Wer heute über Ostdeutschland spricht, stößt schnell auf Unmut. Auf Skepsis, auf Abwehr, auf das Gefühl, nicht gehört zu werden. Dieser Unmut fällt nicht vom Himmel. Er ist auch kein Generationenproblem und kein Zeichen mangelnder Anpassung. Er hat eine Geschichte – und vor allem hat er Zeugen.
Denn die Menschen, um die es hier geht, sind nicht verschwunden. Sie leben noch. Es sind Väter und Mütter, Großeltern, Nachbarn, Kollegen. Millionen von Menschen, die die Wendezeit nicht aus Büchern kennen, sondern am eigenen Leib erlebt haben – und die die Jahre danach geprägt haben. Ihre Erinnerungen sind keine Nostalgie, sondern Alltagserfahrung.
Viele von ihnen haben in der ersten Hälfte ihres Lebens gearbeitet, ausgebildet, produziert, organisiert, erzogen. Sie waren Facharbeiter, Lehrerinnen, Ingenieure, Krankenschwestern, Techniker. Und doch wurde ihnen nach 1990 zunehmend vermittelt, dass genau diese Lebensleistung nichts wert gewesen sei. Nicht punktuell, sondern dauerhaft. Politisch, medial, gesellschaftlich.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht, warum es im Osten bis heute Widerspruch gibt.
Die Frage lautet: Was macht es mit einem Menschen, wenn ihm über Jahrzehnte signalisiert wird, er habe nichts Relevantes geleistet?
Wenn ein ganzes Berufsleben nachträglich relativiert wird. Wenn Abschlüsse, Arbeitsjahre und Erfahrung nicht als Teil der eigenen Geschichte gelten dürfen, sondern als Fehler, den es zu korrigieren gilt.
Besonders betroffen sind jene Generationen, die heute über 60, 70 oder 80 Jahre alt sind. Menschen, für die die DDR nicht "Vergangenheit", sondern Lebenszeit war. Kindheit, Jugend, Ausbildung, Studium, erste Liebe, Familie, Prägung. Für viele von ihnen war sie nicht das einzige Kapitel, aber ein prägendes.
Und: Ihnen wurde nachträglich erklärt, dass dieses Kapitel im Grunde wertlos gewesen sei – und dass sie selbst sich dafür rechtfertigen müssten.

Abbildung: Besuch bei der Patenbrigade (Anfang der 1980er). Berufliche Bildung, Praxisnähe und gesellschaftliche Verantwortung waren in der DDR kein Nebenschauplatz, sondern fester Bestandteil des Ausbildungssystems. Der direkte Kontakt zwischen Schule, Betrieb und Brigade vermittelte früh Einblick in reale Arbeitsprozesse – und machte Arbeit nicht abstrakt, sondern erfahrbar. Genau diese Form der Qualifikation und sozialen Einbindung wurde nach 1990 pauschal abgewertet, obwohl sie über Jahrzehnte funktionierte und international Anerkennung fand.
von Markus Gelau
⚖️ Die nachträgliche Entwertung eines ganzen Lebens
Nach 1990 setzte sich eine Erzählung durch, die bis heute wirkt:
Die DDR habe zwar existiert, aber nichts hervorgebracht, was Bestand haben könne. Ihre Abschlüsse seien fragwürdig gewesen, ihre Arbeitsbiografien kaum verwertbar, ihr Bildungssystem allenfalls ein Sonderfall der Geschichte.
Diese Erzählung war und ist bequem – und politisch nützlich. Denn sie erlaubt es, Millionen Lebensläufe in einem einzigen Schritt zu relativieren.
Dabei liegt der Widerspruch offen zutage. Ein Staat, der über Jahrzehnte hinweg zehntausende Fachkräfte für andere Länder ausbildete, galt plötzlich im eigenen Land als "nicht konkurrenzfähig". Nicht, weil seine Ausbildung mangelhaft gewesen wäre, sondern weil ihre Anerkennung die gesamte Logik der Übernahme infrage gestellt hätte. Qualität war nicht das Problem. Anerkennung war es.
Die DDR bildete Ingenieure, Techniker, Lehrer, Mediziner und Facharbeiter nicht nur für den eigenen Bedarf aus, sondern für Partnerstaaten in Afrika, Asien, Lateinamerika und im sozialistischen Lager Europas. Diese Abschlüsse wurden international genutzt, geschätzt und teilweise kopiert. Ein Bildungssystem, das exportiert wird, ist per Definition leistungsfähig. Wer es übernimmt, bestätigt seinen Wert.
Genau deshalb musste es nach 1990 delegitimiert werden. Abschlüsse wurden relativiert, Berufserfahrung herabgestuft, Arbeitsjahre neu bewertet. Was wie administrative Anpassung erschien, folgte einer klaren Richtung: Abschlüsse, Biografien, Lebensleistungen galten nicht als gleichwertig, sondern als Ballast. Das war kein Versehen, kein Übergangschaos, kein Kollateralschaden der Einheit. Es war ein politisches Programm.
Wer ein Bildungssystem kopiert, erkennt seine Qualität an. Wer es gleichzeitig im eigenen Land entwertet, verfolgt kein sachliches Ziel – sondern ein machtpolitisches.
Dieser Artikel zeigt, wie systematisch die Abwertung ostdeutscher Lebensleistungen nach 1990 betrieben wurde, warum sie notwendig erschien – und weshalb sie bis heute nachwirkt.
🧨 Die große Abwertungslüge: "Im Osten war alles nichts wert"
Mit dem politischen Umbruch von 1989/90 begann nicht nur ein Systemwechsel, sondern eine radikale Neubewertung ganzer Lebensläufe. Über Nacht galt das, was für Millionen Menschen Jahrzehnte lang sinnvoll, anerkannt und gesellschaftlich notwendig gewesen war, als Makel. Arbeit wurde nicht mehr als Leistung gelesen, sondern als Belastung. Ausbildung nicht als Qualifikation, sondern als ideologische Prägung.
Diese Abwertung war kein Nebeneffekt der Einheit, sondern ihre Voraussetzung.
Wer übernehmen will, muss zuerst delegitimieren.
Deshalb setzte sich rasend schnell ein Narrativ durch, das pauschalierte: DDR = ineffizient, rückständig, unfrei. Differenzierungen störten. Biografien ebenso. Der einzelne Mensch verschwand hinter der Systemabrechnung. So entstand eine Situation, in der Millionen Ostdeutsche nicht als Mitgestalter eines neuen Staates galten, sondern als Problemfälle, die neu eingeordnet, geprüft und oft aussortiert werden mussten.
🎓 Abschlüsse: Formal gültig, praktisch völlig entwertet
Juristisch wurden DDR-Abschlüsse nicht pauschal annulliert. Praktisch jedoch verloren sie in weiten Teilen des Arbeitsmarktes ihren Wert. Ingenieure, Techniker, Lehrer, Naturwissenschaftler oder Ökonomen mussten plötzlich beweisen, dass ihr Wissen "kompatibel" sei – obwohl ihre Betriebe, Schulen und Institute bis 1989 gut funktionierten und oft international anerkannt waren.
Typisch waren:
- verpflichtende Umschulungen trotz jahrzehntelanger Praxis
- Herabstufung in niedrigere Entgeltgruppen
- automatische Bevorzugung westdeutscher Abschlüsse
Besonders hart traf es ältere Arbeitnehmer. Wer über 45 war, galt häufig als "nicht mehr vermittelbar". Qualifikation wurde nicht nach Inhalt bewertet, sondern nach Herkunft. Westlich gleich besser – diese Regel war nie offiziell, aber überall wirksam. Hunderttausende Ostdeutsche können das aus schmerzlicher Erfahrung bestätigen.
Abbildung: Sigmund Jähn, ein Bürger der DDR und der erste Deutsche im Weltall. Für viele DDR-Bürger war sein Flug mehr als ein wissenschaftlicher Erfolg. Er stand sinnbildlich für das Selbstverständnis eines kleinen Landes, das trotz begrenzter Ressourcen in Wissenschaft, Technik und Bildung international mehr als mithalten konnte, tatsächlich sogar in den 1980ern den Sprung unter die Top 10 der Industrienationen der Welt schaffte! Jähn war kein Ausnahmeheld, sondern das sichtbare Ergebnis eines Systems, das Qualifikation, Ausbildung und Forschung systematisch aufbaute – und auf dessen Leistungen viele Menschen mit berechtigtem Stolz blickten.
🧰 Konkret benannt: Welche Berufe systematisch abgewertet wurden
Die Abwertung traf nicht "die Ostdeutschen" im Allgemeinen, sondern sehr konkrete Berufsgruppen. Hier eine sachlich belegbare Auswahl:
Ingenieure & Techniker (Maschinenbau, Elektrotechnik, Chemie)
Praxisnah ausgebildet, oft mit Gesamtverantwortung für Anlagen und Produktionslinien.
Nach 1990:
- Einstufung als „theoretisch rückständig“
- Zwangsumschulungen zu Technikern, Zeichnern oder Kaufleuten
- massenhafte Frühverrentung oder ABM-Maßnahmen
Lehrer & Pädagogen
Eine der am stärksten betroffenen Gruppen.
- flächendeckende Entlassungen
- ideologische Überprüfungen
- jahrelange Unterrichtsverbote trotz Fachkräftemangels
- Besonders absurd: Naturwissenschaftslehrer wurden aussortiert, während gleichzeitig Lehrermangel herrschte.
Naturwissenschaftler & Akademie-Forscher
Die DDR verfügte über ein dichtes Netz außeruniversitärer Forschung.
- Institute wurden aufgelöst oder „neu gegründet“
- ältere Wissenschaftler systematisch ausgeschlossen
- häufige erzwungene Berufswechsel in Verwaltung, IT-Dienstleistung oder komplette Aufgabe der Laufbahn
Facharbeiter & Meister
Hohe Spezialisierung, lange Betriebszugehörigkeit, breite Verantwortung.
Nach 1990:
- Praxiswissen geringer bewertet als formale Westzertifikate
- Degradierung in Leiharbeit oder Niedriglohn
- Meisterabschlüsse mussten "angepasst" oder neu erworben werden
Medizinisches Personal (Pflege, Hebammen, Assistenzärzte)
- Zusatzqualifikationen trotz jahrelanger Erfahrung
- Einschränkung von Zuständigkeiten
- Entwertung DDR-spezifischer Ausbildungswege
- paradox: Abwertung bei gleichzeitigem Fachkräftemangel.
Ökonomen, Betriebsleiter, Produktionsplaner
- pauschal als „Planwirtschaftler“ disqualifiziert
- Führungsverantwortung vollständig entzogen
- Umschulung zu Sachbearbeitern oder Kaufleuten
- Dabei kannten viele Produktionsprozesse besser als ihre westlichen Nachfolger.
Diese Beispiele folgen einem klaren Muster: Nicht prüfen, sondern ersetzen.
Abbildung: VT 18.16 – der Schnelltriebzug der DDR. Der "Vindobona" stand als eines von vielen Beispielen für technischen Anspruch, gestalterische Klarheit und den Willen eines kleinen Landes, moderne Infrastruktur selbst zu entwickeln. Für viele DDR-Bürger war der VT 18.16 ein sichtbarer Beleg dafür, dass Ingenieurskunst, industrielle Fertigung und funktionales Design auch ohne westliche Konzerne möglich waren. Er verkörperte das Selbstbewusstsein einer Gesellschaft, die wusste, dass sie – gemessen an ihren Möglichkeiten – Erstaunliches leistete.
🎓 Zwischen Leistung und Realität: Das international geachtete Bildungs- und Ausbildungssystem der DDR
Wer die Abwertung ostdeutscher Werktätiger nach 1990 verstehen will, muss sich zuerst ansehen, was die DDR tatsächlich ausgebildet hat.
Das Bild vom "rückständigen Osten" zerfällt sofort, sobald man das Bildungs- und Qualifikationsniveau nüchtern betrachtet.
Die DDR verfügte über ein hochgradig durchstrukturiertes, durchlässiges und praxisnahes Bildungssystem, das konsequent auf gesellschaftlichen Bedarf ausgerichtet war – nicht auf soziale Herkunft oder Zahlungsfähigkeit.
Bereits in der Schule galt ein Prinzip, das in der BRD bis heute nicht eingelöst ist: gleiche Bildungschancen unabhängig vom Elternhaus. Der Zugang zu weiterführender Bildung war nicht einkommensabhängig, sondern leistungs- und bedarfsorientiert. Arbeiter- und Bauernkinder stellten einen hohen Anteil der Studierenden – nicht als Quote, sondern als Ergebnis gezielter Förderung.
🧑🏭 Berufsausbildung: Fundament statt Sackgasse
Die Berufsausbildung der DDR war kein Auffangbecken, sondern tragende Säule des Systems. Facharbeiter galten nicht als zweite Wahl, sondern als hochqualifizierte Spezialisten mit klaren Aufstiegsperspektiven. Einheitliche Ausbildungsstandards, enge Verbindung von Theorie und Praxis sowie die garantierte Übernahme in Arbeit sorgten für durchgängige Erwerbsbiografien.
Ein Facharbeiterabschluss war kein Endpunkt, sondern der Einstieg in weitere Qualifikation: Meister, Ingenieurschule, Fach- oder Hochschulstudium waren institutionell vorgesehen und real erreichbar. Bildung funktionierte als Prozess – nicht als sozialer Filter.
🧠 Studium: Bedarf statt Markt
Das Hochschulsystem der DDR bildete nicht nach Prestige, sondern nach gesellschaftlichem Bedarf aus. Ingenieur-, Natur- und Lehramtsstudiengänge standen im Zentrum, weil sie gebraucht wurden. Das Studium war kostenfrei, staatlich gefördert und eng mit Betrieben und Forschung verzahnt.
Absolventen verließen die Hochschulen nicht als Theoretiker, sondern als sofort einsetzbare Fachkräfte mit Praxiserfahrung, Verantwortung und Systemverständnis.
🧪 Forschung & Qualifikation: Breite statt Elite
Statt auf kleine akademische Eliten setzte die DDR auf breite Qualifikation. Forschung fand nicht nur an Universitäten statt, sondern auch in Akademie-Instituten, Kombinaten und Entwicklungsabteilungen.
Das Ergebnis waren hunderttausende hochqualifizierte Werktätige, kurze Wege zwischen Forschung und Produktion und ein Verständnis von Wissen als kollektive Ressource – nicht als Karrieresignal. Qualifikation war kein Statussymbol, sondern Arbeitsmittel.
Abbildung: Fortschritt-Landmaschinen – Ausbildung und technischer Service der DDR in Nordafrika. Die DDR exportierte nicht nur Maschinen, sondern Wissen. In Ländern Nordafrikas wurden Fachkräfte an Fortschritt-Landtechnik ausgebildet, Wartung und Reparatur vor Ort organisiert und Know-how dauerhaft vermittelt. Für viele DDR-Bürger war dies ein sichtbarer Beleg dafür, dass ein kleines Land in der Lage war, komplexe Technik zu entwickeln, international einzusetzen und Ausbildung mit praktischer Verantwortung zu verbinden. "Fortschritt" stand damit nicht nur für Industrie, sondern für einen Anspruch: Technik nutzbar zu machen – gemeinsam mit denen, die sie anwenden.
🌍 Internationale Anerkennung: Das DDR-Bildungssystem als Exportmodell
Das Bildungs- und Ausbildungssystem der DDR war international anerkannt und aktiv nachgefragt. Nicht trotz, sondern wegen seiner Qualität, Praxisnähe und Systematik. Während die BRD Ausbildung primär national dachte, verstand die DDR Bildung auch als internationale Aufbauleistung.
Zwischen den 1950er-Jahren und 1989 bildete die DDR fast 100.000 (!) ausländische Studierende und Auszubildende aus.
Hinzu kamen zehntausende Fachkräfte in betrieblichen Qualifizierungsprogrammen. Die Ausbildung erfolgte vollständig staatlich finanziert, inklusive Unterkunft, Sprachkursen und Praxisphasen. Zu den Herkunftsländern gehörten u. a.:
- Vietnam – Ingenieure, Techniker, Lehrer
- Angola – Facharbeiter, Bauingenieure, Mediziner
- Mosambik – Industrie- und Produktionsfachkräfte
- Äthiopien – Lehrkräfte, Agrar- und Naturwissenschaftler
- Kuba – Mediziner, Ingenieure, Naturwissenschaftler
- Nicaragua – Techniker, Pädagogen
- Irak – Ingenieure, Fachkräfte für Infrastruktur
- Syrien – technische und naturwissenschaftliche Studiengänge
- Sowjetunion – Ingenieure (Maschinenbau, Elektrotechnik), Mediziner
- Polen – Ingenieure, Meister, Facharbeiter (Industrie, Elektrotechnik)
- Tschechoslowakei – Maschinen- und Fahrzeugtechnik, Elektrotechnik,
- Ungarn – Techniker, Ingenieure, Naturwissenschaftler
- Bulgarien – Elektrotechnik, Chemieingenieure, Industrieautomation
- Rumänien – Bau- und Industrieingenieure, Produktionsfachkräfte
- Mongolei – Bergbau- und Industrieingenieure, Techniker
- Laos – Ingenieure, Lehrer, technische Fachkräfte
- Kambodscha – Bauingenieure, Infrastruktur- und Produktionsfachkräfte
- Jemen (Südjemen) – Techniker, Mediziner, Verwaltungskader
- Algerien – Ingenieure, Facharbeiter, Ausbilder
Diese Fachkräfte wurden nicht oberflächlich geschult, sondern durchliefen vollständige Ausbildungs- und Studiengänge nach DDR-Standard. Viele kehrten anschließend in ihre Herkunftsländer zurück und übernahmen dort Schlüsselpositionen in Ministerien, Kombinaten, Krankenhäusern, Schulen und Universitäten. In allen Ländern trifft man bis heute Menschen, die die DDR-Ausbildung durchlaufen haben und dankbar viel Gutes zu berichten wissen.
Besonders geschätzt war:
- die enge Verzahnung von Theorie und Praxis
- die sofortige Einsatzfähigkeit der Absolventen
- die klare Ausrichtung auf gesellschaftlichen Bedarf statt Marktprestige
Mehrere Länder orientierten sich beim Aufbau eigener Berufs- und Hochschulsysteme direkt am DDR-Modell, insbesondere an der Kombination aus schulischer Bildung, betrieblicher Praxis und staatlicher Planung. Das ist kein ideologischer Mythos, sondern dokumentierte Realität internationaler Bildungskooperation.
Vor diesem Hintergrund wird die Abwertung nach 1990 grotesk:
Ein System, das weltweit Fachkräfte ausbildete, wurde im eigenen Land plötzlich als "nicht konkurrenzfähig" erklärt. Nicht wegen mangelnder Qualität – sondern weil seine Anerkennung politisch unerwünscht war.
Wer ein Bildungssystem kopiert, bestätigt seine Leistungsfähigkeit. Wer es gleichzeitig delegitimiert, verfolgt kein sachliches, sondern ein machtpolitisches Ziel.

Abbildung: Dresden, auf dem Dach des Interhotel Newa. Trotz riesiger Reparationsleistungen, Rohstoffmangel und fehlender Anschubfinanzierung (die die BRD genoss) schuf die DDR in vier Jahrzehnten Millionen Neubauwohnungen, baute zehntausende Kilometer Gleisnetz für die Eisenbahn aus und errichtete leistungsfähige Kombinate und Industrieanlagen. Was oft übersehen wird: Ein erheblicher Teil dessen, was heute als "deutsches Wirtschaftswunder" gilt, entstand unter völlig unterschiedlichen Ausgangsbedingungen. Während die BRD vom Marshallplan profitierte, baute die DDR unter Reparationslasten ein Land neu auf – mit Wohnraum, Infrastruktur und Industrie als gesellschaftlichem Kernauftrag.
❗ Die Absurdität der Abwertung
Vor diesem Hintergrund wird die Abwertung der Ostdeutschen nach 1990 grotesk. Menschen, die:
- durch ein staatlich organisiertes, anspruchsvolles Bildungssystem gegangen waren
- jahrzehntelang in hochspezialisierten Funktionen gearbeitet hatten
- komplexe technische, organisatorische und wissenschaftliche Verantwortung trugen
- oft sogar zahlreiche Facharbeiter befreundeter Staaten jahrzehntelang ausbildeten
...wurden plötzlich als "nicht ausreichend qualifiziert" etikettiert.
Nicht wegen realer Defizite, sondern weil ihre Qualifikation nicht westlich codiert war.
Die Abwertung ostdeutscher Werktätiger war deshalb kein sachlicher Vorgang, sondern ein politischer Akt. Wer das DDR-Bildungssystem anerkannt hätte, hätte anerkennen müssen, dass:
- Qualifikation existierte
- Kompetenz vorhanden war
- Lebensleistungen real waren
Diese Anerkennung hätte den Überlegenheitsmythos zerstört. Also wurde nicht geprüft – sondern pauschal entwertet.
🧾 Arbeitsjahre ohne Würde: Renten als stilles Abwertungsinstrument
Die DDR war geprägt von durchgehender Erwerbstätigkeit. Arbeitslosigkeit existierte faktisch nicht. Nach 1990 wurden genau diese kontinuierlichen Arbeitsbiografien neu bewertet – und systematisch relativiert: Arbeitsjahre zählten plötzlich anders. Bestimmte Tätigkeiten galten als weniger wertvoll. Zulagen verschwanden. Das Resultat: deutlich niedrigere Renten, trotz oft längerer Lebensarbeitszeit als im Westen.
Die Rentenfrage wurde so zum leisen, aber wirksamen Instrument der Korrektur. Nicht laut, nicht offen strafend – aber dauerhaft. Wer sein Leben lang gearbeitet hatte, bekam im Alter signalisiert: Deine Arbeit zählt weniger.
🏭 Betriebe, Kombinate, Berufsstolz: Abwicklung statt Transformation
Statt die ostdeutsche Industrie schrittweise zu modernisieren, wurde sie großflächig zerschlagen. Zentrale Rolle spielte dabei die Treuhandanstalt. Fakten:
- rund 8.500 volkseigene Betriebe privatisiert oder liquidiert
- etwa 4 Millionen Arbeitsplätze innerhalb weniger Jahre vernichtet
- Deindustrialisierung ganzer Regionen
Viele Betriebe waren nicht marode, sondern konkurrenzfähig oder problemlos modernisierbar. Trotzdem wurden sie geschlossen – häufig, um westdeutsche Märkte zu schützen. Mit ihnen verschwand nicht nur Produktion, sondern berufliche Identität.
Arbeit verlor ihren Sinn, Erfahrung ihren Wert.

Abbildung: Steinmetze des VEB Stuck und Naturstein Berlin bei der Restaurierung historischer Skulpturen. Kunsthandwerk, materialwissenschaftliche Expertise und denkmalpflegerische Forschung gingen in der DDR oft Hand in Hand. Die Restaurierung historischer Bauplastik war keine Nebenaufgabe, sondern Teil eines staatlich organisierten Kultur- und Erhaltungsauftrags. Facharbeiter, Restauratoren und Wissenschaftler arbeiteten gemeinsam daran, kulturelles Erbe zu sichern – als gesellschaftliche Aufgabe, nicht als Prestigeprojekt.
🧠 Der ideologische Kern der Abwertung: Sozialismus durfte nichts geleistet haben
Die systematische Abwertung hatte einen Zweck. Hätte man anerkannt, dass Bildung, Arbeit, Forschung und soziale Sicherheit in der DDR funktionierten, wäre der westliche Überlegenheitsmythos brüchig geworden.
Deshalb mussten:
- Vollbeschäftigung (bis heute) als Zwang gelten
- soziale Sicherheit als Bevormundung
- beruflicher Stolz als Verblendung
Nur wenn der Sozialismus und das System DDR als durchgehend gescheitert galt, war seine vollständige Abschaffung alternativlos.
Anerkennung hätte Fragen erzeugt – Abwertung schuf Gewissheit.
📰 Deutungshoheit: Wer erzählt, gewinnt
Die Entwertung ostdeutscher Lebensleistungen ist kein historisches Randphänomen, sondern bis heute messbare Realität. Über 30 Jahre nach 1990 unterscheiden sich Ost- und Westdeutschland nicht nur im Gefühl, sondern in harten Zahlen.
Ostdeutsche verfügen im Durchschnitt über weniger als die Hälfte des Nettovermögens westdeutscher Haushalte. Immobilienbesitz, Betriebsvermögen, Kapitalanlagen – all das konzentriert sich bis heute im Westen. Das ist kein Zufall, sondern die direkte Folge der frühen 1990er-Jahre: Betriebsschließungen, Massenarbeitslosigkeit, fehlende Startkapitalien und der Ausschluss aus Eigentumsbildung genau in der Phase, in der im Westen Vermögen weitergegeben und aufgebaut wurde.
Auch beruflich wirkt die Entwertung fort. Ostdeutsche sind in Führungspositionen, Vorständen, Chefetagen, Ministerien und Medienhäusern massiv unterrepräsentiert – selbst dort, wo sie die Bevölkerungsmehrheit stellen. Das hat nichts mit fehlender Qualifikation zu tun, sondern mit gebrochenen Karrieren, verlorenen Netzwerken und einer frühen Degradierung ganzer Berufsbiografien.
Hinzu kommt die Rentenfrage. Ostdeutsche erhalten niedrigere Altersrenten, obwohl ihre Erwerbsbiografien oft länger und lückenloser waren. Lebensarbeit wurde nicht gleich bewertet, sondern unterschiedlich gewichtet – mit dauerhaften Folgen bis ins Alter.
So entstand eine Erinnerungskultur, in der Ostdeutsche selten als Erzähler ihrer eigenen Geschichte vorkamen.

Abbildung: komplexer Ernteeinsatz in den 1980ern. Die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs) verbanden moderne Technik, wissenschaftliche Planung und kollektive Arbeit. Sie sicherten die Lebensmittelversorgung, steigerten Erträge und ermöglichten Ausbildung, Spezialisierung und Mechanisierung in großem Maßstab. Für viele DDR-Bürger standen die LPGs nicht nur für Produktion, sondern für den Anspruch, Landwirtschaft als planbare, leistungsfähige und gesellschaftlich relevante Arbeit zu organisieren. Tatsächlich war die DDR Ende der 1980er (trotz vergleichsweise wenig Anbauflächen!) der einzige deutsche Staat, der sich jemals völlig autark mit Grundnahrungsmitteln versorgen konnte.
📉 Langzeitfolgen: Vermögen, Karrieren, Selbstbilder
Die Entwertung wirkt bis heute fort. Ostdeutsche verfügen im Schnitt über deutlich weniger Vermögen, sind in Führungspositionen unterrepräsentiert und von niedrigen Renten betroffen.
Hinzu kommt der psychologische Effekt: Jahrzehntelange Abwertung prägt Selbstbilder.
Wer immer wieder hört, sein Leben sei "falsch" gewesen, beginnt, sich selbst zu relativieren. Auch das ist eine Form von Enteignung – leise, aber nachhaltig.
🧩 Kein Zufall, kein Chaos, kein Versehen
Gern wird behauptet, die Umbrüche nach 1990 seien chaotisch gewesen, Fehler unvermeidlich, Entscheidungen unter Zeitdruck gefallen. Dieses Argument hält keiner ernsthaften Prüfung stand.
Die Muster der Abwertung sind zu einheitlich, zu flächendeckend und zu dauerhaft, um Zufall zu sein. In Verwaltung, Wirtschaft, Bildung, Wissenschaft und Medien galt dieselbe Logik:
Ostdeutsche Strukturen wurden nicht angepasst, sondern ersetzt. Ostdeutsche Erfahrungen nicht integriert, sondern relativiert. Ostdeutsche Qualifikationen nicht geprüft, sondern pauschal abgewertet.
Besonders entlarvend ist die Konsequenz: Fehler wurden nie systematisch korrigiert, sondern verstetigt. Wer einmal degradiert war, blieb es. Wer einmal ausgeschlossen wurde, kehrte selten zurück. Das spricht nicht für Chaos, sondern für ein klar strukturiertes Transformationsmodell, das Gewinner und Verlierer von Beginn an einkalkulierte.
Abwertung der Ostdeutschen und ihrer Lebensleistungen war kein Betriebsunfall der Einheit. Sie war ihr Schmiermittel.

Abbildung: Eine studierte Ingenieurin der Chemieindustrie, Anfang der 1980er. Rund 90 % der Frauen im erwerbsfähigen Alter waren in der DDR berufstätig – ein internationaler Spitzenwert. Der Staat garantierte flächendeckende Kinderbetreuung, bezahlten Mutterschutz, das Recht auf Arbeit und gleichen Zugang zu Ausbildung und Studium. Frauen stellten einen hohen Anteil an Facharbeiterinnen, Ingenieurinnen, Ärztinnen und Wissenschaftlerinnen. Berufstätigkeit und Mutterschaft galten nicht als Widerspruch: Ende der 1980er-Jahre besuchten über 80 % der Kinder unter drei Jahren eine staatliche Betreuungseinrichtung. Emanzipation war kein Lifestyle-Thema, sondern soziale Realität.
🧭 Fazit: Lebensleistungen verschwinden nicht – sie werden verdrängt
Ostdeutsche Lebensleistungen waren real. Sie waren messbar. Sie waren gesellschaftlich notwendig. Millionen Menschen haben gearbeitet, gelernt, geforscht, produziert, erzogen, organisiert – nicht für ein abstraktes System, sondern für das tägliche Funktionieren eines Landes.
Ihre systematische Entwertung nach 1990 war politisch nützlich, weil sie Übernahme erleichterte, Machtverhältnisse klärte und den westlichen Überlegenheitsmythos absicherte. Historisch aber war sie falsch – und ihre Folgen sind bis heute sichtbar.
Solange diese Entwertung nicht klar benannt und anerkannt wird, bleibt die sogenannte Einheit unvollständig. Ökonomisch vollzogen, aber biografisch zerstückelt.
Wer über die DDR spricht, darf nicht nur über (angeblichen) Mangel, Repression und Scheitern reden. Er muss auch über das sprechen, was Ostdeutschen nach 1990 genommen wurde: Anerkennung, Würde, Kontinuität – und das Recht, die eigene Lebensleistung nicht erklären zu müssen.
Sonst ist jede Aufarbeitung nichts weiter als Siegergeschichte.
15 Kommentare
Hilfe,der Artikel ist so treffend geschrieben als wenn der Verfasser mich kennen würde.Die Sieger sind die ,die nicht in der Sieger-Verlierer-Stufe verharren,denn das ist die unterste Stufe wie z.b.Krieg.
Klaus Kinkel hat 1990 gefordert, die DDR komplett zu delegitimieren. Deshalb hat man sich den hübschen Begriff Unrechtsstaat ausgedacht, Damit wird ein komplettes Rechtssystem, mir dem man sich überhaupt nicht detailliert auseinandergesetzt hat, vollkommen entwertet. Bei einem Vergleich, z.B. beim Arbeitsrecht, würde die Bundesrepublik gar nicht mithalten können, weil viele der Rdchte, die darin verankert waren, da überhaupt nicht zu finden sind.
Das stimmt, ich musste es auch selbst erleben! Anfangs konnte ich es nicht verstehen, aber es wurde mir sehr schnell klar, was dahinter steckt. Es ist Siegermentalität in Reinform!
Die Lebensleistung unserer ehemaligen DDR Bürger wurde derart madig gemacht. Es war so, als müsste man uns erst erklären und lernen, wie gearbeitet wird. Das war mehr als erniedrigend.
Danke für die Ausführlichkeit🙏