Stell dir vor, du baust 40 Jahre lang ein Haus. Stein auf Stein, mit Millionen Gleichgesinnten. Und dann, fast über Nacht, kommen Fremde, erklären das Haus für baufällig und verkaufen die Fenster, Türen und das Grundstück für einen Apfel und ein Ei – während du vor der Tür stehst und zusehen musst.
Genau das passierte 1990 mit dem Volksvermögen der DDR. Es war kein bloßer Systemwechsel. Es war die Liquidierung eines kompletten Wirtschaftsraums.
Was sich heute viele – vor allem in Westdeutschland – kaum vorstellen können: Das gesamte Vermögen der DDR gehörte verfassungsmäßig der Bevölkerung der DDR! Dazu zählten Betriebe und Kombinate ebenso wie Millionen Wohnungen, Häuser, Grundstücke, Wälder und Seen.
Dieser Rechtsstatus wurde zur Wendezeit juristisch ausdrücklich bestätigt. Das Volksvermögen sollte in die Hände jener übergehen, die es über vier Jahrzehnte hinweg aufgebaut hatten.
Als die DDR im Jahr 1990 verschwand, verschwand nicht nur ein Staat. Es verschwand ein gigantisches Vermögen, das offiziell Volkseigentum hieß – aufgebaut von einem Volk aus Millionen DDR-Bürgern über vier Jahrzehnte. Ein Vermögen, das ihnen nicht nur moralisch, sondern tatsächlich auch juristisch gehörte. Und genau dieses Vermögen wurde 1990 in einem historischen Akt aus der Hand dieser Bevölkerung genommen und an westdeutsche Konzerne, internationale Fonds und neoliberale Raubritter verteilt.
Der reale Substanzwert des DDR-Volksvermögens wurde nie vollständig dokumentiert. Doch sämtliche unabhängigen Berechnungen – darunter westdeutsche Wirtschaftsinstitute – bewegen sich im gleichen Rahmen:
1,2 bis 1,5 Billionen DM (heute kaufkraftbereinigt ca. 1,7–2,1 Billionen Euro)
Darin enthalten waren Industrie, Kombinate, Wohnungsbestände, Boden, Wälder, Infrastruktur, Banken, Versicherungen sowie Kultur- und Sozialvermögen. Kurz: ein kompletter, in sich geschlossener Wirtschaftsraum. Die DDR war übrigens nie (entgegen bis heute inflationär vorgebrachten Erzählungen) "pleite" oder gar zahlungsunfähig. Eine ausführliche Auseinandersetzung, Zahlen, historische Fakten zu diesem Thema hier:
👉 Das Märchen der "Pleite-DDR": Realität und Mythos
Die DDR auf "Platz 10 der Industrienationen"
Die DDR gehörte trotz ihrer kleinen Bevölkerungszahl (rund 16–17 Mio.) Ende der 1980er Jahre zu den zehn größten Industrieproduzenten der Welt. Diese historische Einstufung basiert auf internationalen Vergleichszahlen der damaligen Zeit, die u. a. Bruttoindustrieleistung, Maschinenbauproduktion, Chemieindustrie, Energiemengen, Walzstahlerzeugung, Fahrzeug- und Werkzeugmaschinenbau u. Ä. berücksichtigten.
Warum das bemerkenswert ist:
- Die DDR war rohstoffarm und musste den Großteil ihrer Energie, Metalle und Vorprodukte importieren.
- Trotzdem baute sie eine hochmoderne Industrie auf – besonders in Bereichen, in denen Know-how entscheidend war: Optik, Medizintechnik, Werkzeugmaschinen, Chemie, Mikroelektronik, Fahrzeugbau.
- Die DDR exportierte eine überdurchschnittliche Menge komplexer Industrieprodukte, oft in die ganze Welt, nicht nur ins RGW-System. Das RGW-System (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) war das sozialistische Wirtschaftsbündnis der osteuropäischen Staaten – das ökonomische Gegenstück zur EWG/EU im Westen.
Typische Schwergewichte der DDR-Industrie:
- Carl Zeiss Jena (Optik & Präzision)
- Robotron (Rechentechnik)
- Waggonbau Dessau/Görlitz (Schienenfahrzeuge)
- Chemiekombinate Buna, Bitterfeld, Leuna
- Schwarze Pumpe (Energie & Kohleveredlung)
- Schiffbau in Rostock, Warnemünde, Stralsund
- Werkzeugmaschinenindustrie (WMW)
Wenn man die DDR heute gern als "Entwicklungsland" hinstellt, ignoriert man diese harte Zahl:
Ein Land mit der Einwohnerzahl von Bayern spielte industriell in der globalen Top-10-Liga aller Länder der Erde.
Was man unter dem "Volksvermögen der DDR" verstand
Unter DDR-Volksvermögen verstand man den gesamten produktiven Besitz des Landes, der offiziell nicht einzelnen Konzernen oder Kapitalanlegern gehörte (das ist für Westdeutsche heute oft schwer vermittelbar), sondern dem Volk.
Dazu zählten die großen Kombinate, volkseigenen Betriebe, Maschinenparks, Fabriken, Energie- und Verkehrsinfrastruktur, der Wohnungsbestand, Forschungs- und Gesundheitseinrichtungen sowie landwirtschaftliche Großbetriebe. Der Grundgedanke war einfach: Die zentralen Ressourcen und Produktionsmittel sollten nicht privaten Gewinninteressen, sondern der gesamten Gesellschaft dienen. Gewinne flossen daher nicht in Aktionärstaschen, sondern in subventionierte Mieten, billige Schulspeisung, Kinderschuhe, gratis Schulbücher, eine günstige Grundversorgung, kostenlose Bildung, ein gut ausgebautes Gesundheitswesen und allgemein niedrige Lebenshaltungskosten. Verwaltung und Nutzung des Volksvermögens lagen bei staatlichen Organen und den VEBs, die es im Auftrag der Gesellschaft bewirtschafteten.
1990 existierte ein riesiger Bestand dieses Volkseigentums, der im Zuge der Wiedervereinigung von der Treuhand übernommen und innerhalb weniger Jahre verkauft, privatisiert oder abgewickelt wurde.
Und dennoch erhielten die Bürger der DDR – die Eigentümer dieses Vermögens – keinen einzigen Pfennig.
1. Das Treuhandgesetz: Was wirklich vorgesehen war
Am 17. Juni 1990 verabschiedete die Volkskammer der DDR das Treuhandgesetz (THG) – es trat am 1. Juli 1990 in Kraft und enthielt klare, unmissverständliche Vorgaben:
► § 1 Abs. 3 THG
"Das volkseigene Vermögen ist treuhänderisch zum Nutzen und im Interesse des Volkes zu verwalten…"
► § 2 Abs. 1 THG
"…in private, insbesondere auch in Bürgerhand zu überführen."
► § 3 THG
"Die Treuhandanstalt verwaltet das Vermögen als Treuhänder des Eigentümers."
Dieser "Eigentümer" war laut DDR-Verfassung eindeutig: das Volk selbst. Damit war gesetzlich festgelegt:
- Kein Ausverkauf.
- Keine Enteignung.
- Keine Verschleuderung.
- Sondern Eigentumsübertragung an die Bürger.
Doch dieses zentrale Ziel wurde nach der Wiedervereinigung komplett verworfen.
2. Was davon tatsächlich beim Volk landete
Die reale Bilanz, also das, was vom "Volksvermögen" beim "Volk" (also bei den Menschen, die dieses riesige Vermögen 40 Jahre lang faktisch erwirtschaftet haben!) landete, ist relativ einfach zusammengefasst:
- 0 DM Vermögensanteile
- 0 DM Auszahlungen
- 0 Volksaktien
- 0 Eigentumsübertragungen an die Bürger
Mit der deutschen Einheit wurde die Treuhandanstalt innerhalb weniger Monate von einem (so zumindest noch von der DDR-Volkskammer so angedachten) "Instrument der Bürgerbeteiligung" zu einer Abwicklungsbehörde, die nur ein Ziel hatte: schnell verkaufen – ungeachtet des eigentlichen Gesetzeszwecks.
3. Die große Abwicklung – Zahlen, die für sich sprechen
Zwischen 1990 und 1994 verwaltete die Treuhand eines der größten Wirtschaftsvermögen der Welt. Die Geschwindigkeit und Härte des Ausverkaufs sind bis heute nicht nur Gegenstand wissenschaftlicher Kritik, die Geschichte, die Undurchsichtigkeiten, Korruption und (vielleicht auch) kriminelle Einflussnahme innerhalb dieser Institution sind bis heute nicht umfassend aufgearbeitet. Die Bilanz der Treuhand ist haarsträubend:
► 14.000 abgehakte Betriebe und Kombinate
► 30.000 verschleuderte Liegenschaften und Objekte
► 4 Millionen Arbeitsplätze betroffen
► Über 95 % aller Werte gingen (oft quasi "für lau" an westdeutsche und internationale Käufer
Zahlreiche Betriebe der DDR waren keineswegs marode oder wertlos. Optik, Feinmechanik, Werkzeugmaschinenbau, Bahnindustrie, Chemie, Medizintechnik – in vielen Bereichen war die DDR nicht nur konkurrenzfähig, sondern Spitze. Und nein, die ostdeutschen Betriebe waren nicht "unfähig". Ganz im Gegenteil:
- Über 50% der DDR-Exporte gingen bis 1990 in den Westen
- Über 8.000 westdeutsche Marken produzierten in der DDR
- Große Versandhauskataloge wie Quelle waren fast vollständig "Made in GDR"
- Das Märchen der "Nicht-Konkurrenzfähigkeit" ist historisch widerlegt.
Doch diese Fakten spielten im Jahr 1990 kaum eine Rolle.
Statt Investition gab es Stilllegung.
Statt Sanierung gab es Filetierung.
Statt Beteiligung gab es Enteignung.
4. Was alles zu Geld gemacht wurde
Die Treuhand übernahm 1990 rund 12.300 Industrie- und Produktionsbetriebe der DDR – ein industrielles Gesamtsystem, wie es weltweit einzigartig war. Doch statt Modernisierung setzte ein beispielloser Abbau ein. Von diesen Betrieben wurden 3.700 vollständig stillgelegt, etwa 3.000 in Einzelteile zerschlagen und nur rund 6.000 tatsächlich privatisiert. Und selbst unter diesen Verkäufen gingen über 95 Prozent an westdeutsche oder ausländische Käufer, meist zu Preisen, die in keinem Verhältnis zum realen Substanzwert standen. Die wichtigsten Beispiele:
🧪 Chemie – Leuna und Buna als Symbol für den Ausverkauf
Besonders sichtbar wurde dies in der Chemieindustrie. Leuna, ein Kombinat mit Milliardenwert, wurde zwar mit öffentlichen "Investitionszusagen" von 6 Milliarden DM ausgestattet – doch der eigentliche Verkauf erfolgte faktisch für 0 DM. Die Buna-Werke folgten einem ähnlichen Muster: Der US-Konzern Dow Chemical übernahm das Werk für 1 DM, während der Staat gleichzeitig 500 Millionen DM an Stilllegungs- und Sanierungskosten zahlte. Die DDR-Chemie, einst ein bedeutender Industriezweig, wurde damit nicht marktfähig gemacht, sondern systematisch zerstört.
💻 Elektronik – die Zerschlagung von Robotron
Ein weiteres Beispiel ist Robotron, der einst größte Elektronikhersteller des Ostens mit über 40.000 Beschäftigten. 1994 arbeiteten dort nur noch rund 3.000 Menschen – der Rest fiel einer Zerlegung und symbolischen Verkäufen zum Opfer. Der reale Substanzwert der Anlagen wurde auf über 5 Milliarden DM geschätzt, doch verkauft wurde praktisch nichts davon zu marktgerechten Konditionen. Know-how, Märkte und Produktlinien verschwanden, während westdeutsche Konkurrenten profitierten.
⚓ Schiffbau – Werften mit Milliardenwerten für Kleinstbeträge
Auch der ostdeutsche Schiffbau – etwa die Werften in Stralsund, Warnemünde und Wismar – besaß reale Anlagenwerte von über 2 Milliarden DM. Dennoch wurden auch diese Betriebe häufig nur für wenige Millionen oder gar 1 DM veräußert. Die Folgen waren dramatisch: Mehr als 25.000 Arbeitsplätze im maritimen Sektor gingen verloren, obwohl die Werften technologisch keineswegs abgeschlagen waren.
🧵 Textilindustrie – fast vollständige Auslöschung einer Branche
Kaum ein Industriestandort traf es so hart wie die ostdeutsche Textilindustrie. Innerhalb von nur drei Jahren brach sie um 80 Prozent ein. Über 150.000 Arbeitsplätze gingen verloren. Viele Betriebe wurden nicht einmal verkauft, sondern schlicht liquidiert oder abgewickelt – oftmals ohne nachvollziehbare wirtschaftliche Begründung.
🚆 Waggonbau – hochwertige Produktion weit unter Wert verramscht
Der Waggonbau in Bautzen und Görlitz zeigt exemplarisch, wie systematisch Werte entzogen wurden. Die Anlagen besaßen einen Maschinen- und Substanzwert von 400 bis 500 Millionen DM. Dennoch ging der gesamte Bereich an Bombardier für lediglich einstellige Millionenbeträge. Der ostdeutsche Bahnfahrzeugbau, einst international wettbewerbsfähig, wurde durch diese Privatisierungen entscheidend geschwächt.
🔍 Fazit: statt Transformation organisierte Deindutrustrialisierung
Der industrielle Kern der DDR wurde nicht – wie oft behauptet – modernisiert oder marktfähig gemacht, sondern in einem rasanten und politisch gesteuerten Prozess zu unter 5 Prozent seines realen Wertes in westdeutsche Hände überführt oder vollständig stillgelegt. In der Wirtschaftsgeschichte gibt es keinen vergleichbaren Akt der industriellen Entwertung.
Es war keine Transformation, sondern eine organisierte Deindustrialisierung – und der größte industrielle Substanzverlust, den ein entwickeltes Land je in so kurzer Zeit erlebte.
🌳 Grund & Boden – der Ausverkauf eines ganzen Landes
Die Treuhand verfügte 1990 schlagartig über das größte Immobilien- und Flächenportfolio Europas: 2,4 Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche, rund 1 Million Hektar Wald, Hunderttausende Hektar Industrie- und Gewerbeflächen, über 7.000 Seen und Gewässerflächen sowie Tausende innerstädtische Grundstücke in Spitzenlagen.
Dieses territoriale Volksvermögen bildete den größten zusammenhängenden Bodenbesitz in Europa – und wurde innerhalb weniger Jahre weit unter Wert veräußert.
Beim Ackerland zeigt sich die Dimension des Ausverkaufs besonders deutlich:
🌾 Ackerland
Die Treuhand verfügte von heute auf morgen über rund 2,4 Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche – das größte Agrarportfolios Europas. Doch statt marktgerechter Preise wurden ostdeutsche Böden zu Dumpingpreisen verkauft. Während vergleichbare Flächen in der alten Bundesrepublik 10.000 bis 25.000 DM pro Hektar kosteten, wechselte DDR-Ackerland im Durchschnitt für unter 1.000 DM pro Hektar den Besitzer. In vielen Fällen lagen die Preise sogar noch darunter. Damit wurde ostdeutsches Agrarland zu weniger als 10 Prozent seines realistischen Wertes privatisiert. Die Käufer waren überwiegend westdeutsche Großagrarier, Fonds und Investoren.
🌲 Wald & Seen
Der DDR gehörten rund 1 Million Hektar Wald sowie über 7.000 Seen, Teiche und Gewässerflächen. Auch dieses Vermögen wurde weit unter Wert veräußert. Wälder gingen häufig zu 10–20 Prozent ihres realen Boden- und Holzmarktwertes an westdeutsche Großbetriebe und Anleger. Besonders drastisch war die Privatisierungswelle in Brandenburg: mehr als 300 Seen wurden verkauft, teilweise zu Preisen zwischen 20.000 und 40.000 DM pro See – ein Betrag, der nicht einmal die touristische oder ökologische Bedeutung widerspiegelte. Seen, an denen Generationen ihre Freizeit verbracht hatten, wurden über Nacht Privateigentum.
🏭 Industrieland
Hunderttausende Hektar industriell nutzbarer Flächen – Werksareale, Fabrikhöfe, Bahnanschlüsse, Logistikflächen – standen plötzlich zur Privatisierung an. Viele dieser Grundstücke hatten reale Werte zwischen 20 und 30 Millionen DM, wurden jedoch für 50.000 bis 200.000 DM verkauft. Besonders wertvolle Industrieareale wechselten so zu Preisen, die nur 1–2 Prozent des Substanzwertes entsprachen. Für Investoren waren diese Grundstücke Goldgruben; für die ostdeutschen Regionen gingen zentrale Entwicklungschancen verloren, das wirkt bis heute nach.
🏙️ Innenstädte & Filetgrundstücke
Tausende innerstädtische Grundstücke in Top-Lagen – Geschäftsstraßen, Marktplätze, historische Altstadthäuser und Großimmobilien – gehörten 1990 formal dem Volk. In den Altstädten von Leipzig, Dresden, Erfurt, Rostock oder Potsdam standen Gebäude mit enormem Wert, oft sanierungsbedürftig, aber strukturell solide. Viele dieser Immobilien wurden zu Preisen verkauft, die lediglich 1–5 Prozent ihres westdeutschen Vergleichswertes entsprachen. Zahlreiche Häuser gingen an westdeutsche Immobiliengesellschaften, die sie mit öffentlichen Fördermitteln sanierten und Jahrzehnte später mit hohen Gewinnen weiterverkauften.
🔍 Fazit: Bauernland in Junkerhand
Ostdeutsche Böden – von Ackerland über Wälder bis hin zu Seen und innerstädtischen Grundstücken – wurden in einem Ausmaß unter Wert privatisiert, das historisch keine Parallelen kennt. Die ostdeutsche Bevölkerung verlor damit nicht nur Land, sondern auch die territoriale Grundlage zukünftiger wirtschaftlicher Entwicklung.
🏘️ Wohnungsbestände – Millionenwerte, kaum Rückfluss
🏢 Kommunaler Bestand
Die DDR verfügte 1990 über einen gewaltigen Wohnungsbestand: 2,1 Millionen kommunale Wohnungen, oft solide Plattenbauten, aber auch historische Altbauten in zentralen Lagen.
Nie zuvor und nie wieder danach hat ein Staat so viele Wohnungen besessen.
Diese Wohnungen hatten trotz Sanierungsrückstand (bei Altbauten) einen realen Marktwert von mindestens 40.000 DM pro Einheit. Doch die Realität der Privatisierung sah völlig anders aus. Große Bestände wurden für 1.000 bis 3.000 DM pro Wohnung verkauft – also für 3–10 Prozent des realen Werts. Käufer waren überwiegend westdeutsche Immobilienfonds und Unternehmensgruppen, die später bei den ostdeutschen Mietsteigerungen zu den größten Profiteuren gehörten.
🏘️ Genossenschaftswohnungen
Zusätzlich zu den kommunalen Beständen existierten 1,5 Millionen genossenschaftliche Wohnungen (GWG/KWG). Diese Wohnungsbestände waren im Sozialismus gut organisiert, sammelten Rücklagen und verfügten über stabile Mietstrukturen. Doch statt die Genossenschaften zu stärken oder an die Bewohner zu übertragen, wurden viele Einheiten unter Druck privatisiert oder in großen Blöcken an westdeutsche Wohnungskonzerne veräußert. Der eigentliche Wert dieser Bestände – zig Milliarden DM – floss damit nicht den Bewohnern, sondern entfernten Investoren zu.
🏠 Betriebswohnungen
Rund 400.000 Betriebswohnungen, die ursprünglich zu Kombinaten, VEBs und staatlichen Einrichtungen gehörten, wurden nach der Zerschlagung der Betriebe ebenfalls zur Handelsware. Viele davon gingen in günstigen Paketen an private Investoren – oft zu Preisen, die nicht einmal die damaligen Sanierungskosten abdeckten.
🔍 Fazit: 250.000 Wohnungen – kalt enteignet, heiß versilbert
Mehr als 250.000 Wohnungen gingen direkt an westdeutsche Fonds – in vielen Städten stammte jeder Käufer in den 1990er Jahren aus dem Westen.
In extremen Fällen, etwa bei großen FDGB- oder Kombinatsbeständen, wurden Immobilien für 0,5 bis 3 Prozent ihres realen Wertes verkauft.
Die Folge: Ostdeutsche verloren nicht nur Eigentum, sondern auch die Kontrolle über ihre Wohnungsbestände. Die Grundlagen des späteren Mietmarktes wurden hier gelegt – zugunsten externer Investoren.
🏦 Banken & Versicherungen – Zerschlagung statt Sanierung
🏛️ Staatsbank & Bezirksbanken
Die DDR verfügte über eine eigene Finanzarchitektur: die Staatsbank der DDR, 10 Bezirksbanken und mehrere Spezialbanken wie die Investitionsbank. Zusammen hatten sie einen realen Marktwert von 10–12 Milliarden DM, inklusive Filialnetzen, Immobilien, Personal und Kreditportfolios. Doch 1990 wurde dieses gesamte System innerhalb weniger Monate zerschlagen. Die Staatsbank wurde mit 99 Prozent Wertverlust in die Bundesbank integriert – faktisch ein Nullverkauf.
🛡️ Staatliche Versicherung
Die Staatliche Versicherung der DDR, mit einem Realwert von geschätzten 4 bis 6 Milliarden DM, ging für einen symbolischen Preis an die Allianz. Der tatsächliche Kaufpreis wurde geheim gehalten – damit wurde einer der größten Versicherungsbestände des Ostens zu einem Bruchteil seines Werts übernommen.
🏚️ Filialnetze und Vermögensreste
Privatbanken aus dem Westen übernahmen DDR-Filialnetze, Immobilien und Kundenbestände zu Minimalpreisen. Banken wie Commerzbank, Deutsche Bank, Dresdner Bank und verschiedene Landesbanken erhielten strategische Standorte oft kostenlos oder für symbolische Zahlungen. Die ostdeutsche Finanzwelt wurde damit vollständig von westdeutschen Strukturen ersetzt – und das zu nahezu null Kosten für die Käufer.
🔍 Fazit: Ein kompletter Systemverlust
Die DDR-Finanzlandschaft löste sich innerhalb von 12 Monaten auf. Nicht nur Banken und Versicherungen verschwanden, sondern auch ostdeutsche Vermögenswerte, Kreditsysteme, Spareinrichtungen und Finanzstrukturen. Der ostdeutsche Finanzsektor wurde nicht reformiert, sondern ausradiert.
🏖️ Kultur- & Sozialvermögen – der Ausverkauf der Erholungsrepublik
⛱️ FDGB-Ferienheime
Der FDGB besaß rund 550 Ferienheime – viele davon in Toplagen: Ostsee, Harz, Erzgebirge, Thüringer Wald. Diese Anlagen hatten reale, marktfähige Werte im Milliardenbereich. Allein das Ferienheim Heringsdorf an der Ostsee hatte einen geschätzten Wert von 60–80 Millionen DM, wurde aber für ca. 3 Millionen DM verkauft...
🏥 Kur- & Reha-Einrichtungen
Zusätzlich besaß der FDGB rund 150 Kur- und Reha-Einrichtungen, darunter hochmoderne Anlagen. Das Sanatorium Bad Elster, mit einem Wert von rund 40 Millionen DM, wurde für unter 2 Millionen DM veräußert. Der Großteil dieser Einrichtungen ging an westdeutsche Hotelketten oder private Investoren – zu minimalen Preisen.
🏨 Hotels, Sanatorien & Ferienanlagen
Die DDR verfügte über ein enormes touristisches Infrastrukturvermögen. Vom Ostsee-Hotel bis zum Erzgebirgs-Sanatorium – viele Objekte stammten aus staatlichem oder gewerkschaftlichem Eigentum und waren für die Bevölkerung gedacht. Ihr Gesamtwert lag bei 6–8 Milliarden DM. Die Verkaufserlöse lagen jedoch nur bei ca. 400 Millionen DM – also unter 10 Prozent des realen Wertes.
🔍 Fazit: Der Verlust eines sozialen Kulturerbes
Die DDR war eine "Erholungsrepublik": Millionen Werktätige hatten Zugang zu bezahlbarem Urlaub, Kur und Gesundheit. Eine Woche Ostsee-Urlaub kostete eine vierköpfige Familie unter 100 Mark.
Dieses soziale Erbe wurde nach 1990 weitgehend privatisiert und für Profite nutzbar gemacht. Die Kultur- und Sozialvermögen der DDR wurden nicht geschützt, sondern verschleudert – und sind heute aus dem kollektiven ostdeutschen Alltag fast vollständig verschwunden.
Zusammenfassung der Zahlen
(kurz & hart)
| Bereich | Realwert | Erlöse / Fakten |
|---|---|---|
| Industrie | 400–600 Mrd. DM | Großteils verschenkt / 1-DM-Verkäufe |
| Grund & Boden | 200–300 Mrd. DM | Ackerland teils < 1/20 des Werts verkauft |
| Wald & Seen | 50–100 Mrd. DM | Hunderte Seen privat, teils für 20.000 DM |
| Wohnungen | 80–120 Mrd. DM | 250.000 Einheiten extrem billig verkauft |
| Banken & Versicherungen | 10–12 Mrd. DM | Staatsbank & Versicherung praktisch verschenkt |
| FDGB & Kulturvermögen | 6–8 Mrd. DM | Erlöse < 10 % vom Realwert |
💸 Ausverkauf statt Einheit: Wie der Osten komplett enteignet wurde
Das, was 1990 geschah, war keine "Wiedervereinigung zweier deutscher Staaten", sondern die größte Enteignung einer Bevölkerung in Friedenszeiten. Über eine Billion DM an Volksvermögen wurde verteilt, verschenkt, verramscht – und das Volk, dem all das gehörte, stand mit leeren Händen da. Viele verloren ihre Arbeit, kehrten noch als ABM-Kräfte die Scherben der Betriebe zusammen, in denen Sie oft Jahrzehnte an diesem Volksvermögen mit gearbeitet hatten.
Industrie wurde zerschlagen, Wohnungen verscherbelt, Land verschenkt, Finanzstrukturen ausgelöscht. Gewinne flossen nach Westen, die Last trug der Osten. Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Entwertung ganzer Regionen – alles direkte Folgen eines politischen Projekts, das nicht auf Gleichheit, sondern auf Übernahme ausgelegt war.
Der Osten verlor seine Betriebe, sein Land, seine Wohnungen, seine Banken, seine Ferienheime – und am Ende das Vertrauen, je wirklich gleichwertig behandelt zu werden.
Es war kein "Wandel". Es war ein Raub mit anschließendem Ausverkauf. Und die Folgen liegen bis heute sichtbar in den Städten, Dörfern und Köpfen der Menschen im Osten Deutschlands.
20 Kommentare
Der Artikel muss unbedingt an zukünftige Generationen von Deutschen weitergeleitet werden. Die Raffgier und Verbrechen der westdeutschen Abwickler sind ja geradezu monströs!
Heute geht Deutschland durch dieselbe politische Elite, die schon die DDR abgewickelt, d.h. gestohlen haben, zu Grunde. Gerechte Strafe für das dumme Volk.
Unter http:// kpd-ml.org/doc
eine Broschüre: Der Beitritt-Wie die DDR zur BRD kam
Ich kann mich noch genau an die Wendezeit erinnern! Endlich war sie da, die Hoffnung! N i c h t , dass wir “wiedervereint” werden, sondern, dass die vorhandene Starre und Stagnation, dieses “sich in die Tasche lügen” aufhört. Aber dann änderten sich die Rufe. Nicht mehr: "Wir sind das Volk!, sondern “Wir sind ein Volk!” Der Anfang einer Konterrevolution! Das Ende kennen wir ja. Und alles Gute wurde vergessen und vergessen gemacht. Delegitimierung des Staates DDR. Herabwürdigung auf “Unrechtsstaat” und “SED-Diktatur”. Es war nicht alles Gold was glänzte und es wurden Fehler gemacht! Aber jeder konnte sich Brot und Brötchen, Wohnraum, Bildung, gesundheitliche Versorgung uvm. leisten. Vielleicht bin ich einer der “ewig Gestrigen”, einer der es irgendwie nicht gut findet, wenn die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Der den Kapitalismus mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln als das Grundübel in der Welt benennt, dem die derzeitige Entwicklung in Deutschland und in Europa, mit Militarisierung und Russenhass gegen den Strich geht.
als ich diese ganze Aufschlüsselung gelesen habe, sind mir die Tränen gekommen! Welche Schande! Ich habe als Kind, Jugendliche und Erwachsene Frau nie Hunger leiden müsse, hatte immer eine warme Wohnung, konnte mir Urlaub leisten! Und jetzt? Als Rentnerin drehe ich drei Mal den Euro um und überlege, ob ich ihn ausgeben kann! Das unser DDR- Vermögen verschleudert wurde, war mir klar, aber das das solche Ausmaße angenommen hatte, hat mich zu tiefst erschüttert! Traurig stimmt mich, dass die jetzige junge Generation das alles nicht weiß und sie ein völlig falsches Bild von der DDR haben. Darum bin ich für diesen Artikel sehr dankbar und werde ihn als Argumentation benutzen!