Blühende Schulden: Das Einzige, was zuverlässig in den Osten geliefert wurde
von Markus Gelau
1990 besaß das Volk der DDR Betriebe, Wohnungen, Wälder, Seen und Banken im Wert von weit über einer Billion D-Mark. Heute besitzt es davon praktisch nichts, dafür aber Schulden. Wo ist das Geld eigentlich hin? Die Antwort steht hier: DDR-Volksvermögen 1990: Wie ein Land skrupellos geplündert wurde.
Ich muss mit einem persönlichen Geständnis beginnen: Viele Begriffe, die heute zum selbstverständlichen Wortschatz gehören, kannte ich aus der DDR schlicht nicht. In den letzten Jahrzehnten haben mir immer wieder Menschen aus dem Osten bestätigt, dass es ihnen genauso geht. Und ich frage mich jedes Mal, wenn diese Themen zur Diskussion stehen, ob man an ihnen nicht auch einen gesellschaftlichen Rückschritt ablesen kann.
Ein Beispiel: "die Emanzipation der Frau". Über sie mussten wir in der DDR nicht diskutieren, und wir mussten sie auch nicht fördern, weil sie schlicht schon gelungen war. Frauen waren selbstständig. Natürlich blieb der größte Teil der Kindererziehung und Hausarbeit trotzdem an ihnen hängen, darüber muss man nicht streiten. Aber bis heute merkt man an den Frauen im Osten, wie sehr sich ihr Selbstverständnis vom Frauenbild im Westen unterscheidet.
Es gibt viele solcher Begriffe. Einer davon, und damit bin ich beim Thema, heißt Schulden. Schulden sind heute im Alltag unseres Landes bei fast jedem präsent: aus eigener Erfahrung, über ein Familienmitglied oder über Bekannte. Selbst wer nicht mit Zehntausenden Euro in der Kreide steht oder gar überschuldet ist, erzählt seinen Kumpels schon in jungen Jahren scherzhaft, dass er aus dem Dispo gar nicht mehr rauskommt. Auch der Dispo ist eine Schuld. Und am Schuldenmachen verdient immer jemand anderes.
So etwas kannten wir in der DDR nicht. Man konnte sich dort nicht verschulden, und man musste es auch nicht. Das heißt nicht, dass die DDR ein Paradies war (Ja, hier ist er, der offenbar immer nötige Disclaimer, wenn ein Ostdeutscher über sein Geburtsland schreibt). Das war sie nur zum Teil, nämlich darin, dass das alltägliche Leben völlig sorgenfrei war. Niemand musste sich fragen, ob es für die Miete reicht, ob die Stromrechnung bezahlbar ist oder wie man die Nebenkostennachzahlung stemmen soll. Der Grund dafür war kein Fehler im System, sondern das System selbst: Die DDR subventionierte das tägliche Leben massiv. Das war das Grundverständnis dieses sozialistischen Sozialstaats im ursprünglichsten Sinn, des einzigen und definitiv besten seiner Art auf deutschem Boden.
Was dieser Staat nicht subventionierte, war Luxus. Deshalb ist es müßig, wenn an dieser Stelle immer wieder dieselben Schreihälse um die Ecke kommen: Man musste aber jahrelang auf sein Auto warten! Mein Fernseher hat trotzdem Tausende Mark gekostet, mein Radio auch! Das ist alles richtig. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass diese Dinge als Luxus galten, und das waren sie eben auch tatsächlich in der gesellschaftlichen Einordnung der DDR-Führung. Zum täglichen Leben braucht(e) man sie nicht. Dass diese (DDR-)Geräte ihren Preis über ihre Lebenszeit mehrfach wieder hereinholten, ist ein anderes Thema. Vielleicht widmen wir uns irgendwann einmal der geplanten Obsoleszenz. Wenn Mutti drei Jahrzehnte lang mit ihrer DDR-Waschmaschine die Wäsche sauber kriegt, ist das kein Zufall. Langlebigkeit war staatliche Vorgabe: Eine DDR-Waschmaschine musste mindestens 25 Jahre halten. Vergleichbare Qualität im westlichen Wirtschaftssystem zu produzieren, hieße, dieses System zu Fall zu bringen, denn es lebt vom immerwährenden, regelmäßigen Konsum. Aber dazu an anderer Stelle mehr.
Helmut Kohl versprach 1990 blühende Landschaften. Geblüht haben nach 1990 im Osten jedoch vor allem die Zinsen. Geliefert wurden Altschulden, die nie jemand aufgenommen hatte. Dazu ein Treuhand-Minus von 256 Milliarden D-Mark für ein komplett verkauftes Land, Vertreter mit Haustürverträgen und Rathäuser, die heute ihre Schlaglöcher verwalten, statt sie zu flicken.
Die Westpost brachte Quelle-Kataloge (deren Warenlandschaft übrigens noch kurz zuvor hauptsächlich von DDR-VEB produziert wurde), Mahnbescheide und Inkassobriefe. Pünktlich kam von allem nur eines: die Rechnung. Zeit für eine Lektion Staatsbürgerkunde über das Wort, das im DDR-Alltag kaum vorkam und seit 1990 nicht mehr verschwindet.
Schulden: Das Betriebssystem des Westens
Schulden sind geliehene Zukunft. Man gibt heute aus, was man morgen erst verdient, und zahlt dafür Zins.
Im Kapitalismus ist das kein Betriebsunfall, sondern das Betriebssystem.
Geld entsteht dort, wenn Banken Kredite vergeben. Jeder Euro auf Ihrem Konto ist irgendwo ein Euro, den jemand anderes schuldet.
Der Trick liegt im Zins. Wer 100 leiht, muss 105 zurückzahlen. Die fehlenden 5 existieren noch gar nicht. Also muss die Wirtschaft wachsen, oder ein anderer verschuldet sich neu. Ein Wachstumszwang mit eingebautem Schuldenmotor. Wer nicht mitwächst, fliegt raus: der Bürger in die Privatinsolvenz, die Stadt in die Haushaltssicherung. Der Gewinner ist immer derselbe, nämlich der, der das Geld verleiht.
Im Westen sind Schulden darum kein Zeichen des Scheiterns, sondern die Eintrittskarte. Wer keine hat, ist meist nur nicht kreditwürdig. Und die Bundesrepublik lebte diesen Glauben vor: 1989 stand jeder Bundesbürger mit rund 15.000 D-Mark Staatsschulden in der Kreide. Auf jeden DDR-Bürger kamen gut 5.400 D-Mark, also fast dreimal weniger. Rechnet man die Auslandsguthaben der DDR dazu, war die DDR praktisch übrigens schuldenfrei. Wer da wen hätte retten müssen, rechnet unser Artikel: Das Märchen der "Pleite-DDR" im Detail vor.
Exkurs: Was Schulden wirklich sind – 5000 Jahre Schuldgeschichte
Wer verstehen will, warum der Osten nach 1990 vor allem Rechnungen bekam, muss eine Frage stellen, die im Westen als unanständig gilt: Was ist eine Schuld überhaupt? Niemand hat diese Frage gründlicher beantwortet als der US-Anthropologe David Graeber. Er wurde 1961 in New York geboren und lehrte zuletzt an der London School of Economics. Er forschte jahrelang und gilt als einer der Köpfe von Occupy Wall Street, der Slogan "Wir sind die 99 Prozent" wird ihm zugeschrieben. Er starb 2020 in Venedig. Sein Hauptwerk "Schulden. Die ersten 5000 Jahre" erschien 2011, auf Deutsch 2012 bei Klett-Cotta.
Wichtig vorab: Graeber war bekennender Anarchist und nicht gerade ein Parteigänger des Ostblocks. Gerade deshalb ist er ein unverdächtiger Zeuge. Wer ihm folgt, landet eben nicht bei der DDR-Planwirtschaft. Er landet aber bei einer unbequemen Erkenntnis:
Das Wort "Schulden" ist die erfolgreichste Gehirnwäsche der Menschheitsgeschichte.
Das Buch beginnt mit einer Szene auf einer Gartenparty in der Londoner Westminster Abbey. Graeber erzählt einer jungen Anwältin, die sich gegen Armut engagiert, wie der Internationale Währungsfonds arme Länder zum Schuldendienst zwingt, auch wenn dafür Krankenhäuser und Schulen schließen. Ihre Antwort:
"Aber man muss seine Schulden doch zurückzahlen!"
Für Graeber ist dieser Satz der Kern des Problems. Er klingt wie Ökonomie, ist aber reine Moral. Kein Ökonom würde behaupten, ein Kredit müsse immer zurückgezahlt werden. Sonst gäbe es nämlich keinen Zins, denn der Zins ist ja gerade der Preis für das Risiko, dass das Geld nicht zurückkommt.
Der Tauschhandel, den es nie gab
Jedes Wirtschafts-Lehrbuch des "goldenen Westens" erzählt dieselbe Gründungslegende, die auf Adam Smith zurückgeht. Am Anfang tauschten die Menschen Ware gegen Ware, zehn Hühner gegen ein Paar Schuhe. Weil das umständlich war, erfanden sie das Geld und später den Kredit. Der Markt erscheint so als Naturzustand des Menschen und der Kapitalismus als seine logische Vollendung.
Das Problem: Es gibt dafür keinen einzigen Beleg. Die Cambridge-Anthropologin Caroline Humphrey hielt schon 1985 fest, es sei noch nie ein Beispiel für eine reine Tauschwirtschaft beschrieben worden, geschweige denn die Entstehung des Geldes daraus. Graeber dreht die Reihenfolge um. Zuerst kam der Kredit.
In den Tempeln Mesopotamiens führten Verwalter schon um 3500 v. Chr. Buch darüber, wer wem wie viel schuldete. Münzen tauchten erst um 600 v. Chr. auf, also rund 3000 Jahre später. Tauschhandel gab es vor allem zwischen Fremden und Feinden, also dort, wo man einander nicht traute.
Das ist mehr als eine historische Fußnote.
Wenn "der Markt" nicht der Naturzustand ist, dann ist er gemacht. Und was gemacht ist, kann man auch anders machen. Genau das hatte ein Land zwischen Ostsee und Erzgebirge vierzig Jahre lang versucht.
Schuld und Schulden: Wenn Moral zur Rechnung wird
Die deutsche Sprache verrät mehr, als ihr lieb ist. Wir haben Schulden bei der Bank, und wir tragen Schuld, wenn wir etwas verbrochen haben. Der Schuldner ist sprachlich immer schon ein bisschen schuldig. Friedrich Nietzsche hat das 1887 in der Genealogie der Moral auf den Punkt gebracht: Der moralische Hauptbegriff "Schuld" habe "seine Herkunft aus dem sehr materiellen Begriff ‚Schulden‘ genommen". Selbst im Vaterunser bitten wir (bzw. bitten gute und schlechte Christen:
"Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern."
Übrigens: Im griechischen Urtext stehen dort wörtlich: Schulden.
Die Sprache der Schulden ist keine ökonomische, sondern eine moralische. Wer schuldet, ist im Unrecht, und wer fordert, hat recht. Damit hat der Gläubiger das Gewissen des Schuldners auf seiner Seite. Das ist die eigentliche Macht der Schulden. Sie bräuchten keinen Gerichtsvollzieher, wenn der Schuldner sich nicht ohnehin schon schämen würde.
Und wir unbedarften Ostdeutschen dürfen seit über 30 Jahrzehnten noch etwas beobachten:
Schulden der Mächtigen sind verhandelbar, Banken werden gerettet und Staaten umgeschuldet. Schulden der Machtlosen dagegen werden plötzlich "heilig" und dürfen nicht einmal mehr infrage gestellt werden.
Merken Sie sich diesen Gedanken. Wir brauchen ihn gleich, wenn es um die (angeblichen) Altschulden der DDR geht.
Ein Versprechen, pervertiert durch Mathematik und Gewalt
Menschen haben einander schon immer etwas geschuldet: Hilfe bei der Ernte, ein Gegengeschenk, Dankbarkeit. Solche Verpflichtungen sind ungenau, persönlich und werden irgendwann vergessen oder vergeben. Eine Schuld im heutigen Sinn entsteht erst, wenn man diese Beziehung in eine exakte Zahl verwandelt, die man an Dritte weiterverkaufen und notfalls mit Gewalt eintreiben kann. Die Formel lautet deshalb:
Eine Schuld ist ein Versprechen, das durch Mathematik und Gewalt pervertiert wurde.
Das Gewaltmonopol ist dabei keine Nebensache. Märkte wurden von systematischer staatlicher Gewalt begründet und meist auch von ihr aufrechterhalten. Zwei historische Beispiele, die den meisten sicher unbekannt sind:
• Madagaskar: Frankreich besetzte die Insel 1895 und erklärte sie zur Kolonie. Dann erhob es schwere Steuern, um die Kosten der eigenen Invasion zu decken. Die Madagassen bezahlten also ihre Unterwerfung selbst, und wer sich wehrte, bekam Armee und Polizei zu spüren. Schuldig waren am Ende natürlich sie.
• Haiti: Die Sklaven Haitis hatten sich in einer Revolution selbst befreit. 1825 verlangte Frankreich unter Kanonendrohung 150 Millionen Francs Entschädigung, und zwar für das "verlorene Eigentum" der Sklavenhalter. Gemeint waren die Befreiten selbst. Haiti zahlte, mit Zinsen an französische Banken, bis 1947. Eine Analyse der New York Times schätzte 2022, dass diese Schuld das Land 21 bis 115 Milliarden Dollar an Wachstum gekostet hat.
Das Muster ist immer dasselbe: Der Stärkere erzeugt eine Schuld und lässt den Schwächeren dafür zahlen. Am Ende steht der Schwächere auch moralisch als Schuldiger da. Wer jetzt an 1990 und die DDR denkt, denkt richtig.
Das erste Wort für Freiheit hieß "Schuldenerlass"
Das älteste bekannte Wort für "Freiheit" stammt aus dem Sumerischen, ist über 4000 Jahre alt und lautet amargi. Wörtlich bedeutet es so viel wie "Rückkehr zur Mutter" Gemeint war etwas ganz Konkretes, nämlich der Schuldenerlass. Wenn ein König die Schulden strich, durften die Schuldknechte nach Hause zu ihren Familien.
Freiheit hieß also vor Jahrtausenden ursprünglich: Man schuldet niemandem mehr etwas.
Die Herrscher Mesopotamiens taten das nicht aus Güte. Sie taten es, weil sonst ihre Bauern in Schuldknechtschaft versanken, das Land verließen und keine Soldaten mehr übrig blieben. Neue Könige verkündeten deshalb regelmäßig einen allgemeinen Erlass, den die Babylonier mîšarum nannten: Gerechtigkeit. Die Bibel machte daraus übrigens das Jubeljahr. Alle 50 Jahre sollten Schulden erlassen, Schuldknechte freigelassen und verpfändetes Land zurückgegeben werden, so steht es im 3. Buch Mose, Kapitel 25.
Und der Kapitalismus? Er kennt den großen Erlass nur noch für Banken und Staaten, nicht für die kleinen Leute. Bei den Sumerern war der Schuldenerlass Staatsräson. Heute gibt es dafür eine Privatinsolvenz mit Wohlverhaltensphase und Schufa-Eintrag. Von "Rückkehr zur Mutter" ist das ungefähr so weit entfernt wie Neckermann vom Konsum.
Alltagskommunismus in der Menschheitsgeschichte: Eine (Vielen) unbequeme These
Es existieren drei Grundprinzipien, nach denen Menschen miteinander wirtschaften (Vorsicht BWL-Opfer, das steht so nicht unbedingt in euren Lehrmaterialien!):
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Tausch: Ich gebe dir etwas, du gibst mir etwas Gleichwertiges zurück, und dann sind wir quitt. Das ist die Logik des Marktes.
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Hierarchie: Der Obere nimmt, der Untere gibt, und Gewohnheit oder Kaste machen es dauerhaft. Das ist die Logik von Feudalherr und Konzern.
- Alltagskommunismus: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Graeber meint das wörtlich, nicht als Parteiprogramm.
Ein Handwerker sagt zum Kollegen "Gib mir mal den Schraubenschlüssel", und niemand fragt: "Was krieg ich dafür?“ Wer nach dem Weg fragt, bekommt eine Antwort und keine Rechnung. Wer ein Kind auf die U-Bahn-Gleise fallen sieht, springt hinterher und verhandelt nicht vorher den Preis. Dieser sogenannte "Alltagskommunismus" ist tatsächlich das Fundament jeder menschlichen Gemeinschaft. Ohne ihn würde kein Betrieb, keine Familie und keine Nachbarschaft einen einzigen Tag funktionieren. Fans (und Opfer) aus deutschen BWL- und VWL-Hörsälen schlucken gerade.
Wer in der DDR aufgewachsen ist, kennt das Prinzip jedoch ohne Lehrbuch. Man half beim Umzug, beim Datschenbau, beim Trabant-Vergaser oder bei der Reparatur der "Simme". Man lieh sich Werkzeug, Zement und Beziehungen und rechnete das nicht in Mark und Pfennig ab. Der Westen nannte das später abfällig und propagandistisch "Mangelwirtschaft".
In Wahrheit jedoch handelt es sich exakt und schlicht um das Prinzip, auf dem jede Gesellschaft ruht. Der Kapitalismus hat es nicht abgeschafft, er hat nur gelernt, es zu verschweigen und für sich arbeiten zu lassen.
Das Prinzip des "überlegenen Westens": Schuldenerlass nur für die Richtigen
Am 15. August 1971 beendete US-Präsident Nixon die Einlösbarkeit des Dollars in Gold. Seitdem ist Geld weltweit reines Kreditgeld. Das hätte die Chance auf ein neues, menschlicheres Kreditzeitalter sein können. Stattdessen entstanden Institutionen wie der Internationale Währungsfonds, die vor allem eines schützen: die Gläubiger. Ein Zahlungsausfall gilt als Todsünde, außer man ist eine Bank.
Das zeigte sich seitdem mehrfach: Immer wenn die Finanzwelt platzte, retteten die Staaten die Banken mit Hunderten Milliarden. Die Hausbesitzer, die ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten, verloren ihre Häuser.
Das schönste Beispiel für "Schuldenerlass nur für die Richtigen" liefert allerdings die Bundesrepublik selbst. Im Londoner Schuldenabkommen von 1953 erließen 21 Gläubigerstaaten der jungen BRD gut die Hälfte ihrer Auslandsschulden, rund 15 Milliarden D-Mark. Die Bedingungen waren traumhaft:
- Zuerst gab es eine fünfjährige Zahlungspause.
- Der Schuldendienst durfte nur ein Zwanzigstel der Exporterlöse verschlingen.
- Die Zahlungen wurden ausgesetzt, sobald die Importe die Exporte überstiegen.
Das westdeutsche "Wirtschaftswunder“ stand also auf einem gewaltigen Schuldenerlass des Westens, der dir BRD als vorgeschobene Basis gegen die "Antichristen im Kreml" brauchte. Währenddessen trug die kleine DDR übrigens die höchsten Kriegsreparationen der Menschheitsgeschichte (um die 100 Milliarden DM) allein.
Zu den Gläubigern, die damals auf ihr Geld aus der BRD verzichteten, gehörte übrigens auch Griechenland. Sechzig Jahre später, in der Eurokrise, bestand ausgerechnet Berlin gegenüber Athen auf eiserner Sparpolitik. Gezahlt werde, was man schulde. Man muss seine Schulden doch zurückzahlen, sagte schon die junge Dame auf der Gartenparty...
Genug trockene Theorie oder: Was das alles mit dem Osten zu tun hat
Setzt man nach den historischen Betrachtungen oben nun also seine Erkenntnis-Brille auf (ich hoffe doch, hier hat niemand die obigen Absätze übersprungen!), sieht man 1990 alles wieder, was seit über 5.000 Jahren passiert:
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Aus Verpflichtung wird Forderung: Die sogenannten "Altschulden der DDR" (dazu unten mehr) waren Verrechnungen innerhalb des Volkseigentums, eine Art Buchhaltung des Gemeinwesens mit sich selbst. Erst die Staatsverträge der (sogenannten) Deutschen Einigung machten daraus eine exakt bezifferte, verzinste und an Banken übertragbare Forderung. Das ist die Definition einer Schuld fast wörtlich: ein Versprechen, pervertiert durch Mathematik und Staatsmacht.
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Die moralische Umkehr: Der Erblastentilgungsfonds trägt die Schuld schon im Namen. Wer bezahlt, ist gleichzeitig der Schuldige. Die Madagassen haben ihre eigene Eroberung bezahlt, die Haitianer ihre Freiheit, die Ostdeutschen ihre eigenen Wohnungen.
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Erlass nur für die Richtigen: Westdeutsche Käufer bekamen Altschulden erlassen, ostdeutsche Mieter und Betriebe nicht. Die BRD selbst bekam 1953 die Hälfte erlassen, die DDR-Bürger 1990 eine Rechnung.
- Der kleine mîšarum von Ost-Berlin: Der DDR-Ehekredit, den man "abkindern" konnte, war im Kern ein eingebauter Schuldenerlass. Der Staat strich die Schuld, weil er Familien wollte und keine Schuldner. Die Sumerer hätten das verstanden, die Schufa versteht es bis heute nicht.
Historischer Fakt: Die meisten Aufstände der Weltgeschichte drehten sich um Schulden. Der Osten dagegen hat nicht rebelliert, er hat bezahlt. Und er zahlt bis heute: mit Abwanderung, mit Kassenkrediten und mit einem Vermögen, das ein lächerliches Viertel des westdeutschen beträgt.
Warum niemand in der DDR "Schulden" kannte, oder: Warum sich niemand verschulden musste
Wer sich verschuldet, tut das fast immer aus einem von zwei Gründen:
Er will sich etwas leisten, was er sich nicht leisten kann, oder er kann sich das Notwendige nicht mehr leisten. Den zweiten Grund hatte die DDR praktisch abgeschafft.
Der Staat DDR trug die Grundlast des Lebens. 1988 flossen laut Statistischem Jahrbuch der DDR 110,7 Milliarden Mark an "Zuwendungen für die Bevölkerung" aus dem Staatshaushalt. Das sind rund 6.600 Mark pro Kopf und Jahr, vom Säugling bis zur Rentnerin. Wohin das Geld floss, liest sich wie eine Liste der häufigsten Schuldenfallen von heute:
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Essen: 32 Milliarden Mark gingen 1988 allein in die Preisstützung für Lebensmittel. Von 100 Mark Einkauf waren laut Berliner Zeitung 85 Mark Subvention. Das Brötchen kostete 5 Pfennig, und zwar jahrzehntelang.
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Wohnen: Die Miete lag zwischen 40 Pfennig und 1,20 Mark pro Quadratmeter und deckte damit nur etwa ein Drittel der tatsächlichen Kosten. Den Rest, 16 Milliarden Mark im Jahr 1988, trug der Staat.
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Energie: Die Kilowattstunde Strom kostete 8 Pfennig, tatsächlich kostete sie 28. Eine Nebenkostennachzahlung, die einem den Schlaf raubt, gab es nicht.
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Mobilität: Rund 5 Milliarden Mark flossen 1988 in die Fahrpreise. Eine Fahrt mit der Straßenbahn kostete in vielen Städten 20 Pfennig.
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Gesundheit: Arzt, Krankenhaus und Medikamente kosteten nichts extra. In die Sozialversicherung zahlte man 10 Prozent vom Lohn, höchstens 60 Mark im Monat. Kein Zuzahlungsbeleg, keine Praxisgebühr, keine Rechnung vom Zahnarzt, die man in Raten abstottert.
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Kinder und Bildung: Krippe, Kindergarten, Schule und Studium kosteten kein Schulgeld und keine Gebühren, und das Schulessen kostete 55 Pfennig. Fast 15 Milliarden Mark gab der Staat 1988 für Bildung und Erziehung aus. Studienkredite, die heute junge Menschen schon vor dem ersten Job in die Miesen bringen, waren unbekannt.
- Urlaub: Der Feriendienst der Gewerkschaft FDGB schickte Familien an die Ostsee, in den Harz oder ins Erzgebirge. Schon 1963 kosteten 13 Tage mit Unterkunft und Vollverpflegung je nach Einkommen und Saison zwischen 30 und 100 Mark pro Person. Wer heute mit zwei Kindern zwei Wochen an die Ostsee will, rechnet mit mehreren Tausend Euro, oft finanziert über den Dispo.
Wozu also hätte man in der DDR einen Kredit aufnehmen sollen? Für die Miete nicht, für den Strom nicht, für den Zahnarzt nicht, für den Urlaub auch nicht. Wo das Notwendige gesichert ist, hat der Kredithai schlicht keine Beute. Deshalb gab es auch die ganze Industrie nicht, die einem Schulden aufschwatzt: keine Ratenkauf-Werbung, kein "Jetzt kaufen, 2028 zahlen", keine Kreditkarte, keine Schufa und kein Inkassobüro.
Die Menschen der DDR hatten Sparbücher statt Schuldscheine.
Und dort, wo der Staat Kredite vergab, folgten sie einer Logik, die der Westen bis heute nicht begreift.
Ab 1972 bekamen junge Ehepaare einen zinslosen Ehekredit von 5.000 Mark, ab 1986 von 7.000 Mark. Zurückgezahlt wurde in Raten von 50 Mark, und die Bedingungen waren klar: Beide Partner durften höchstens 26 Jahre alt sein, und das gemeinsame Einkommen durfte bei der Hochzeit 1.400 Mark nicht übersteigen. Mit dem ersten Kind wurden 1.000 Mark erlassen, mit dem zweiten weitere 1.500 Mark, mit dem dritten der Rest. Der Volksmund nannte das "abkindern". Bis 1988 wurden knapp 1,4 Millionen solcher Kredite über 9,3 Milliarden Mark vergeben, etwa ein Viertel davon vollständig abgekindert.
Das Schönste daran: Der Schuldenerlass stand als eigener Posten im Staatshaushalt. Im Statistischen Jahrbuch heißt er ganz nüchtern "Krediterlass für junge Eheleute", 1988 waren das 250 Millionen Mark.
Ein Staat, der den Erlass von Schulden fest einplant, weil er Familien will und keine Schuldner. Bei der Bank bekommt man heute für Kinder vor allem eines: eine schlechtere Bonität.
DDR-Städte: Wirtschaften statt zocken
Eine DDR-Stadt konnte nicht pleitegehen, weil sie nicht am Kapitalmarkt spielte. Seit der Haushaltsreform von 1950 gab es einen einheitlichen DDR-Staatshaushalt. Die Kassen von Bezirken, Kreisen, Städten und Gemeinden steckten darin wie Matrjoschkas, jede in der nächsthöheren. Die Kommunen erhielten Zuweisungen und hatten eigene Einnahmen aus Grundsteuer, Hundesteuer, Kurtaxe und den Abführungen ihrer örtlichen Betriebe. Damit wurde gewirtschaftet. Es gab keine Kassenkredite, keine Zinswetten und keine Cross-Border-Leasing-Deals, mit denen deutsche Kämmerer später ihre Kanalnetze und Straßenbahnen an US-Investoren verleasten.
Auch Leipzig machte da mit, kaum dass der Westen in der alten Messestadt angekommen war. 1990 war Leipzig zweifellos eine wunderschöne Stadt mit viel internationalem Flair – nicht zuletzt durch die Messen. Natürlich war damals nicht jedes Haus bunt saniert. Dafür hatte Leipzig keinerlei Schulden. Heute, im Jahr 2026, liegt die Verschuldung bei über 3,5 Milliarden Euro. Das werden selbst 35 Generationen von Leipzigern nicht mehr abtragen können.
Ja, nicht jede Fassade war bunt. Altbauviertel in Leipzig oder Görlitz bröckelten, weil die Kraft in den Neubau von (Millionen!) Wohnungen floss. Doch hinter den grauen Fassaden war Leben: Familien, Kindergärten, Betriebe, Kneipen. Und die Stadt, die das alles trug, schuldete keiner Bank einen Pfennig.
Heute ist die Fassade frisch gestrichen. Dahinter steht die Wohnung leer, die Schaufenster sind seit Jahren verwaist und das Rathaus stottert die Zinsen für die Sanierung ab. Das Grundprinzip der letzten Jahrzehnte im Osten lautet: Graue Häuser voller Leben gegen bunte Häuser voller Leerstand. So sieht der Fortschritt aus.
Die angeblichen DDR-Altschulden: Schulden ohne Gläubiger
Jetzt wird es absurd. Die sogenannten "Altschulden der DDR-Wohnungswirtschaft" sind das beste Lehrstück dafür, wie man ein Land arm rechnet. Unser Land. Diese Schulden hatte nie jemand aufgenommen. Es gab nie einen Gläubiger, der sie hätte eintreiben wollen. Als echte Schulden existierten sie erst ab dem Tag, an dem die Bundesrepublik sie dazu erklärte.
So funktionierte der Wohnungsbau in der DDR: Der Staat beschloss im Plan, Wohnungen zu bauen. Bezahlt wurde aus dem Staatshaushalt, also mit dem Geld, das die Werktätigen selbst erarbeitet hatten. In den Büchern der Staatsbank stand das Ganze aus buchhalterischen Gründen als "Kredit" an die kommunale Wohnungsverwaltung oder die Genossenschaft. Der Staat lieh sich also das Geld von sich selbst, um für sich selbst zu bauen. Die Mieten setzte derselbe Staat bewusst so niedrig an, dass niemand diesen "Kredit" jemals zurückzahlen sollte. Das war kein Versäumnis, sondern Absicht: Wohnen war ein Grundrecht und keine Renditeanlage.
Man kann sich nicht bei sich selbst verschulden. Wer aus der linken in die rechte Hosentasche bucht, ist hinterher nicht ärmer.
Dann kam die Einheit, und mit ihr der Zaubertrick: Schon in den Staatsverträgen wurde festgelegt, dass diese Buchposten der DDR zu echten Bankschulden werden. Aus Plan-Verrechnung wurde über Nacht eine Forderung mit Zins und Tilgung, umgestellt in D-Mark. Die Forderungen der Staatsbank landeten bei Banken, die nun plötzlich Zinsen für Schulden kassierten, die vorher nie existiert hatten. Bezahlen sollten die Wohnungsunternehmen, also am Ende die Mieter im Osten.
Die Bundesregierung argumentierte damals, die Last sei eine Folge der Planwirtschaft, weil die niedrigen Mieten die Kosten nicht gedeckt hätten. Das ist historische und ökonomische Verdrehung:
Die DDR wollte nie, dass Mieten Baukredite abbezahlen. Wer ein System ohne Mietrendite nachträglich nach Renditeregeln abrechnet, kommt immer auf ein Minus. Das ist keine Wirtschaftsanalyse, sondern eine Methode.
Das sogenannte (völlig absurde) Altschuldenhilfe-Gesetz von 1993 kappte die Schuldenlast bei 150 D-Mark pro Quadratmeter. Den Rest übernahm der "Erblastentilgungsfonds". Den Preis zahlten die damaligen ostdeutschen Wohngesellschaften: 15 Prozent ihres Bestands mussten sie verkaufen.
Und an wen? Wenig überraschend gingen bei diesen Wohnungsverkäufen vor allem die guten Bestände an westdeutsche Käufer weg, während die sanierungsbedürftigen Blöcke blieben.
Erst erfand man eine Schuld, dann bot man gegen den Ausverkauf Erlass an. Im Westen nennt man das "Solidarität".
Noch 2019, drei Jahrzehnte später, lasteten über übrigens vier Milliarden Euro dieser Phantomschulden auf ostdeutschen Wohnungsunternehmen:
Zinsen auf Geld, das nie geflossen ist, für einen Kredit, den nie jemand beantragt hat, bei einem Gläubiger, den es 1989 noch gar nicht gab.
Die dunklen Kapitel von Treuhand und Währungsunion: Derselbe Trick im Großformat
Was mit den Wohnungen funktionierte, klappte auch mit den Betrieben unserer DDR. Auch die volkseigenen Betriebe trugen sogenannte Altkredite in den Büchern. Auch hier galt: Gewinne flossen an den Staat, Investitionen kamen vom Staat zurück und wurden bei der Staatsbank als Kredit verbucht. Wieder lieh sich das Volk Geld von sich selbst, und wieder wurde daraus 1990 echte Schuld in D-Mark.
Ein Betrieb, der gestern noch produzierte, war am Tag der Währungsunion auf dem Papier überschuldet. So drückt man den Preis, bevor man verkauft.
Die Währungsunion vom 1. Juli 1990 erledigte den Rest. Löhne wurden 1:1 umgestellt, die Altkredite dagegen landeten als harte D-Mark-Schuld in den Bilanzen. Über Nacht mussten die Betriebe Westlöhne zahlen, Westzinsen bedienen und gegen Westkonkurrenz antreten. Gleichzeitig brachen ihre Ostmärkte weg. Kein Unternehmen der Welt überlebt so einen Start, und das wussten alle Beteiligten.
Dann kam die Treuhand. Sie übernahm das Volkseigentum und verkaufte über 15.000 Betriebe und Betriebsteile. Am Ende, 1994, stand kein Gewinn, sondern ein Defizit von 256,4 Milliarden D-Mark. Den Erlösen von rund 67 Milliarden standen Ausgaben gegenüber, darunter (laut Bundeszentrale für politische Bildung) allein 78 Milliarden D-Mark für angeblich abgelöste Altkredite.
Die erfundenen Schulden von gestern wurden also zum echten Minus von heute. Ein ganzes Land mit einem Volksvermögen von über 1,5 Billionen DM wurde verkauft, und unter dem Strich stand ein Verlust. Diese Leistung muss man erst einmal vollbringen.
Und das Volk der DDR, dem das alles eigentlich gehörte?
Das Treuhandgesetz der Volkskammer stellte den DDR-Sparern ausdrücklich ein verbrieftes Anteilsrecht am Volksvermögen in Aussicht. Ausgezahlt wurde: null. Keine Volksaktie, kein Anteilsschein, kein Pfennig.
Wie aus geschätzten 1,2 bis 1,5 Billionen D-Mark Volksvermögen ein Minus wurde, erklären wir in DDR-Volksvermögen 1990: Wie ein Land skrupellos geplündert wurde.
Die Rechnung landete 1995 im sogenannten Erblastentilgungsfonds, zusammen mit Teilen der Wohnungs-Altschulden.
Schon der Name "Erblastentilgungsfonds" ist Propaganda: Er tut so, als hätte die DDR diese Last hinterlassen. Tatsächlich ist sie erst bei ihrer Abwicklung entstanden.
Dazu kommt die Ironie der Geschichte, die unser Artikel Das Märchen der "Pleite-DDR" ausführlich belegt:
Die angebliche "Pleite der DDR" existierte nach dem Kassensturz quasi nicht mehr, bzw. betrug nur noch einen Bruchteil der Schürer-Zahlen. Selbst Bundesfinanzminister Waigel bescheinigte der DDR im Mai 1990 "eine vergleichsweise geringe Auslandsverschuldung".
Pleite gerechnet wurde die DDR erst danach.
1990! Schöne neue Einkaufswelt, oder: Willkommen im Kreditparadies
Kaum war die D-Mark da, kamen die Händler. Am 1. Juli 1990 trat die Währungsunion in Kraft. Ende September 1990 hatte schon mehr als ein Viertel aller DDR-Haushalte ein neues oder gebrauchtes Auto gekauft.
Laut Commerzbank ging rund die Hälfte aller Privatkredite westdeutscher Banken im Osten in Autos. Am Wochenende wurden Leipziger Parkplätze zu Gebrauchtwagenmärkten, und westdeutsche Händler fuhren mit Vorführwagen in die Städte. Auf den Trabant hatte man zwölf Jahre gewartet. Den durchgerosteten Gebrauchtwagen aus Wolfsburg gab es sofort, die Raten dafür auch.
Wofür sie da eigentlich auf die Straße gegangen waren, wurde erst jetzt tausenden DDR-Bürgern bedauernd bewusst. Wir haben das hier einmal (durchaus selbstkritisch) aufgedröselt: Die Wahrheit über 1989: Nicht "Freiheit" siegte, sondern Schaufenster!
Direkt hinter den Autohändlern kamen schon 1990 die Drückerkolonnen. Versicherungsvertreter und Zeitschriftenwerber zogen über die Dörfer, mit Kleingedrucktem, das man in der DDR nie hatte lesen lernen müssen, weil es so etwas schlicht nicht gab. Berliner Schuldnerberater nannten sie 1993 als einen wesentlichen Grund für die Ost-Verschuldung.
Die Hauptgläubiger der Ostdeutschen nach 1990 waren keine Banken, sondern Versandhäuser: Quelle, Neckermann, Schöpflin. Die Waschmaschine auf Raten, der Kinderwagen auf Raten, die Schrankwand auf Raten.
Besonders elegant: Quelle hatte jahrzehntelang billig in der DDR fertigen lassen. Jetzt kassierte der Konzern von denselben Menschen Ratenzinsen.
Laut DGB hatte bis Anfang 1993 bereits ein Drittel der ostdeutschen Haushalte einen Kredit aufgenommen, im Schnitt über 23.000 Mark, meist mit langer Laufzeit. Gleichzeitig verloren Millionen ihre Arbeit.
Kredit plus Kündigung ergibt Überschuldung, und diese Rechnung ging im Osten millionenfach auf.
Und jetzt die Pointe, die sich kein Satiriker ausdenken könnte:
Westdeutschen Käufern ehemaliger DDR-Betriebe wurden die Altschulden der Firmen erlassen. Ostdeutsche Unternehmer, die selbst weitermachen wollten, blieben auf ihren sitzen.
Das Schweizer Fernsehen erzählte 2019 von einem Baubetrieb bei Magdeburg, der trotz voller Auftragsbücher pleiteging. Gegenüber übernahm ein Westkäufer eine Firma für eine symbolische Mark und versprach Arbeitsplätze. Kurz darauf machte er den Laden dicht.
Schuldenerlass gibt es im Kapitalismus durchaus. Man muss nur auf der richtigen Seite der Elbe geboren sein.
2026: Saubere Bilanz, kaputte Schulen
Jetzt kommt der Teil, den die westdeutschen Statistiker gern als Erfolg verkaufen. Brandenburg, Sachsen und Thüringen haben die niedrigste kommunale Pro-Kopf-Verschuldung Deutschlands. Spitzenreiter beim Schulden machen sind Hessen und das Saarland. Musterschüler Ost also?
Im Gegenteil. Niedrige Schulden heißen hier nicht Reichtum, sondern Ohnmacht. Von den 40 steuerschwächsten Kommunen Deutschlands liegen 35 im Osten. Die Betriebe, die einst Steuern hätten zahlen können, hat die Treuhand abgewickelt. Wer keine Gewerbesteuer hat, bekommt auch keinen Kredit für die neue Schule.
Also wird gespart, bis es durchs Turnhallendach regnet. Und jetzt kippt die Lage:
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Brandenburg: Das Defizit der Kommunen stieg 2025 binnen eines Jahres um 134 Prozent auf 832 Millionen Euro, der stärkste Anstieg aller Flächenländer. Die Kassenkredite haben sich fast verdreifacht.
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Sachsen: Die Kassenkredite, also der Dispo der Rathäuser, stiegen von 375 auf 889 Millionen Euro. Gleichzeitig brachen die Investitionen um 19 Prozent auf 2,1 Milliarden ein, ein bundesweiter Negativrekord.
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Mecklenburg-Vorpommern: Kassenkredite von 238 Millionen Euro.
- Bundesweit schlossen die Kommunen 2025 mit einem Rekorddefizit von 31,9 Milliarden Euro ab. Ihre Schulden wuchsen um gut 15 Prozent auf rund 197 Milliarden. Der Investitionsrückstand liegt laut KfW-Kommunalpanel 2026 bei 231,2 Milliarden Euro, auch das ein Rekord. Allein bei Schulen fehlen 68,9 Milliarden, bei Straßen 53,7 Milliarden. Und besonders in Ostdeutschland, so die KfW, sehen sich die Kämmereien in einer Notlage.
Die DDR-Stadt hatte kein Geld für bunte Fassaden, aber auch keine Zinsen. Die Stadt von 2026 zahlt Zinsen und hat trotzdem kein Geld für die Fassade. So sieht der Systemvergleich in einem Satz aus.
Die Bürger: Vom Sparbuch ins Schuldnerregister
Überschuldung, Schuldnerberatung, Privatinsolvenz: Diese drei Wörter brauchte der DDR-Bürger bis 1989 nicht. Eine Privatinsolvenz gibt es in Deutschland übrigens erst seit 1999. Für die erste Kreditwelle der Ostdeutschen gab es also nicht einmal einen Notausgang, nur den Gerichtsvollzieher.
Die Zahlen danach sprechen für sich. Laut Creditreform waren im Osten 2004 rund 10,5 Prozent der Erwachsenen überschuldet, 2007 sogar 11,5 Prozent. Damit konnte jeder neunte Erwachsene zwischen Rügen und Erzgebirge seine Rechnungen dauerhaft nicht bezahlen. Der Westen lag fast jedes Jahr darunter. Bundesweit gelten 2025 über 5,6 Millionen Menschen als überschuldet, mit steigender Tendenz.
Noch deutlicher wird es beim Vermögen: 2023 besaß ein ostdeutscher Haushalt im Median rund 35.900 Euro, ein westdeutscher 143.200 Euro, also das Vierfache. Nur 29 Prozent der Ostdeutschen wohnen im eigenen Zuhause, im Westen sind es 45 Prozent.
Zur Erinnerung: 1989 stand jeder Bundesbürger mit fast dreimal so viel Staatsschulden in der Kreide wie ein DDR-Bürger. Nach 35 Jahren Marktwirtschaft ist die Rangfolge sauber umgedreht. In Berlin nennt man das "Angleichung der Lebensverhältnisse".
Zum Schuldenberg kommt der Menschenschwund.
Zwischen 1990 und 2024 sank die Bevölkerung der ostdeutschen Flächenländer um 16 Prozent auf 12,4 Millionen. Im selben Zeitraum wuchs der Westen um 10 Prozent. Netto zogen rund 1,2 Millionen Menschen von Ost nach West, vor allem die Jungen und gut Ausgebildeten, also die Steuerzahler von morgen. Am härtesten traf es Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern.
Genau das ist die eigentliche Schuldenfalle. Straßen, Klärwerke und Schulen wurden für die Stadt von 1989 gebaut. Mit der DDR-Perspektive auf das Jahr 2.000. Bezahlen muss sie die Stadt von 2026, die kleiner, älter und ärmer ist. Jeder, der geht, lässt seinen Anteil an den Fixkosten zurück. Und gegangen sind sie nicht wegen der Luft, sondern weil Arbeitsplatz, Lehrstelle und Zukunft zusammen mit den Betrieben abgewickelt wurden.
Die Bilanz nach 36 Jahren im Osten
Rechnen wir zum Schluss so, wie man es uns seit 1990 beigebracht hat: mit spitzem Bleistift, Soll und Haben.
Haben, Stand 1989:
- Städte und Gemeinden ohne einen Pfennig Schulden bei irgendeiner Bank
- Ein ganzes Land in Volkseigentum: Betriebe, Wohnungen, Wälder, Seen
- Staatsschulden der DDR von knapp 5.400 D-Mark pro Kopf, ein Drittel des Westniveaus
- Ein Kredit für junge Familien, den man mit Kindern tilgen konnte statt mit Zinsen
Soll, Stand 2026:
- 256 Milliarden D-Mark Minus aus dem Ausverkauf durch die Treuhand
- Altschulden ohne Gläubiger, noch 2019 über vier Milliarden Euro
- Ein mittleres Haushaltsvermögen von 35.900 Euro, im Westen 143.200 Euro
- 16 Prozent weniger Menschen, 1,2 Millionen netto in den Westen abgewandert
- Kassenkredite in Sachsen mehr als verdoppelt, Brandenburgs Kommunaldefizit plus 134 Prozent
Jeder Insolvenzverwalter würde diese Bilanz sofort erkennen. Nur wurde hier nicht ein Pleitier abgewickelt, sondern ein Land, das gar nicht pleite war, und hinterher hat man es arm gerechnet.
Die Bundesrepublik bekam 1953 die Hälfte ihrer Schulden geschenkt und nannte es "Wirtschaftswunder". Der Osten bekam 1990 Schulden geschenkt, die er nie gemacht hatte, und man nannte es Aufbau Ost.
Kohl versprach blühende Landschaften. Geblüht hat der Schimmel in den leergezogenen Plattenbauten. Und die Zinsen auf Konten in Frankfurt und München.
Vieles kam nach 1990 in den Osten und ging wieder: die Betriebe, die Jobs, die eigenen Kinder. Geblieben ist nur eines, pünktlich, zuverlässig, jeden Monat aufs Neue: die Rechnung.
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QUELLEN
- KfW-Kommunalpanel 2026 (Pressemitteilung)
- dbb magazin 10/2026 – Investitionsrückstand nach Bereichen
- Berliner Zeitung – Kommunaler Finanzreport 2026 der Bertelsmann Stiftung
- cash.ch/dpa – Destatis: öffentliche Schulden Ende 2025
- Kettner Edelmetalle – kommunale Pro-Kopf-Verschuldung nach Ländern
- kommunal.de – steuerschwächste Kommunen
- Creditreform – SchuldnerAtlas 2025, Pressemitteilung
- Statista – Überschuldungsquote West/Ost 2004–2024
- evangelisch.de/epd – Schuldnerhochburgen 2025
- Volksstimme – Ehekredit in der DDR
- Kommentar zur DDR-Verfassung 1982, Art. 82 – einheitlicher Staatshaushalt
- DIW Wochenbericht 42/1986 – Staatshaushalt der DDR
- Der Freitag – „Total verschuldet?“ zum Schürer-Papier
- Bundestag Drs. 13/7986 – Altschuldenhilfe-Gesetz und Verkaufsauflage
- Bundestag 2019 – Debatte Altschulden Kommunen/Wohnungsunternehmen
- germanhistorydocs – Auflösung der Treuhandanstalt
- bpb – Erblastentilgungsfonds
- ZDFheute – Bevölkerung Ost/West seit 1990
- bpb – Bilanz der Treuhandanstalt (Altkredite 78 Mrd. DM)
- Kosmonaut – Das Märchen der „Pleite-DDR“
- Kosmonaut – DDR-Volksvermögen 1990
- Bundestag Drs. 12/5658 – PDS-Anfrage: Altschulden als umverteilter Lohn
- taz, 15.01.1993 – Wohlstandseuphorie teuer bezahlt (DGB-Zahlen, Drückerkolonnen, Versandhäuser)
- Christian Science Monitor, 27.09.1990 – Autokäufe in der DDR nach der Währungsunion
- SRF, 03.11.2019 – Mit einem dicken Minus in die neue Zeit (Altschulden-Erlass für Westkäufer)
- DIW, 05.10.2026 – Vermögenslücke Ost/West
- David Graeber: Schulden. Die ersten 5000 Jahre, Klett-Cotta 2012
- Wikipedia – Debt: The First 5,000 Years (Thesen und Kritik)
- Wikipedia – David Graeber
- Graeber im Interview mit Jamie Stern-Weiner, 2011 – Debt, Slavery and our Idea of Freedom
- ERA – Money and the myth of barter (Humphrey-Zitat)
- Amargi und Jubeljahr
- Wikipedia – Haitian independence debt
- KAS – Wie die Bundesrepublik kreditwürdig wurde (Londoner Schuldenabkommen)
- Germanwatch – 60 Jahre Londoner Schuldenabkommen
- bpb – Sünde, Schuld(en) und Recht (Vaterunser, Doppelbedeutung)
- Statistisches Jahrbuch der DDR 1989, S. 276 – Zuwendungen für die Bevölkerung
- Berliner Zeitung – Mieten, Strom und Lebensmittelsubventionen in der DDR
- GHDI – Staatlich kontrollierter Urlaub in Ostdeutschland, 1963 (FDGB-Preise)
17 Kommentare
Das wurde hier mal richtig gut erklärt ,vielen Dank !
Hinzu kommt noch die Tatsache, dass die DDR die Reparationszahlungen in Höhe von vielen Milliarden Mark geleistet hat. Natürlich an die Sowjetunion. Und….. Was man auch nicht außer Acht lassen darf : wir wurden in Bezug auf Rohstoffe von den westlichen Ländern nicht gerade segensreich beliefert. Alles in Allem haben wir in Anbetracht der Umstände durchaus eine große Leistung vollbracht und können stolz sein.
Dem ist nichts hinzuzufügen…
Top! 👍
Genau es gab nur den Ehekredit,man sah schon zu das sich keiner verschuldet🙃