"Ewig gestrig" – Wie man Ostdeutschen ihre eigene Geschichte verbietet

"Ewig gestrig" – Wie man Ostdeutschen ihre eigene Geschichte verbietet

Der Vorwurf kommt zuverlässig. Seit über dreißig Jahren. Wer sich mit der Geschichte der DDR beschäftigt, insbesondere mit ihrer Abwicklung und der Nachwendezeit, gilt schnell – und heute primär in den Kommentarspalten (a)sozialer Medien – als "ewig gestrig". Zwei Worte, die jede Auseinandersetzung ersetzen sollen. Eine Diffamierung, die keine Position markiert, sondern einen Schlussstrich setzt – nicht unter die Debatte, sondern unter die Person.

Auffällig ist dabei, wer diesen Vorwurf erhebt. Es sind häufig genau jene, die dem Osten unablässig seine eigene Geschichte erklären. Die definieren, was die DDR war, wofür sie stand, was aus ihr zu lernen sei. Gleichzeitig verlangen sie von Ostdeutschen, die eigene ostdeutsche Geschichte, die eigene Erinnerung und Biographie endlich zu begraben. Das sei vorbei, erledigt, Schnee von gestern. Darüber müsse man hinweg sein.

Diese Logik ist nicht nur widersprüchlich, sie ist absurd selektiv. Denn dieselben Menschen haben keinerlei Problem damit, immer wieder das Jahr 1945 heranzuziehen. Der Osten wird mit moralischen Verweisen auf diese Zeit belehrt, ihm wird erklärt, wie er zu denken habe, wie er sich zu verhalten habe, wen er zu wählen habe. Hier ist Geschichte plötzlich nicht alt, nicht abgeschlossen, nicht tabu.

 Hier gilt Erinnerung als Pflicht.


Die vierzig Jahre danach hingegen sollen nicht existieren. Die Lebenszeit von Millionen, ihre Arbeit, ihre sozialen Beziehungen, ihre Alltage, ihre Brüche – all das soll schweigen.

Besonders perfide wird es dort, wo selbst Zeitzeugen abgesprochen wird, über ihr eigenes Leben zu sprechen. Denn: Es handelt sich hier nicht um "ein Land vor unserer Zeit", das uns nur durch archäologische Funde und Fernsehdokus bekannt ist (nun, zugegeben: vielen in Westdeutschland schon). Millionen Menschen kennen dieses Land, diese Welt, diese Gesellschaft aus eigener Erfahrung. Und zwar zumeist viel besser als Drehbuchschreiber neuerer TV-Dokumentationen, sollen aber bitte schweigen.

  
Wohlgemerkt: Die DDR-Geschichte darf schon erzählt werden, aber eben nicht von denen, die sie erlebt haben. Das ist ganz sicher keine "Aufarbeitung". Das ist Entmündigung.


Wobei ja schon der Begriff "Aufarbeitung" selbst manipulativ ist. Denn er suggeriert, dass hier ganz schlimme Verbrechen und eine krude, dunkle Vergangenheit als kollektives Trauma im Detail aufgearbeitet werden müssen, um ein Weiterleben zu gewährleisten und die Psyche aller Ostdeutschen wieder einigermaßen ins Lot zu bringen...

Diese selektive Erinnerung setzt sich in der Bewertung der Nachwendezeit fort. Denn was dort geschah, war kein sanfter Übergang, sondern ein massiver biografischer Bruch. Anfang der 1990er Jahre stieg die Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland regional auf über 30 Prozent. Jedem dritten deutsche Werktätigen (heute nennt man sie "Arbeitnehmer", als ob sie ihre Arbeit geschenkt bekämen) wurde die Arbeit, oft das Lebenswerk, unwiederbringlich entrissen.
 
Ganze Industrien verschwanden binnen weniger Jahre. Betriebe, die über Jahrzehnte gewachsen waren, wurden geschlossen, zerschlagen oder abgewickelt. Mit ihnen verschwanden soziale Netzwerke und Verbindungen, die über Generationen aufgebaut worden waren: Brigaden, die mit Schulen kooperierten, Betriebe, die Kindergärten trugen,
Kollektive, die Arbeit, Alltag und Leben miteinander verbanden.

Wer meint, die Umbrüche nach 1990 hätten "nur" jeden dritten Werktätigen getroffen, verkennt die Dimension.

Für viele Ostdeutsche endete das Erwerbsleben nicht mit einem neuen Anfang, sondern in dauerhafter Ausgrenzung. Hunderttausende landeten in sogenannten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Menschen, die zuvor Facharbeiter, Ingenieure, Meister waren, räumten als ABM-Kräfte die Trümmer jener Betriebe weg, die sie selbst mit aufgebaut hatten. Das war keine Qualifizierung für den "Standard des goldenen Westens" oder gar das Saatgut "blühender Landschaften":

Das war eine staatlich organisierte Demütigung, begleitet von dem unausgesprochenen Signal: Eure Lebensleistung bis hier hin zählt nicht mehr. Und wird es auch nie wieder.


Wenn wir also von "Aufarbeitung" sprechen, dann sollten zunächst diejenigen befragt werden, deren Vergangenheit angeblich "aufgearbeitet" werden muss. Man müsste sie fragen, wo die wirklich prägenden und einschneidenden Brüche ihres Lebens lagen – und worüber sie selbst sprechen würden, wenn man sie ließe.

Denn die Unterstellung, das zentrale Trauma liege zwangsläufig in der DDR-Zeit, ist bereits Teil der Manipulation. Sie blendet aus, dass für viele Ostdeutsche die tiefsten Einschnitte ihres Lebens erst nach 1990 stattfanden – durch Entwertung, Brüche, Verluste. Eine Aufarbeitung, die diese Perspektive ignoriert, ist keine Aufarbeitung, sondern Vorgabe.

Diese Erfahrungen sind kein Randphänomen. Rein rechnerisch ist jede ostdeutsche Familie von diesen Brüchen betroffen: Arbeitslosigkeit, ABM, erzwungene Frühverrentung, soziale Abstiege, psychische Erkrankungen, Diskreditierung – das sind keine individuellen Schicksale, sondern kollektive Erfahrungen des Ostens. Trotzdem gelten sie bis heute nicht als Trauma. Sie tauchen kaum in offiziellen Erinnerungskulturen auf, sie werden nicht systematisch thematisiert, nicht politisch ernst genommen.

Gleichzeitig wird in diesem Land mit großem moralischem Aufwand über jede noch so kleine Minderheit gesprochen. Gruppen im Promillebereich erhalten Sichtbarkeit, Schutz, Diskursraum – oft zu Recht.

Doch die größte diskriminierte Gruppe der deutschen Nachkriegsgeschichte, mindestens 15 Millionen Ostdeutsche, bleibt weitgehend unsichtbar. Ihre Erfahrungen nach 1990 gelten nicht als identitätspolitisch relevant. Ihre Kränkungen nicht als strukturell. Ihr Schweigen wird erwartet.


Und wenn sie sich äußern, wenn sie wählen, wenn sie widersprechen, wird ihnen erneut Geschichte entgegengehalten. Nicht ihre eigene, sondern eine fremde, normierende Erzählung. Wer abweicht, gilt als rückständig. Wer erinnert, an Dinge, die mal anders oder gar besser waren, gilt als "ewig gestrig". Wer erinnert, dass Dinge einmal anders oder sogar besser waren, gilt als "ewig gestrig". Vielleicht deshalb, weil Erinnerung nicht harmlos ist. Sie stellt Vergleiche an. Und Vergleiche sind gefährlich.... 

Erinnerung ist kein Rückschritt. Sie ist Voraussetzung für Würde.


Wer Menschen ihre Geschichte abspricht, spricht ihnen letztlich ihre Stimme ab. Die Auseinandersetzung mit der DDR und der Nachwendzeit ist kein nostalgischer Reflex, sondern ein notwendiger Schritt, um dieses Land (und ganz besonders den Osten dieses Landes) zu verstehen. Nicht selektiv. Nicht von oben herab. 

Sondern aus der Perspektive derer, die es gelebt haben.

Lasst es nicht zu, dass man uns einredet, wir müssten schweigen. Unsere Geschichte ist kein Makel und kein Irrtum, den andere für uns "aufarbeiten" müssen. 

WIR haben dieses Land gelebt – gearbeitet, aufgebaut, verloren, und wir sind es, die seine Geschichte tragen.

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1 Kommentar

Bei mir im Auto steht die klopapierrolle ,schön verziert durch Häkelgarn und ein Dackel .
Neuerdings hängt Honecker im Flur .Die Integration hier im Westen ist mir nicht gelungen .aber als Einzelgänger ist es ok. Durch die Kriege hat sich der Kommentar gegen Ostdeutsche verschärft wie Putin…,Kommunisten Sau ,Scheiss Ostdeutsche usw.Die wollten uns nicht als denkende Menschen,sondern als Mehrheitsbeschaffer ihrer kläglichen Expansion nach Osten ,dazu wollten sie uns die Würde nehmen.

Dagmar Krznar

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