DDR-Wissenschaft, Patente & Know-How: der Technologieraub nach 1990

DDR-Wissenschaft, Patente & Know-How: der Technologieraub nach 1990

Nach 1990 wurde viel von "Neuanfang" gesprochen. Von Transformation, Anpassung, Modernisierung. Was dabei bewusst unter den Tisch fiel:

Ostdeutsche Forschung war kein Trümmerfeld – sie war Beute.

Über Jahrzehnte entwickelte die DDR Wissenschaft und Technologie nicht für Profite, sondern für gesellschaftlichen Nutzen. Forschung diente der Produktion, der Versorgung, dem Alltag. Kombinate, Akademie-Institute und Entwicklungsabteilungen arbeiteten nicht für Aktionäre, sondern für das, was offiziell "Volkswirtschaft" hieß. Dieses Wissen war vorhanden, erprobt, dokumentiert – und nach 1990 plötzlich hochinteressant.

Denn kaum war die DDR Geschichte, rissen sich westdeutsche Konzerne, Forschungsinstitutionen und staatliche Stellen unter den Nagel, was verwertbar war: Patente, Verfahren, Produktionslösungen, Konstruktionsunterlagen, ganze Entwicklungsstände. Was gestern angeblich „rückständig“ gewesen sein sollte, war heute anschlussfähig genug, um übernommen, weitergeführt oder still integriert zu werden.


Der entscheidende Punkt: Übernommen wurde das Wissen – nicht die Menschen. Die Forschung, die zuvor dem Gemeinwohl dienen sollte, wurde in private Verwertungsketten überführt. Namen verschwanden, Herkunft wurde neutralisiert, Leistungen umetikettiert. Aus DDR-Innovation wurde "gesamtdeutsche Entwicklung" oder gleich westdeutscher Fortschritt.

Und nennen wir es beim Namen: Für viele Betroffene fühlte sich das an wie Enteignung geistiger Arbeit. Nicht im Sinne eines Diebstahls einzelner Ideen, sondern als systematische Überführung kollektiver Forschungsleistung in neue Eigentums- und Machtverhältnisse, ohne Anerkennung, ohne faire Integration, ohne Schutz der Urheberschaft.


👤 Einstieg 1990: Der Forscher, der überflüssig wurde – sein Wissen nicht

Der Morgen beginnt wie immer, nur die Aushänge sind neu. Keine Versuchspläne, keine Projektlisten, sondern neue, bisher nie genutzt Worte wie "Evaluierung", "Strukturentscheidung", "Abwicklung". In den Fluren stehen Kartons. Laborbücher, Messprotokolle, Zeichnungen – Jahrzehnte an DDR-Forschung und -Arbeit.

Dann kommen Besucher aus der BRD. Freundlich, interessiert, sachlich. Sie stellen Fragen zu Verfahren, Parametern, Ergebnissen. Und schnell wird klar: Man will nicht ihn. Man will das, was er weiß.

Das Institut wird geschlossen. Die Unterlagen bleiben.

🏛️ Die Ausgangslage 1989: Ein international geachtetes, ernstzunehmendes Wissenschaftsland namens DDR

Die DDR war 1989 kein wissenschaftliches Entwicklungsland und auch kein bloßer Nachahmer westlicher Technologien. Sie verfügte über eine breit aufgebaute, systematisch organisierte Forschungslandschaft, die eng mit Industrie, Gesundheitswesen, Landwirtschaft und Infrastruktur verzahnt war. Forschung war kein elitäres Prestigeprojekt weniger Universitäten, sondern fester Bestandteil der gesellschaftlichen Produktion.

Kernstück war die Akademie der Wissenschaften der DDR. Mit rund 24.000 Beschäftigten – darunter mehrere tausend promovierte Wissenschaftler – war sie eines der größten außeruniversitären Forschungsnetzwerke Europas.

 

Ihre Institute arbeiteten u. a. in den Bereichen:

  • Physik und Optik
  • Chemie und Verfahrenstechnik
  • Medizin, Biologie und Pharmazie
  • Werkstoff- und Materialforschung
  • Mikroelektronik, Automation und Informatik

Entscheidend war dabei nicht nur der Umfang, sondern die Praxisnähe. Forschungsergebnisse wurden nicht primär publiziert, sondern direkt in Produktion, Medizin oder Infrastruktur überführt. Ergänzt wurde die Akademieforschung durch die sogenannte Kombinatsforschung: Entwicklungsabteilungen direkt in Großbetrieben der DDR, etwa in Chemie-, Maschinenbau-, Elektronik- oder Optikkombinaten. Diese Struktur sorgte dafür, dass:

  • Forschung bedarfsgesteuert war
  • Entwicklungszeiten kurz blieben
  • Wissen schnell in anwendbare Technik überging

Kurz: Die DDR verfügte über ein funktionales, produktionsnahes Wissenschaftssystem, das unter deutlich schlechteren materiellen und finanziellen Bedingungen arbeitete als westliche Staaten – aber dennoch international mehr als anschlussfähig war, ja oft sogar international führende Innovationen hervorbrachte.

 

🧩 Der notwendige Mythos vom "Rückstand"

Nach 1990 setzte sich rasch eine Erzählung durch: DDR-Technik sei grundsätzlich ineffizient gewesen, DDR-Wissenschaft nicht konkurrenzfähig, DDR-Forschung ideologisch verzerrt. Diese Erzählung erfüllte eine klare Funktion.

Sie legitimierte die Übernahme, ohne Anerkennung oder Gleichwertigkeit herstellen zu müssen.


Doch diese Erzählung kollidiert frontal mit dem tatsächlichen Vorgehen nach der Wende. Denn Wertloses wird nicht:

  • systematisch inventarisiert
  • durch externe Gutachter evaluiert
  • rechtlich gesichert
  • wirtschaftlich verwertet

Genau das aber geschah. Institute wurden begutachtet, Patente und Verfahren katalogisiert, Forschungsstände bewertet. Ganze Entwicklungsbereiche wurden herausgelöst, weitergeführt oder in neue Strukturen integriert.

Der Mythos vom Rückstand war deshalb kein Ergebnis nüchterner Analyse, sondern ein politisches Narrativ. Er machte es möglich, ostdeutsche Wissenschaft gleichzeitig zu nutzen und zu entwerten. Anerkennung hätte Fragen aufgeworfen:

  • Warum funktioniert dieses Wissen?
  • Warum schließen wir dann die Institute?
  • Warum entlassen wir die Menschen?

Die Antwort darauf wollte man vermeiden. Also musste die Leistungsfähigkeit nachträglich bestritten werden.


✂️ Abwicklung statt Integration: Menschen raus, Wissen rein

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache:

Zwischen 1989 und 1993 schrumpfte das ostdeutsche Forschungspersonal auf etwa 30 % des ursprünglichen Umfangs. Zehntausende Wissenschaftler, Ingenieure und technische Mitarbeiter verloren ihre Stellen.

Besonders betroffen waren:

  • ältere Forscher
  • langjährig spezialisierte Fachkräfte
  • ganze Arbeitsgruppen und Institute

Die Abwicklung folgte dabei einem wiederkehrenden Muster:

  1. Evaluieren
    Ostdeutsche Institute wurden nach westdeutschen Maßstäben geprüft – oft unter massivem Zeitdruck und ohne Berücksichtigung ihrer spezifischen Aufgabenstrukturen.

  2. Selektieren
    Verwertbare Bereiche (Patente, Verfahren, Geräte, Daten) wurden identifiziert und herausgelöst.

  3. Schließen
    Die institutionellen Strukturen wurden aufgelöst oder drastisch verkleinert.

  4. Verwerten
    Forschungsergebnisse gingen in neue, meist westlich dominierte Einrichtungen oder Unternehmensstrukturen über.

  5. Aussortieren
    Ein Großteil der Beschäftigten galt als „nicht integrierbar“ – trotz jahrzehntelanger Erfahrung.

Das Ergebnis war kein gleichberechtigter Zusammenschluss zweier Wissenschaftssysteme, sondern ein asymmetrischer Prozess: Wissen blieb, Menschen verschwanden. Ergebnisse wurden genutzt, Biografien entwertet.

Genau darin liegt der Kern dessen, was viele Betroffene als Enteignung geistiger Arbeit empfanden – nicht als Metapher, sondern als reale Erfahrung.


🔬 Konkrete Errungenschaften der DDR – und warum sie begehrt waren

Die technologische und wissenschaftliche Leistungsfähigkeit der DDR lässt sich nicht abstrakt, sondern an konkreten Produkten, Verfahren und internationalen Einsätzen belegen. Entscheidend ist dabei nicht, ob die DDR in allen Bereichen führend war, sondern dass sie in zentralen Schlüsseltechnologien eigenständig konkurrenzfähig war – und genau deshalb nach 1990 interessant wurde.

🔭 Optik & Präzisionstechnik: Carl Zeiss Jena

Carl Zeiss Jena war eines der technologischen Schwergewichte der DDR und zugleich ein international anerkannter Optikhersteller. Die Kompetenz reichte weit über Konsumgüter hinaus und lag vor allem in hochspezialisierten Anwendungen.

Zu den zentralen Leistungen gehörten:

  • Hochpräzisionsoptiken für wissenschaftliche und industrielle Anwendungen
  • Mikroskope (Licht-, Elektronen- und Spezialmikroskopie) mit weltweitem Export
  • Mess- und Justiersysteme für Industrie, Geodäsie und Forschung
  • Astronomische Optiken für Observatorien und Forschungsprogramme
  • Weltraum- und Satellitenoptiken für Erdbeobachtung und Messsysteme

Besonders relevant:

Optische Systeme aus Jena wurden im Rahmen des sowjetisch geführten Interkosmos-Programms eingesetzt. Die DDR lieferte dabei keine symbolischen Bauteile, sondern funktionskritische Komponenten – etwa für Kameras, Sensorik und optische Messsysteme. Die ersten guten Bilder aus unserem Kosmos entstanden dank Linsentechnik aus Jena.


Diese Kompetenz verschwand 1990 nicht. Sie wurde:

  • technisch weiterverwendet
  • institutionell aufgespalten
  • juristisch neu zugeordnet

Während das Kombinat zerschlagen wurde, blieben Know-how, Patente und Produktionslinien erhalten – nur unter neuen Eigentumsverhältnissen und mit neuer Herkunftserzählung.

 

💊 Medizin & Pharma: Jenapharm

Die pharmazeutische Forschung der DDR war stark staatlich organisiert, aber wissenschaftlich problemlos international anschlussfähig (was das Märchen der leistungsfähigen privatwirtschaftlichen Pharmakonzerne widerlegt). Jenapharm in Jena war dabei eines der zentralen Unternehmen.

Zu den Schwerpunkten zählten:

  • Hormon- und Steroidforschung, insbesondere in der Endokrinologie
  • Entwicklung und Produktion von Kontrazeptiva
  • Forschung zu Sexualhormonen und Reproduktionsmedizin
  • Enge Verzahnung von Forschung, klinischer Anwendung und industrieller Produktion
  • Eigene Syntheseverfahren und Produktionslinien

Diese Arbeiten waren nicht randständig, sondern international bewundert und fortschrittlich. Nach 1990 wurde Jenapharm privatisiert und später von Bayer übernommen. Was blieb:

  • Patente
  • Forschungsdaten
  • Produktionswissen
  • Marktanteile

Was verschwand:

  • die DDR als Herkunft
  • die Anerkennung der Vorleistung
  • die Sichtbarkeit ostdeutscher Forschungstradition

 

💻 IT & Automatisierung: Robotron

Robotron war kein "Kopierer westlicher Technik", sondern ein komplexer IT- und Automatisierungskonzern mit Schwerpunkt auf industrieller Anwendung. Das Kombinat entwickelte und produzierte u. a.:

  • Großrechner- und Minicomputersysteme
  • Industrie- und Prozesssteuerungen
  • Automatisierungssoftware für Produktion, Energie und Verwaltung
  • Wartungs- und Servicekonzepte für den gesamten RGW-Raum

Entscheidend ist: Robotron-Systeme waren flächendeckend installiert – in Industrie, Verwaltungen und Forschungseinrichtungen vieler osteuropäischer Länder. Damit existierte ein erheblicher Bestand an laufenden Systemen, der nach 1990 hochrelevant war.

  • Nach der Wende kam es zu:
  • Zugriff auf installierte Systeme
  • Übernahme von Wartungs- und Serviceverträgen
  • Nutzung des vorhandenen System- und Anwenderwissens
  • gleichzeitiger Zerschlagung des Kombinats

Das Know-how wurde weitergenutzt, die Struktur abgeschafft.

 

🧪 Akademie-Forschung & Adlershof: Wissen bleibt, Struktur wechselt

Die Auflösung der Akademie der Wissenschaften der DDR bedeutete nicht das Ende der Forschung, sondern ihre Neuordnung unter anderen Vorzeichen. In Berlin-Adlershof etwa entstanden zahlreiche neue Institute und Technologieunternehmen, deren Grundlage klar in DDR-Forschungsstrukturen lag. Typisch für diesen Prozess:

  • DDR-Forschung lieferte den wissenschaftlichen Ausgangspunkt
  • neue Einrichtungen erhielten westlich dominierte Leitungen
  • Fördermittel flossen überwiegend in die neuen Strukturen
  • institutionelle Kontinuität wurde nicht anerkannt, sondern ersetzt

Adlershof gilt heute als Erfolgsgeschichte – ohne die DDR-Vorarbeit wäre sie nicht denkbar. Genau darin liegt der Kern des Problems: Der Erfolg wird erzählt, die Herkunft verschwiegen.



📊 Tabelle: DDR-Errungenschaften und ihre Übernahme nach 1990

DDR-Errungenschaft / Bereich Konkrete Leistung in der DDR Form der Übernahme nach 1990 Heutige / damalige Profiteure
Carl Zeiss Jena (Optik, Präzision)
Hochpräzisionsoptiken, Raumfahrt- & Satellitenoptik, Mikroskope, Messtechnik
Zerschlagung des Kombinats, Übertragung von Patenten, Technologien und Kernkompetenzen
Carl Zeiss AG, westdeutsche Zeiss-Strukturen
Raumfahrt-Optik & Messtechnik
Optiken für Interkosmos-Missionen, Erdbeobachtung, Astronomie
Integration in westliche Forschungs- und Industrieketten
Westdeutsche & internationale Raumfahrt-/Forschungsprogramme
Jenapharm (Pharma)
Hormonforschung, Steroidpräparate, Kontrazeptiva, Endokrinologie
Privatisierung, Übernahme von Patenten, Daten, Produktionswissen
Bayer
Impfstoffe & medizinische Forschung
Staatliche Impfstoffproduktion, klinische Forschung
Auflösung staatlicher Strukturen, Integration in Konzernlogik
Westdeutsche Pharma- und Gesundheitskonzerne
Robotron (IT, Rechentechnik)
Großrechner, Automatisierung, Software- & Wartungssysteme
Zugriff auf installierte Systeme, Wartungsverträge, Know-how
Westdeutsche IT-Firmen, internationale Konzerne
Akademie der Wissenschaften der DDR
Grundlagen- & angewandte Forschung (24.000 Beschäftigte)
Auflösung, Selektion verwertbarer Institute
Westdeutsche Hochschulen, Institute, Industrie
Adlershof-Forschung
Physik, Chemie, Werkstoffe, Elektronik
Neugründungen auf DDR-Wissensbasis
Westlich dominierte Technologieunternehmen
Maschinen- & Werkzeugbau
Produktionsverfahren, Spezialmaschinen
Stilllegung + Technologietransfer
Westdeutsche Maschinenbaukonzerne
Chemische Verfahrenstechnik
Farben, Kunststoffe, Industriechemie
Übernahme von Verfahren & Rezepturen
Westdeutsche Chemiekonzerne
Landwirtschaftstechnik (Fortschritt)
Großtechnik, Ausbildung & Service international
Produktionsende, Know-how-Abfluss
Westliche Landtechnik-Hersteller

 

💰 Wer profitierte – und wer verlor

Der Wissenschafts- und Technologietransfer nach 1990 war kein neutraler Vorgang. Er hatte klare Gewinner und klare Verlierer. Diese Verteilung ist bis heute messbar – ökonomisch, institutionell und biografisch.

Profiteure

🧾Westdeutsche Konzerne

Für westdeutsche Industrie- und Pharmakonzerne bedeutete der Zusammenbruch der DDR einen einmaligen Zugriff auf jahrzehntelang öffentlich finanzierte Forschung – ohne die Kosten ihres Aufbaus tragen zu müssen. Patente, Verfahren, Entwicklungsstände und Marktkenntnisse konnten übernommen werden, häufig im Rahmen von Privatisierungen, Ausgründungen oder "strategischen Partnerschaften". Das reduzierte:

  • Entwicklungszeiten
  • Investitionsrisiken
  • Kosten für Grundlagenforschung

In vielen Fällen wurden DDR-Innovationen nicht als solche ausgewiesen, sondern gingen nahtlos in bestehende Produktlinien ein. Die Wertschöpfung fand fortan im Westen statt – auf Basis ostdeutscher Vorarbeit.

🧾Westdeutsche Forschungsinstitutionen

Universitäten und außeruniversitäre Institute profitierten doppelt: durch die Übernahme von Forschungsfeldern, Geräten und Daten, durch zusätzliche Fördermittel im Rahmen des "Aufbaus Ost". Ostdeutsche Institute wurden geschlossen, während westdeutsche Einrichtungen ihre Kapazitäten ausbauten – oft mit Bezug auf dieselben Themenfelder. Forschung wurde zentralisiert, nicht gleichberechtigt zusammengeführt.

🧾Der BRD-Staat: Auch der Staat profitierte strukturell:

  • Ausschaltung eines konkurrierenden Wissenschaftssystems
  • Konzentration von Forschungskapazitäten
  • langfristige Sicherung westdeutscher Deutungshoheit

Die Bundesrepublik übernahm technologische Ergebnisse, ohne die institutionellen und personellen Verpflichtungen der DDR fortzuführen. Das senkte Kosten und stärkte bestehende Machtstrukturen.

 

Verlierer

📉 Ostdeutsche Wissenschaftler und Ingenieure

Zehntausende verloren zwischen 1989 und 1993 ihre Stellen. Besonders betroffen waren:

  • ältere Wissenschaftler
  • hochspezialisierte Fachkräfte
  • komplette Arbeitsgruppen

Viele galten als "nicht integrierbar", obwohl sie über jahrzehntelange Erfahrung verfügten. Das Ergebnis waren gebrochene Karrieren, Frühverrentung, Berufswechsel oder dauerhafte Dequalifizierung.

📉 Ganze Biografien

Für viele Betroffene bedeutete die Abwicklung nicht nur den Verlust des Arbeitsplatzes, sondern die nachträgliche Entwertung ihres gesamten Berufslebens. Abschlüsse, Forschungsleistungen und Verantwortung galten plötzlich als weniger wert oder irrelevant. Das wirkte sich aus auf:

  • Einkommen
  • Renten
  • gesellschaftliche Anerkennung


📉 Strukturelle Zukunftsfähigkeit ganzer Regionen

Mit der Schließung von Instituten und Kombinaten verloren viele Regionen ihre Wissenskerne. Forschung zieht qualifizierte Arbeitskräfte, Zulieferer und Innovation an. Ihr Wegfall führte zu:

  • Abwanderung
  • wirtschaftlicher Schwächung
  • dauerhafter Abhängigkeit

Diese Effekte sind bis heute im Osten sichtbar.


🔍 Wie Aneignung funktioniert – die Muster

Aneignung geschieht selten offen. Sie braucht keine offenen Enteignungsakte, keine öffentlichen Geständnisse. Sie funktioniert leise, administrativ, scheinbar sachlich. Gerade deshalb ist sie so wirksam. In der ostdeutschen Wissenschaft nach 1990 lassen sich branchenübergreifend wiederkehrende Muster erkennen, die kein Zufall sind, sondern Struktur haben.


🏢 Institute schließen, Inhalte tauchen woanders auf

Ostdeutsche Forschungsinstitute wurden geschlossen, zusammengelegt oder "abgewickelt". Offiziell, weil sie angeblich nicht konkurrenzfähig oder überdimensioniert gewesen seien.

Tatsächlich verschwanden dabei nicht die Forschungsinhalte.
Themen, Methoden, Messreihen, Modelle und Lösungsansätze tauchten kurze Zeit später in neuen westlich dominierten Einrichtungen wieder auf – oft geografisch verlagert, organisatorisch neu verpackt, personell ausgetauscht.


Was verschwand, war nicht das Wissen, sondern:

  • die institutionelle Kontinuität
  • die ostdeutsche Urheberschaft
  • der historische Zusammenhang

So entsteht der Eindruck von "Neuentwicklung", wo in Wahrheit Weiterverwendung stattfand.

📜 Patente sichern, Personal entlassen

Ein zentrales Element der Aneignung war die Trennung von geistigem Eigentum und seinen Urhebern. Patente, Schutzrechte, Versuchsdaten und technische Dokumentationen wurden gesichert, bewertet und in neue Eigentumsverhältnisse überführt. Gleichzeitig galten die Menschen, die dieses Wissen geschaffen hatten, als Kostenfaktor. Typisch war:

  • rechtliche Sicherung der Ergebnisse
  • wirtschaftliche Verwertung der Verfahren
  • gleichzeitige Entlassung oder Frühverrentung der Entwickler

Das ist kein Nebeneffekt, sondern der Kern der Logik: Wissen ist wertvoll, Menschen sind austauschbar. So wird geistige Arbeit enteignet, ohne sie formell zu "stehlen".

🧾 DDR-Herkunft verschwindet aus der Erzählung

Ein besonders wirksames Mittel der Aneignung ist die Umetikettierung. Technologien, Produkte oder Forschungsergebnisse gelten plötzlich als:

  • "gesamtdeutsch"
  • "nach der Wende entwickelt"
  • "Erfolg der Transformation"

Die DDR als Herkunft verschwindet aus:

  • Publikationen
  • Unternehmensgeschichten
  • wissenschaftlichen Narrativen

Damit wird nicht nur Eigentum verschoben, sondern auch historische Anerkennung gelöscht. Die Leistung existiert weiter – aber ohne Gesicht, ohne Namen, ohne Ort.

🏆 Erfolge gelten als westliche Leistung

Was sich wirtschaftlich oder wissenschaftlich bewährt, wird rückwirkend dem Westen zugeschrieben. Entweder als Ergebnis besserer Organisation, höherer Effizienz oder überlegener Marktwirtschaft. Die ostdeutsche Vorleistung wird dabei systematisch unterschlagen. So entsteht ein perfider Effekt:

Scheitern gilt als Beweis ostdeutscher Unfähigkeit.

Gelingen gilt als Beweis westdeutscher Überlegenheit.

Dass viele Erfolge auf vorhandener DDR-Kompetenz aufbauten, wird nicht thematisiert. So sichert man nicht nur Eigentum, sondern auch Deutungshoheit. Diese Muster sind kein Zufall. Sie sichern: Macht über Ressourcen, Eigentum an Wissen, Deutungshoheit über Geschichte.



🧭 Fazit: Abgeerntet, umetikettiert, vergessen

Wertloses wird nicht übernommen. Es wird nicht inventarisiert, evaluiert, gesichert und verwertet.

Dass DDR-Wissenschaft nach 1990 systematisch übernommen wurde, während man sie gleichzeitig für wertlos erklärte, ist der zentrale Widerspruch dieses Prozesses. Er war kein Nebeneffekt der Einheit, sondern Teil ihrer Struktur. Öffentlich finanzierte Forschung eines ganzen Landes wurde in neue Eigentumsverhältnisse überführt, ohne die Menschen mitzunehmen, die sie geschaffen hatten. Das war kein fairer Zusammenschluss zweier Systeme, sondern ein asymmetrischer Machtakt.

Für viele Ostdeutsche bedeutete dieser Vorgang weit mehr als den Verlust des Arbeitsplatzes. Er bedeutete die nachträgliche Entwertung eines gesamten Lebenslaufs. Wer jahrzehntelang geforscht, entwickelt und Verantwortung getragen hatte, hörte plötzlich, das alles sei wenig wert gewesen. Diese Erfahrung wirkt bis heute nach – in Selbstbildern, im Vertrauen in Institutionen und im Verhältnis zur sogenannten Einheit.

Der bis heute spürbare Unmut ist deshalb kein Ausdruck von Rückwärtsgewandtheit oder mangelnder Anpassungsbereitschaft. Er ist die logische Reaktion auf erlebte Realität. Auf einen Prozess, in dem Arbeit gebraucht wurde, Wissen verwertet wurde – aber die Menschen aussortiert wurden.

Wer über deutsche Einheit spricht, ohne diese Erfahrung ernst zu nehmen, erzählt keine Geschichte der Versöhnung, sondern eine der Verdrängung.

Denn das, was sie geschaffen haben, wurde gebraucht. Sie selbst nicht.

Zurück zum Blog

1 Kommentar

Ich finde eure Seite Klasse! Sehr schön geschrieben!!✊️ Grüße aus Griechenland! ✌️

Vasilis

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte beachte, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen.