Die Vorgeschichte, die (mal wieder) in der bundesdeutschen Erzählung fehlt.
Es gibt historische Erzählungen, die funktionieren nur, wenn man spät genug anfängt. Die Geschichte der Berliner Mauer ist dafür ein nahezu perfektes Beispiel.
Man beginnt am 13. August 1961. Man zeigt Stacheldraht, aufgerissene Straßen, Volkspolizisten, weinende Familien und später die Betonmauer. Viel davon neuerdings KI-generiert. Dann erzählt man von den Menschen, die die DDR verlassen wollten, von Republikflucht, Grenzsoldaten und Mauertoten. Und schon steht das historische Urteil fest: Hier ein Staat, der seine Bürger einsperrte, dort ein Westen, der ihnen Freiheit versprach.
Das alles ist nicht komplett erfunden. Nur ist es ungefähr so vollständig, als würde man einen Film in der letzten halben Stunde einschalten und anschließend eine Rezension über seine Handlung schreiben.
Denn die Geschichte des 13. August 1961 begann nicht im August 1961. Sie begann Jahre vorher. Mit der wirtschaftlichen Abtrennung der westlichen Besatzungszonen, einer separat eingeführten westdeutschen Währung, der Gründung eines westdeutschen Staates noch vor der DDR, der anschließenden politischen und militärischen Eingliederung dieses Staates in den amerikanisch geführten Westen, der Wiederbewaffnung gegen erheblichen Widerstand der eigenen Bevölkerung und einer erstaunlich geräuschlosen Wiederverwendung jener militärischen und geheimdienstlichen Fachkräfte, die wenige Jahre zuvor noch für Hitlers Deutschland gegen die Sowjetunion gearbeitet hatten.
Und sie endete vorläufig in einem Sommer, in dem Berlin nicht einfach eine geteilte Stadt mit einem Ausreiseproblem war, sondern der gefährlichste Ort der Erde. Dort berührten sich zwei atomar bewaffnete Militärblöcke unmittelbar. Dort standen amerikanische, britische, französische und sowjetische Machtinteressen auf Sichtweite gegeneinander. Dort konnte ein politischer Konflikt innerhalb weniger Stunden zu einem militärischen und ein militärischer Konflikt zu einem nuklearen werden.
Wer also wirklich verstehen will, warum die DDR am 13. August ihre Grenze nach Westberlin schloss, sollte vielleicht mit einer Frage beginnen, die in der bundesdeutschen Erinnerungskultur bemerkenswert selten gestellt wird:
Wer hatte Deutschland bis dahin eigentlich geteilt, bewaffnet und zum möglichen Schlachtfeld eines neuen Weltkrieges gemacht?
Die Antwort wird unangenehm, sobald man die historische Reihenfolge der Ereignisse betrachtet:
1945 sollte Deutschland nie wieder Krieg führen können
Im Sommer 1945 lag Deutschland in Trümmern. Der Krieg, den das Deutsche Reich begonnen hatte, hatte Europa verwüstet, Millionen Menschen ermordet und insbesondere die Sowjetunion einen kaum vorstellbaren Blutzoll von fast 30 Millionen Menschen gekostet.
Die Konsequenz der Siegermächte war zunächst eindeutig. Auf der Potsdamer Konferenz wurde die vollständige Entmilitarisierung Deutschlands beschlossen.
Nach Wehrmacht, Waffen-SS, Vernichtungskrieg und Holocaust erschien die Idee, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen sollte, weder besonders radikal noch kompliziert. Nur hielt dieser Konsens nicht lange.
Denn kaum war der gemeinsame deutsche Gegner beseitigt, zerbrach das Bündnis der Siegermächte. Die Sowjetunion war nun nicht mehr Verbündeter, sondern Gegner der Vereinigten Staaten. Und mit diesem Wechsel des Feindbildes veränderte sich im Westen erstaunlich schnell auch die Bewertung deutscher militärischer Fähigkeiten. Was 1945 noch als Gefahr für die Menschheit gegolten hatte, wurde wenige Jahre später wieder strategisch interessant: Westdeutschland lag schließlich günstig. Genau zwischen Washingtons westeuropäischen Verbündeten und der Sowjetunion.
1948: Die Teilung begann mit Geld
Wer heute behauptet, die DDR habe Deutschland geteilt, sollte zunächst einmal erklären, wie ein Staat, den es noch gar nicht gab, bereits 1948 eine der folgenreichsten wirtschaftlichen Trennlinien des Landes geschaffen haben soll.
Am 20. Juni 1948 führten die westlichen Besatzungsmächte in ihren drei Zonen die Deutsche Mark ein, der Osten (also vor allem die Sowjetunion) wurde darüber gar nicht erst informiert. Die neuen Banknoten waren zuvor in den Vereinigten Staaten gedruckt und unter strengster Geheimhaltung nach Deutschland gebracht worden. Aus einer bis dahin zumindest formell noch gemeinsamen deutschen Wirtschaftsordnung entstand damit ein eigenständiger westlicher Währungsraum.
Erst danach führte notgedrungen auch die sowjetische Besatzungsmacht in ihrer Zone eine eigene Währung ein.
Man darf an dieser Stelle ruhig einmal auf die Reihenfolge hinweisen, weil sie später erstaunlich häufig verkehrt herum erzählt wurde: Nicht im Osten wurde zuerst eine eigene Währung geschaffen und der Westen dadurch zu einer Reaktion gezwungen. Der Westen schuf zuerst einen separaten Währungsraum, der Osten zog nach.
Natürlich waren die Beziehungen zwischen den Besatzungsmächten längst zerrüttet. Natürlich hatte auch Moskau seine Zone politisch nach eigenen Vorstellungen gestaltet. Niemand muss dafür Stalin zum überzeugten deutschen Einheitsdemokraten erklären.
Aber eine Währung ist eben nicht nur bedrucktes Papier.
Wer eine eigene Währung einführt, schafft einen eigenen Wirtschaftsraum. Wer einen eigenen Wirtschaftsraum schafft, schafft eigene Institutionen, eigene Interessen und schließlich eigene Staatlichkeit. Aus Besatzungszonen wurden Wirtschaftsräume. Aus Wirtschaftsräumen wurden politische Gebilde. Und aus diesen politischen Gebilden wurden Staaten. Der Beton kam erst dreizehn Jahre später. Das Fundament der Teilung war da durch den Westen längst gegossen. Erst kam die Bundesrepublik. Dann die DDR.
Auch bei der Staatsgründung hilft ein Kalender gelegentlich mehr als vierzig Jahre politische Folklore.
Am 23. Mai 1949 wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet. Die Deutsche Demokratische Republik entstand am 7. Oktober 1949. Fast fünf Monate später.
Das ist keine Interpretation und keine DDR-Nostalgie. Es ist schlicht die zeitliche Reihenfolge. Eine eigenen Staatsgründung war im Osten nie geoplant, auch nicht von der Sowjetunion. Trotzdem hält sich bis heute unterschwellig das Bild, die DDR habe sich aus einem noch irgendwie existierenden, glorreichen Gesamtdeutschland abgespalten und der Westen habe daraufhin eine eigene staatliche Ordnung benötigt.
Tatsächlich war der westdeutsche Staat bereits Realität, als die DDR gegründet wurde.
Selbstverständlich war auch das Ergebnis der sich verschärfenden Blockkonfrontation. Aber wer behauptet, die DDR habe als Erste die deutsche Staatlichkeit getrennt institutionalisiert, stößt erneut auf dieses lästige Problem namens Chronologie. Die Bundesrepublik war zuerst da. Und Bonn hatte (mit seinen großem Bruder) ziemlich schnell entschieden, wohin die Reise gehen sollte: Nicht in eine neutrale Mitte zwischen den Weltmächten. Sondern fest in den Westen.
Die Westdeutschen wollten nach 1945 erstaunlicherweise nicht sofort wieder Soldaten spielen
Heute wird die Gründung der Bundeswehr gern als beinahe natürlicher Bestandteil der bundesdeutschen Erfolgsgeschichte erzählt. Deutschland war wieder souverän, also brauchte es selbstverständlich wieder eine Armee.
Damals sah das ein erheblicher Teil der Bevölkerung etwas anders.
Der letzte Krieg war gerade erst vorbei. Die Trümmer standen noch in den Städten, die Toten fehlten in den Familien und hunderttausende Männer waren noch in Gefangenschaft. Dass ausgerechnet dieses Deutschland wenige Jahre später wieder bewaffnete Streitkräfte aufstellen sollte, erschien vielen Menschen nicht wie der Beginn einer wunderbaren demokratischen Normalität.
Anfang der fünfziger Jahre formierte sich deshalb erheblicher Widerstand gegen die Wiederbewaffnung. Zwischen 1951 und 1952 wurden Millionen Unterschriften dagegen gesammelt. Kommunisten, Gewerkschafter, Christen, Frauenorganisationen, Intellektuelle und andere Gegner der Remilitarisierung versuchten, eine breite Bewegung gegen neue deutsche Streitkräfte aufzubauen.
Der junge demokratische Westen reagierte darauf nicht ganz so entspannt, wie seine spätere Selbstdarstellung vermuten lässt.
Politische Organisationen wurden verboten oder überwacht, Aktivisten verfolgt und kommunistische Betätigung zunehmend kriminalisiert. Bundesinnenminister Robert Lehr erklärte über die Volksbefragung gegen die Wiederbewaffnung, wer daran teilnehme, gefährde den Frieden und stelle sich "in den Dienst des Bolschewismus".
Der letzte Satz verdient es, langsam gelesen zu werden. Wer gegen neue deutsche Waffen demonstrierte, gefährdete also den Frieden. Wer Deutschland wieder bewaffnete, verteidigte ihn. Parallelen mit unserer Zeit sind sicher rein zufällig.
Die Bundesrepublik entwickelte sehr früh jenes bemerkenswerte sprachliche Talent, Aufrüstung als Friedenspolitik zu verkaufen, das bis heute nichts von seiner Frische eingebüßt hat. Adenauer wollte den Westen. Und zwar zuerst.
Die Regierung der BRD wollte die Westbindung und den "Kampf gegen den Osten" fortführen
Adenauers Priorität war die feste politische, wirtschaftliche und militärische Bindung Westdeutschlands an die westlichen Mächte. Eine deutsche Einheit war für ihn nur dann erstrebenswert, wenn das daraus entstehende Deutschland ebenfalls Bestandteil des Westens würde. Das war eine politische Entscheidung. Keine Naturgewalt.
Und genau deshalb ist die sogenannte "Stalin-Note" von 1952 bis heute so unbequem. Über sie wird kaum gesprochen. Und wenn, wird sie absurderweise abgetan:
Die Sowjetunion schlug 1952 offiziell Verhandlungen über einen Friedensvertrag mit einem wiedervereinigten Deutschland vor. Dieses Deutschland sollte souverän sein und keinem Militärbündnis angehören, das sich gegen einen ehemaligen Kriegsgegner richtete.
Im Kern stand damit zumindest die Möglichkeit eines vereinigten, neutralen Deutschlands zwischen den Blöcken im Raum.
Wer heute behauptet, der Westen habe seit 1949 nichts sehnlicher gewünscht als die deutsche Einheit und ausschließlich Moskau habe diese verhindert, unterschlägt damit einen ziemlich entscheidenden Teil der Geschichte. Adenauer selbst sprach ohnehin lieber von "Befreiung" (O-Ton!).
Wie man in Bonn über die DDR dachte, zeigte Adenauer bereits 1952 ziemlich unverblümt:
Die Gebiete östlich von Werra und Elbe seien Deutschlands „unerlöste Provinzen“. Die Aufgabe heiße deshalb nicht Wiedervereinigung, sondern „Befreiung“. Das ist sprachlich keineswegs nebensächlich.
"Wiedervereinigung" bedeutet, dass zwei getrennte, gleichwertige Teile wie der zueinanderfinden. "Befreiung" bedeutet, dass auf einer Seite eine illegitime Herrschaft existiert, die beseitigt werden muss.
Die Bundesrepublik erkannte die DDR nicht an. Sie beanspruchte, Deutschland insgesamt zu vertreten. Sie betrieb außenpolitisch die Isolierung Ostdeutschlands. Und ihr Regierungschef sprach offen davon, dass es nicht um Vereinigung, sondern um "Befreiung" gehen müsse. Für Ostberlin war die Bundesrepublik damit kein friedlicher Nachbar, mit dem man lediglich unterschiedliche Vorstellungen über die Höhe der Einkommensteuer hatte.
Dieser Nachbar bestritt die eigene Legitimität und begann gleichzeitig, sich erneut bis an die Zähne zu bewaffnen....
Dann holte der Westen die alten Generäle zurück
Und damit kommen wir zu einem der bemerkenswertesten Kapitel westdeutscher Vergangenheitsbewältigung. Man wollte wieder eine deutsche Armee. Zumindest in der BRD. Das stellte zunächst ein praktisches Problem dar: Woher sollte man plötzlich erfahrene deutsche Generäle nehmen? Glücklicherweise hatte man welche. Tausende!
Sie waren nur vor kurzem noch für Hitler tätig gewesen.
Adolf Heusinger hatte im Generalstab der Wehrmacht gedient. Hans Speidel ebenfalls. Zahlreiche weitere Spitzenoffiziere und Gründer der Bundeswehr hatten ihre militärische Ausbildung und Karriere nicht erst in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung begonnen, sondern in Reichswehr und Wehrmacht. Gegen viele lagen zahlreiche Belege für Kriegsverbrechen vor.
(Ausführlich dazu hier, über die Geschichte der NVA und der Bundeswehr: Delegitimiert & vergessen: Die NVA – einzige deutsche Armee ohne Krieg)
Nur wenige Jahre nach der deutschen Kapitulation saßen diese Männer wieder in militärischen Planungsstäben der BRD. Heusinger wurde erster Generalinspekteur der Bundeswehr und später Vorsitzender des NATO-Militärausschusses. Speidel übernahm als NATO-Oberbefehlshaber Verantwortung für die Landstreitkräfte in Mitteleuropa.
Für einen Moment sollte man versuchen, diese Entwicklung nicht durch die wohlige Perspektive der später siegreichen Bundesrepublik zu betrachten, sondern mit den Augen Moskaus.
Die Sowjetunion hatte im deutschen Vernichtungskrieg rund 30 Millionen Menschen verloren. Ganze Regionen waren zerstört worden, Millionen Zivilisten ermordet oder dem Hungertod ausgeliefert. Deutsche Soldaten hatten Leningrad belagert, sowjetische Dörfer niedergebrannt und einen Krieg geführt, dessen erklärtes Ziel weit über einen gewöhnlichen militärischen Sieg hinausging.
Keine anderthalb Jahrzehnte später trugen Verantwortliche dafür in Westdeutschland wieder Uniform.
Und: dieses Land, die BRD, gehörte nun zu einem Militärbündnis, dessen strategischer Gegner ausgerechnet die Sowjetunion war. Männer, die zuvor schon militärisch gegen diese Sowjetunion gearbeitet hatten, saßen wieder in führenden Kommandostellen.
Aber (so will es uns bis heute die Geschichtsschreibung der BRD weismachen): Selbstverständlich war die Vorstellung eines wiederkehrenden deutschen Militarismus lediglich eine bizarre Erfindung der SED. Man hätte in Moskau vermutlich einfach etwas entspannter sein müssen....
Beim Geheimdienst ging es noch schneller
Die militärische Wiederverwendung alter NAZI-Fachkräfte war in der BRD kein Einzelfall: Reinhard Gehlen hatte während des Krieges die Abteilung "Fremde Heere Ost" im Generalstab des Heeres der Wehrmacht geleitet. Sein Arbeitsgebiet war die militärische Aufklärung der Sowjetunion.
Mit der Niederlage des Deutschen Reiches hätte man vermuten können, dass eine solche Karriere beendet sei. Tatsächlich begann sie nun erst: Für die Amerikaner war Gehlens Wissen über die Sowjetunion plötzlich hochinteressant. Der Gegner von gestern besaß schließlich ausgezeichnete Kenntnisse über den Gegner von morgen.
Unter amerikanischer Aufsicht entstand die Organisation Gehlen, die später zum Bundesnachrichtendienst der BRD wurde.
Auch dort griff man auf erfahrene Männer im Kampf gegen den Osten zurück, Ehemalige Angehörige von Wehrmacht, SS, SD und Abwehr, belastete Männer aus nationalsozialistischen Sicherheitsstrukturen, fanden im beginnenden Kalten Krieg in der BRD nicht nur neue Verwendung, sie wurden gezielt hofiert. Das war keine bedauerliche historische Panne, die erst Jahrzehnte später zufällig entdeckt wurde. Es war System.
Und damit wechselte bemerkenswert schnell auch die Bewertung "brauchbaren Personals".
Aus dem Soldaten des Vernichtungskrieges wurde der erfahrene Osteuropaexperte. Aus dem Geheimdienstmann des Dritten Reiches ein nützlicher Antikommunist.
Moralische Prinzipien sind eben besonders überzeugend, solange sie nicht mit strategischen Interessen kollidieren. Für die DDR bedeutete das allerdings etwas ganz Reales: Auf der anderen Seite ihrer Grenze entstand mit amerikanischer Unterstützung ein Nachrichtendienst, dessen zentrale Aufgabe die Destabilisierung des Ostblocks war.
Wenn Ostberlin von westlicher Spionage sprach, wurde daraus später gern ein Beleg für die angeblich pathologische Paranoia der DDR. Paranoia mag vorhanden gewesen sein. Nur: die Spione leider auch.
Die Wiederbewaffnung kam zuerst im Westen
1955 wurde aus all dem schließlich offizielle Militärpolitik. Am 5. Mai trat die Bundesrepublik der NATO bei. Im selben Jahr entstand die Bundeswehr.
Die Nationale Volksarmee der DDR wurde erst als Reaktion 1956 gegründet.
Natürlich bestanden im Osten zuvor bereits bewaffnete Formationen wie die Kasernierte Volkspolizei. Niemand sollte daraus rückwirkend einen pazifistischen Musterstaat basteln.
Aber politisch bleibt die Reihenfolge bemerkenswert. Die Bundesrepublik trat zuerst dem westlichen Militärbündnis bei. Sie stellte zuerst reguläre Streitkräfte auf. Die DDR reagierte anschließend mit einer eigenen Armee. Es ist deshalb historisch mindestens kurios, wenn die westdeutsche Wiederbewaffnung später als notwendige Reaktion auf eine militärisch bedrohliche DDR erzählt wird, deren Armee zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existierte.
Die Bundesrepublik hatte ihre Entscheidung getroffen. Der Osten zog nach.
Und ab diesem Moment standen sich auf deutschem Boden nicht mehr nur zwei politische Systeme gegenüber.
Nun standen sich zwei deutsche Staaten mit zwei deutschen Armeen gegenüber, hinter denen jeweils ein atomar bewaffneter Weltblock stand.
Deutschland war damit nicht nur geteilt. Deutschland war zur Front geworden.
Atomwaffen? Im Grunde doch nur etwas größere Artillerie
Die Entwicklung blieb nicht bei konventionellen Waffen. Ende der fünfziger Jahre wurde die Bundesrepublik zunehmend in die nukleare Strategie der NATO eingebunden.
1957 erklärte BRD-Kanzler Konrad Adenauer höchstpersönlich über taktische Atomwaffen, sie seien "im Grunde nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie".
Auch das ist einer jener historischen Sätze, bei denen spätere Generationen eigentlich kurz innehalten müssten. Zwölf Jahre nach Hiroshima und Nagasaki erklärte der deutsche Bundeskanzler Atomwaffen zur technologisch etwas fortgeschrittenen Kanone.
Und wieder reagierte Ostberlin.
Die DDR-Führung (nicht die der BRD!) forderte ein Verbot atomarer Bewaffnung auf deutschem Boden und unterstützte Konzepte für atomwaffenfreie Zonen in Mitteleuropa. Grotewohl sprach über einen Austritt beider deutscher Staaten aus NATO und Warschauer Vertrag sowie über den Abzug der ausländischen Truppen.
Im üblichen bundesdeutschen Rückblick verschwimmt diese Phase gern zu einer bemerkenswert einfachen Konstruktion: Im Osten wurde aufgerüstet, im Westen musste man sich schützen. Die tatsächliche Chronologie sieht deutlich weniger komfortabel aus.
Währenddessen übte die NATO schon den Krieg
Das blieb keineswegs theoretisch. Im September 1954, nicht mal 10 Jahre nach Kriegsende, fand in Norddeutschland das Großmanöver "Battle Royal" statt. Rund 140.000 Soldaten nahmen daran teil, zusammen mit Hunderten Panzern und atomwaffenfähiger Artillerie.
Es folgten weitere Übungen. 1959 wurde die NATO-Stabsübung "Side Step" durchgespielt. Parallel führte die Bundeswehr Übungen im unmittelbaren Umfeld der innerdeutschen Grenze durch. 1960 folgte "Hold Fast", Anfang 1961 "Winter Shield II", an dem rund 60.000 NATO-Soldaten und 15.000 Fahrzeuge beteiligt waren.
Selbstverständlich beweist ein Manöver nicht, dass am folgenden Montag ein Angriff geplant war. Das ist auch gar nicht nötig. Entscheidend ist, dass ein militärischer Konflikt in Mitteleuropa keineswegs eine fantastische Erfindung ostdeutscher Propaganda war. Er war ein Szenario, für das vorher bereits auf westlicher Seite Zehntausende Soldaten trainierten und Generalstäbe konkrete Operationsmodelle entwickelten.
Armeen üben keine Panzerangriffe, weil sie sich für historische Fahrzeugtechnik interessieren. Sie bereiten sich auf Möglichkeiten vor, die ihre militärische Führung für real hält. Und der Schauplatz dieses möglichen Krieges war nicht Texas. Es war Deutschland.
Westberlin: Die angebliche Insel der Freiheit war in Wahrheit der wichtigste NATO-Vorposten
Im bundesdeutschen Gedächtnis wurde Westberlin später zu einem beinahe romantischen Ort. Eine freie Insel mitten im kommunistischen Meer, umgeben von bösen Betonmauern, aber geschützt von amerikanischer Standhaftigkeit und selbstverständlich versorgt mit Coca-Cola. Für die DDR war Westberlin etwas weniger romantisch.
Dort standen amerikanische, britische und französische Soldaten mitten im eigenen Staatsgebiet. Dort arbeiteten dutzende westliche Nachrichtendienste. Dort befanden sich Rundfunksender und politische Organisationen, die gezielt in die DDR hineinwirkten. Dort verlief der mit Abstand einfachste Weg, den ostdeutschen Staat dauerhaft zu verlassen.
Westberlin war damit zugleich Schaufenster, Fluchtweg, Geheimdienststandort und militärischer Vorposten.
Keine Regierung der Welt hätte eine vergleichbare Konstruktion mitten in ihrem Territorium mit jener gelassenen Offenheit betrachtet, die man der DDR später rückwirkend abverlangte.
Man stelle sich nur versuchsweise eine sowjetisch kontrollierte Enklave vor Bielefeld in Westdeutschland vor, besetzt mit sowjetischen Truppen, Geheimdiensten, Propagandasendern und offenen Übergängen, über die jährlich hunderttausende Bundesbürger hätten ausreisen können.
Die Bundesregierung hätte das vermutlich als charmanten Beitrag zum internationalen Kulturaustausch gewertet...
Und natürlich verlor die DDR über Berlin massenhaft Menschen
Damit sind wir bei jenem Teil der Geschichte, der in der Bundesrepublik bis heute nahezu allein zur Erklärung des Mauerbaus dient.
- Ja, die DDR verlor bis 1961 viele Menschen.
- Ja, der offene Weg über Berlin spielte dabei eine zentrale Rolle.
- Und ja, die DDR-Führung wollte diese Abwanderung stoppen.
Das ist weder geheim noch besonders überraschend. Die entscheidende Frage lautet nur, was man daraus macht.
Ein Staat mit rund 17 Millionen Einwohnern verlor kontinuierlich junge Menschen, Facharbeiter, Ärzte, Ingenieure und Akademiker. Sie alle waren auf Kosten dieses Staates ausgebildet worden und wechselten anschließend in einen wirtschaftlich stärkeren deutschen Staat, der die DDR politisch nicht einmal anerkannte und ihnen bei der Übersiedlung erhebliche Vorteile bot. Und: Der diese Kräfte übrigens aktiv abwarb!
Für die DDR war das auf Dauer wirtschaftlich existenzgefährdend. Welcher Staat der Welt hätte einen solchen Zustand unbegrenzt akzeptiert?
Die Bundesrepublik schützt ihre Grenzen selbstverständlich. Die Vereinigten Staaten tun es. Die Schweiz tut es. Jeder Staat entscheidet, wer sich dauerhaft in seinem Territorium aufhält und unter welchen Bedingungen Menschen Grenzen passieren können. Meistens jedenfalls...
Nur die DDR sollte mitten in der heißesten Phase des Kalten Krieges eine praktisch offene Grenze zu einem konkurrierenden Staat unterhalten, der ihre Existenz bestritt, ihre Bürger aufnahm, geheimdienstlich gegen sie arbeitete und politisch von ihrer zukünftigen "Befreiung" sprach.
Man kann die darauf gefundene Lösung brutal nennen. Das war sie. Man kann aber nicht ernsthaft so tun, als habe es das zugrunde liegende Problem nicht gegeben.
1961 war Berlin längst ein Pulverfass
Seit 1958 hatte Nikita Chruschtschow versucht, die ungelöste Berlin-Frage politisch zu lösen: Die Sowjetunion wollte einen Friedensvertrag und eine Veränderung des Status Westberlins. Washington machte wiederum deutlich, dass die amerikanische Präsenz dort nicht verhandelbar sei. Beim Treffen zwischen Kennedy und Chruschtschow in Wien im Juni 1961 prallten diese Positionen endgültig aufeinander. Danach begann in Washington nicht etwa eine besonders engagierte Friedensmeditation.
Es begann militärische Planung.
Amerikanische Strategen beschäftigten sich mit Truppenverstärkungen, Mobilmachung, konventionellen Operationen und der Sicherung der Zugangswege nach Westberlin. Und schließlich mit der Frage, wie ein solcher Krieg nuklear eskalieren könnte. Genau hier wird die westdeutsche Erzählung vom vorgeschobenen DDR-Kriegsargument historisch unhaltbar. Denn diese Dokumente entstanden nicht im Politbüro der SED. Sie entstanden in Washington.
Neun NATO-Atomziele rund um Berlin – schon 1959
Wie real die atomare Dimension der Berlin-Krise war, zeigen Forschungen, auf die Deutschlandfunk Kultur verweist:
Bereits 1959 hatten die USA neun Ziele in und um Berlin für mögliche Atombombenabwürfe vorgesehen.
Zwei Jahre später standen sich sowjetische und amerikanische Panzer am Checkpoint Charlie mit aufeinander gerichteten Geschützen gegenüber. Eine falsche Bewegung, ein Schuss, ein missverstandener Befehl – und aus dem Kalten Krieg hätte binnen kürzester Zeit ein sehr heißer werden können. Westdeutsche Medien sprechen ausdrücklich davon, dass 1961 eine Kettenreaktion bis hin zum "großen Krieg" möglich gewesen wäre.
Wer vor diesem Hintergrund bis heute so tut, als habe Ostberlin die Gefahr eines Krieges nur erfunden, um den Mauerbau zu rechtfertigen, hat ein interessantes Problem mit den Quellen: Die neun atomaren Ziele hatte nicht die SED festgelegt, sondern Washington. Und die Panzer, die sich mitten in Berlin gegenüberstanden, waren ebenfalls keine Requisite der DDR-Propaganda.
Der Atomkrieg um Berlin wurde nicht in Ostberlin erfunden
Im Sommer 1961 entstand unter anderem ein amerikanisches Strategiepapier des späteren Nobelpreisträgers Thomas Schelling mit dem ausgesprochen beruhigenden Titel "Nuclear Strategy in the Berlin Crisis".
Darin wurde untersucht, unter welchen Bedingungen ein zunächst konventioneller Konflikt in Europa, auf deutschem Boden, in einen Atomkrieg übergehen könnte.
Andere amerikanische Planungsdokumente beschäftigten sich ausdrücklich mit der Notwendigkeit, Moskau glaubhaft zu machen, dass Washington eher bereit sei, eine militärische Eskalation bis hin zum Atomkrieg zu riskieren, als seine Position in Berlin preiszugeben.
Damit sind wir an einem Punkt angekommen, an dem man die Diskussion eigentlich von jedem ideologischem Ballast befreien kann. Ob ein Walter Ulbricht die Kriegsgefahr übertrieb, ist nicht mehr die entscheidende Frage. Ob DDR-Zeitungen propagandistisch ausschlachteten, was ihnen nützte, ebenfalls nicht.
Die entscheidende Tatsache lautet:
Die amerikanische Regierung selbst hielt einen Krieg um Berlin für real genug, um dessen mögliche nukleare Eskalation durchplanen zu lassen. Und das wenige Wochen vor dem Mauerbau.
Parallel wurde die Sprache der NATO immer martialischer. Auch militärisch verdichtete sich die Situation im Frühsommer 1961. Anfang Juni wurden erhöhte Bereitschaften angeordnet. Führende NATO-Militärs betonten ihre Einsatzfähigkeit.
Adolf Heusinger, inzwischen NATO-General und zuvor Generalstabsoffizier der Wehrmacht, erklärte, westdeutsche Divisionen seien bereit, unverzüglich Operationen durchzuführen. Wenige Tage vor dem Mauerbau erklärte Hans Speidel, ehemals Stabschef der Wehrmacht und inzwischen NATO-Kommandeur, bei einer Reise entlang der DDR-Grenze, das Bündnis sei in diesem Raum zum Einsatz gerüstet.
Ausgerechnet zwei Männer mit Wehrmachtskarriere spielten damit wieder zentrale Rollen in einem militärischen Konflikt gegenüber der Sowjetunion. Für die Bevölkerung der Sowjetunion, die den vorherigen deutschen Besuch nur mäßig angenehm in Erinnerung hatte, dürfte diese personelle Kontinuität eine gewisse historische Pointe besessen haben.
Für die DDR war sie vor allem eine Sicherheitsfrage. Am 13. August wurde schließlich nicht die Teilung geschaffen, sondern eine längst existierende Teilung geschlossen. Als in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 Stacheldraht durch Berlin gezogen wurde, geschah deshalb etwas anderes, als es die spätere bundesdeutsche Ikonografie suggeriert. Deutschland wurde an diesem Tag nicht geteilt. Es war längst geteilt.
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Es besaß seit Jahren zwei Staaten, zwei Währungen, zwei Wirtschaftsordnungen und inzwischen auch zwei gegnerische Armeen.
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Die Bundesrepublik gehörte zur NATO. Die DDR zum Warschauer Vertrag.
Amerikanische und sowjetische Truppen standen in Deutschland.Atomwaffen waren Bestandteil der militärischen Planungen.
Die Mauer machte diese Teilung lediglich sichtbar und physisch eindeutig. Das ist ein erheblicher Unterschied. Aus politischen Verträgen, Militärbündnissen, Währungen und Geheimdienststrukturen wurde Beton. Man könnte sagen: Die Mauer war die Architektur einer Teilung, die die Politik längst geschaffen hatte.
Für die Menschen war das brutal. Für die Weltmächte war es überraschend praktisch.
Natürlich bedeutete die Grenzschließung für viele Berliner und andere Deutsche später eine Katastrophe. Familien wurden getrennt, Arbeitswege zerstört, Freundschaften zerschnitten. Menschen konnten von einem Tag auf den anderen nicht mehr dorthin fahren, wohin sie am Vortag noch problemlos gelangt waren. Und später starben Menschen beim Versuch, diese Grenze zu überwinden. Aber übrigens auch viele beim Versuch, diese Grenze in der DDR zu schützen (ein Fakt, der heute gern verschweigen wird).
Aber gleichzeitig geschah geopolitisch etwas anderes: Eine offene, zunehmend unkontrollierbare Nahtstelle zwischen zwei atomar bewaffneten Machtblöcken wurde geschlossen. Westberlin blieb westlich. Ostberlin blieb östlich. Die Westmächte behielten ihre Positionen und Zugangsrechte. Die Sowjetunion behielt ihren ostdeutschen Verbündeten. Und die DDR bekam eine kontrollierbare Grenze.
Niemand erhielt alles, was er ursprünglich wollte. Aber niemand verlor genug, um dafür Krieg führen zu müssen. Das ist in der internationalen Politik häufig jene Sorte Lösung, die länger hält als alle schönen.
Kennedy begriff das sofort
Die Vereinigten Staaten protestierten gegen den Mauerbau. Natürlich taten sie das. Aber sie versuchten nicht, die Sperranlagen militärisch zu beseitigen. Keine amerikanische Panzerdivision rollte los, um Berlin zu "befreien". Niemand setzte jenes große westliche Versprechen um, das in der politischen Rhetorik so wunderbar klang.
Der Grund war ausgesprochen nüchtern: Die fundamentalen amerikanischen Interessen waren durch die Grenzschließung nicht verletzt worden.
Westberlin blieb westlich. Die amerikanischen Truppen blieben dort. Die Zugangswege der Westalliierten blieben bestehen. Aus Sicht Washingtons war die Mauer hässlich, propagandistisch dankbar und für die betroffenen Ostdeutschen tragisch.
Aber sie war kein Grund, einen Atomkrieg zu beginnen. Und damit zeigte sich die ganze Differenz zwischen moralischer Rhetorik und tatsächlicher Weltpolitik.
Die Reisefreiheit eines DDR-Bürgers war kein amerikanisches Kriegsziel. Die militärische Position der USA in Westberlin sehr wohl.
Die Mauer ließ Letztere unangetastet. Deshalb blieb sie stehen. Zwei Monate später sah die Welt, wie knapp das alles trotzdem war:
Im Oktober 1961 standen sich am Checkpoint Charlie amerikanische und sowjetische Panzer unmittelbar gegenüber.
Keine Pfeile auf einer Generalstabskarte. Keine SED-Karikatur. Keine finstere Warnung im "Neuen Deutschland". Echte Kampfpanzer. Mit echten Soldaten. Mit echten Waffen. Mitten in einer deutschen Großstadt. Nur wenige Dutzend Meter voneinander entfernt.
Man kann über sowjetische Absichten diskutieren, über amerikanische Absichten, über Ulbricht, Kennedy und Chruschtschow. Aber wer diese Bilder betrachtet und anschließend behauptet, die Kriegsgefahr um Berlin sei lediglich eine Erfindung der DDR gewesen, verfügt über ein bemerkenswert robustes Verhältnis zur Realität.
Denn genau für solche Situationen waren die militärischen Planungen gemacht worden. Ein Schuss, ein Missverständnis oder ein falsch interpretierter Befehl hätte ausgereicht, um eine Eskalationskette auszulösen, deren Ende niemand garantieren konnte.
Und Washington hatte wenige Monate zuvor bereits durchdenken lassen, an welcher Stelle dieser Kette Atomwaffen ins Spiel kommen könnten. Vielleicht war die Mauer deshalb weniger irrational, als sie später erscheinen sollte.
Aus heutiger Perspektive kennt man (meist nur) das Ende der Geschichte.
1989 fiel die Mauer. 1990 verschwand die DDR. Die Sowjetunion zerfiel wenig später. Damit sieht die Grenze von 1961 rückwirkend wie das verzweifelte Bauwerk eines Staates aus, dessen Untergang eigentlich längst feststand.
Nur wusste 1961 niemand, dass es 1989 geben würde. Die Sowjetunion war eine nukleare Supermacht. Und stand beim "Wettrennen ins All" auf dem ersten Platz. Der Warschauer Vertrag besaß gewaltige Streitkräfte. Die kommunistische Weltbewegung war keineswegs im Rückzug. Und Washington und Moskau kämpften rund um den Globus um politischen und militärischen Einfluss.
Für einen Menschen des Jahres 1961 war der Untergang der DDR nicht zwangsläufiger als für einen Menschen des Jahres 1988 der Untergang der Sowjetunion.
Wer die Entscheidungen von damals beurteilen will, muss sie deshalb mit dem Wissen von damals betrachten.
Und damals war die Grenzschließung eine Möglichkeit, gleichzeitig zwei existenzielle Probleme der DDR zu lösen: den massenhaften Verlust von Bevölkerung und die offene sicherheitspolitische Flanke Westberlin. Aus Sicht Moskaus kam noch ein drittes hinzu: Die Berlin-Krise wurde auf einen Zustand zurückgeführt, den auch Washington akzeptieren konnte.
Das machte die Lösung nicht menschlicher. Aber ausgesprochen rational. Der Westen schimpfte über die Mauer – und lebte erstaunlich gut mit ihr. Hier liegt eine der schönsten Ironien der gesamten Geschichte.
Jahrzehntelang wurde die Mauer im Westen zum absoluten Symbol des kommunistischen Bösen stilisiert. Gleichzeitig akzeptierten die westlichen Regierungen ihre Existenz faktisch vom ersten Tag an. Denn sie stabilisierte einen Zustand, mit dem auch der Westen leben konnte. Westberlin blieb westlich. Die Bundesrepublik blieb in der NATO. Die DDR blieb im sowjetischen Machtbereich. Niemand musste seine Panzer durch eine Sperre schicken und anschließend herausfinden, ob die Gegenseite wirklich schießen würde.
Das war keine schöne Lösung. Aber Weltpolitik ist selten ein Schönheitswettbewerb. Sie besteht meistens darin, einen Zustand zu finden, den alle Beteiligten ausreichend schlecht finden, um ihn zu akzeptieren, aber nicht schlimm genug, um dafür einen Krieg zu beginnen. Die Mauer erfüllte diese Funktion fast drei Jahrzehnte lang erstaunlich zuverlässig.
Nach 1990 gewann die Bundesrepublik nicht nur das Land, sondern auch die Geschichte und ihre Erzählung
Nach dem Ende der DDR bekam die Bundesrepublik schließlich noch etwas dazu: die Deutungshoheit über die gemeinsame Nachkriegsgeschichte. Und Sieger erzählen Geschichte bekanntlich selten zu ihrem eigenen Nachteil.
So wurde aus einer jahrzehntelangen Entwicklung zunehmend eine Geschichte mit einem klaren Täter.
Die separate Währungsreform im Westen wurde zur technischen Voraussetzung des Wirtschaftswunders. Die Staatsgründung der Bundesrepublik zur demokratischen Notwendigkeit. Die Westintegration zur alternativlosen Vernunftentscheidung. Die Wiederbewaffnung zur Reaktion auf sowjetische Aggression. Die Wehrmachtsgeneräle in Bundeswehr und NATO zu komplizierten Einzelfällen. Die Organisation Gehlen zu einer historischen Randnotiz.
Und am Ende stand die DDR, die plötzlich aus unerklärlicher Bosheit eine Mauer baute. Man muss nur genügend Vorgeschichte entsorgen, dann funktioniert das erstaunlich gut. Die Wirklichkeit ist unangenehmer:
- Die wirtschaftliche Spaltung begann VOR Gründung der DDR.
- Der westdeutsche Staat entstand VOR der DDR.
- Die Bundesrepublik wurde VOR der DDR zuerst in einen Militärblock integriert.
- Die Bundeswehr wurde VOR der NVA gegründet.
- Die Organisation Gehlen (Vorläufer des BND) wurde bereits 1946 unter amerikanischer Führung aufgebaut und arbeitete gezielt gegen die Sowjetunion und die DDR. Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR wurde dagegen erst 1950 gegründet.
- Westdeutschland führte eine neue Währung VOR der DDR ein.
Tausende Ehemalige Wehrmachtsoffiziere übernahmen zentrale Funktionen in Bundeswehr und NATO. Amerikanische Dienste bauten mit Reinhard Gehlen und anderen alten Fachkräften einen gegen den Osten gerichteten Nachrichtendienst auf.
Ein neutrales Gesamtdeutschland stand im Westen Deutschlands nie zur Debatte. Im Osten schon. Anders, als das spätere bundesdeutsche Wiedervereinigungspathos vermuten lässt.
Und im Sommer 1961 planten amerikanische Strategen bereits für den Fall, dass aus dem Streit um Berlin Krieg werden würde.
Wer all das weglässt, erhält die bekannte Geschichte. Wer es wieder hineinsetzt, erhält eine andere. Die Frage lautet deshalb nicht: War die Mauer gut? Das ist eine moralische Frage, und sie ist vergleichsweise leicht zu beantworten. Für den Menschen, der seine Familie nicht mehr besuchen konnte, war sie nicht gut. Für denjenigen, der sein Land verlassen wollte und daran gehindert wurde, war sie nicht gut. Für denjenigen, der an dieser Grenze starb, ohnehin nicht.
Historische Analyse beginnt allerdings dort, wo moralische Bewertung endet.
Die relevante Frage lautet nicht, ob Beton und Stacheldraht sympathisch waren. Sie lautet, welche Funktion sie in der konkreten politischen Situation des Jahres 1961 erfüllten. Und diese Funktion war erheblich größer als die Verhinderung von Republikflucht.
- Die Mauer stabilisierte die DDR.
- Sie schloss die offene Westberliner Flanke.
- Sie definierte die territoriale Trennung der Machtblöcke.
Und sie verwandelte eine ungeklärte, hochgefährliche Konfliktzone in einen hässlichen, aber berechenbaren Status quo. Das ist nicht die Rechtfertigung der Mauer. Es ist ihre geopolitische Erklärung. Und genau diese Erklärung fehlt fast immer.
Denn die Alternative hieß 1961 nicht "Mauer oder Freiheit", sie hieß: "Krieg"
Das ist vielleicht die bequemste Illusion in der gesamten Debatte: Rückblickend wird gern so getan, als hätten am 13. August zwei Möglichkeiten auf dem Tisch gelegen.
Auf der einen Seite die Mauer. Auf der anderen Freiheit, Demokratie und Wiedervereinigung. So war es eben ganz sicher nicht.
Auf der anderen Seite stand zunächst schlicht die Fortsetzung des bisherigen Zustandes: eine DDR, die weiter hunderttausende Einwohner verlor, eine offene westliche Enklave mitten in ihrem Staatsgebiet, eine Sowjetunion, die den Status Westberlins verändern wollte, und Vereinigte Staaten, die erklärten, keinen Schritt zurückzuweichen und sich sogar auf den dritten Weltkrieg vorbereiteten.
Dahinter standen Armeen. Dahinter standen Atomwaffen. Und dahinter standen Generalstäbe, die längst Szenarien für den Fall ausarbeiteten, dass Diplomatie nicht mehr reichen würde. Wer angesichts dessen behauptet, die friedliche Alternative zur Mauer habe nur darauf gewartet, dass Ulbricht sie auswählt, betreibt keine Geschichtsschreibung. Er schreibt das Ende des Kalten Krieges rückwirkend in seinen Anfang hinein.
Hätte es ohne die Mauer also Krieg gegeben?
Das kann niemand beweisen. Vielleicht wäre die Krise auch ohne Grenzschließung irgendwann diplomatisch gelöst worden. Vielleicht hätte Chruschtschow nachgegeben. Vielleicht Kennedy. Vielleicht wäre die DDR wirtschaftlich stabilisiert worden. Vielleicht hätte man einen Kompromiss für Berlin gefunden. All das ist jedoch äußerst unwahrscheinlich: Schafft man es, die Situation im spiegle der Zeit zu reflektieren.
Geschichte kennt keine zweite Versuchsanordnung. Aber man kann sehr wohl feststellen, welche Möglichkeiten die Zeitgenossen für real hielten. Und diejenigen, die 1961 tatsächlich über Krieg und Frieden entschieden, hielten Krieg für real. Nicht als rhetorische Figur. Nicht als Propagandaspruch. Sondern als militärische Option. Sie planten Truppenbewegungen. Sie planten Mobilmachung. Sie planten konventionelle Kampfhandlungen. Und sie beschäftigten sich damit, wie aus diesen Kampfhandlungen ein Atomkrieg werden könnte.
Wenige Wochen später standen amerikanische und sowjetische Panzer tatsächlich mitten in Berlin einander gegenüber. Damit erledigt sich die Vorstellung, Krieg sei lediglich ein vorgeschobenes Argument Ostberlins, eigentlich von selbst.
Vielleicht war die Mauer deshalb eines der hässlichsten Friedensbauwerke Europas
Der Begriff wird manchen empören. Das darf er. Denn natürlich war die Mauer kein Friedensdenkmal. Sie wurde nicht errichtet, um Menschen glücklich zu machen. Sie nahm Menschen Freiheit, trennte Familien und wurde Bestandteil eines Grenzregimes, das im äußersten Fall tödlich war. Aber historische Wirkung richtet sich nicht danach, welche Bezeichnung moralisch angenehm klingt.
Die Mauer beendete keinen Kalten Krieg. Sie beendete nicht die deutsche Teilung. Sie beseitigte auch nicht die atomare Bedrohung. Was sie tat, war bescheidener und womöglich entscheidender: Sie nahm dem gefährlichsten europäischen Konfliktraum jener Jahre einen Teil seiner Unberechenbarkeit.
Nach dem 13. August wusste Washington, wo seine Position endete. Moskau wusste es ebenfalls. Die DDR war stabilisiert. Westberlin blieb westlich. Niemand musste täglich neu testen, wie weit die andere Seite zu gehen bereit war.
Das war ein beschissener Frieden.
Aber ein beschissener Frieden ist gelegentlich die bessere Alternative zu einem sehr echten Krieg.
Und 1961 wäre dieser Krieg zuerst wieder dort geführt worden, wo deutsche Kriege bemerkenswert häufig geführt werden: vor den Haustüren der Deutschen.
Die Mauer war deshalb nicht der Beginn dieser Geschichte. Sie war ihr vorläufiger Schlussstrich. Vor ihr kamen die wirtschaftliche Spaltung Deutschlands, die separate Währungsreform, die Gründung der Bundesrepublik, die Westintegration, die Wiederbewaffnung, der NATO-Beitritt, die Rückkehr alter Wehrmachtsoffiziere in militärische Spitzenfunktionen, der Aufbau westlicher Geheimdienststrukturen gegen den Osten, die atomare Aufrüstung und immer größere militärische Manöver.
Vor ihr kamen Adenauers Reden von der "Befreiung" des Ostens und die Entscheidung, die Bundesrepublik fest in den westlichen Block einzubinden. Vor ihr kam eine Berlin-Krise, in der Washington und Moskau immer deutlicher erkennen ließen, dass sie ihre strategischen Positionen notfalls militärisch verteidigen würden. Und erst ganz am Ende dieser Kette kam der Beton.
Wer die ersten zwölf Jahre weglässt und erst beim Beton anfängt, bekommt selbstverständlich eine einfache Geschichte:
- Die DDR baute eine Mauer.
- Die DDR teilte Deutschland.
- Die DDR war schuld.
So einfach kann Geschichte sein, wenn der Sieger das Datum bestimmen darf, an dem sie beginnt. Die tatsächliche Geschichte ist weniger bequem. Die Mauer fiel nicht aus einem friedlichen Himmel. Sie wurde in eine längst geteilte, bewaffnete und bis an die Zähne atomar hochgerüstete Welt gebaut.
Und möglicherweise ist genau das der Punkt, über den man sechzig Jahre später endlich einmal reden sollte.
Nicht darüber, ob die Mauer schön war. Nicht darüber, ob sie Freiheit brachte. Sondern darüber, was vor ihr passiert war und welche Alternativen 1961 tatsächlich existierten.
Denn vielleicht verhinderte die Mauer einen Krieg. Das lässt sich nicht beweisen. Aber dass sie in einer Situation errichtet wurde, in der ein Krieg um Berlin längst konkret geplant und seine atomare Eskalation durchgerechnet wurde, lässt sich sehr wohl belegen.
Und wer nach dieser Vorgeschichte immer noch behauptet, die DDR habe am 13. August 1961 aus einem friedlichen Nichts heraus Deutschland geteilt, braucht keine weiteren historischen Quellen.
Er braucht nur eine Geschichte, die ihm besser gefällt.
3 Kommentare
Auch meine Fam.wurde geteilt .Meine Großeltern die aus Oberschlesien fliehen mussten habe ich kaum kennenlernen dürfen.Was mich stört sind das 2022 die Oligarchen Frauen aus der Ukraine im Fernsehen ihre Reden halten durften, das sie uns alle befreien wollen und endlich den bösen Russen vernichten werden ,wenn wir denn dazu bereit sind und ordentlich zahlen.welche Mauer wird uns denn diesmal retten ich vermute die Mauersteine sind alle als Souvenir verscherbelt worden.,Ein Danke auch von mir für eure Arbeit uns nach bestem Gewissen zu unterrichten
Die meisten Fakten sind bekannt, aber gut für die Erinnerung und zum weiter sagen! Ansonsten ist der Beitrag aut dargestellt, gut begründet und basiert auf Fakten!!
Grossartig erzählt
Geschichte wieder aufgefrischt. Wusste ich aber nicht mehr alles.
Habe immer Karl Edusard von schnitzler verfolgt
Er hat es genauso auch erzählt. Die Menschen sollten aufgeklärt werden bzw. Man kann es nicht oft genug erzählen, damit es die Menschen nicht vergessen.
Danke ich kann nicht oft genug sagen grossartig und für alle begreifend erzählt