Laut Schätzungen wurden nach 1989 mehr als 80.000.000 Bücher aus der DDR-Zeit unwiederbringlich vernichtet. Ganze Deponien stapelten Bücher, die kurz zuvor noch oft, gern und liebevoll von Menschen der DDR gelesen wurden, meterhoch. Ich selbst habe diese Deponien noch in den 1990ern gesehen.
Als ich in den Sommerferien 1991 an meiner ehemaligen Grundschule in einer Kleinstadt Thüringens vorbeischlenderte, erregte dort im Hof ein riesiger Haufen Bücher meine Aufmerksamkeit. Der Haufen war größer als ich und bestand zum Großteil aus neuwertigen, in der DDR gedruckten Werken. Darunter dicke Wälzer, Lehrbücher, teure Bildbände. Bücher, die mir zuvor als kleiner Piefke in der Bibliothek nicht ausgehändigt worden wären. Ich wühlte mich durch den Stapel und trug weg, was meine (noch eher kleinen) Hände tragen konnten. Was ich retten konnte, besitze ich noch heute.
Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nur einmal Vergleichbares gesehen: Auf Fotos aus dem Jahr 1933...
Ich werde mich an diese Szene mein Leben lang erinnern. Markierte sie doch einen tiefen Einschnitt: Alles, was gestern wahr war, was als gesichert galt, was gut war und richtig – war nun wertlos und falsch. Es brauchte nur einige Wochen Sommerferien, um 40 Jahre eines Staates, einer Gesellschaft und mit ihr vieler Einsichten, Ansichten, Irrungen und Wahrheiten hinweg zu wischen. Als die Schüler der Unterstufe nach dem Urlaub in ihre (meine alte) Schule zurückkehrten, war nichts mehr übrig von dem, was vor ihnen Generationen vermittelt wurde. Außer: die 4-5 von mir geretteten Bücher des großen Stapels im Hof.
von Markus Gelau
Ich bin eines von Millionen DDR-Kindern, denen die Liebe zum Buch genau dort beigebracht wurde: in ihrer DDR-Kindheit. Als ABC-Schütze lernte man in der ersten Klasse nicht nur lesen – fast zeitgleich gehörte die Anmeldung in der lokalen Bibliothek dazu. Kostenlos, selbstverständlich, wohnortnah. Nie zuvor und nie danach gab es auf deutschem Boden eine solche Dichte an Bibliotheken pro Einwohner.
Über 18.000 Bibliothekseinrichtungen versorgten die DDR-Bevölkerung mit Lesestoff. Ein kleines Land, das zeitweise über 7.000 Neuerscheinungen pro Jahr veröffentlichte.
Durch diese Bücher lernte ich die Welt kennen – und formte mein Weltbild.
DDR-Bücher waren selten bloße Trivialliteratur. Selbst Romane hatten fast immer einen inhaltlichen Anspruch, einen Bildungsgehalt. Schon mit sieben, acht Jahren las ich vom Freiheitskampf der nordamerikanischen Prärieindianer, von Simón Bolívar und den Befreiungsbewegungen Südamerikas. Ich lernte über Südafrika, Nelson Mandela und den ANC, über Vietnam – und verstand, warum wir bei SERO für in Vietnam dringend benötigte Dinge sammelten. Ich las über Nicaragua, die CIA-gestützten Contras, aber auch über deutsche Geschichte. DDR-Comics (wie "Atze") spielten nicht in Entenhausen, sie illustrierten den "Spartakus-Aufstand", Erzählungen von Jules Verne oder den Freiheitskampf der Dakota und Sioux.
Über das russische und sowjetische Volk lernte ich nicht nur durch DDR-Autoren, sondern auch durch unzählige russische Bücher: von "Ilja Muromez" über "Timur und sein Trupp", "Wie der Stahl gehärtet wurde", bis hin zum wunderbaren Kinder- und Jugendmagazin "Mischa".
Diese Liebe zum Lesen hat mich nie verlassen. Ich arbeitete in den 1990ern sogar Jahre ehrenamtlich in einer Kleinstadtbibliothek. Einfach, weil ich mich dort zuhause fühlte.
Heute verschlinge ich so viele Bücher, dass der Platz zu Hause längst nicht mehr reicht. Widerwillig bin ich teilweise aufs digitale Lesen umgestiegen. Trotzdem gehe ich an keinem Flohmarkt vorbei, kaufe DDR-Bücher im Netz – oft heimlich, weil die Regale längst überquellen und meine Frau (zumeist gutmütig...) darüber schimpft. Verständlich, der Platz wird bei vielen tausend Büchern eng.
Eines der für mich eindrucksvollsten Belletristik-Bücher der Neuzeit ist "Der Friedhof der vergessenen Bücher" von Carlos Ruiz Zafón. Umso tiefer hat es mich berührt, als ich erfuhr, dass dieser Friedhof kein bloßes literarisches Bild ist.
Er existiert. Nicht in Barcelona. Sondern im Osten Deutschlands.
Hier liegen sie: die vergessenen DDR-Bücher. Über 400.000 sind es: Die Bücher meiner Kindheit. Unserer Kindheit, unserer Jugend. Und sie sind gefährdet.
📚 DER WAHRE FRIEDHOF DER VERGESSENEN BÜCHER
Die Peter-Sodann-Bibliothek – und warum Erinnerung Arbeit ist
Abbildung: Mit der Einrichtung der Bibliothek in Staucha war die Zeit der Provisorien vorbei. Um diese auch organisatorisch auf ein stabiles Fundament zu stellen, wurde 2018 eine Genossenschaft gegründet und der Verein aufgelöst. Die Gründung der gemeinnützigen Genossenschaft Peter-Sodann-Bibliothek eG "…wider dem vergehen" erfolgte am 17. November 2018 in Staucha mit 46 Mitgliedern. Derzeit hat die Genossenschaft ca. 140 Mitglieder.
🕯️ Was nach 1990 verschwinden sollte
Nach 1990 verschwanden nicht nur Betriebe, Biografien und Lebensleistungen. Es verschwanden Bücher. Millionen. Ganze Bibliotheksbestände aus der DDR wurden entsorgt, verramscht, verbrannt oder schlicht ignoriert.
Literatur aus vier Jahrzehnten wurde pauschal als ideologisch wertlos abgestempelt – unabhängig von Inhalt, Qualität oder Bedeutung.
Was blieb, war eine kulturelle Leerstelle. Und genau hier beginnt die Geschichte der Peter-Sodann-Bibliothek.
Der Anstoß zum Sammeln und damit Bewahren der Bücher wurde laut Peter Sodann durch eine Begegnung im Jahre 1990 vor dem Gewerkschaftshaus in Halle (Saale) ausgelöst. Er beobachtete, wie Bücher zur Entsorgung auf einen LKW geworfen wurden. Das habe ihn sehr geärgert:
Ein zehnjähriges Mädchen sei zu ihm gekommen. ‚Herr Sodann, am Gewerkschaftshaus passiert etwas, was meinen Eltern nicht gefällt. Sie haben Angst‘, sagte das Kind. Sodann ging hin und sah, wie vor dem Gewerkschaftshaus mehrere Lkw standen, auf die massenhaft Bücher geworfen wurden. Was sie da machen, wollte er von den Leuten wissen.
"Wir schmeißen die Russenschwarten weg. Und wenn Du nicht abhaust, schmeißen wir Dich gleich mit auf den Lkw",
sollen diese geantwortet haben.
Der Anlass für diese Aktion war die im Januar 1990 stattfindende Auflösung des FDGB-Bezirksvorstandes Halle, damit wurde auch die zugehörige Bibliothek aufgelöst. Weiterhin wurde in diesem Zeitraum auch die Bibliothek des in der Puschkinstraße in Halle befindlichen "Hauses der DSF" aufgelöst. Peter Sodann bekam Kenntnis von diesen Vorgängen und bewahrte die zur Entsorgung vorgesehenen Bücher vor der Vernichtung, die damit den Grundstock der Peter-Sodann-Bibliothek bilden.
📖 Die Peter-Sodann-Bibliothek: Ein Gedächtnis aus Papier
In Staucha bei Meißen entstand ein Ort, den es so kein zweites Mal gibt: eine Bibliothek, die sich ausschließlich Büchern widmet, die zwischen 1945 und 1990 in DDR-Verlagen erschienen sind. Keine Auswahl nach politischer Opportunität, keine westliche Nachsortierung, kein "das kann weg": Alles bleibt.
Heute umfasst der Bestand mehrere hunderttausend Bücher. Rund 210.000 Titel sind bereits katalogisiert, viele weitere warten noch auf Sichtung und Erfassung. Darunter Belletristik, Kinder- und Jugendbücher, Sachliteratur, Lyrik, Theatertexte – und sogenannte graue Literatur: Betriebsdrucksachen, Gewerkschaftsmaterial, Broschüren, Publikationen, die sonst nirgends überliefert wurden.
Sucht jemand ein Buch, das er oder sie früher gern gelesen hat, aber jetzt nicht mehr besitzt? Ein Buch, das verborgt wurde und nicht mehr den Weg zurück fand? Tatsächlich habe die fleißigen Macher der Bibliothek bereits ein (durchsuchbares) Online-Archiv realisiert 👉 Zum Archiv.
Die Bibliothek ist öffentlich zugänglich. Sie ist kein Museum, sondern ein Arbeitsort. Ein Archiv des Alltags, der Sprache, der Denkweisen eines untergegangenen Staates.
👤 Peter Sodann – einer, der widersprach
Peter Sodann war Schauspieler, Regisseur, Intendant. Vielen bekannt als Tatort-Kommissar, im Osten wie im Westen präsent. Vor allem aber war er jemand, der sich weigerte, beim großen Vergessen mitzumachen. Als andere Container füllten, sammelte er Bücher. Als man sagte "das braucht keiner mehr", sagte er: doch.
Er begann unmittelbar nach 1990, DDR-Literatur zu retten. Ohne institutionelle Rückendeckung, ohne Geld, aber mit Überzeugung. Aus dieser Haltung entstand die Bibliothek. Mit seinem Tod ist eine unbequeme, klare Stimme verstummt. Geblieben ist ein Werk, das größer ist als jede Fernsehrolle.
🏛️ Warum dieses Projekt so wichtig ist
Die DDR war das dichteste Bibliotheksland Europas.
Ende der 1980er existierten rund 18.000 Bibliothekseinrichtungen – Stadt-, Dorf-, Schul-, Betriebs-, Gewerkschafts- und Fachbibliotheken. Bücher waren billig, verfügbar, Teil des Alltags. Lesen war keine elitäre Praxis, sondern Normalität. Pro 900 Einwohner leistete sich die DDR eine Bibliothek. Das tat vor ihr kein deutscher Staat und nach ihr auch keiner.
Mit der Abwicklung dieses Systems wurde nicht nur Infrastruktur zerstört, sondern kulturelles Gedächtnis. Fast drei Viertel aller DDR-Bibliotheken verschwanden nach 1990. Die Peter-Sodann-Bibliothek ist einer der wenigen Orte, an denen diese Leerstelle sichtbar wird – und gefüllt.
Abbildung: Regalreihen der Bibliothek. Der Bestand der Bibliothek ist nach Verlagen sortiert. Es sind ca. 210.000 Bücher registriert. Etwa 450.000 Bücher harren noch der Registrierung, diese sind in Staucha in Bananenkisten eingelagert.
📚 Sammeln gegen das Vergessen
Auch wir sammeln. Alte DDR-Bücher, Kinderliteratur, Schulbücher, Sachtexte, Alltagsdrucksachen. Fotos. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Respekt. Bücher erzählen mehr als offizielle Geschichtsschreibung. Sie zeigen, was gelesen wurde, wie gedacht wurde, welche Themen relevant waren. Und: weil wir damit unsere eigene Vergangenheit erhalten, unsere Identität.
Dieser eigene Bücherbestand ist für uns kein Beiwerk, sondern Teil derselben Haltung wie die Peter-Sodann-Bibliothek: Bewahren statt bewerten. Dokumentieren statt ausradieren.
Wer verstehen will, wie ein Land, eine Gesellschaft, ein Volk, vor allem aber ein anderer Gesellschaftsentwurf funktionierte, muss lesen, was dort geschrieben und gelesen wurde.
🧾 Ein Projekt ohne Netz – und warum es Hilfe braucht
Die Peter-Sodann-Bibliothek ist als gemeinnützige Genossenschaft getragen. Mit Idealismus, Ehrenamt, knappen Mitteln. Es fehlt an Personal für Katalogisierung, an Geld für Erhalt, an langfristiger Absicherung. Staatliche Dauerförderung gibt es nicht.
Und genau deshalb ist dieses Projekt gefährdet – obwohl es kulturell unbezahlbar ist. Dass heutige (westdeutsch dominierte und politisch klar positionierte) Institutionen kein Interesse an der Erhaltung dieses Projekts haben, dürfte klar sein...
❤️ Spendenaufruf: Damit die Bücher bleiben
Wer möchte, dass diese Bücher nicht ein zweites Mal verschwinden, kann helfen. Mit einer Spende. Mit einer Mitgliedschaft. Mit Aufmerksamkeit.
Die Peter-Sodann-Bibliothek ist kein nostalgisches Hobby. Sie ist ein stiller Gegenentwurf zum Vergessen. Ein Friedhof ist sie nur für jene, die Bücher nicht mehr lesen wollen. Für alle anderen ist sie ein lebendiges Archiv.
📚 Unterstützt dieses wunderbare Projekt. Damit Erinnerung Arbeit bleibt – und nicht Müll.
Hier geht's zur 👉 Webseite der Bibliothek!
Und hier zum Spendenkonto:
1 Kommentar
Es war ein Verbrechen voller Hass und mir kamen auch sofort die Gedanken an die Buecherverbrennung 1933. Wie demütigend für die Verfasser der Bücher .Vernichtung pur.