„Leere Regale!“ – oder: Wenn ein Westbesuch zum DDR-Studium wird

„Leere Regale!“ – oder: Wenn ein Westbesuch zum DDR-Studium wird

Ab und zu, wenn auch eher selten, nehmen wir uns die Zeit für eine ausführlichere Replik auf Kommentare unter unseren Social-Media-Beiträgen. Das geschieht weder aus Pflichtgefühl noch, um irgendjemanden zu bekehren, sondern dann, wenn wir der Ansicht sind, dass eine sachliche (vielleicht auch ironische) Einordnung einen Mehrwert bieten kann – insbesondere für die vielen stillen Mitleser...

Der folgende Text ist eine Replik auf diesen Kommentar unter einem Facebook-Beitrag auf unserer Seite:







Es gibt diesen Typus – den westdeutschen DDR-Experten mit einem Tagesvisum und lebenslanger Deutungshoheit. Der sich auch heute noch, Jahrzehnte später, ermächtigt fühlt, das Leben in unserer DDR abschließend und kompetent zu beurteilen. Seine besondere Qualifikation besteht darin, dass er angeblich vor 1989 einmal die DDR betreten hat. Einmal durch die DDR gefahren, seitdem Professor für ostdeutsche Alltagsgeschichte. Das lassen wir einfach mal so stehen. Meinung ist Meinung. Augenzeugenbericht ist Augenzeugenbericht. Und unter unseren Mitbürgern der alten Bundesländer gibt es eben jene Universalhistoriker, deren Forschung aus einer Tankpause bei Magdeburg besteht.

In diesem Punkt, den du in deinem Kommentar bei uns erwähnst, lieber Markus, müssen wir dir allerdings tatsächlich zustimmen. Verglichen mit den "Supermärkten" der späten 1980er Jahre in der BRD war unsere DDR-Konsumwelt deutlich zurückhaltender, ja geradezu pastellfarben. Im gelobten Kapitalismus – das war unser erster Eindruck nach der Grenzöffnung 1989 – war plötzlich alles knallig bunt, grell und in Neon. Es erschlug uns förmlich. Das konnte dir unsere DDR ganz klar nicht während deiner Magdeburger Tankpause bieten...

Und du hast auch recht, wenn du sagst, dass die Vielfalt unserer Konsumwelt mit der euren nicht vergleichbar war. Das lag allerdings schlicht daran, dass wir gar keine sogenannten "Supermärkte" hatten. Allein dieser Begriff verrät schon eine ganze Menge. Die westliche Wirtschafts- und Konsumwelt basiert(e) auf dem Prinzip des SUPERkonsums. SUPER ist die Steigerung von gut. Im Westen musste eben alles mehr als gut sein. Es musste schon damals SUPER sein.

Wir dagegen kannten in unserer rückständigen, volkseigenen (nicht "konzerneigenen") DDR all das natürlich nicht. Wir betrieben, wie unsere Altvorderen in der frühen Steinzeit, noch Tauschhandel und bezahlten wahlweise mit Muscheln, Feuersteinen oder einem besonders wohlgeformten Stück Treibholz - all das sammelten wir DDR-Familien einmal pro Jahr. Denn exakt dafür wurden wir vom FDGB (Freiwillige Deutsche Geld-Beschaffung) an die Ostsee entsandt.

Umso dankbarer waren wir, als ihr BRD-Bürger uns 1989 und 1990 endlich den kapitalistischen Fortschritt und die große, bunte Warenwelt brachtet. Ihr drücktet uns großzügig 100 D-Mark Begrüßungsgeld in die Hand – das entsprach damals ungefähr 8.000 sorgfältig auf dem Darß und am Strand von Prerow gesammelten DDR-Muscheln.
Mit diesen 100 D-Mark schicktet ihr uns dann gütig in euer eigenes Land, nahmt uns großherzig auf und gestattetet uns, 16 Millionen Mal 100 D-Mark unmittelbar in EUREN Wirtschaftskreislauf zurückzutragen.

Als Dank dafür übereigneten wir euch praktisch unser gesamtes Land: Betriebe, Kombinate, Immobilien, Wälder, Seen, Grund und Boden, Millionen Wohnungen und alles, was unsere Eltern und Großeltern in vier Jahrzehnten aufgebaut hatten.

Kurz gesagt: Ihr gabt uns 100 D-Mark zum Einkaufen – und wir gaben euch dafür ein ganzes Land. Inklusive des größten Volksvermögens, das je auf deutschem Boden geschaffen worden war. Und selbstverständlich auch unsere hoffnungslos rückständige Muschelwirtschaft...

Laut seriösen Schätzungen floss eurer BRD ein Vermögen zu im Wert von 1.500.000.000.000 Muscheln. Pardon. D-Mark. Ganz schön viel Zaster für einen "steinzeitlichen Pleitestaat mit leeren Regalen"...


WAS WIR DANN AB 1989 LERNTEN:

Zwei oder drei Varianten eines Produkts? Das konnte natürlich nicht reichen. Fünf oder sechs Sorten Schokolade, wie sie bei uns im Konsum völlig normal waren? Unzumutbar! Im Westen mussten es dreißig, vierzig oder noch mehr sein. Und selbstverständlich durfte es nicht einfach "Schokolade" sein. Es musste SUPER-Schokolade sein. Mit SUPER-Aroma, SUPER-Verpackung und vermutlich auch SUPER-Gefühlen beim Auspacken.

An diesem Prinzip hat sich bis heute erstaunlich wenig geändert. Gesund essen und regional essen, wie wir es in der DDR 40 Jahre lang taten? Wie niedlich. Nein, in der BRD braucht es SUPER-Food. Chiasamen aus Südamerika, Goji-Beeren aus China, Avocados vom anderen Ende der Welt – Hauptsache, das Etikett klingt exotisch und kostet das Dreifache. Heimischer Leinsamen aus Sachsen oder Thüringen? Der ist leider zu regional, zu günstig und zu unspektakulär. Mit dem lässt sich eben keine Wellness-Revolution für 14,99 Euro verkaufen.

Insofern hast du völlig recht, lieber Markus. 1989 bemerkten wir schlagartig, was uns jahrzehntelang gefehlt hatte: SUPER-Marketing.

Kaum war die Grenze offen, rückten die routinierten Botschafter eurer neuen Konsumreligion an. Nicht mit Panzern, sondern mit Sonderangeboten. Nicht mit Fahnen, sondern mit Prospekten. Und die ersten westdeutschen Supermärkte? Die warteten gar nicht erst auf richtige Gebäude. Wozu auch? Riesige Verkaufszelte auf der grünen Wiese taten es ebenfalls. Hauptsache, wir Ostdeutschen konnten möglichst schnell lernen, dass Glück jetzt im Einkaufswagen liegt.

Und was wurde uns präsentiert? Vieles davon kannte man im Westen bereits als Auslaufmodell. Gebrauchte Autos, Werkzeuge, Möbel, Elektrogeräte, Restposten, Versandhauswelten von Quelle und Neckermann. Später erfuhren wir dann mit leichter Verwunderung, dass ein beachtlicher Teil dieser Waren ohnehin von den fleißigen Händen unserer Eltern und Großeltern in der DDR hergestellt worden war.

Das hatte schon etwas Komisches. Wir produzierten die Ware. Ihr verkauftet sie uns zurück.


SUPERMARKT. SUPERFOOD. SUPERPREISE. SUPERPROFITE. HAUPTSACHE, IRGENDWAS IST SUPER.

Doch verlassen wir den Bereich der Werbebroschüren und widmen wir uns lieber den historischen Fakten. Unsere HO-Kaufhallen waren keineswegs leer. Wer heute noch reflexartig von den berühmten "leeren Regalen" spricht, verwechselt die DDR entweder mit Bildern aus anderen Staaten oder mit den Erzählungen, die seit Jahrzehnten immer wieder reproduziert werden. Natürlich gab es Engpässe. Natürlich standen dort keine 48 Joghurtsorten und auch keine drölf Varianten derselben Tomatensoße. Vielleicht gab es vier Joghurts. Vielleicht auch armselige dreizehn Sorten Schokolade. Die spannende Frage lautet aber:

Ab welcher Sorte beginnt eigentlich Freiheit? Bei Nummer 17? Oder doch erst bei Schoki Nummer 34?

Braucht ein Mensch tatsächlich dreißig Varianten desselben Produkts? Oder verkauft man ihm einfach dreißigmal dieselbe Grundidee – hübscher verpackt, teurer etikettiert und mit einem Werbespot dazwischen? Und jetzt kommt's, Markus aus Stuttgart, Malte aus Wanne-Eickel und Alois aus München: Entscheidend war nämlich nicht die Länge des Regals. Entscheidend war die Sicherheit des Lebens. UNSERES Lebens in unserer ach so rückschrittlichen DDR.

  • 60 bis 70 Mark Miete.
  • 5 Pfennig fürs Brötchen.
  • 20 Pfennig für Bus oder Straßenbahn.
  • Ein Wocheneinkauf für rund zehn Mark.
  • Kinderturnschuhe für vier Mark.

Ja. Das war alles subventioniert. Und genau das war politisch gewollt. Und weil entweder Markus, Alois oder Malte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mindestens BWL oder VWL hinter sich haben – jene Studiengängen, die einen BRD-Bürger bestens auf ein erfülltes Leben als Humankapital im Dienste des Marktes vorbereiten sollen –, hier noch einmal ein kleiner ökonomischer Nachhilfeunterricht.

Ja, die DDR war ein Subventionsstaat. Aber Überraschung: Eure BRD ist ebenfalls ein Subventionsstaat.

Die DDR subventionierte den Alltag ihrer Bürger. Eure BRD subventioniert auch, und zwar mit Milliarden Steuergeldern: Rüstungsunternehmen, Pharmaunternehmen, Waffenlieferungen...


LEERE REGALE? KOMISCH. WIR ERINNERN UNS EHER AN VOLLE EINKAUFSTASCHEN.

Den Konsum gab es selbst im kleinsten Dorf unserer DDR. Nicht spektakulär. Nicht mit Neonreklame. Nicht mit einer Barista-Bar im Eingangsbereich. Aber er war da. Heute verschwindet in vielen Dörfern erst der Bäcker. Dann der Fleischer. Dann der Supermarkt. Wer einkaufen will, setzt sich ins Auto. Oma oder Opa bleiben auf der Strecke.

In der DDR lief man oft einfach um die Ecke: Das Brötchen kostete in Blankenhain fünf Pfennig. In Berlin-Marzahn ebenfalls. Man stelle sich das heute einmal vor: Derselbe Preis – landesweit. Keine dynamische Preisgestaltung. Keine App. Keine Rabattkarte. Keine Coupons. Keine Bonuspunkte. Keine Payback-App, die besser weiß als der Familienrat, welche Kondomgröße du benötigst, wann die Dame des Hauses menstruiert oder dass dein Cholesterin dank SUPER-Warenwelt vermutlich längst einen eigenen Kundenberater hat.

Essen sollte im rückschrittlichen Deutschland des Ostens kein Statussymbol sein. Niemand sollte schlechter essen, weil er weniger verdiente. Heute nennen viele das unwirtschaftlich. Damals nannte man es sozial. Übrigens: Weniger Auswahl bedeutete nicht weniger Versorgung. Die Kalorienversorgung lag in der DDR bei über 3.200 Kilokalorien täglich – exakt auf dem Niveau der Bundesrepublik. Hunger gab es nicht. Heute schon. Und zwar am gleichen Ort: Laut aktuellen Erhebungen geht in vielen Teilen Ostdeutschlands jedes 4. oder 5. Kind hungrig ins Bett oder kommt hungrig in die Schule. SUPER.

Zu unserem Konsum gesellten sich die großen HO-Kaufhallen bereits ab Anfang der 1970er Jahre flächendeckend – insbesondere in Neubaugebieten. Sie funktionierten im Prinzip genauso wie westdeutsche Supermärkte. Der größte Unterschied bestand nicht im Konzept, sondern in den Preisen und natürlich im Umfang des Sortiments. Und ab Ende der 1970er kamen die Centrum-Warenhäuser hinzu. Architektonisch gehörten sie zu den modernsten Kaufhäusern ihrer Zeit (in Ost- UND Westdeutschland) – mit Klimaanlagen, Rolltreppen, Aufzügen, Fördertechnik und einem riesigen Warenangebot von Schallplatten über Heimwerkerbedarf bis zu Textilien und Lebensmitteln.

ES FEHLTE NICHT DAS BROT. ES FEHLTE NUR DIE 37. SORTE JOGHURT.

Wenn wir DDR-Kinder der 1970er- und 1980er-Jahre heute zurückblicken, bleibt eigentlich nur eine nüchterne Feststellung: Uns fehlte nichts Wesentliches. Nein, das ist keine Nostalgie. Das ist Alltagserinnerung.

Kein Kind musste hungern. Keine Rentner sammelten Flaschen, um über den Monat zu kommen. Die Einzigen, die in der DDR Flaschen sammelten, waren wir Kinder. Allerdings nicht, um über den Monat zu kommen oder den Kühlschrank zu füllen. Wir sammelten sie für ein Mokka-Eis im Konsum, für das nächste Diamant-Fahrrad oder – und das war damals völlig normal – für Solidaritätsaktionen. Dank SERO (übrigens laut westdeutschen Untersuchungen das effektivste Recycling-System der Welt, das natürlich sterben musste, weil es aus der DDR kam) spendeten wir es für Menschen, die es wirklich nötig hatten: nach Vietnam, Nicaragua oder Kuba. Also Völkern, die unter dem litten, was euer Superkonsum, eure super westliche Welt und euer Superimperialismus anrichteten.
Heute sammeln Rentner im "besten Deutschland aller Zeiten" Flaschen, um über die Runden zu kommen.

In der DDR sammelten Kinder Flaschen, um anderen zu helfen. Allein dieser Unterschied sagt mehr über diese zwei Gesellschaften aus als tausend politische Sonntagsreden.


DIE DDR HATTE KEINEN VERSORGUNGSMANGEL. SIE HATTE – VERGLICHEN MIT DER GELOBTEN BRD – NUR WENIGER AUSWAHL.

Das ist ein fundamentaler Unterschied. In der DDR war das Ziel die Versorgung. Heute wie damals ist das Ziel der BRD der Profit.

Uns armen Kindern aus der rückständigen DDR-Muschelwirtschaft fehlte weder Brot noch Milch noch Butter. Übrigens auch keine Schokoriegel. Davon hatten wir genug. Selbst Urlaub fehlte uns nicht. Den hatten wir zuverlässig einmal im Jahr – oft an der Ostsee, mit Sand zwischen den Zehen, vollem Bauch und ganz ohne All-inclusive-Armband.
Was uns fehlte, war etwas anderes: die grelle, knallige Werbewelt. Diese westliche SUPERwarenwelt, die uns jeden Abend über ARD und ZDF erklärte, dass Glück erst bei der 37. Joghurtsorte beginnt, in der Schokoriegel bunter und knalliger verpackt und von HE-MAN präsentiert wurden, Freiheit nach Persil-Waschmittel auf grünen Wiesen duftet und ein erfülltes Leben offenbar daran zu erkennen ist, dass im Schrank zwölf nahezu identische Sorten Schokolade liegen.

Und willst du die Wahrheit wissen, lieber Markus? Wir fielen darauf herein. Millionenfach.
Nicht die von unseren Eltern erhofften politischen Reformen in der von ihnen selbst aufgebauten DDR entschieden am Ende alles. Nicht die Debatten über einen besseren Sozialismus. Nicht die Reformierung eines politischen Systems, das viele von uns trotz aller Fehler als das eigene betrachteten. All diese komplizierten Gedanken wurden plötzlich erstaunlich unwichtig, als sich die Türen zur bunten SUPER-Warenwelt öffneten.

Damit habt ihr uns gekriegt. Nicht mit "Freiheit". Nicht mit "Demokratie". Sondern mit Westkaffee, Videorekordern, Neonverpackungen und dem Versprechen, dass mehr Auswahl automatisch ein besseres Leben bedeute. Und genau da schließt sich der Kreis. Heute wissen wir: Nichts davon ist "SUPER". Eure unsoziale, rücksichtslose, ausbeuterische, zerstörerische, verlogene und vollständig auf Profit getrimmte Welt ist einfach nur...

...SUPER verpackt. 
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