirtschaftlich schwächeren Ländern in reichere Länder abwandern, feiern die Zielländer das als "Fachkräftezuwanderung". Für die Herkunftsländer bedeutet es aber oft Verlust: weniger Ärzte, weniger Ingenieure, weniger Lehrer, weniger Menschen für Wiederaufbau und Entwicklung.

Der Kapitalismus spart sich eben schon immer gern Ausbildungskosten, indem er fertige Fachkräfte aus anderen Gesellschaften übernimmt.

Genau diese Logik gab es auch im Verhältnis DDR–BRD. Nur wurde sie damals ideologisch verklärt. Was für den Westen "Freiheit", "Chance" und "Wirtschaftswunder" war, bedeutete für die DDR: Verlust von Menschen, Verlust von Qualifikation, Verlust von Planungssicherheit. Und eine reale Gefahr für die Zukunft des kleinen Landes.

 

Hallstein-Doktrin: Die BRD erkannte die DDR nicht an – sie bekämpfte ihre Anerkennung weltweit

Ein weiterer Punkt, der in der westdeutschen Erzählung fast immer fehlt: Die Bundesrepublik behandelte die DDR jahrzehntelang nicht wie einen zweiten deutschen Staat, sondern wie eine illegitime Störung des eigenen Alleinvertretungsanspruchs.

Die BRD beanspruchte, allein für "Deutschland" zu sprechen. Nicht nur für Westdeutschland. Nicht nur für die Bundesrepublik. Sondern für ganz Deutschland. Die DDR sollte politisch nicht als eigenständiger Staat anerkannt werden, obwohl sie faktisch existierte, eigene Institutionen hatte, eigene Grenzen, eine eigene Regierung, eine eigene Volkswirtschaft, eine eigene Armee und Millionen Bürger.

Aus diesem Denken entstand die sogenannte Hallstein-Doktrin. Benannt nach Walter Hallstein, Staatssekretär im Auswärtigen Amt und später Präsident der EWG-Kommission. Der Kern dieser Doktrin war einfach: Jeder Staat, der diplomatische Beziehungen zur DDR aufnahm, musste mit schweren politischen Konsequenzen durch die Bundesrepublik rechnen. Im Extremfall brach die BRD die diplomatischen Beziehungen ab.


Interessanter Fakt: 

Der Namensgeber Walter Hallstein war während des Nationalsozialismus hochrangiges Mitglied mehrerer NS-Organisationen, darunter NS-Rechtswahrerbund, NS-Lehrerbund, NS-Volkswohlfahrt, NS-Luftschutzbund, Ab 1944 war er "Nationalsozialistischer Führungsoffizier" im NS-Dozentenbund. Walter Hallstein, selbst Aktiver des Nazi-Systems ging auch nach 1945 gegen Andersdenkende vor. 


Ein Schlaglicht auf den Charakter Hallsteins, der "Fall Brill"

Hermann Brill war Sozialdemokrat, Antifaschist, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und Häftling im KZ Buchenwald. Nach 1945 sollte er an der Universität Frankfurt als Honorarprofessor für Öffentliches Recht wirken.

Rektor der Uni Frankfurt war zu diesem Zeitpunkt niemand anderes als Werner Hallstein. Dass in der BRD verdiente Funktionsträger des Dritten Reiches nahezu übergangslos wieder in Amt und Würden kamen, war kein Betriebsunfall, sondern westdeutscher Gründungsstandard.

Ob Justiz, Ministerien, Universitäten, Bundeswehr, Polizei oder Geheimdienste: Wer gestern noch dem NS-Staat gedient hatte, saß morgen wieder auf einem Schreibtischstuhl der neuen Republik. Nicht trotz Vergangenheit, sondern oft wegen Erfahrung, Netzwerken und antikommunistischer Verlässlichkeit.

Unter Nazi-Führungsoffizier Rektor Walter Hallstein wurde die Berufung des hochqualifizierten und unter den Nazis verfolgten Hermann Brill blockiert bzw. erschwert. Ein antifaschistischer Jurist passte offenbar nicht sauber ins westdeutsche Nachkriegsbild. Der Streit landete später sogar im Hessischen Landtag; 1950 wurde hier sogar ein Untersuchungsausschuss eingesetzt.

Der Fall zeigt früh, wofür Hallstein politisch stand: konservativ, antikommunistisch, weststaatlich bis in die Knochen. Später wurde daraus die Hallstein-Doktrin: Die BRD erklärte sich zur alleinigen Sprecherin Deutschlands und bekämpfte jede internationale Anerkennung der DDR.

Kurz gesagt: Erst wurde ein Antifaschist ausgebremst, später ein ganzer deutscher Staat.


Die "Hallstein-Doktrin" war keine kleine außenpolitische Marotte der BRD. Das war aktive Blockadepolitik. Die DDR sollte international isoliert werden. Ihre Anerkennung sollte verhindert werden. Staaten wurden aktiv unter Druck gesetzt, sich zwischen Bonn und Ost-Berlin zu entscheiden. Die Bundesrepublik nutzte ihr wirtschaftliches Gewicht, ihre westlichen Bündnisse und ihre außenpolitische Stellung, um die DDR weltweit klein zu halten.

Auch das gehört zur Wahrheit über die deutsche Teilung: Die BRD beklagte öffentlich die Spaltung Deutschlands, arbeitete aber gleichzeitig mit allen Mitteln daran daran, die Existenz der DDR politisch zu delegitimieren. Sie redete von Einheit, verweigerte aber lange jede gleichberechtigte Anerkennung der Realität.

Für die DDR bedeutete das: Sie stand nicht nur unter militärischem, wirtschaftlichem und geheimdienstlichem Druck, sondern auch unter diplomatischem Druck. Sie musste sich international Anerkennung gegen den massiven Widerstand der Bundesrepublik erkämpfen.

Die Hallstein-Doktrin war damit ein Instrument des Kalten Krieges. Sie war der Versuch, die DDR außenpolitisch zu ersticken, während man im Westen gleichzeitig so tat, als sei allein der Osten für die verhärtete Teilung verantwortlich.

Erst in den 1970er Jahren änderte sich diese Linie schrittweise mit der neuen Ostpolitik unter Willy Brandt und Egon Bahr. Die BRD musste irgendwann anerkennen, was längst Realität war: Es gab zwei deutsche Staaten. 1973 wurden dann beide deutsche Staaten Mitglieder der Vereinten Nationen.

Bis dahin aber hatte die Bundesrepublik fast zwei Jahrzehnte lang aktiv gegen die internationale Anerkennung der DDR gearbeitet. Wer also über deutsche Teilung spricht, darf nicht nur über die Mauer reden. Er muss auch über die politische Mauer sprechen, die Bonn um die DDR ziehen wollte: diplomatisch, wirtschaftlich und international.

 

Die deutsche Teilung war die Frontlinie des Kalten Krieges – keine normale innerdeutsche Grenze

Der dritte Hauptgrund ist der wichtigste: Die Berliner Grenze war nie nur eine innerdeutsche Grenze.

Die DDR und die BRD waren nicht einfach zwei deutsche Verwaltungen mit unterschiedlichem Briefkopf. Sie waren Teil zweier gegnerischer Militärblöcke. Die BRD war fest in den Westen eingebunden, wurde wiederbewaffnet, in die NATO integriert und als Frontstaat gegen den Osten aufgebaut. Die DDR wiederum war Teil des Warschauer Vertrages und stand militärisch, politisch und wirtschaftlich im sowjetischen Machtbereich.

Berlin (und die spätere Grenze zwischen der BRD und der DDR) war der Brennpunkt dieser Konfrontation.

In West-Berlin standen die Westmächte. Um West-Berlin herum lag die DDR. Dahinter stand die Sowjetunion. Jeder Zwischenfall konnte internationale Folgen haben. Jede Bewegung an dieser Grenze war nicht nur eine Polizeifrage, sondern potenziell eine Frage von Krieg und Frieden.

Deshalb wurde die Entscheidung zur Abriegelung auch nicht einfach in einem kleinen Ost-Berliner Hinterzimmer getroffen. Die DDR-Führung drängte auf eine Lösung, aber die entscheidende Rückendeckung kam aus Moskau. Die Staaten des Warschauer Vertrages entschieden mit. Am 13. August wurde die Maßnahme dann durch die DDR umgesetzt, aber politisch getragen wurde sie vom östlichen Bündnis.

Das ist der entscheidende Punkt gegen den Mythos: Der Mauerbau war kein isolierter Willkürakt eines einzelnen deutschen Teilstaates. Er war Ergebnis der Berlin-Krise, der ungelösten Nachkriegsordnung, der NATO-Integration Westdeutschlands, der Wiederbewaffnung der BRD, der westlichen Nutzung West-Berlins und des Versuches des Ostblocks, diese offene Frontlinie zu kontrollieren.

Die westliche Erzählung macht daraus gern eine einfache Moralgeschichte: hier Freiheit, dort Mauer. Aber Geschichte ist nicht so bequem. Vor 1961 war Berlin ein offener Riss durch den Kalten Krieg. Der Westen nutzte diesen Riss politisch, wirtschaftlich und geheimdienstlich. Die DDR blutete über diesen Riss aus. Der Warschauer Vertrag sah darin ein Sicherheitsrisiko für das gesamte sozialistische Lager.

Die sogenannte Mauer war deshalb nicht einfach "die innerdeutsche Grenze". Sie war die Beton gewordene Frontlinie zwischen NATO und Warschauer Vertrag.

Das macht sie nicht menschlich schöner. Aber es macht die Geschichte ehrlicher.

 

Die Teilung Deutschlands war keine Laune Moskaus – sondern Ergebnis westlicher Blockpolitik

Die Wahrheit, die heute nie erzählt wird:

Weder die Führung der DDR noch Moskau hatten ursprünglich ein Interesse daran, die Teilung Deutschlands dauerhaft zu zementieren. Im Gegenteil: In den frühen Nachkriegsjahren wurde von sowjetischer Seite wiederholt ein gesamtdeutscher Weg ins Spiel gebracht – allerdings unter der Bedingung eines neutralen, nicht in westliche Militärblöcke eingebundenen Deutschlands. Auch die DDR und die SED bezogen sich lange auf das Ziel einer deutschen Einheit, auf Grundlage eines neutralen, demokratischen Deutschlands und nicht als Vorfeldstaat der NATO.

Das wird heute gern unterschlagen. Denn es passt nicht zur bequemen Erzählung, nach der der Osten angeblich von Anfang an nur Abschottung, Teilung und Mauer wollte.

Tatsächlich wurde die deutsche Teilung nicht einseitig im Osten beschlossen. Sie wurde durch die Blockbildung nach 1945 Schritt für Schritt verhärtet: Westintegration, separate Staatsgründung der BRD, NATO-Beitritt, Wiederbewaffnung, wirtschaftliche Einbindung in den Westen – und auf der anderen Seite die Reaktion des Ostblocks darauf.

Die BRD unter Adenauer entschied sich nicht für Neutralität, sondern für Westbindung. Nicht für einen blockfreien gesamtdeutschen Weg, sondern für die feste Einordnung in das westliche Militär- und Wirtschaftssystem. Damit wurde die deutsche Frage nicht gelöst, sondern eingefroren.

Was heute ebenfalls fast immer unterschlagen wird: Die Teilung Deutschlands entstand nicht einfach aus irgendeiner Laune der Geschichte heraus. Nach 1945 stand die Sowjetunion vor einer einfachen sicherheitspolitischen Frage: Wie verhindert man aus Sicht der überfallenen Sowjetunion, dass Deutschland jemals wieder als Aufmarschgebiet gegen den Osten genutzt wird?

Die Sowjetunion hatte 1945 rund 27 Millionen Tote verloren. Der überwiegende Teil waren Zivilisten: Kinder, Frauen, Alte. Der Krieg hatte ganze Regionen ausgelöscht. Der "große Vaterländische Krieg" bestimmt bis heute das Denken und die Identität aller Russen. Aus sowjetischer Sicht war (und ist!) die Angst vor einem erneuten Angriff aus dem Westen keine Paranoia, sondern historische Erfahrung.

Und genau deshalb sind die sogenannten Stalin-Noten von 1952 historisch so interessant:

Die Sowjetunion bot damals eine Wiedervereinigung Deutschlands an – unter einer zentralen Bedingung: Deutschland sollte neutral und blockfrei sein. Also weder NATO-Mitglied noch Teil des späteren Warschauer Vertrages.

Heute wird oft so getan, als hätte Moskau Deutschland grundsätzlich teilen wollen. Tatsächlich war die sowjetische Führung offiziell bereit, ein vereintes Deutschland zu akzeptieren – solange es militärisch neutral, also blockfrei blieb. Dass das nicht völlig unrealistisch war, zeigt die Geschichte Österreichs: Immerhin bis 1945 ein elementarer Teil des „Dritten Reiches“, entschied sich Österreich nach 1945 für Neutralität und wurde nicht zur westlichen NATO-Frontstellung ausgebaut.

Abgelehnt wurde das Angebot zur schnellen deutschen Vereinigung und Neutralität vor allem von der Regierung Konrad Adenauers, die feste Westbindung und Einbindung der Bundesrepublik in ein antisowjetisches Bündnis priorisierte.

Danach war die Entwicklung praktisch vorgegeben: Mit der NATO-Integration der Bundesrepublik verschob sich die militärische Hauptfront des Kalten Krieges mitten nach Deutschland.

Und genau deshalb greift der Begriff "innerdeutsche Grenze" historisch viel zu kurz. Diese Grenze war eben nicht einfach nur die Grenze zwischen zwei deutschen Staaten. Sie war die direkte Frontlinie zwischen NATO und Warschauer Vertrag. Zwischen zwei atomar bewaffneten, hochgerüsteten Militärsystemen, die sich offiziell als Gegner betrachteten und sich jahrzehntelang auf einen möglichen Krieg vorbereiteten.

Wer die Geschichte dieser Grenze nur auf DDR-Fluchtgeschichten reduziert, blendet die eigentliche geopolitische Realität aus: Zwischen den beiden deutschen Staaten standen sich die beiden größten Machtblöcke der Erde unmittelbar gegenüber.

Egon Krenz, ehemaliger Staatsratsvorsitzender der DDR, fasste die Situation auch Jahrzehnte später authentisch und selbstkritisch zusammen:

"Ich weiß bis heute nicht, wie man diese Grenze anders hätte gestalten können und wie wir als DDR-Führung damit anders hätten umgehen sollen."


Das ist für jeden, der sich aufrichtig und kritisch mit diesem Abschnitt der deutschen Geschichte auseinandersetzt, eine nachvollziehbare Aussage.

Nicht, weil die Grenze schön war. Nicht, weil man Leid an ihr wegreden sollte. Sondern weil die Alternative in der damaligen Lage eben nicht einfach "offene Grenze und alle sind glücklich" hieß. Die Alternative war eine unkontrollierte Frontlinie mitten im Kalten Krieg.

 

Europa am Rand der Vernichtung – Deutschland als mögliches atomares Schlachtfeld

Aus dieser explosiven Situation entstand Anfang der 1980er Jahre die größte Angst vieler Menschen in Ost und West: dass Deutschland erneut zum Schlachtfeld wird. Diesmal atomar. Und damit zum letzten Mal.

Ende der 1970er und Anfang der 1980er spitzte sich die Lage dramatisch zu. Die Sowjetunion stationierte neue SS-20-Mittelstreckenraketen. Die NATO reagierte 1979 mit dem NATO-Doppelbeschluss und plante die Stationierung amerikanischer Pershing-II-Raketen und Cruise Missiles in Westeuropa – insbesondere in der Bundesrepublik.

Damit wurde Deutschland erneut zum möglichen Schlachtfeld der Großmächte.

Die Flugzeiten der Raketen lagen teilweise bei wenigen Minuten. Viele Militärstrategen gingen damals offen davon aus, dass ein Atomkrieg zuerst in Europa stattfinden würde – und zwar mitten in Deutschland. Nicht in Washington. Nicht in Moskau. In Deutschland.

Millionen Menschen hatten Angst vor einem atomaren Krieg. Und diese Angst war absolut real. Auch in der Bundesrepublik gingen Hunderttausende auf die Straße. Friedensbewegungen entstanden überall. Menschenketten, Ostermärsche und Großdemonstrationen prägten die frühen 1980er Jahre.

Wer über den Mauerbau spricht, muss also über mehr sprechen als Beton, Stacheldraht und Schlagbäume.

  • Er muss über den Zweiten Weltkrieg sprechen. Über 27 Millionen sowjetische Tote. Über deutsche Vernichtungspolitik im Osten. Über die Angst der Sowjetunion, Deutschland könnte wieder als Aufmarschgebiet gegen sie genutzt werden.

  • Er muss über die Nachkriegsordnung sprechen. Über Demontagen, Reparationslasten, Marshallplan, Westintegration, Wiederbewaffnung und NATO-Beitritt der Bundesrepublik. Über eine DDR, die unter deutlich härteren Startbedingungen ein Land aufbauen musste, während die BRD zur westlichen Frontökonomie gegen den Osten wurde.

  • Er muss über West-Berlin sprechen. Nicht als romantische Insel der Freiheit, sondern als hochpolitischen, geheimdienstlich genutzten, wirtschaftlich wirksamen und strategisch explosiven Vorposten des Westens mitten im sozialistischen Lager.

  • Er muss über Brain Drain sprechen. Über Millionen Menschen, die die DDR verließen. Über Ärzte, Ingenieure, Lehrer, Techniker, Wissenschaftler und Facharbeiter, deren Ausbildung der Osten finanzierte und deren Arbeitskraft der Westen bekam.

  • Und er muss über den Kalten Krieg sprechen. Über zwei Militärblöcke, zwei Atomarsenale, zwei Weltordnungen und ein Deutschland, das genau dazwischen lag.

Die sogenannte "Mauer" war nicht einfach eine innerdeutsche Grenze. Sie war nicht einfach eine Laune der SED. Sie war nicht einfach das Ergebnis eines bösen Morgens in Ost-Berlin. Sie war die Beton gewordene Konsequenz einer Weltordnung, in der Deutschland erneut zur Frontlinie gemacht wurde.

Das macht sie nicht menschlich schöner. Es macht die Opfer nicht kleiner. Es macht individuelle Schicksale nicht unwichtig. Aber es macht die Geschichte vollständiger.

Und genau das ist der Punkt: Wer die Mauer verstehen will, darf nicht erst am 13. August 1961 anfangen. Er muss 1945 anfangen. Er muss die aktive Blockbildung des Westens betrachten. Er muss die westdeutsche Wiederbewaffnung betrachten. Er muss die westdeutsche Verweigerung einer deutschen Wiedervereinigung zu einem neutralen Staat beachten. Er muss die NATO-Integration der BRD betrachten. Er muss den ökonomischen Aderlass der DDR betrachten. Er muss die geheimdienstliche Nutzung West-Berlins betrachten. Er muss die Angst und Abwehr vor einem neuen Krieg betrachten.

Alles andere ist keine Geschichtsschreibung. Es ist westdeutsche Legendenpflege mit Betonoptik.

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