Leseland DDR: Wer früher liest, denkt später mehr.

Leseland DDR: Wer früher liest, denkt später mehr.

Für ABC-Schützen begann das Abenteuer Schule in der DDR fast zeitgleich mit einem zweiten Abenteuer: dem Abenteuer Buch.

In dem Moment, in dem ein Kind das Alphabet beherrschte, öffnete sich auch die Tür zu den Büchern – oft ganz konkret durch die Anmeldung in der örtlichen Bücherei. Das war kein Ausnahmefall, sondern Normalität. Bücher waren günstig, überall verfügbar, und vor allem eingebettet in ein Bibliothekssystem, dessen Dichte, Struktur und Zugänglichkeit international herausragend war. Lesen gehörte früh zum Alltag, nicht als Pflicht, sondern als Selbstverständlichkeit.

Bibliotheken boten oft mehr als Buchhandlungen, wurden bevorzugt beliefert und machten auch seltene Werke für viele zugänglich. Für DDR-Kinder war es selbstverständlich, ständig zwei oder drei Bücher zu Hause zu haben, sie wöchentlich zu tauschen und mit Geschichten aufzuwachsen, die mehr vermittelten als bloße Unterhaltung: Indianerromane, "Der Zauberer der Smaragdenstadt", Abenteuer- und Jugendbücher, die Geschichte, Weltwissen und moralische Fragen verhandelten. Lesen bildete – früh, tief und nachhaltig.

Das jährliche Buch-Publikationsvolumen in der kleinen DDR betrug teilweise über 7.000 Titel!





Abbildung: In jeder Kleinstadt, oft auch in Dörfern hab es sie, die Bibliothek (hier im Bild rechts: Treuenbrietzen, in den 1980ern)


Diese Publikationen deckten belletristische, wissenschaftliche, pädagogische und populärwissenschaftliche Literatur ab und bildeten einen wichtigen Teil der kulturellen Alltagsversorgung.

Wo es belastbare Umfragen gibt, zeigt sich ein hohes Lese- und Bibliotheks-Engagement: In den 1990er Jahren gaben deutlich weniger Ostdeutsche als Westdeutsche an, "noch nie" in einer Bibliothek gewesen zu sein:

Während 1995 etwa 40 % der Westdeutschen noch nie eine Bibliothek genutzt hatten, traf das auf nur ca. 15 % der Ostdeutschen zu.

 

 

📚 UNSERE LESELISTE – DDR-BÜCHER, DIE UNS GEPRÄGT HABEN:

"Der Zauberer der Smaragdenstadt“ (Alexander Wolkow), "Alfons Zitterbacke“ (Gerhard Holtz-Baumert), "Tinko“ (Erwin Strittmatter), "Timur und sein Trupp" (Arkadi Gaidar), "Lütt Matten und die weiße Muschel“ (Benno Pludra), "Bootsmann auf der Scholle“ (Benno Pludra), "Tambari“ (Benno Pludra), "Reise nach Sundevit“ (Benno Pludra), "Die Söhne der Großen Bärin“ (Liselotte Welskopf-Henrich), "Spur des Falken“ (Liselotte Welskopf-Henrich), "Unter Geiern“ (Liselotte Welskopf-Henrich), "Käuzchenkuhle“ (Horst Beseler), "Kai aus der Kiste“ (Wolf Durian), "Lumberjack"(Wolf Durian), "Nackt unter Wölfen“ (Bruno Apitz), "Die Abenteuer des Werner Holt“ (Dieter Noll), "Jakob der Lügner“ (Jurek Becker), "Wie der Stahl gehärtet wurde“ (Nikolai Ostrowski), "Ede und Unku“ (Alex Wedding), "Der tapfere Ritter Pfefferkorn" (Erich Kästner), "Das Geheimnis der alten Mühle“ (Ottokar Domma), "Die Suche nach dem wunderbunten Vögelchen“ (Franz Fühmann), "Das Wolkenschaf“ (Rolf Krenzer), "Die Insel der Schwäne“ (Benno Pludra), "Mein Freund der Indianer“ (Liselotte Welskopf-Henrich), "Der kleine Angsthase“ (Elizabeth Shaw), "Der kleine Muck“ (Wilhelm Hauff), "Die dicke Tilla“ (Christa Kożik) und "Das Pferd auf dem Balkon“ (Günter Kunert), "Das Schulgespenst" (Peter Abraham), "Indianerkrieg in den Black Hills" (Günter Karl), "Kampf um Troja" (Gustav Schwab) und viele mehr...




Abbildung: Gelesen wurde in der DDR überall, und eben oft öffentlich. So wie hier in Berlin in den 1980ern


📚 DAS LESEN ALS ALLTAG – INFRASTRUKTUR STATT ELITEPROJEKT

Die DDR war tatsächlich ein Leseland – nicht als Slogan, sondern als Infrastruktur. Ende der 1980er stand ein ungewöhnlich dichtes Netz an öffentlichen Bibliotheken bereit:

1988 waren es insgesamt rund 18.000 Bibliothekseinrichtungen, je nach Zählweise inklusive Wohngebiets-, Dorf-, Schul-, Betriebs- und Gewerkschaftsbibliotheken. Für 1989 kann man realistisch von derselben Größenordnung ausgehen. Bei rund 16,4 Millionen Einwohnern entsprach das etwa einer Bibliothekseinrichtung pro 900 Einwohner.

Überall waren Bibliotheken waren erreichbar, niedrigschwellig, oft kostenlos – Lesen war Teil des Alltags, nicht Privileg.

Neben Büchern sorgten auch regelmäßig erscheinende Publikationen in Kindheit und Jugend für reichlich Lesestoff mit Anspruch. Zeitschriften und Reihen wie "Bummi", "Mosaik", "Atze", "Frösi", "Mischa", der "Pionierkalender" und weitere begleiteten Kinder über Jahre hinweg. Sie vermittelten spielerisch Sprache, Wissen, Geschichte und Weltbilder – kontinuierlich, niedrigschwellig und fest im Alltag verankert.


📖 BILDUNG BEGINNT VOR DER SCHULE – UND JENSEITS DES KLASSENZIMMERS

Die hohe Bildung vieler DDR-Bürger lässt sich nicht allein mit dem international anerkannten Bildungssystem erklären, das zusammen mit Schweden als eines der besten seiner Zeit galt. Entscheidend war auch, dass Kinder früh und selbstverständlich zum Lesen kamen. Lesen bildete – vor allem durch den Stoff. Neben Romanen und Unterhaltungsliteratur beschäftigten sich selbst Kinder- und Jugendbücher mit Geschichte, internationaler Politik, Kolonialismus, Widerstand, Imperialismus. Helden und Gegenspieler waren selten abstrakt, sondern real verortet.

Man lernte bereits spielerisch und spannend als Kind Zusammenhänge, Machtverhältnisse, historische Prozesse. Dieses geistige Fundament wirkt bis heute im Osten nach.




Abbildung: Damit begann das Abenteuer "Lesen" für DDR Kinder. "Unsere Fibel": Millionen Ostdeutsche lernten mit dem orangen Lesebuch das Alphabet und die Liebe zu den Büchern! Und: Die vielleicht wichtigste Seite haben wir hier abgebildet. Denn auch die Inhalte der Bücher prägten uns früh...

 

 

🏚️ WARUM DAS LESEN VERSCHWAND – UND NICHT DIE LUST DARAUF

Nach 1990 brach diese Infrastruktur weitgehend weg. Trägerschaften wurden auf Kommunen übertragen, Budgets gekürzt, Bibliotheken geschlossen.

In den neuen Bundesländern ging die Zahl öffentlicher Bibliotheken bis Mitte der 2000er Jahre um rund drei Viertel (!) zurück. Und nein, damals gab es weder großflächige Internetverbindungen, noch ersetzten "Kindle" und Co das Buch. Es war schlicht (wie für alle anderen sozialen Belange im Osten): Kein Geld mehr da.


Das war kein natürlicher Kulturwandel, sondern ein struktureller Rückbau. Was blieb, war die Erinnerung an ein System, in dem Bildung und Lesekultur als öffentliche Aufgabe verstanden wurden – und nicht als individuelle Freizeitentscheidung.

Vieles von dem, was heute schmerzlich vermisst wird, war keine Utopie, sondern gelebte Realität und hat auf deutschem Boden über Jahrzehnte funktioniert. Das Leseland DDR beschreibt ein Volk, in dem Lesen früh begann und zum Alltag gehörte – in Familien, Schulen, Betrieben. Hohe Auflagen, volle Bibliotheken und flächendeckender Zugang zu Büchern prägten Denkweisen: sprachliche Sicherheit, Abstraktionsvermögen, historisches Bewusstsein. Erinnerung daran ist kein Rückschritt, sondern eine sachliche Grundlage, um heutige Defizite einordnen zu können.

Zurück zum Blog

15 Kommentare

Es gab Kinderblbliotheken und für Erwachsene
Ich war dabei

Heike Röthig-Zimmermann Tobi

Soeben aus meiner Feder entwichen, denn Bildungspolitik dient der Bildung, der Zukunft – niemals aber dem Untergang, keinem Weg in die „Stille eines Friedhofs“. Dies gilt es zu verhindern, nicht mit einer weiteren Wortspielerei!
Soll das wirklich ihr Leben sein?
Die Kinder werden gesundheitlich geschädigt
und durch die
sogenannte „Bildungspolitik“ in der Schule verblödet,
doch zum Krieg sollen sie ohne Verstand dienen,
selbst wenn sie die Stille eines Friedhofs spüren.
Wolfgang W. Ladewig

Wolfgang Ladewig

Ich war Stammgast in der Bibliothek ich hab alles gelesen was ich in die Finger bekam und ich lese heute noch gern 😄

Manuela Rose

Stanislaw Lem (Stalker), Boris und Arkadi Strugatzki (Picknick am Wegesrand), Alfons Zitterbacke und Djamila (Aitmatow)

Maik Müller

Hab die auch alle gelesen! Karl Neumann “Frank”, “Frank und Irene”, “Frank bleibt Kapitän” fällt mir noch ein…! Natürlich alle Wolkow-Bände und nicht zu vergessen, das MOSAIK !

Chris Laconi

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte beachte, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen.