Mutti, Vati, Oma, Opa: Danke für diese 20 Dinge unserer DDR-Kindheit!

Mutti, Vati, Oma, Opa: Danke für diese 20 Dinge unserer DDR-Kindheit!

Seit über 35 Jahren wird über die DDR in großen Teilen der Öffentlichkeit fast ausschließlich negativ gesprochen. Der DDR-Staat, unserer DDR, erscheint oft nur noch als graue Episode der Geschichte, reduziert auf Mangel, Kontrolle und Scheitern. Weniger gesprochen wird darüber, was Millionen Menschen dort tatsächlich aufgebaut haben.

Auch wir sind davon nicht völlig frei. Viele unserer Texte beschäftigen sich mit den Folgen der Zeit nach 1990 – mit Deindustrialisierung, Bevölkerungsverlust, gebrochenen Lebensläufen und der Erfahrung, dass ganze Biografien plötzlich entwertet wurden.

Aber vielleicht ist es Zeit, einmal bewusst etwas anderes zu tun: Zeit, Danke zu sagen.

Danke an Mutti und Vati. Danke an Oma und Opa. Danke an die Generation, die nach Krieg und Zerstörung Fabriken wieder aufbaute, Tausende Kilometer Bahngleise verlegte, LPG's aufbaute, Städte neu errichtete, Wohnungen baute, Schulen gründete und ein Land formte, das gerechte soziale Strukturen hervorbrachte, die auf deutschem Boden zuvor nicht (und leider auch danach nie wieder) existierten.

Hier sind zwanzig Dinge, für die wir unserer DDR-Kindheit und Jugend bis heute dankbar sind:




Abbildung: HO-Gaststätte 'Biesdorfer Kreuz', Berlin 1984. Ob Kuchen, Rostbratwurst, Eisbecher oder Bier: Einkehren gehörte zum DDR-Alltag, nicht zur gehobenen Freizeitgestaltung. Eine Kugel Eis kostete meist 15 bis 20 Pfennig, Softeis 50 Pfennig, die Bockwurst mit Brötchen 85 Pfennig und ein kleines Bier in der Preisstufe I etwa 40 Pfennig. Von Preisstufe I bis V regelte der Staat, was auf Speisekarte und Rechnung stand – selbst Wohngebietsgaststätten mussten einen preiswerten Mittagstisch anbieten. Man ging schließlich nicht nur zur Nahrungsaufnahme aus, sondern zum Schwatz, zum Tanz, zur Familienfeier oder zur gepflegten Brigadeauswertung. Nur einen freien Tisch bekam man für die paar Pfennige leider nicht immer automatisch dazu...


1. DANKE AN DIE WERKTÄTIGEN – FÜR EIN LAND, DAS ALLEN ARBEIT GAB

Danke, dass ihr ein Land aufgebaut habt, in dem Arbeit als Grundrecht galt.

Die Verfassung der DDR von 1949 garantierte das Recht auf Arbeit. Jeder Bürger sollte eine Arbeit und eine Ausbildung erhalten. Ein solches Grundrecht existiert bis heute nicht im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

Arbeitslosigkeit existierte in der DDR praktisch nicht. Die offizielle Quote lag unter einem Prozent. Lehrlinge wurden in Betrieben ausgebildet und anschließend übernommen. Hochschulabsolventen erhielten eine Stelle.

Während in der Bundesrepublik bereits Mitte der 1970er Jahre über eine Million Arbeitslose registriert wurden und in den 1980er Jahren über zwei Millionen, galt in der DDR ein anderes Prinzip: Arbeit war nicht Marktprodukt, sondern gesellschaftliche Grundlage.




Abbildung: Steinmetze der VEB Stuck und Naturstein Berlin - bei der Restauration historischer Skulpturen. Der Aufbau der DDR begann auf schwerstem Fundament: zerstörte Städte, demontierte Industrieanlagen und rund 5.000 Kilometer Gleis, die zwischen 1945 und 1947 als Reparation abgebaut wurden. Mehr als 1.000 Betriebe verloren ganz oder teilweise ihre technische Ausstattung – allein in Berlin traf die erste Demontagewelle etwa 460 Betriebe. Trotzdem wurden nicht nur Wohnungen, Werke und Bahnstrecken neu errichtet, sondern auch Brandenburger Tor, Staatsoper, Zeughaus und Gendarmenmarkt restauriert. Wiederaufbau bedeutete eben mehr, als nur neue Betonplatten aufeinanderzustellen: Man gab selbst den steinernen Zeugen der Geschichte ihre Gesichter zurück.



2. DANKE, OMA UND OPA – FÜR DEN WIEDERAUFBAU TROTZ MASSIVER REPARATIONEN!

Danke, dass ihr nach dem Krieg ein Land aufgebaut habt, das zu großen Teilen in Ruinen lag.

Und danke, dass ihr das getan habt, obwohl die sowjetische Besatzungszone – später die DDR – den überwiegenden Teil der deutschen Reparationsleistungen tragen musste. Historiker schätzen, dass etwa 80 bis 90 Prozent der deutschen Reparationszahlungen aus dem Osten kamen. 

Unsere Großeltern und Eltern zahlten jahrzehntelang für die Verbrechen einer Nazi-Elite, die übrigens im ganz Wesentlichen die BRD nach 1949 wieder dominierte. Die BRD wurde elementar aufgebaut von altverdienten Nazis. Das ist kein DDR-Märchen, sondern historische Realität.


  • Im Bundestag saßen in den 50er und frühen 60er Jahren massenhaft ehemalige NSDAP-Mitglieder; der höchste Anteil lag später bei rund 25 Prozent aller Mandate. Mit Kiesinger wurde sogar ein verdientes NSDAP-Mitglied Bundeskanzler und damit Regierungschef der Bundesrepublik Deutschland.

  • Westdeutsche Ministerien, Geheimdienste und Sicherheitsapparate waren ebenfalls massiv mit alten Kadern durchsetzt. Der BND entstand aus der Organisation Gehlen; Reinhard Gehlen beschäftigte zahlreiche frühere Nazis und bekannte Kriegsverbrecher. Das ist inzwischen kein Geheimnis mehr, sondern dokumentierte Geschichte.

  • Auch die Bundeswehr wurde nicht von Antifaschisten aus dem Boden gestampft, sondern unter maßgeblicher Beteiligung ehemaliger Wehrmachtsoffiziere. Adolf Heusinger, früher hoher Generalstabsoffizier im Führerhauptquartier und direkter Mitarbeiter Adolf Hitlers, wurde erster Generalinspekteur der Bundeswehr und später Vorsitzender des NATO-Militärausschusses.

  • Reparationen für den verlorenen Krieg zahlte dagegen fast ausschließlich der Osten: Die DDR bzw. die SBZ trug nach offiziellen Berechnungen Reparationsleistungen von rund 100 Milliarden DM, während die BRD nur etwa 2,1 Milliarden DM leistete — jeweils zu Preisen von 1953.

  • Die BRD dagegen bekam den Schuldenschnitt, den Marshallplan, die alten Eliten zurück in Amt und Würden — und erklärte sich anschließend selbst zur moralischen Instanz. Genau das ist der eigentliche historische Treppenwitz: Die einen bezahlten die Rechnung. Die anderen machten Karriere.


Darüber hinaus wurden nach 1945 flächendeckend im Osten Deutschlands Maschinen, Industrieanlagen und ganze Fabriken demontiert.
Trotzdem entstand innerhalb weniger Jahrzehnte wieder eine vollständige industrielle Basis, die die kleine DDR in die Top 10 der Industrienationen dieser Welt katapultierte!

Chemieindustrie in Bitterfeld, Stahlproduktion in Eisenhüttenstadt, Maschinenbau in Karl-Marx-Stadt, Erdölverarbeitung in Schwedt, Mikroelektronik in Dresden. Millionen Menschen arbeiteten hart, fleißig und erfolgreich in diesen Industrien.




Abbildung: Parkanlage und unser Abenteuerland in Berlin Marzahn, Mitte der 1980er. Bis 1990 entstanden allein in Berlin rund 350.000 neue Wohnungen, in der gesamten DDR seit 1949 etwa vier Millionen. Neubau bedeutete damals: Fernheizung, fließend warmes Wasser, Badewanne, moderne Küche und häufig ein Balkon für um die 80 Mark Monatsmiete – für Familien ein gewaltiger Fortschritt. Noch 1970 hatten auch in der Bundesrepublik 30 Prozent der Wohnungen kein Bad; nur 30 Prozent verfügten über Bad, WC und Sammelheizung. Fakten, die beim heutigen Spott über die "Platte" gerne unter den Tisch fallen. 



3. DANKE, LIEBE BAUARBEITER – FÜR DEN GRÖSSTEN WOHNUNGSBAU DER DEUTSCHEN GESCHICHTE!

Zwischen 1949 und 1989 entstanden in der DDR rund vier Millionen Wohnungen! Und das bei 16 Millionen Einwohnern.

Besonders das Wohnungsbauprogramm ab 1973 brachte innerhalb von etwa 16 Jahren über Millionen Neubauwohnungen hervor.

Diese soziale Bauleistung wurde auf deutschem Boden nie zuvor und nie danach erreicht.

Neue Stadtteile entstanden: Berlin-Marzahn, Leipzig-Grünau, Halle-Neustadt, Rostock-Lütten Klein, Hoyerswerda-Neustadt.

Und sie wurden nicht nur als Wohnsiedlungen gebaut, sondern als komplette Lebensräume – mit Schulen, Kindergärten, Polikliniken, Kaufhallen, Grünflächen und Kulturhäusern. Eine Drei-Raum-Wohnung kostete häufig 80 bis 120 Mark, meist nur 3 bis 5 Prozent des Haushaltseinkommens.




Abbildung: LPG-Erntezeit Anfang der 1980er. Auf rund 6,2 Millionen Hektar Nutzfläche sicherte die DDR ihre Grundversorgung weitgehend selbst: 1989 lag der Selbstversorgungsgrad bei Kartoffeln bei 101, Fleisch bei 109 und Milch bei 119 Prozent, bei Getreide immerhin bei 83 Prozent. Die LPG organisierten Ackerbau, Tierhaltung, Technik und oft sogar soziale Einrichtungen im Dorf. Was viele nicht wissen: Rund 70 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche blieben Privateigentum – die Bauern brachten vor allem das Nutzungsrecht in die Genossenschaften ein. Landwirtschaft als Gemeinschaftsaufgabe, nicht als Geschäftsfeld für Bodenspekulanten.



4. DANKE, LIEBE LPG-BAUERN UND LANDARBEITER – FÜR EIN LAND, DAS SICH SELBST ERNÄHREN KONNTE!

Danke euch, liebe Genossenschaftsbauern, Landarbeiter, Melker, Traktoristen, Agraringenieure, Tierärzte, Mechaniker und Pflanzenzüchter. Danke dafür, dass jeden Morgen Brot, Milch, Butter, Fleisch, Kartoffeln, Gemüse und Obst auf den Tischen standen.

1989 arbeiteten rund 860.000 Menschen in der Land- und Forstwirtschaft. Das entsprach etwa jedem zehnten Berufstätigen der DDR. Es gab 3.844 Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften und 464 volkseigene Güter. Etwa drei Viertel der Beschäftigten arbeiteten auf genossenschaftlicher Grundlage.


Die Betriebe bewirtschafteten große zusammenhängende Flächen und verfügten über einen hohen Mechanisierungsgrad. Traktoren, Mähdrescher, Melkanlagen und spezialisierte Agrartechnik ermöglichten eine Produktion im großen Maßstab. Landwirtschaft bestand längst nicht mehr nur aus Mistgabel, Gummistiefeln und einem besonders eigensinnigen Zuchtbullen.

Die Ergebnisse waren beachtlich. 1986 erntete die DDR rund 11,7 Millionen Tonnen Getreide. Mit durchschnittlich 46,4 Dezitonnen je Hektar wurde damals ein neuer Höchstertrag erreicht. Bei wichtigen Erzeugnissen konnte die heimische Landwirtschaft den Bedarf vollständig oder sogar darüber hinaus decken. Ende der 1980er Jahre lag der Selbstversorgungsgrad bei Milch bei rund 119 Prozent, bei Fleisch bei ungefähr 109 Prozent und bei Getreide je nach Erntejahr um oder über 100 Prozent.


Die häufig genannte Gesamtzahl von etwa 110 Prozent beschreibt daher vor allem die hohe Versorgung bei wichtigen landwirtschaftlichen Grundprodukten. Bestimmte Getreidesorten, Südfrüchte und andere Erzeugnisse mussten natürlich weiterhin importiert werden. Aber die grundlegende Ernährung der Bevölkerung wurde aus eigener landwirtschaftlicher Produktion gesichert.





Die Abbildung zeigt Frauen bei der Arbeit in einer LPG Anfang der 1980er-Jahre. Sie waren keine gelegentlichen "Helferinnen", sondern bildeten das Rückgrat vieler Genossenschaften: In der Tierproduktion stellten Frauen Ende der 1980er-Jahre deutlich über 60 Prozent der Fachkräfte. Sie arbeiteten als Tierzüchterinnen, Melkerinnen, Gärtnerinnen, Agronominnen, Laborantinnen, Buchhalterinnen und Leiterinnen ganzer Produktionsbereiche.


Eine besondere Rolle spielten die Frauen. In den 1980er Jahren stellten sie annähernd die Hälfte der Beschäftigten in der Landwirtschaft. Sie arbeiteten nicht nur in Ställen, Gärtnereien und Verwaltungsbereichen, sondern ebenso als Traktoristinnen, Technikerinnen, Agronominnen, Tierärztinnen und Leiterinnen. Ohne sie hätte es weder Brot noch Milch gegeben – und vermutlich auch niemanden, der den Männern erklärt hätte, wo der passende Schraubenschlüssel liegt...




Abbildung: LPG-Erntezeit Anfang der 1980er. Frauen waren nicht länger nur die unbezahlte "mithelfende Hand" auf dem Hof, sondern verfügten über Ausbildung, eigenes Einkommen, Urlaub und soziale Absicherung. Betriebskindergärten, Kinderkrippen und geregelte Arbeitszeiten machten Beruf und Familie auch auf dem Dorf vereinbar. Gleichberechtigung war noch nicht vollkommen erreicht – aber sie blieb eben auch nicht bloß ein Sonntagswort.


Die LPG waren außerdem mehr als reine Produktionsbetriebe. Sie unterhielten Werkstätten, Kantinen, Betriebsküchen, Kindereinrichtungen, Kulturhäuser und Ferienobjekte. In allen Dörfern waren sie der wichtigste Arbeitgeber und zugleich Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Sie unterstützten und organisierten die Dorffeste, Sportgemeinschaften, Schulen und Feuerwehren.

Auch junge Menschen erhielten dort Ausbildungsplätze in landwirtschaftlichen, technischen und kaufmännischen Berufen. Die Arbeit reichte vom Ackerbau und der Tierhaltung bis zur Wartung hoch spezialisierter Maschinen. Moderne Landwirtschaft benötigte Facharbeiter, Meister, Ingenieure und Wissenschaftler – nicht nur kräftige Arme.

Nach 1990 verschwanden diese Betriebe. Hunderttausende Arbeitsplätze gingen verloren, besonders viele davon die von Frauen. Die großen genossenschaftlichen Betriebsstrukturen überlebten jedoch vielerorts und bilden bis heute die Grundlage der vergleichsweise leistungsfähigen ostdeutschen Landwirtschaft.

Dafür danken wir den Menschen, die bei Hitze, Frost, Regen und mitten in der Nacht arbeiteten. Kühe kannten schließlich weder Wochenende noch Fünfjahrplan, und die Ernte wartete nicht darauf, dass alle ausgeschlafen hatten.

Danke, dass ihr unsere Felder bestellt, unsere Tiere versorgt und dafür gesorgt habt, dass ein kleines Land seine Bevölkerung weitgehend aus eigener Kraft ernähren konnte.





Abbildung: ABC-SCHÜTZEN am ersten Schultag ('Unsere Fibel' liegt auf dem Tisch!), 1980er. Schul- und Lehrbücher wurden im Rahmen der Lernmittelfreiheit unentgeltlich, oft leihweise ausgegeben. Hefte, Schreibzeug, Zeichenblöcke und Farbkasten gab es zu staatlich geregelten, stark subventionierten Preisen – der Schulanfang durfte kein finanzielles Großprojekt für die Eltern sein. 1989 besuchten 81 Prozent der Kinder der Klassen 1 bis 4 einen Schulhort; 85 Prozent aller Schüler erhielten täglich ein warmes Mittagessen für meist 50 bis 75 Pfennig. Dazu kamen landesweit einheitliche Lehrpläne, polytechnischer Unterricht und eine zehnklassige Schulbildung für alle. Bildung sollte nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen – ein Grundsatz, der heute erstaunlich modern klingt.



5. DANKE, LIEBE LEHRER UND ERZIEHER – FÜR GLEICHE BILDUNGSCHANCEN FÜR ALLE!

Danke euch, liebe Lehrer, Erzieher, Berufsschullehrer, Lehrmeister, Dozenten und Professoren. Danke für ein Bildungssystem, in dem der Geldbeutel der Eltern nicht darüber entschied, ob ein Kind lernen, einen Beruf ergreifen oder studieren konnte.

Schulen, Berufsschulen, Fachschulen und Universitäten waren kostenlos. Schulbücher wurden unentgeltlich bereitgestellt und über mehrere Jahrgänge weitergegeben. Das erklärte zwar gelegentliche Grüße unbekannter Vorgänger auf Seite 73, sparte den Familien aber erhebliche Ausgaben.

Mit der zehnklassigen Polytechnischen Oberschule besuchten nahezu alle Kinder dieselbe Regelschule. Der Sohn eines Professors, die Tochter einer Verkäuferin und das Kind eines Facharbeiters saßen grundsätzlich im selben Klassenraum.

Die Schule vermittelte eine breite Allgemeinbildung und verband Theorie mit Praxis. In den unteren Klassen gab es Schulgarten- und Werkunterricht. Ab der siebten Klasse kamen Technisches Zeichnen, die "Einführung in die sozialistische Produktion" und die "Produktive Arbeit" hinzu. Jugendliche lernten in Werkstätten, Landwirtschaftsbetrieben und Produktionsabteilungen. Schule sollte nicht nur Menschen hervorbringen, die eine Gleichung lösen konnten, sondern auch solche, die wussten, an welchem Ende man einen Schraubenzieher anfasst.

Nach der zehnten Klasse begann für die Mehrheit eine Berufsausbildung. 1989 existierten rund 285 anerkannte Ausbildungsberufe. Allein etwa 330 Betriebsberufsschulen und 380 weitere Betriebsschulen verbanden theoretischen Unterricht mit praktischer Ausbildung. Nach dem Abschluss wurden die jungen Facharbeiter in der Regel von ihrem Ausbildungsbetrieb übernommen.

Eine besondere Leistung waren die Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten. Junge Arbeiter, Bauern und deren Kinder konnten dort das Abitur erwerben und sich auf ein Studium vorbereiten.

Ende der 1980er Jahre studierten rund 136.000 Menschen an den Universitäten und Hochschulen der DDR. Hinzu kamen etwa 153.000 Studenten an Fachschulen. Insgesamt befanden sich damit fast 290.000 Menschen in einem Hoch- oder Fachschulstudium.


Studiengebühren gab es nicht. Seit 1981 erhielten alle Direktstudenten ein elternunabhängiges Grundstipendium von ungefähr 190 bis 200 Mark im Monat. Es musste nach dem Abschluss nicht zurückgezahlt werden. Bildung war kein Kreditgeschäft, sondern eine Investition in die Zukunft des Landes.

Natürlich war auch dieses System nicht frei von politischer Einflussnahme. Das ist aber heute nicht anders. Nur: In der DDR benötigte kein Schüler wohlhabende Eltern, um eine gute Schule zu besuchen. Kein Lehrling musste für seine Ausbildung bezahlen. Kein Student startete allein wegen seines Studiums mit einem Schuldenberg ins Berufsleben.

Danke an die Menschen, die dieses System jeden Tag mit Leben füllten: an die Lehrer vor ihren Klassen, die Erzieher im Hort, die Lehrmeister in den Werkstätten und die Dozenten an den Hoch- und Fachschulen.

Danke, dass ihr uns nicht nur Wissen vermittelt habt. Ihr habt Millionen Kindern gezeigt, dass ihre Herkunft nicht über ihre Zukunft entscheiden muss.




Abbildung: Poliklinik in den 1980ern. 1989 versorgten allein 626 Polikliniken die Bevölkerung: Hausarzt, Kinderarzt, Zahnarzt, Gynäkologe, Labor und weitere Fachrichtungen arbeiteten unter einem Dach, mit gemeinsamer Patientenakte und ohne wirtschaftlichen Verkaufsdruck. Ärztliche und zahnärztliche Behandlungen, Krankenhausaufenthalte sowie verschriebene Medikamente waren grundsätzlich kostenlos; Kinder waren selbstverständlich ohne zusätzlichen Beitrag mitversorgt. Hinzu kamen ein flächendeckendes Impf- und Vorsorgesystem, Betriebsärzte, Gemeindeschwestern sowie Ambulatorien auf dem Land. Keine Praxisgebühr, keine Rezeptgebühr, keine Angst vor der Rechnung – entscheidend war, was ein Patient brauchte, nicht was sich mit ihm verdienen ließ.


6. DANKE, LIEBE ÄRZTE UND KRANKENSCHWESTERN – FÜR EIN (GRATIS-)GESUNDHEITSSYSTEM FÜR ALLE!

Danke für ein Gesundheitssystem, in dem niemand überlegen musste, ob er sich eine Behandlung leisten kann. Arztbesuche, Krankenhausaufenthalte und Operationen waren kostenlos.

In der DDR begann Gesundheitsvorsorge nicht erst beim Arzttermin, sondern bereits in Krippe und Kindergarten – flächendeckend, verpflichtend und für die Eltern kostenlos.

Das können sich viele Westdeutsche heute kaum noch vorstellen: Die DDR verfügte über eines der leistungsfähigsten Gesundheitssysteme ihrer Zeit. Manche bezeichnen es sogar als das beste. Es kam ohne private Krankenhäuser, konkurrierende Krankenkassen und Konzerne aus, die mit der medizinischen Versorgung Gewinne erzielen mussten.

Vielleicht soll man sich heute auch gar nicht mehr vorstellen, dass ein anderes Gesundheitssystem möglich war und jahrzehntelang auf deutschem Boden existierte. Denn diese Tatsache passt nur schwer in das heutige Narrativ.

Die Zahlen und Strukturen sprechen für sich: Kinder wurden in Krippen und Kindergärten regelmäßig untersucht. Kontrolliert wurden unter anderem Größe, Gewicht, Körperhaltung sowie Seh- und Hörvermögen. Hinzu kamen flächendeckende Zahnprophylaxe, Gruppenuntersuchungen und bei Bedarf Behandlungen direkt in den Einrichtungen. Konsequente Impfprogramme schützten unter anderem vor Masern, Polio und Diphtherie. An den Schulen kümmerten sich schulärztliche und schulzahnärztliche Dienste um die Gesundheit der Kinder. Vorsorge war damit kein Privatproblem der Eltern, sondern eine staatliche Aufgabe. Der direkte Kostenpunkt für die Familien: null Mark.

In der Deutschen Demokratischen Republik war die Gesundheitsversorgung solidarisch organisiert. Wer arbeitete, zahlte verpflichtend in die staatliche Sozialversicherung ein – in der Regel rund zehn Prozent des Bruttolohns. Der beitragspflichtige Lohn war jedoch bei 600 Mark gedeckelt. Der monatliche Höchstbeitrag betrug damit 60 Mark – unabhängig davon, wie hoch das tatsächliche Einkommen war.


Die Beiträge waren weder risikobasiert noch tarifabhängig. Es gab keine Kassenkonkurrenz und keine private Parallelmedizin. Mit dem Beitrag waren Arztbesuche, Krankenhausaufenthalte, Medikamente, Rehabilitation, Mutterschutz und die umfassende Gesundheitsvorsorge für Kinder ab der Krippe abgedeckt.

Auch Vorsorgeuntersuchungen, Impfprogramme, der schulärztliche und schulzahnärztliche Dienst sowie Polikliniken und Krankenhäuser wurden aus diesem System finanziert. Für Eltern gab es keine zusätzlichen Beiträge, keine Zuzahlungen, keine Rechnungen und keine Extrakosten für Medikamente.

Gesundheit war kein Markt, sondern solidarisch finanzierte Infrastruktur. Die medizinische Betreuung von Kindern wurde bewusst als gesellschaftliche Investition organisiert – nicht als Versicherungsprodukt und nicht als Geschäft.

Ende der 1980er Jahre gab die DDR rund 4,5 bis 5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für das Gesundheitswesen aus. Das entsprach etwa 600 bis 800 Mark pro Einwohner und Jahr. Ein erheblicher Teil davon floss in die präventive Medizin, insbesondere für Kinder und Jugendliche: in Vorsorgeuntersuchungen, Impfprogramme, Zahnprophylaxe, Seh- und Hörtests sowie Reihenuntersuchungen in Kindergärten und Schulen.

Finanziert wurde das System aus dem zentralen Staatshaushalt, der Sozialversicherung der Werktätigen und den Leistungen der Betriebe, die eigene Betriebsärzte und medizinische Einrichtungen unterhielten. Gesundheit galt als Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und Arbeitsfähigkeit – nicht als reine Privatsache.

Gesund aufzuwachsen war in der DDR kein Privileg, sondern der gesellschaftliche Standard.

Kindergesundheit war Staatsaufgabe!




Abbildung: Eine Polizistin regelt den Verkehr, 1982. Seit 1949 war ihre Gleichberechtigung in der Verfassung verankert, ab 1950 wurde sie durch konkrete Arbeits- und Familiengesetze gefördert. Frauen arbeiteten als Ärztinnen, Ingenieurinnen, Wissenschaftlerinnen, Richterinnen, Lehrerinnen, Bäuerinnen, Kranführerinnen, Lokführerinnen und Facharbeiterinnen – nicht als Ausnahme, sondern mitten in der Gesellschaft. 1989 waren 91 Prozent der Frauen im erwerbsfähigen Alter berufstätig oder in Ausbildung; sie trugen über 40 Prozent zum Familieneinkommen bei. Worte wie "Gleichberechtigung" oder "Emanzipation" kannten wir aus unserer DDR-Kindheit nicht. In der BRD konnte ein Ehemann noch bis 1958 den Arbeitsvertrag seiner Frau beenden; bis zum 1. Juli 1977 durfte ihre Berufstätigkeit gesetzlich nicht ihren "Pflichten in Ehe und Familie" widersprechen. 


7. DANKE AN DIE STARKEN FRAUEN DER DDR – FÜR GELEBTE GLEICHBERECHTIGUNG

Danke an die Frauen und Mütter der DDR. An diejenigen, die uns Kinder großzogen, trotzdem Berufe erlernten, in Schichten arbeiteten, studierten, Familien versorgten und morgens wieder pünktlich im Betrieb standen.

1989 waren mehr als 90 Prozent der Frauen (!) im arbeitsfähigen Alter berufstätig, in Ausbildung oder im Studium. Rund die Hälfte aller Beschäftigten der DDR waren Frauen. Sie arbeiteten als Ärztinnen, Lehrerinnen, Ingenieurinnen, Verkäuferinnen, Bäuerinnen, Wissenschaftlerinnen, Krankenschwestern, Facharbeiterinnen und Technikerinnen.


Die berufstätige Frau war in der DDR kein Sonderfall, sondern gesellschaftliche Normalität. Mädchen lernten früh, dass ihnen grundsätzlich alle Bildungswege und Berufe offenstanden. Eine Frau musste sich nicht zwischen Familie und einem eigenen Beruf entscheiden – jedenfalls nicht bereits deshalb, weil Gesetze oder fehlende Betreuungseinrichtungen sie dazu zwangen.

Zum Vergleich: In der Bundesrepublik galt bis 1977 § 1356 BGB, nach dem Frauen nur arbeiten durften, wenn dies mit ihren "Pflichten in Ehe und Familie vereinbar" war.


In der ersten DDR-Verfassung von 1949 stand dagegen schon unmissverständlich: "Mann und Frau sind gleichberechtigt." Ebenso wurde das Recht auf gleichen Lohn bei gleicher Arbeit festgeschrieben. Das DDR-Familiengesetzbuch von 1965 erklärte die Gleichberechtigung der Ehepartner auch innerhalb der Familie zum gesetzlichen Grundsatz.

Möglich wurde die hohe Berufstätigkeit der Frauen durch ein dichtes Netz aus Krippen, Kindergärten und Schulhorten. Hinzu kamen Mutterschutz, bezahlte Freistellungen bei Krankheit eines Kindes, der monatliche Haushaltstag und das bezahlte "Babyjahr". Seit 1976 konnten zunächst Mütter ab dem zweiten Kind zwölf Monate zu Hause bleiben. Ab 1986 galt dies bereits beim ersten Kind.

Doch Gesetze, Krippen und Haushaltstage erzählen nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte waren die Frauen selbst. Viele leisteten täglich zwei Schichten: eine im Betrieb und eine zu Hause. Sie arbeiteten, kauften ein, kochten, wuschen, organisierten den Familienalltag und kümmerten sich um die Kinder. Dass Gleichberechtigung rechtlich festgeschrieben war, bedeutete noch lange nicht, dass sich die Männer plötzlich um den Abwasch rissen.

Gerade deshalb gilt unser Dank den Frauen und Müttern, die all das miteinander verbunden haben. Sie waren wirtschaftlich selbstständig, verfügten über eine eigene Ausbildung, ein eigenes Einkommen und eine eigene soziale Absicherung. Gleichzeitig trugen sie oft den größten Teil der Familienarbeit.

Diese Frauen hielten nicht nur ihre Familien zusammen. Sie hielten Betriebe, Schulen, Krankenhäuser, Verwaltungen, Landwirtschaft und Handel am Laufen. Ohne sie hätte die DDR weder wirtschaftlich noch gesellschaftlich funktioniert.

Danke an unsere Mütter und Großmütter: Ihr habt gearbeitet, Kinder großgezogen, Familien getragen und damit ein ganzes Land am Laufen gehalten.




Abbildung: Geliebt, aber auch oft weniger gemocht. Der DDR-Schulgarten! Der Schulgarten war keine freiwillige Nachmittags-AG, sondern gehörte als reguläres Fach zur polytechnischen Bildung der Unterstufe. Die Kinder säten, pflanzten, jäteten und ernteten, lernten Bodenarten, heimische Nutzpflanzen, Kompostierung und den Kreislauf der Natur kennen. Dabei wurden Biologie und Heimatkunde nicht nur aus dem Lehrbuch gelernt, sondern mit den eigenen Händen begriffen. Planung, Ausdauer, Zusammenarbeit und Verantwortung gehörten ebenso dazu wie der Umgang mit Spaten, Harke und Gießkanne. Die Verbindung von Kopf und Hand war kein pädagogisches Schlagwort – sie stand ganz selbstverständlich auf dem Stundenplan.


8. DANKE, DASS IHR UNS DIE VERBINDUNG VON KOPF UND HAND GEZEIGT HABT!

Danke für Schulgärten, Werkunterricht und eine Bildung, die nicht an der Schultür endete.

Wir lernten nicht nur aus Büchern, wie Nahrung entsteht. Im Schulgarten säten, pflanzten, pflegten und ernteten wir selbst. Wir lernten den Umgang mit Boden, Pflanzen und einfachen Gartengeräten, beobachteten Wachstumsprozesse und erlebten unmittelbar, dass eine Ernte Arbeit, Geduld und Verantwortung voraussetzt.

Der Schulgarten war dabei kein gelegentliches Freizeitangebot, sondern ein reguläres Unterrichtsfach. Nach der Mitte der 1970er Jahre geltenden Stundentafel begann der Schulgartenunterricht im zweiten Halbjahr der ersten Klasse und wurde bis zur vierten Klasse mit jeweils einer Wochenstunde fortgeführt. Parallel dazu gab es Werkunterricht: in den Klassen 1 bis 3 jeweils eine, in den Klassen 4 bis 6 jeweils zwei Wochenstunden. Damit gehörte praktisches Lernen von Beginn an fest zur schulischen Bildung. 

Im Werkunterricht lernten wir, Materialien zu unterscheiden, Werkzeuge richtig und sicher zu benutzen, Arbeitsabläufe zu planen und aus Papier, Holz, Metall, Draht oder anderen Werkstoffen eigene Gegenstände herzustellen. Es ging nicht nur um das fertige Werkstück. Wir lernten Genauigkeit, Geduld, Ordnung, sparsamen Materialeinsatz und die Erfahrung, dass ein Fehler nicht das Ende bedeutet, sondern häufig der Anfang einer besseren Lösung ist.

Diese Verbindung von theoretischem Wissen und praktischer Arbeit setzte sich durch alle zehn Klassen der Polytechnischen Oberschule fort. Am 1. September 1958 wurde für alle Schüler ab der siebten Klasse der wöchentliche "Unterrichtstag in der Produktion" eingeführt. Ein Jahr später kamen die Fächer "Einführung in die sozialistische Produktion" und "Technisches Zeichnen" hinzu. Ebenfalls 1959 wurde die zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule zur Regelschule der DDR. 

Schon ab der siebten Klasse lernten die Jugendlichen deshalb nicht mehr nur im Klassenraum. Sie arbeiteten regelmäßig in Betrieben, Werkstätten, landwirtschaftlichen Einrichtungen und polytechnischen Zentren. Dort begegneten sie Maschinen, Produktionsabläufen und realen Arbeitsbedingungen. Aus dem "Unterrichtstag in der Produktion" wurde später das Fach "Produktive Arbeit".

Mitte der 1970er Jahre umfasste diese produktive Arbeit in den Klassen 7 und 8 jeweils zwei Wochenstunden, in den Klassen 9 und 10 jeweils drei Wochenstunden. Hinzu kam das Fach "Einführung in die sozialistische Produktion" mit einer Wochenstunde in den Klassen 7 und 8 sowie zwei Wochenstunden in den Klassen 9 und 10. Technisches Zeichnen wurde in den Klassen 7 und 8 mit jeweils einer Wochenstunde unterrichtet.

Die Inhalte waren erstaunlich breit gefächert. Sie reichten von Mechanik, Maschinenkunde und Elektrotechnik über technische Zeichnungen und betriebliche Abläufe bis zu konkreten Arbeiten in der Metallverarbeitung, Elektroindustrie, Landwirtschaft, Chemie-, Textil-, Bekleidungs-, Leder- und Holzindustrie, im Bauwesen oder bei der Instandhaltung landwirtschaftlicher Technik.


Schulen und Betriebe arbeiteten dabei eng zusammen. Betriebe stellten Werkstätten, Maschinen, Fachkabinette, Lehrmeister und Betreuer bereit. Schüler lernten nicht an Spielzeugmodellen, sondern unter realitätsnahen Bedingungen. Sie sollten technische Zeichnungen lesen, Werkzeuge beherrschen, Materialien bearbeiten, Arbeitsprozesse verstehen und erkennen, wie aus Wissen ein nutzbares Ergebnis entsteht.

Natürlich wurde darüber damals auch gemeckert. Nicht jede Arbeit war spannend, nicht jeder Einsatz sinnvoll organisiert und manches Werkstück dürfte eher für die Tonne als für die Volkswirtschaft bestimmt gewesen sein. Aber der Grundgedanke war richtig:

Allgemeinbildung sollte nicht nur Menschen hervorbringen, die über Arbeit reden können, sondern auch solche, die wissen, wie Arbeit funktioniert.

Die DDR trennte geistige und praktische Bildung deshalb nicht künstlich voneinander. Wer mit dem Kopf arbeitete, sollte auch die Bedeutung handwerklicher und körperlicher Arbeit verstehen. Und wer praktisch arbeitete, sollte die technischen, naturwissenschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhänge dahinter kennen.

Wir lernten, wie Nahrung entsteht. Wir lernten, wie Werkzeuge funktionieren, wie Materialien bearbeitet werden und wie aus einer Zeichnung ein Gegenstand wird. Wir lernten, dass Können nicht weniger wert ist als Wissen – und dass beides zusammengehört.

Wissen war nicht nur Theorie. Wissen bekam Erde unter die Fingernägel, Holzspäne auf die Werkbank und Öl an die Hände.




Abbildung: Schulklasse beim Besuch ihrer Patenbrigade. Bereits die Unterstufenklassen hatten in der Regel ein festes Patenkollektiv aus einem Betrieb, Kombinat oder einer LPG, das sie häufig über viele Schuljahre begleitete. Die Kinder besuchten ihre Paten am Arbeitsplatz, lernten Berufe, Maschinen und Produktionsabläufe kennen und erfuhren früh, woher die Dinge des täglichen Lebens kamen. Umgekehrt unterstützten die Brigaden ihre Patenklassen bei Wandertagen, Ferienfahrten, Schulfesten und praktischen Projekten. Später wurde daraus im polytechnischen Unterricht eine noch engere Verbindung zwischen Schule und Arbeitswelt. Berufsorientierung bestand nicht aus Hochglanzbroschüren – man kannte die Menschen, die Betriebe und die Arbeit aus eigener Anschauung.


9. DANKE AN UNSERE JUGENDFREUNDE – FÜR GEMEINSCHAFT, BRIGADEN UND GEMEINSAME ERLEBNISSE

Danke für Ernteeinsätze, Jugendbrigaden, Subbotniks und FDJ-Aktionen.

Die Freie Deutsche Jugend wurde am 7. März 1946 gegründet. Ende der 1980er Jahre gehörten ihr rund 2,3 Millionen junge Menschen an – etwa drei Viertel aller DDR-Bürger zwischen 14 und 25 Jahren. Damit war die FDJ weit mehr als irgendein Jugendverein. Sie war fester Bestandteil des Alltags in Schulen, Ausbildungsbetrieben, Universitäten und volkseigenen Betrieben. Chronik der Wende

Zur FDJ gehörten politische Veranstaltungen und Versammlungen, aber ebenso Jugendklubs, Konzerte, Sportveranstaltungen, Ferienlager, Diskotheken, internationale Begegnungen und gemeinsame Arbeitseinsätze. Natürlich war nicht jeder mit gleicher Begeisterung dabei. Manches war freiwillig, anderes wurde erwartet und über einige Veranstaltungen wurde kräftig gemeckert. Aber Millionen Jugendliche machten dabei Erfahrungen, die viele bis heute nicht vergessen haben.

Bei Ernteeinsätzen halfen Schüler, Lehrlinge und Studenten in Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften und volkseigenen Gütern. Kartoffeln wurden gelesen, Obst und Gemüse geerntet, Rüben aufgenommen und Erntegut sortiert. Die Arbeit war oft anstrengend, das Wetter nicht immer angenehm und der Rücken meldete sich spätestens am zweiten Tag. Trotzdem erinnern sich viele weniger an die Mühe als an die gemeinsamen Fahrten, die Pausen auf dem Feld, die improvisierte Verpflegung und das Gefühl, am Abend zusammen etwas Sichtbares geschafft zu haben.


Ähnlich funktionierten Subbotniks und andere freiwillige Arbeitseinsätze. Jugendliche halfen bei der Verschönerung von Schulen und Wohngebieten, räumten Gelände auf, pflanzten Bäume, sammelten Altstoffe, renovierten Jugendklubs oder unterstützten soziale Einrichtungen. Nicht jede Aktion veränderte die Welt. Aber sie vermittelte eine einfache Erfahrung: Wenn viele gemeinsam anpacken, kann auch ohne großes Budget etwas entstehen.




Abbildung: Studenten beim Ernteeinsatz in einer LPG, Mitte der 1980er. Vor allem Studienanfänger halfen meist eine Woche lang bei der Kartoffel-, Rüben-, Obst- oder Getreideernte; die Arbeit wurde nach Menge und Qualität bezahlt. Daneben leisteten viele Studenten während ihres Studiums einen dreiwöchigen FDJ-Studentensommer in Landwirtschaft, Industrie oder Verkehrswesen. Der Einsatz war verpflichtend und körperlich anstrengend – daran muss man nichts verklären. Aber er brachte angehende Ärzte, Lehrer oder Ingenieure mit praktischer Arbeit und den Menschen auf dem Land zusammen. Wenn die Ernte eingebracht werden musste, packten eben nicht nur diejenigen an, die ohnehin jeden Tag auf dem Feld standen.



Besonders prägend waren die Jugendbrigaden in den Betrieben. Junge Arbeiter, Lehrlinge, Techniker und Ingenieure arbeiteten als feste Kollektive zusammen. Sie übernahmen eigene Produktionsaufgaben, entwickelten Verbesserungsvorschläge und beteiligten sich an technischen Neuerungen.

1988 existierten in der DDR rund 44.600 Jugendbrigaden und mehr als 5.200 Jugendforscherkollektive.


Diese Brigaden waren nicht nur Arbeitseinheiten. Sie organisierten Feiern, Ausflüge, Sportveranstaltungen und gegenseitige Hilfe. Man kannte die Familien der Kollegen, unterstützte sich bei persönlichen Problemen und sprang ein, wenn jemand ausfiel. Gemeinschaft endete nicht automatisch mit dem Schichtschluss. Genau deshalb blieb die Brigade für viele Menschen ein wichtiger sozialer Bezugspunkt.

Die FDJ übernahm zudem sogenannte Jugendobjekte. Das konnten einzelne Maschinen, Baustellen oder Produktionsabschnitte sein, für die junge Menschen besondere Verantwortung trugen. Daneben gab es große "Zentrale Jugendobjekte", die weit über einen einzelnen Betrieb hinausgingen.

Das bekannteste war die Druschba-Trasse, die "Trasse der Freundschaft". Von 1974 bis 1978 arbeiteten dort rund 6.000 delegierte junge DDR-Bürger am Bau einer Erdgasleitung durch die damalige Sowjetunion. Der von der DDR verantwortete Abschnitt war mehr als 500 Kilometer lang. Unter schwierigen klimatischen Bedingungen entstanden neben der Leitung auch Verdichterstationen, Straßen, Unterkünfte und weitere Infrastruktur. 

Beim späteren Bau der Erdgastrasse waren Anfang 1984 insgesamt 8.713 DDR-Bürger eingesetzt, darunter 4.928 FDJ-Mitglieder. Weitere große Jugendobjekte gab es im Wohnungsbau, im Braunkohlenbergbau, in der Energieversorgung, bei der Elektrifizierung von Eisenbahnstrecken und beim Wiederaufbau des Berliner Stadtzentrums.

Nicht alles daran war romantisch. Auch bei Jugendobjekten gab es Leistungsdruck, politische Vorgaben, schlechte Organisation und Arbeit, die niemand freiwillig zum Lebensinhalt erklärt hätte. Aber das ändert nichts an einer Erfahrung, die viele junge Menschen dort tatsächlich machten: Sie wurden gebraucht, bekamen Verantwortung und sahen am Ende, was sie gemeinsam aufgebaut hatten.

Es ging nicht darum, den Gewinn eines einzelnen Eigentümers zu vergrößern. Die Arbeit floss in Wohnungen, Verkehrswege, Energieversorgung, Landwirtschaft, öffentliche Anlagen und gesellschaftliche Infrastruktur. Man arbeitete nicht gegeneinander, sondern miteinander und für ein gemeinsames Ergebnis. Viele dieser Ergebisse sind bis heute in Benutzung, oder immer noch sichtbar.


Viele Jugendliche erlebten dort zum ersten Mal, was Zusammenhalt praktisch bedeutet: gemeinsam früh aufstehen, gemeinsam frieren, gemeinsam fluchen, gemeinsam lachen und gemeinsam fertig werden. Einer allein hätte wenig erreicht. Als Gruppe konnte man ein Feld abernten, einen Jugendklub renovieren, eine Produktionsaufgabe erfüllen oder sogar an einer über 500 Kilometer langen Erdgasleitung mit bauen.

Gemeinschaft war in der DDR kein Schlagwort. Sie hatte Arbeitskleidung an und packte mit an.




Abbildung: Egon Krenz und Fidel Castro bei den XI. Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1978 in Havanna. Unter dem Motto "Für antiimperialistische Solidarität, Frieden und Freundschaft" kamen dort 20.000 junge Menschen aus 145 Ländern zusammen; die FDJ war mit 200 Delegierten vertreten. Die Begegnung stand für die enge Verbindung zwischen DDR und Kuba, die weit über politische Grußformeln hinausging. DDR-Ingenieure errichteten Industrieanlagen wie das Zementwerk "Carlos Marx" in Cienfuegos, während rund 30.000 junge Kubaner in der DDR arbeiteten, lernten oder eine Ausbildung erhielten. Internationale Solidarität bedeutete damals nicht nur Worte, sondern Austausch, Ausbildung und gemeinsames Aufbauen.


10. DANKE FÜR INTERNATIONALE SOLIDARITÄT!

Danke, dass Solidarität in der DDR mehr war als ein Wort.

Zehntausende junge Menschen aus Vietnam, Angola, Mosambik, Kuba, Nicaragua und zahlreichen weiteren Ländern erhielten in der DDR die Möglichkeit, zu studieren oder eine Berufsausbildung zu absolvieren. Viele bekamen Stipendien, Wohnheimplätze und Sprachunterricht. Sie wurden zu Ärzten, Ingenieuren, Lehrern und Facharbeitern ausgebildet – mit dem Ziel, ihr Wissen anschließend beim Aufbau ihrer Heimatländer einzusetzen.

Doch internationale Solidarität fand nicht nur innerhalb der DDR statt. Ärzte und medizinisches Personal aus der DDR arbeiteten in Krankenhäusern und Gesundheitsprojekten in Afrika, Asien und Lateinamerika. Ingenieure, Techniker und sogenannte Freundschaftsbrigaden unterstützten den Bau von Schulen, Krankenhäusern, Betrieben, Verkehrswegen und Versorgungseinrichtungen. Die Hilfe bestand nicht nur aus Geld, sondern vor allem aus Wissen, Arbeit, Ausbildung und ganz konkreter Unterstützung vor Ort.


Während des Vietnamkriegs sammelten DDR-Bürger Geld, Kleidung, Medikamente und weitere Hilfsgüter. Betriebe, Schulen, Kindergärten und gesellschaftliche Organisationen beteiligten sich an Solidaritätsaktionen. Auch für Kuba, Nicaragua, Angola, Mosambik, Chile und den Kampf gegen die Apartheid im südlichen Afrika wurden Spenden gesammelt und Hilfsprojekte organisiert.




Abbildung: Jung- und Thälmann-Pioniere mit voll beladenen Handwagen vor einer SERO-Annahmestelle. Altpapier, Flaschen, Gläser, Textilien und Metalle wurden nicht weggeworfen, sondern als wertvolle Sekundärrohstoffe gesammelt und vergütet – für Altpapier gab es meist 30 Pfennig je Kilogramm, für bestimmte Flaschen und Gläser bis zu 30 Pfennig pro Stück. Rund 17.000 Annahmestellen machten die Rückgabe nahezu überall möglich. Die Erlöse der Pioniersammlungen flossen häufig in die Klassenkasse oder wurden für Solidaritätsaktionen gespendet. Zeitweise deckten Altstoffe rund 40 Prozent des Papier- und bis zu 60 Prozent des Rohstoffbedarfs der Getränke- und Lebensmittelindustrie; insgesamt ersparte SERO der DDR bis zu 15 Prozent ihrer Rohstoffimporte. Kreislaufwirtschaft hieß damals nicht Imagekampagne – sondern Bollerwagen nehmen und losziehen. 



Kinder spendeten die Erlöse von Basaren, Schulklassen sammelten Altpapier und Altstoffe, Belegschaften leisteten zusätzliche Arbeitsschichten und Bürger überwiesen Geld auf Solidaritätskonten. Vieles davon war staatlich organisiert – getragen und mit Leben erfüllt wurde es dennoch von Millionen Menschen.

Diese internationale Hilfe war Teil des Selbstverständnisses der DDR: Wer sich von Kolonialismus, Krieg, Rassismus oder Fremdherrschaft befreien wollte, sollte nicht allein gelassen werden. Solidarität bedeutete deshalb nicht nur Mitgefühl oder schöne Worte, sondern praktische Unterstützung.

Die DDR ließ internationale Solidarität konkret werden – in Hörsälen und Ausbildungsbetrieben, in Krankenhäusern, auf Baustellen und bei unzähligen Sammlungen im ganzen Land. Solidarität wurde nicht nur erklärt. Sie wurde gelebt.

Es war leicht, sich mit der Außenpolitik dieses Staates zu identifizieren – und für viele von uns ist es das bis heute.



Abbildung: Jung-Pioniere bei einer Begegnung mit Soldaten der Nationalen Volksarmee. Schulen und Pioniergruppen unterhielten häufig Patenschaften zu Einheiten der NVA: Soldaten besuchten Pioniernachmittage, beantworteten Fragen und zeigten den Kindern ihren Alltag und ihre Technik; umgekehrt fanden Besuche in Kasernen statt. Damit sollte die Armee kein anonymer Apparat bleiben, sondern als Teil der Gesellschaft wahrgenommen werden. Natürlich gehörten diese Treffen auch zur politischen und vormilitärischen Erziehung. Vermittelt wurde aber vor allem der Anspruch, dass die NVA nicht für Eroberung, sondern für Frieden und die Verteidigung des eigenen Landes stand – und dass hinter jeder Uniform ein Mensch mit Familie, Beruf und Verantwortung steckte.



11. DANKE, IHR SOLDATEN DER NATIONALEN VOLKSARMEE – FÜR DIE SICHERUNG DES FRIEDENS!

Danke an die hunderttausenden Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA).

Egal, wie man heute über diese Armee spricht – sie verstand sich selbst als Armee des Friedens. Ihr Selbstverständnis beruhte ausdrücklich auf der Tradition des antifaschistischen Kampfes. Die NVA war Teil des Warschauer Vertrages, dessen militärisches Gleichgewicht gegenüber der NATO während des Kalten Krieges wesentlich zur Stabilität Europas beitrug.

In der öffentlichen Darstellung der NVA spielte das Gedenken an die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs eine zentrale Rolle. Regelmäßig nahmen Soldaten an Gedenkveranstaltungen an Mahnmalen für die Opfer des Faschismus teil.

Diese Tradition unterschied sich deutlich von der frühen Geschichte der Bundeswehr, deren Aufbau in den 1950er Jahren stark von ehemaligen Wehrmachtsgenerälen geprägt war und deren Offizierskorps in den ersten Jahrzehnten zu großen Teilen aus früheren Wehrmachtsoffizieren bestand.

Bis weit nach der deutschen Einheit wurden ehemalige NVA-Soldaten offiziell als Menschen geführt, die in einer "fremden Armee" gedient hatten – eine Einstufung, die viele Betroffene als historisch und moralisch problematisch empfanden.



Abbildung: spielende Kinder zwischen modernen Wohnblöcken der DDR. Beim "komplexen Wohnungsbau" entstanden nicht nur Wohnungen, sondern ganze Wohngebiete mit Spielplätzen, Grünflächen, Kinderkrippen, Schulen, Polikliniken, Kaufhallen und öffentlichem Nahverkehr. Die Innenhöfe gehörten den Bewohnern – und vor allem den Kindern –, nicht parkenden Blechlawinen. Neubauwohnungen boten Zentralheizung, warmes Wasser, Bad und Balkon; eine Dreiraumwohnung kostete häufig kaum mehr als 80 Mark im Monat. Die Platte war nicht grau geplant, sondern als bezahlbarer und lebenswerter Raum für Familien.



12. DANKE FÜR EINE KINDHEIT OHNE EXISTENZANGST

Und vielleicht ist das der wichtigste Punkt. Danke für eine Kindheit ohne Angst.

  • Keine Angst, dass die Eltern arbeitslos werden.
  • Keine Angst, dass die Wohnung verloren geht.
  • Keine Angst, dass eine Krankheit die Familie in finanzielle Not bringt.

In der DDR waren zentrale Lebensbereiche des Alltags gesellschaftlich abgesichert. Im Detail habe ich das bereits oben ausgeführt. Diese Sicherheit prägte ganze Generationen von Familien – und damit auch ihre Kinder. Der soziale Unterschied zwischen Kindern spielte im Alltag keine Rolle. Natürlich gab es Unterschiede zwischen Familien – aber soziale Ungleichheit war nicht sichtbar. Denn: als Kinder besaßen wir alle Dasselbe: die gleichen (unverwüstlichen!) Schulranzen, die gleichen Turnbeutel und Turnschuhe, ähnliche Hefte und Stifte. 

Der Sohn eines Professors und der Sohn eines Arbeiters saßen im selben Klassenzimmer. Zugang zu Bildung war grundsätzlich offen. Schulbildung, Lehrstellen und Studienplätze kosteten nichts. Doch was viele Kinder der DDR besonders prägte, war das Gefühl von Gemeinschaft und Chancengleichheit. Man lernte früh, dass Dinge gemeinsam funktionieren: im Klassenverband, im Pioniernachmittag, im Sportverein, im Ferienlager oder bei gemeinsamen Aktionen.


Ein Beispiel dafür waren die bekannten SERO-Sammlungen. Kinder sammelten Altpapier, Glasflaschen oder Metall und brachten diese in Sammelstellen. Ein Teil der Erlöse floss in Solidaritätsaktionen, etwa für Vietnam, Kuba, Angola oder Nicaragua.

Für viele Kinder war das keine Pflicht, sondern eine Erfahrung: dass selbst kleine Beiträge Teil einer größeren Idee sein konnten. Viele Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, erinnern sich deshalb nicht nur an politische Strukturen oder wirtschaftliche Systeme.

Sie erinnern sich vor allem an ein Lebensgefühl. An eine Kindheit, in der Zukunft nicht als Bedrohung erschien, sondern als etwas Selbstverständliches. Eine sorgenfreie Kindheit ohne Existenzangst.




Abbildung: Die Abbildung zeigt einen Barkas B 1000 des Fortschritt-Kundendienstes bei einer Reparatur direkt auf dem Feld. Während der Ernte zählte jede Stunde: Mobile Werkstattwagen brachten Landmaschinenschlosser, Prüfgeräte, Ersatzteile und Werkzeug genau dorthin, wo Mähdrescher, Häcksler oder Traktoren ausgefallen waren. So mussten die schweren Maschinen nicht erst mühsam in eine Werkstatt geschleppt werden und konnten häufig noch am selben Tag weiterarbeiten. Dieser Kundendienst endete keineswegs an der DDR-Grenze: Auch in nordafrikanischen Ländern wurden exportierte Fortschritt-Maschinen unter schwierigen Klima- und Einsatzbedingungen vor Ort betreut. Service bedeutete damals nicht Hotline und Warteschleife, sondern Werkzeugkoffer auf, Haube hoch und die Ernte retten.



13. DANKE AN DIE INGENIEURE UND FACHARBEITER – FÜR PRODUKTE, DIE JAHRZEHNTE HIELTEN

Danke euch, Ingenieure, Konstrukteure, Meister, Dreher, Elektriker und Facharbeiter der DDR. Danke für eine industrielle Kultur, in der Haltbarkeit, Reparierbarkeit und solide Konstruktion selbstverständlich waren.

Luxus spielte oft eine untergeordnete Rolle. Aber ihr habt uns etwas gezeigt, das heute fast vergessen scheint: Wenn man will, kann man Produkte bauen, die nicht nach wenigen Jahren ersetzt werden müssen, sondern Jahrzehnte funktionieren.

Viele Menschen erinnern sich bis heute daran, dass Geräte aus DDR-Produktion häufig 20, 30 oder sogar 40 Jahre im Einsatz waren. Waschmaschinen, Radios, Fernseher, Küchengeräte oder Werkzeuge wurden nicht für schnelle Ersatzzyklen entwickelt, sondern für lange Nutzung. Reparatur war normal. Ersatzteile waren verfügbar. Geräte wurden gewartet, nicht weggeworfen.

Das stand in starkem Kontrast zu einem Wirtschaftssystem, das im Westen zunehmend auf kürzere Produktzyklen und geplante Alterung setzte, um ständig neue Nachfrage zu erzeugen. Viele von uns haben diese Erfahrung aus der eigenen Kindheit mitgenommen: Dass Technik langlebig sein kann. Dass Qualität nicht von Marketing abhängt, sondern von Konstruktion und Material.


Man denke nur an Dinge wie:

  • Waschmaschinen, die Jahrzehnte liefen
  • Fernseher, die repariert statt ersetzt wurden
  • Radios, die über Generationen funktionierten
  • Kühlschränke, die 20 Jahre und länger im Einsatz waren
  • Staubsauger, die mechanisch robust gebaut waren
  • Küchenmaschinen, die Familien über Jahrzehnte begleiteten
  • Werkzeugmaschinen, die in Werkstätten jahrzehntelang arbeiteten
  • Fotoapparate, die heute noch funktionieren
  • Fahrräder, die praktisch unverwüstlich waren
  • Elektrowerkzeuge, die auf Langlebigkeit ausgelegt waren

Diese Kultur entstand nicht von selbst. Sie war das Ergebnis der Arbeit von Millionen Beschäftigten in volkseigenen Betrieben. Darum gehört ein ausdrückliches Danke auch an die Werktätigen vieler Betriebe, deren Namen bis heute in Erinnerung geblieben sind:

  • VEB Robotron (Elektronik und Computertechnik)
  • Carl Zeiss Jena (Optik und Präzisionsinstrumente)
  • VEB Pentacon Dresden (Kameras, Fototechnik)
  • RFT Rundfunk- und Fernmelde-Technik (Radios, Fernseher, Elektronik)
  • VEB Sachsenwerk Dresden (Elektrotechnik)
  • IFA-Kombinat (Fahrzeugbau)
  • VEB Narva Berlin (Beleuchtungstechnik)
  • VEB Elektrogerätewerk Suhl (Haushaltsgeräte)
  • VEB Bergmann-Borsig Berlin (Maschinenbau)
  • VEB Kombinat Mikroelektronik Erfurt

Diese Betriebe und ihre Beschäftigten haben Generationen geprägt. Nicht nur durch Produkte, sondern durch eine Haltung: Technik soll funktionieren, nicht möglichst schnell ersetzt werden.

Vielleicht ist das der Grund, warum viele Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, bis heute ein feines Gespür dafür haben, wenn Industrie versucht, ihnen jedes Jahr ein neues Produkt zu verkaufen, obwohl das alte eigentlich noch funktionieren könnte.

Denn wer erlebt hat, dass Dinge 30 Jahre halten können, der weiß: Es geht auch anders. Man muss es nur wollen.





Abbildung: "Das kalte Herz" von 1950 war der erste Märchenfilm und zugleich der erste Farbfilm der DEFA. Paul Verhoevens Verfilmung nach Wilhelm Hauff setzte mit aufwendigen Babelsberger Kulissen, Agfacolor, kostspieliger Tricktechnik und einem starken Drehbuch Maßstäbe für die gesamte spätere DDR-Märchenproduktion – fast 9,8 Millionen Zuschauer sahen den Film im Kino. Dabei ging es nicht nur um Unterhaltung, sondern um Habgier, soziale Ungleichheit und die Frage, was vom Menschen übrig bleibt, wenn Geld wichtiger wird als Mitgefühl. Während im Westen Karl Mays frei erfundene Winnetou-Abenteuer Erfolge feierten, erzählten die DEFA-Indianerfilme vom Widerstand der Ureinwohner gegen Landraub und Kolonialismus. Gojko Mitić spielte zwischen 1966 und 1983 in zwölf dieser Filme Häuptlinge und historische Persönlichkeiten wie Tecumseh, Osceola und Ulzana. Märchenfilme, Gegenwartsdramen, Abenteuerfilme und legendäre Fernsehserien: Die DDR produzierte nicht bloß bewegte Bilder, sondern Geschichten mit Haltung, handwerklichem Anspruch und bleibendem Erinnerungswert.



14. DANKE, LIEBE DREHBUCHAUTOREN, REGISSEURE UND FILMSCHAFFENDE – FÜR FILME MIT QUALITÄT UND INHALT

Danke euch, den Drehbuchautoren, Regisseuren, Schauspielern, Kameraleuten und Bühnenbildnern der DDR. Danke für eine Film- und Fernsehlandschaft, die Unterhaltung nie nur als Ablenkung verstand, sondern fast immer auch als Bildung, Haltung und gesellschaftliche Reflexion.

Wenn man heute alte Filme oder Serien aus der DDR sieht – Produktionen der DEFA, des DDR-Fernsehens oder auch aus anderen Ländern des Ostblocks – passiert oft etwas Überraschendes. Viele Zuschauer stellen fest, dass sie von der Qualität der Dialoge, der Tiefe der Gespräche und der inhaltlichen Dichte überrascht sind.

Selbst Werke, die eigentlich reine Unterhaltung sein sollten, wirken heute oft bemerkenswert anspruchsvoll.

Die DDR verfügte mit der DEFA (Deutsche Film-Aktiengesellschaft) über eines der größten Filmstudios Europas. Zwischen 1946 und 1992 entstanden dort rund 950 Kinofilme und über 800 Fernsehproduktionen, darunter Spielfilme, Kinderfilme, Dokumentationen und Animationsfilme. Viele davon prägten ganze Generationen.

Unsere Kindheit wurde geprägt von Märchenfilmen, historischen Stoffen, Science-Fiction-Filmen, Abenteuergeschichten und zeitgenössischen Produktionen. Filme wie Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, Die Legende von Paul und Paula, Spur der Steine, Die Geschichte vom kleinen Muck oder Moritz in der Litfaßsäule sind bis heute Teil des kulturellen Gedächtnisses.

Auch Serien wie "Polizeiruf 110", "Zur See", "Das unsichtbare Visier" oder die "Spuk"-Reihen oder zahlreiche Kinderprogramme gehörten zum Alltag vieler Familien.

Bemerkenswert war dabei etwas, das heute selten geworden ist: Fast jede Geschichte transportierte eine Botschaft. Egal ob Märchen, Science-Fiction, Abenteuerfilm oder historische Erzählung – meist ging es auch um Werte.

Kinder lernten dabei früh Begriffe und Haltungen kennen wie:

  • Solidarität
  • Gemeinschaftssinn
  • Gerechtigkeit
  • Antifaschismus
  • Frieden
  • Gleichberechtigung
  • Emanzipation
  • Verantwortung für die Gesellschaft
  • Mut zur Wahrheit
  • Respekt vor Arbeit und Leistung

Es wäre vermutlich keine Übertreibung zu sagen, dass ein Teil des Charakters vieler DDR-Kinder auch durch diese Filme geprägt wurde. Nicht durch Predigten, sondern durch Geschichten. Geschichten, in denen Freundschaft wichtiger war als Konkurrenz.
In denen Solidarität stärker war als Egoismus. In denen Freiheit nicht nur als individuelles Recht, sondern auch als Verantwortung gegenüber anderen verstanden wurde.

Viele Menschen, die heute alte DDR-Filme wiedersehen, erleben deshalb einen Moment der Überraschung. Man merkt plötzlich, wie viel Gedanken, Ernsthaftigkeit und kultureller Anspruch in diesen Produktionen steckte.

Darum gehört auch hier ein einfaches Wort hin: Danke.

Danke dafür, dass ihr uns als Kinder nicht unterschätzt habt. Danke dafür, dass ihr Unterhaltung mit Haltung verbunden habt. Und danke dafür, dass viele dieser Geschichten bis heute wirken.





Abbildung: In jeder Kleinstadt, oft auch in Dörfern hab es sie, die Bibliothek (hier im Bild rechts: Treuenbrietzen, in den 1980ern)

Während 1995 etwa 40 % der Westdeutschen noch nie eine Bibliothek genutzt hatten, traf das auf nur ca. 15 % der Ostdeutschen zu.


15. DANKE, LIEBE SCHRIFTSTELLER – FÜR EINE FANTASTISCHE BUCHWELT IN UNSERER DDR-KINDHEIT

Danke euch, liebe Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Illustratorinnen, Verleger und Bibliothekare. Danke für eine Kindheit in einem Land, das nicht umsonst oft "Leseland DDR" genannt wurde.

In kaum einem anderen Land Europas spielte das Buch eine so zentrale Rolle im Alltag. Lesen war kein Nischenhobby, sondern Teil des kulturellen Lebens. Bücher waren erschwinglich, Bibliotheken allgegenwärtig, und Kinderliteratur wurde mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit produziert.

In den 1980er Jahren erschienen in der DDR jährlich etwa 5.000 bis 6.000 neue Buchtitel, mit Gesamtauflagen von teilweise über 100 Millionen Exemplaren pro Jahr. Viele Kinderbücher erreichten Auflagen von 50.000 bis 300.000 Exemplaren, manche sogar deutlich mehr.


Besonders bemerkenswert war das dichte Netz öffentlicher Bibliotheken. Ende der 1980er Jahre existierten in der DDR rund 13.000 Bibliotheken und Büchereien – in Städten, Gemeinden, Schulen, Betrieben und Kulturhäusern. Millionen Menschen nutzten sie regelmäßig. Für viele Kinder gehörte der Gang in die Bibliothek genauso selbstverständlich zum Alltag wie der Schulweg. Und was für Bücher wir dort fanden.

Unsere Kindheit war bevölkert von Figuren und Geschichten, die bis heute im Gedächtnis geblieben sind.

Wir lasen Benno Pludra, James Krüss, Jurij Brězan, Günter Görlich, Franz Fühmann, Heinz Kahlau, Gerhard Holtz-Baumert, Ruth Werner, Christa Kozik, Werner Heiduczek, Erwin Strittmatter, Karl Neumann und viele andere.

Wir lasen fantastische Geschichten wie "Der Zauberer der Smaragdenstadt", Abenteuerbücher, Märchen, Science-Fiction und historische Romane. Wir lasen Reihen und Figuren, die uns begleiteten: Atze, Frösi, Mosaik, ABC-Zeitung, Trommel, Bummi.




Abbildung: Gelesen wurde in der DDR überall – und eben oft öffentlich, so wie hier in Berlin in den 1980er Jahren. Das viel zitierte "Leseland DDR" war mehr als eine politische Losung: Allein 1988 erschienen 6.590 Buchtitel und Nachauflagen mit insgesamt fast 150 Millionen Exemplaren – rund neun Bücher je Einwohner. Mehr als fünf Millionen Menschen nutzten die staatlichen, gewerkschaftlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken; im selben Jahr wurden über 118 Millionen Bücher ausgeliehen. Begehrte Romane waren oft schon kurz nach Erscheinen vergriffen und wurden weitergegeben, getauscht oder unter dem Ladentisch hervorgeholt. Gelesen wurde in der Straßenbahn, im Café, auf der Parkbank und in der Arbeitspause – öffentlich, selbstverständlich und mit erstaunlicher Ausdauer.



Diese Bücher machten etwas mit uns. Sie öffneten Welten. Sie förderten Fantasie. Sie trainierten Vorstellungsvermögen. Viele Geschichten erzählten von Freundschaft, Mut, Solidarität, Gerechtigkeit und Zusammenhalt. Sie nahmen Kinder ernst und trauten ihnen zu, komplexe Gedanken zu verstehen. Es war eine Literatur, die Kinder nicht unterschätzte.

Viele Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, erinnern sich deshalb bis heute daran, wie selbstverständlich Bücher zu ihrem Alltag gehörten. Lesen war keine Pflichtübung, sondern Abenteuer. Umso größer war der Bruch nach 1990.

1988 gab es insgesamt rund 18.000 Bibliothekseinrichtungen in der DDR, je nach Zählweise inklusive Wohngebiets-, Dorf-, Schul-, Betriebs- und Gewerkschaftsbibliotheken. Für 1989 kann man realistisch von derselben Größenordnung ausgehen. Bei rund 16,4 Millionen Einwohnern entsprach das etwa einer Bibliothekseinrichtung pro 900 Einwohner.


Ein erheblicher Teil der DDR-Bibliotheken wurde nach 1990 geschlossen, zusammengelegt oder aufgelöst. Bestände wurden ausgesondert, ganze Sammlungen verschwanden. Viele Kinderbücher und Autoren der DDR verschwanden aus dem Buchhandel.

Mit ihnen verschwand auch ein Teil jener kulturellen Landschaft, die Generationen geprägt hatte. Darum gehört auch hier ein einfaches Wort hin: Danke, liebe Schriftsteller unserer Kindheit.

Danke für Geschichten, die unsere Fantasie beflügelt haben. Danke für Bücher, die uns zum Denken gebracht haben. Und danke dafür, dass viele von uns bis heute wissen, wie viel Kraft in einem guten Buch steckt.




Abbildung: Ein Abschnittsbevollmächtigter der Volkspolizei, kurz ABV, der Touristen den Weg erklärt. Seit 1952 war die gesamte DDR in feste Polizeibereiche eingeteilt; ein ABV betreute durchschnittlich rund 4.000 Einwohner und kannte sein Revier meist besser als jeder Stadtplan. Er regelte den Verkehr, nahm Anzeigen auf, kümmerte sich um Ordnung und war für Einwohner wie Besucher unmittelbar ansprechbar. Maschinenpistolen, Stichschutzwesten und martialische Ganzkörperrüstungen gehörten nicht zum normalen Straßenbild. Die Polizei war sichtbar – aber eben nicht als schwer bewaffnete Kampftruppe inszeniert.



16. DANKE LIEBE VOLKSPOLIZISTEN UND ABV – FÜR SICHERHEIT IM ALLTAG

Danke auch euch, den Polizisten der Volkspolizei und den vielen Abschnittsbevollmächtigten (ABV), die in Städten und Dörfern präsent waren.

Ihr wart für viele Menschen tatsächlich das, was der Name versprach: eine Polizei des Volkes. In fast jedem Wohngebiet gab es einen zuständigen ABV. Man kannte ihn persönlich. Er kannte die Familien, die Jugendlichen, die Probleme eines Viertels. Polizeiarbeit bedeutete nicht nur Eingreifen, sondern vor allem Präsenz und Vorbeugung.

Viele Menschen erinnern sich daran, dass man der Volkspolizei mit Respekt, aber nicht mit Angst begegnete. Polizisten waren Teil des Alltags – sichtbar auf der Straße, an Bahnhöfen, bei Veranstaltungen oder im Wohngebiet.

Auffällig war auch das Erscheinungsbild. Volkspolizisten trugen meist keine schweren Waffen, keine Maschinenpistolen, keine Körperpanzer und keine hochgerüstete Schutzausrüstung. Die Polizeiarbeit war in der Regel nicht militarisiert, weil die gesellschaftliche Situation eine solche Aufrüstung nicht erforderlich machte.


Die Kriminalitätszahlen lagen vergleichsweise niedrig, besonders bei schweren Gewaltverbrechen. Städte und Wohngebiete galten als sicher, auch nachts. Für Kinder gehörte der Volkspolizist zum vertrauten Bild des Alltags. Viele erinnerten sich später daran, dass sie als Kinder selbst einmal Volkspolizist werden wollten – dicht gefolgt von Berufen wie Kosmonaut, Lokführer oder Kapitän.

Das sagt viel über das Bild aus, das diese Institution im Alltag hatte.

Der Volkspolizist stand für Ordnung, Sicherheit und Präsenz im öffentlichen Raum – und für viele Menschen auch für ein Gefühl von Verlässlichkeit im Alltag. Darum gehört auch hier ein einfaches Wort hin: Danke.




Abbildung: Die Abbildung zeigt eine Kinderkombination, in der Kinderkrippe und Kindergarten unter einem Dach vereint waren. Während die Jüngsten bis zum dritten Lebensjahr in der Krippe betreut wurden, wechselten sie anschließend in den Kindergarten – oft ohne ihre vertraute Umgebung verlassen zu müssen. 1989 verfügte die DDR für rund 80 Prozent der Kleinkinder und 95 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen über einen Betreuungsplatz. Die ganztägige Betreuung war bis auf einen geringen Essensbeitrag kostenlos und umfasste Spiel, Bildung, Bewegung sowie medizinische Vorsorge. Abenteuerland und gut aufgehoben – nicht als Luxus für Besserverdienende, sondern als selbstverständliches Angebot für nahezu alle Kinder.



17. DANKE FÜR KRIPPEN, KINDERGÄRTEN UND EINE FAMILIENPOLITIK, DIE DEN NAMEN VERDIENTE

Danke euch, liebe Krippenerzieher, Kindergärtnerinnen, Horterzieher, Köche, Hausmeister und Kinderärzte. Danke für ein Betreuungssystem, das Familien tatsächlich entlastete und nicht nur in Sonntagsreden vorkam.

Die DDR ging davon aus, dass Frauen selbstverständlich berufstätig sind und Kinder trotzdem zuverlässig betreut werden müssen. Deshalb wurden Kinderkrippen, Kindergärten und Schulhorte flächendeckend ausgebaut. Die Öffnungszeiten orientierten sich an den Arbeitszeiten der Eltern und nicht umgekehrt. Niemand musste seinem Betriebsleiter erklären, dass die Kita leider schon um 13:30 Uhr schließt.

1989 standen für über 80 Prozent der Kinder unter drei Jahren Krippenplätze zur Verfügung. Bei den Kindergartenkindern lag der Versorgungsgrad bei etwa 94 Prozent und bei den Schulkindern im Hort bei rund 82 Prozent. Alle anderen Kinder brauchten schlicht keine Betreuung, weil sie beispielsweise zuhause (oder bei den Großeltern) waren. In Westdeutschland gab es damals dagegen nur für ungefähr zwei Prozent der unter Dreijährigen einen Krippenplatz und für etwa vier Prozent der Schulkinder einen Hortplatz.


Krippe, Kindergarten und Hort waren staatlich finanziert. Eltern zahlten im Wesentlichen einen überschaubaren Beitrag für die Verpflegung. Betreuungskosten, bei denen heute ein Elternteil kurz prüft, ob sich Arbeiten überhaupt noch lohnt, waren in der DDR unbekannt.

Dabei ging es nicht nur um Aufbewahrung. Es gab feste Tagesabläufe, gemeinsame Mahlzeiten, Mittagsruhe, Bewegung, Spiel, Musik, Basteln und erste naturkundliche Erfahrungen. Ärzte und Zahnärzte untersuchten die Kinder regelmäßig in den Einrichtungen. Der Staat verstand Kinderbetreuung, Bildung und Gesundheitsvorsorge als zusammengehörende öffentliche Aufgaben.

Auch die Familienpolitik wurde schrittweise ausgebaut. Seit 1976 gab es das bezahlte "Babyjahr", zunächst vor allem für Mütter ab dem zweiten Kind. 1986 wurde es bereits beim ersten Kind gewährt. Hinzu kamen bezahlte Freistellungen bei der Erkrankung eines Kindes, besondere Unterstützung für Alleinerziehende, zinslose Ehekredite (die man im übrigen "abkindern" konnte) und der monatliche Haushaltstag für viele berufstätige Frauen.

Die hohe Erwerbstätigkeit der Frauen in der DDR war deshalb kein Wunder und schon gar kein Zufall. Sie wurde durch ein Betreuungssystem ermöglicht, das den Alltag von Familien ernst nahm.

Die DDR diskutierte nicht jahrzehntelang über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sie baute Krippen, Kindergärten und Horte.



Abbildung: Das VI. Turn- und Sportfest der DDR, das vom 25. bis 31. Juli 1977 gemeinsam mit der VI. Kinder- und Jugendspartakiade in Leipzig stattfand. Mehr als 70.000 Turner, Sportler und Nachwuchsathleten verwandelten die Stadt eine Woche lang in die Hauptstadt des Breitensports. Allein an der großen Sportschau im Zentralstadion wirkten 30.000 Menschen mit – vor 100.000 Zuschauern auf den Rängen. Hinzu kamen fast 500 internationale Gäste aus 53 Ländern. Sport war in der DDR keine exklusive Freizeitbeschäftigung, sondern Massenbewegung, Gemeinschaftserlebnis und internationale Begegnung.



18. DANKE FÜR SPORT, DER ALLEN OFFENSTAND

Danke euch, liebe Sportlehrer, Übungsleiter, Trainer, Platzwarte und ehrenamtliche Helfer. Danke für einen Sport, bei dem nicht zuerst nach Einkommen, Vereinsgebühr oder Ausrüstung der Eltern gefragt wurde.

Ende der 1980er Jahre zählte der Deutsche Turn- und Sportbund der DDR rund 3,8 Millionen Mitglieder. Bei knapp 16,5 Millionen Einwohnern war damit fast jeder vierte DDR-Bürger organisiert sportlich aktiv. Die Sportler waren in Tausenden Betriebssportgemeinschaften, Schulsportgemeinschaften und Vereinen organisiert.


Die Betriebssportgemeinschaften wurden von volkseigenen Betrieben und Einrichtungen getragen. Namen wie Dynamo, Lokomotive, Chemie, Motor, Stahl, Einheit, Aufbau oder Traktor verrieten meistens schon, welcher gesellschaftliche Bereich dahinterstand. Die Betriebe finanzierten Sportstätten, Ausrüstung, Trainer und Wettkämpfe. Die Mitgliedsbeiträge blieben dadurch niedrig.

Das Angebot reichte von Fußball, Handball, Volleyball, Leichtathletik und Schwimmen bis zu Ringen, Boxen, Turnen, Rudern, Segeln, Kegeln, Tischtennis, Wintersport und Motorsport. Selbst kleinere Städte und Gemeinden besaßen Sportgemeinschaften mit mehreren Sektionen. Man musste kein künftiger Olympiasieger sein. Es genügte vollkommen, dienstags zum Training zu erscheinen und die Turnschuhe nicht wieder zu Hause vergessen zu haben.

Eine besondere Rolle spielten die Kinder- und Jugendspartakiaden. Sie wurden seit den 1960er Jahren auf Kreis-, Bezirks- und DDR-Ebene ausgetragen. Millionen Kinder kamen dadurch mit organisiertem Wettkampfsport in Berührung. Talente wurden früh erkannt und gefördert, aber für die meisten Teilnehmer blieben die Spartakiaden vor allem ein großes gemeinsames Sportereignis.

Hinzu kamen Schulsportgemeinschaften, Trainingszentren und die beliebten Sportfeste.

Die Fernsehsendung "Mach mit, mach's nach, mach's besser" brachte ab 1964 ganze Schulmannschaften in Bewegung. Moderator Gerhard "Adi" Adolph wurde praktisch zum Sportlehrer der Republik – nur ohne Klassenbuch und unangekündigten 1.000-Meter-Lauf.

Die sportliche Infrastruktur war trotz mancher Engpässe beachtlich. 1989 gab es in der DDR unter anderem 262 Stadien, 1.175 Sportplätze, 3.924 Sporthallen, 2.139 Sportsäle, 212 Hallenschwimmbäder, 1.449 Freibäder und rund 1.800 Kegelsportanlagen.


Das Ergebnis zeigte sich auch international. Zwischen 1968 und 1988 gewannen Sportler der DDR bei Olympischen Spielen mehr als 500 Medaillen. Bei den Sommerspielen 1988 in Seoul belegte die DDR hinter der Sowjetunion und noch vor den USA den zweiten Platz im Medaillenspiegel.

Sport sollte nicht vom Einkommen der Eltern abhängen. Ein talentiertes Kind brauchte keine wohlhabende Familie, keinen privaten Fahrdienst und keinen dreistelligen Monatsbeitrag. Es brauchte Sportsachen, Disziplin und einen Übungsleiter, der sein Talent erkannte.

Sport war in der DDR kein Lifestyleprodukt. Sport war Volkssport – Trainingsanzug, Turnbeutel und Muskelkater inklusive.



Abbildung: Urlaub bedeutete für viele Familien: Zelt, Klappstuhl und Campingkocher direkt hinter den Dünen unserer Ostsee. 1988 übernachteten rund 2,5 Millionen Menschen auf den staatlichen Zeltplätzen der DDR; im Bezirk Rostock entfiel mehr als ein Viertel aller Urlauber auf öffentliche Campingplätze. Rund 33 Prozent sämtlicher Campingübernachtungen der DDR wurden an der Ostseeküste gezählt. Tagsüber Strand, Baden und Ballspielen, abends Bockwurst, Gaskocher und Meeresrauschen. Kein All-inclusive-Armband, aber Sand in jeder Tasche und das Meer direkt vor der Zelttür.


19. DANKE FÜR FERIENLAGER, FERIENPLÄTZE UND URLAUB FÜR ALLE

Danke für Betriebsferienheime, FDGB-Ferienplätze, Campingplätze, Pionierlager und Betriebsferienlager. Danke für die Idee, dass Erholung nicht nur denjenigen zusteht, die viel verdienen.

Der Feriendienst des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes wurde 1947 gegründet. Im ersten Jahr vermittelte er gerade einmal 17.500 Reisen. Bis zum Ende der DDR entstand daraus das größte organisierte Urlaubssystem des Landes.

1989 verfügte der FDGB über 694 eigene sowie 371 vertraglich genutzte Ferienobjekte. Hinzu kamen rund 7.250 betriebliche Ferieneinrichtungen – vom einfachen Bungalow über Zelt- und Campingplätze bis zum Ferienhotel. Zusammen ermöglichten diese Einrichtungen jährlich rund 5,1 Millionen Ferienreisen.

Die Urlauber mussten häufig nur etwa 25 Prozent der tatsächlichen Kosten für Unterkunft und Verpflegung selbst bezahlen. Den Rest trugen Gewerkschaft, Betrieb und Staat. Für Kinder bis zum Abschluss der zehnten Klasse kostete ein 13-tägiger Ferienaufenthalt einheitlich 30 Mark.


1989 gab der Staat für den Feriendienst direkt und indirekt rund 550 Millionen Mark aus. Urlaub galt nicht als Luxus, sondern als Bestandteil der sozialen Versorgung und der Wiederherstellung der Arbeitskraft. Das klang etwas nüchtern, bedeutete aber praktisch: Mutti, Vati und die Kinder kamen auch mit einem normalen Einkommen an die Ostsee, in den Thüringer Wald, den Harz oder die Sächsische Schweiz.

Natürlich bekam nicht jeder den ersehnten Platz auf Rügen im Hochsommer. Manchmal wurde aus dem Traum von Binz eben ein Bungalow im Harz mit Gemeinschaftsdusche. Und wer eine Kreuzfahrt mit der "Völkerfreundschaft" ergatterte, hatte vermutlich entweder großes Glück oder einen sehr verständnisvollen Vorsitzenden der Ferienkommission.

Für Kinder waren die Ferienlager oft noch prägender. Es gab zentrale Pionierferienlager und Tausende Ferienlager von Betrieben, Kombinaten und staatlichen Einrichtungen. Hunderttausende Kinder verbrachten jedes Jahr einen Teil ihrer Sommerferien dort – unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern.

Zum Ferienlager gehörten Frühsport, Baden, Wanderungen, Geländespiele, Lagerfeuer, Diskotheken und Nachtwanderungen. Hinzu kamen Freundschaften, erste Schwärmereien, Heimweh, Gemeinschaftswaschräume und jene pädagogisch hochentwickelte Tradition, nachts Zahnpasta auf Türklinken zu verteilen. Die Unterbringung war nicht immer luxuriös. Mehrbettzimmer, Doppelstockbetten und Waschräume auf dem Flur gehörten häufig dazu. Dafür waren die Ferien bezahlbar, organisiert und voller gemeinsamer Erlebnisse. Viele Kinder sahen im Ferienlager erstmals das Meer, fuhren ohne Eltern weg und lernten, sich in einer Gruppe zurechtzufinden.

Auch Erwachsene profitierten von betrieblichen Ferienheimen, Campingplätzen und günstigen Familienreisen. 1989 fuhren mehr als 80 Prozent der DDR-Bevölkerung mindestens einmal in den Urlaub. Der FDGB vermittelte knapp zwei Millionen Reisen, die Betriebe weitere mehr als drei Millionen.

Die Reisefreiheit der DDR war politisch eingeschränkt. Das gehört zur historischen Wahrheit. Ebenso wahr ist aber, dass Erholung innerhalb des Landes nicht allein vom privaten Geldbeutel abhing. Urlaub war (im Gegensatz zu heute) selbstverständlich.




Abbildung: Sigmund Jähn und der sowjetische Kosmonaut Waleri Bykowski vor Sojus 31, kurz vor ihrem Start vom Kosmodrom Baikonur am 26. August 1978. Mit Jähn flog nicht nur der erste Deutsche und 90. Mensch ins Weltall – an Bord der Raumstation Saljut 6 arbeitete auch Hochtechnologie aus der DDR. Während der Mission führten die Kosmonauten 24 Experimente durch, darunter Erdaufnahmen mit der beim VEB Carl Zeiss Jena entwickelten Multispektralkamera MKF-6M. Ihre Vorgängerversion war bereits 1976 mit Sojus 22 ins All geflogen; Weiterentwicklungen kamen später auf Saljut 7 und sogar auf der Raumstation Mir zum Einsatz. Die DDR war im Interkosmos-Programm also nicht bloß Passagier, sondern lieferte international anerkannte Forschung und Präzisionstechnik.



20. DANKE, LIEBE WISSENSCHAFTLER, FORSCHER UND TECHNIKER – FÜR FORTSCHRITT IM DIENSTE DER MENSCHEN, NICHT DER KONZERNE...

Danke euch, den Wissenschaftlern, Konstrukteuren, Laboranten, Ingenieuren, Technikern und Facharbeitern. Danke dafür, dass ein kleines Land mit begrenzten Rohstoffen, knappen Devisen und nur rund 16 Millionen Einwohnern trotzdem den Anspruch hatte, wissenschaftlich und technisch auf Augenhöhe mitzuhalten.

Die DDR unterhielt ein dichtes Netz aus Universitäten, Hochschulen, der Akademie der Wissenschaften, medizinischen Forschungszentren und Entwicklungsabteilungen der Kombinate. Besonders stark war sie in Optik, Maschinenbau, Chemie, Medizin, Verkehrstechnik, Messgerätebau, Astronomie und Teilen der Mikroelektronik.

International bekannt war beispielsweise Carl Zeiss Jena. Das Kombinat entwickelte und produzierte Mikroskope, Planetariumstechnik, Präzisionsmessgeräte, astronomische Instrumente und optische Systeme für die Weltraumforschung. Die in Jena entwickelte Multispektralkamera MKF-6 flog 1976 mit Sojus 22 ins All. Mit sechs Objektiven konnte sie gleichzeitig verschiedene Spektralbereiche der Erdoberfläche aufnehmen und wurde für Geologie, Landwirtschaft, Umweltbeobachtung und Kartografie eingesetzt.

Am 26. August 1978 startete Sigmund Jähn mit Sojus 31 zur sowjetischen Raumstation Saljut 6. Damit wurde ein Arbeiterkind aus dem vogtländischen Morgenröthe-Rautenkranz zum ersten Deutschen im Weltraum – nicht zum ersten Ostdeutschen, wie es nach 1990 gelegentlich kleingeredet wurde, sondern zum ersten Deutschen.


Jähn umrundete die Erde 124-mal und verbrachte sieben Tage, 20 Stunden und 49 Minuten im All. Während der Mission führte er zahlreiche wissenschaftliche Experimente durch. Am 3. September 1978 kehrte er zur Erde zurück. Die Landung verlief etwas ruppig, aber immerhin musste er bei der Reichsbahn keinen Anschlusszug mehr erreichen.

Auch in der Computertechnik entstanden bedeutende Strukturen. Das Kombinat Robotron entwickelte und produzierte Großrechner, Bürocomputer, Personalcomputer, Drucker und Rechentechnik für Betriebe, Verwaltungen und Hochschulen. Ende der 1980er Jahre beschäftigte Robotron rund 70.000 Menschen und war damit das größte Computerkombinat der DDR.

1988 präsentierten Forscher aus Dresden den U61000, den ersten in der DDR entwickelten Ein-Megabit-Speicherchip. Rund eine Million elektronische Speicherzellen befanden sich auf einem einzigen Bauteil. 1989 erhielt der Chip auf der Leipziger Frühjahrsmesse eine Goldmedaille. Eine wirtschaftliche Massenproduktion gelang bis zum Ende der DDR allerdings nicht. Durch Embargos fehlten moderne Anlagen und Technologien.

Gerade deshalb ist die Entwicklungsleistung bemerkenswert. Die Forscher arbeiteten unter Bedingungen, bei denen häufig nicht nur die Lösung, sondern zunächst auch das passende Messgerät, das Material und manchmal sogar das Ersatzteil selbst entwickelt werden mussten. Improvisation war kein Kreativseminar mit Obstkorb, sondern tägliche Notwendigkeit.

Fortschritt zeigte sich nicht nur in spektakulären Prestigeprojekten. DDR-Wissenschaftler entwickelten Medikamente, medizinische Geräte, neue Werkstoffe, Landmaschinen, Werkzeugmaschinen, optische Instrumente und Verfahren zur Energie- und Rohstoffeinsparung. Tausende Neuerer und Jugendforscherkollektive arbeiteten direkt in den Betrieben an technischen Verbesserungen.

Nicht jedes Großprojekt war wirtschaftlich vernünftig. Besonders die Mikroelektronik verschlang enorme Summen und konnte den technologischen Abstand zum Westen nicht vollständig schließen. Aber hinter diesen Problemen standen keine unfähigen Menschen. Dort arbeiteten hervorragend ausgebildete Wissenschaftler, Ingenieure und Facharbeiter, die unter schwierigen Bedingungen erstaunliche Ergebnisse erzielten.

Viele dieser Fachleute wurden nach 1990 entlassen, Institute geschlossen und Forschungsabteilungen abgewickelt. Wissen, Erfahrung und ganze Entwicklungskollektive gingen verloren oder wurden von westlichen Unternehmen übernommen. Die Lebensleistungen der Menschen verschwanden damit jedoch nicht.

Sie hatten weltweit führende Kameras ins Weltall gebracht, Computer gebaut, innovative und wirksame Medikamente entwickelt, exzellente Maschinen konstruiert und den ersten Deutschen auf seinem Weg zu den Sternen begleitet.

Die DDR war klein. Ihr wissenschaftlicher Ehrgeiz war es nicht.




Abbildung: Das neu errichtete Nikolaiviertel in Berlin, das 1987 zur 750-Jahr-Feier der Stadt fertiggestellt wurde. Auf nur 5,7 Hektar entstanden rund 800 Wohnungen, 22 Gaststätten, 33 Läden und mehrere Kultureinrichtungen – historische Rekonstruktionen verbunden mit moderner DDR-Bautechnik. Das Viertel stand beispielhaft für die späte DDR: ein aus Kriegsruinen wiederaufgebautes Land, das lebenswerter, sicherer und städtebaulich vielfältiger geworden war. Natürlich war Ende der 1980er längst nicht jedes Altbauviertel saniert – nach den gewaltigen Zerstörungen war dieses Werk in vier Jahrzehnten kaum vollständig zu bewältigen. Aber das Land war sichtbar auf dem Weg; das damals oft belächelte Nikolaiviertel steht heute als bedeutendes Zeugnis des DDR-Städtebaus unter Denkmalschutz.



ZUM SCHLUSS: DANKE, DASS WIR DAS ERLEBEN DURFTEN

Diese zwanzig Punkte erzählen nicht von einem perfekten Land. Auch in der DDR gab es Fehler, Widersprüche und Dinge, die verändert werden mussten. Aber sie erzählen von einem Land, das den Versuch unternahm, das Leben nicht vollständig dem Markt zu überlassen.

Vor allem erzählen sie von Menschen.

Denn nichts von alledem entstand von selbst. Es waren Millionen Menschen, die dieses Land aufgebaut, getragen und jeden Tag am Laufen gehalten haben. Arbeiter und Bauern, Bauarbeiter und Bergleute, Ingenieure und Wissenschaftler, Lehrer und Erzieher, Ärzte und Krankenschwestern, Künstler und Schriftsteller, Handwerker, Verkäuferinnen, Köche, Fahrer, Eisenbahner und unzählige weitere Werktätige.

Es waren unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern. Menschen, die nach Krieg, Zerstörung und gewaltigen Reparationsleistungen ein neues Land aufbauten. Sie errichteten Wohnungen, Schulen, Kindergärten, Polikliniken, Fabriken, Straßen, Eisenbahnstrecken, Kulturhäuser und Sportstätten. Sie bildeten Kinder aus, versorgten Kranke, entwickelten Maschinen, ernteten Lebensmittel und schufen die Dinge, die unseren Alltag prägten.

Viele dieser Menschen leben heute noch. Sie sind inzwischen alt geworden. Manche erleben seit über 35 Jahren, wie ihre Arbeit, ihr Wissen und ihre gesamte Lebensleistung auf Mangel, Unfreiheit und Scheitern reduziert werden. Wie Betriebe, in denen sie jahrzehntelang arbeiteten, verschwanden. Wie ihre Berufsabschlüsse abgewertet, ihre Erfahrungen belächelt und ihre Erinnerungen infrage gestellt wurden.

Ihnen möchten wir ausdrücklich sagen: Wir haben euch nicht vergessen.

Wir wissen, wer dieses Land aufgebaut hat. Wir wissen, wer morgens in die Betriebe ging, Kinder unterrichtete, Patienten versorgte, Häuser errichtete, Züge fahren ließ, Felder bestellte und dafür sorgte, dass unser Alltag funktionierte. Wir wissen, dass all diese Leistungen nicht von Funktionären auf Papier geschaffen wurden, sondern von Menschen mit ihren Händen, ihrem Wissen, ihrer Kraft und ihrer Lebenszeit.

Danke, dass ihr uns eine Kindheit ohne Existenzangst ermöglicht habt. Danke, dass wir erleben durften, dass Arbeit ein Recht sein kann. Dass eine Wohnung zum Wohnen da ist und nicht zur maximalen Rendite. Dass Gesundheit keine Ware sein muss. Dass Bildung, Kinderbetreuung, Sport, Kultur und Urlaub nicht vom Einkommen der Eltern abhängen müssen.

Danke, dass ihr Dinge für Menschen geschaffen habt – langlebig, reparierbar und bezahlbar. Nicht, damit sie möglichst schnell kaputtgehen und erneut verkauft werden können. Danke, dass ihr uns gezeigt habt, dass Betriebe nicht nur Produktionsstätten sein müssen, sondern auch Lehrbetriebe, soziale Gemeinschaften, Kulturträger und Orte gegenseitiger Hilfe sein können.




Abbildung: Ein Jungpionier mit einer Friedenstaube in den Händen. Jungpioniere waren Schüler der ersten bis dritten Klasse und trugen zu besonderen Anlässen ihr blaues Halstuch. "Wir Jungpioniere lieben den Frieden" lautete eines ihrer Gebote – Friedenserziehung, internationale Freundschaft und Solidarität gehörten fest zur Pionierarbeit. 1988 waren rund 1,49 Millionen Kinder Mitglied der Pionierorganisation "Ernst Thälmann". Für eine Generation, deren Eltern und Großeltern Krieg, Flucht und Zerstörung erlebt hatten, war die weiße Taube weit mehr als Dekoration: Sie verkörperte das Versprechen, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen sollte.



Wir haben durch euch eine Alternative zum heutigen System kennengelernt. Deshalb wissen wir, dass die Welt nicht zwangsläufig so organisiert sein muss, wie sie heute organisiert ist. Krankenhäuser müssen keine Gewinne erwirtschaften. Wohnungen müssen keine Spekulationsobjekte sein. Kinderbetreuung muss kein finanzielles Problem der Eltern sein.

Und der Wert eines Menschen muss sich nicht danach richten, was sich mit ihm verdienen lässt.


Das hat uns geprägt. Vielleicht sind wir deshalb bis heute etwas misstrauisch, wenn man uns erzählt, für soziale Sicherheit sei kein Geld vorhanden, während für Banken, Konzerne und Rüstung plötzlich Milliarden bereitstehen. Wir haben schließlich mit eigenen Augen gesehen, was selbst ein kleines Land mit begrenzten Mitteln schaffen konnte, wenn der Mensch und nicht der Profit im Mittelpunkt stand.

Unser Dank gilt deshalb nicht irgendeinem abstrakten System. Er gilt den Menschen, die es mit ihrer Arbeit überhaupt erst möglich gemacht haben.

Danke, Mutti und Vati. Danke, Oma und Opa. Danke an alle, die dieses Land aufgebaut, getragen und mit Leben erfüllt haben. Danke an diejenigen, die nicht mehr bei uns sind. Und ganz besonders danke an diejenigen, die heute noch unter uns leben und viel zu selten hören, was ihnen eigentlich längst gesagt werden müsste:

"Eure Arbeit war nicht umsonst. Eure Lebensleistung war nicht wertlos. Und wir haben nicht vergessen, was ihr für uns geschaffen habt."

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3 Kommentare

Hallo und ein Danke schön daß es euch gibt .Immer wenn die narzisstische Umgebung ihr imperialistisches Getue zum Vorschein bringt ,dann lese ich eure Seiten.Jetzt kamen die mit dem Aufkleber nein zur Wehrpflicht nicht klar ,und haben ihn einfach abgerissen ohne zu fragen und das von meinem Briefkasten. Alle sagen wir hatten keine Meinungsfreiheit was witzig ist ,denn ich fühlte mich noch nie so bedroht wie hier im Westen.

Dagmar

Danke an die Schlager -Sängerinnen und -Sänger die mein Leben immer noch verschönern ! Die Sportlehrer waren nicht so mein Ding aber trotzdem nachträglich Danke !

Dagmar

Danke, dass ich das alles lesen durfte! Leite ich auch 1:1 weiter an meine Kinder.

Ralle

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