Neue deutsche Teilung: Warum nicht trennen, was nie zusammenwuchs?

Neue deutsche Teilung: Warum nicht trennen, was nie zusammenwuchs?

...oder: Der Osten stört schon wieder!


Westdeutsche Medien empören sich in diesen Tagen. Nicht über Kriegsvorbereitungen, den wirtschaftlichen Niedergang des Landes, explodierende Energiekosten oder Milliarden für Drohnen, Panzer und Raketen.

Nein, nein. Sie empören sich über Menschen, die sich über all das empören. Genauer gesagt: über Ossis.

Ob FAZ, RND oder Berliner Kurier – im westdeutschen Medienbetrieb scheint man seit geraumer Zeit nicht nur bemerkenswert unbegabt im Umgang mit Ostdeutschen zu sein, sondern inzwischen auch regelrecht erschöpft von deren fortgesetzter Existenz.

Nun hat man also – wie unsere Oma gesagt hätte – die Faxen dicke.

Der Ossi funktioniert einfach nicht.

Und "funktioniert nicht" bedeutet aus westdeutscher Sicht offenbar vor allem: Er sagt nicht zuverlässig Ja und Amen. Er bedankt sich nicht jeden Morgen für die blühenden Landschaften, während er durch eine entvölkerte Innenstadt zur nächsten geschlossenen Arztpraxis läuft, um dort dann einen Facharzttermin in drölf Monaten zu erhalten. Und wenn etwas erkennbar nicht gut läuft, besitzt dieser widerspenstige Menschenschlag Mitteldeutschlands auch noch die Unverschämtheit, es laut auszusprechen.

Das ist man offenbar nicht überall im Westen gewohnt. Dort nennt man solche Menschen seit Jahrzehnten wahlweise Jammer-Ossi, Wutbürger, Demokratiefeind oder neuerdings "dauerempört". Im Westen heißt dieselbe Haltung übrigens kritischer Journalismus (gut, das ist lange her), Zivilgesellschaft oder Haltung. Im Osten ist sie eine "Diktaturfolge".

Wir lassen das einmal so stehen und lächeln milde darüber hinweg.

Immerhin gehören wir zu jener deutschen Bevölkerung, die 1989 ihre eigene Regierung friedlich zu Fall brachte. Dass kaum jemand von uns anschließend unbedingt das wollte, was tatsächlich kam, lassen wir an dieser Stelle großzügig unter den Tisch fallen.

Man kann schließlich nicht jede Revolution reklamieren, wenn die Schlussrechnung aus dem Westen kommt.

Und genau hier liegt die Krux: Der Ossi besitzt einen eingebauten Bullshit-Detektor. Kein fehlerfreies Modell, zugegeben, aber ausgesprochen empfindlich.

Wir bekamen in unserer Kindheit und Jugend verschiedene Sichtweisen auf Geschichte, Gesellschaft und Geopolitik vermittelt. Unsere Eltern ein ganzes Leben lang. Wir hörten die Nachrichten des Ostens und die Nachrichten des Westens und konnten uns nicht nur die angenehmere Wahrheit aussuchen. Wenn es gut lief, fanden wir sie irgendwo dazwischen.

Wenn es schlecht lief, fanden wir die Wahrheit, indem wir die Lügen miteinander verglichen.

Das schult.

Der Ossi ist deshalb nicht automatisch klüger. Aber er ist sensibilisiert. Und noch viel schlimmer: Er macht den Mund auf, wenn ihm etwas merkwürdig vorkommt.

Damit kommt man in den alten Bundesländern offenbar zunehmend schlecht zurecht. Ausgerechnet die konservativsten Medien machen sich nun zum Sprachrohr dieser westdeutschen Erschöpfung.

 
Drei Artikel, drei Überschriften, eine Botschaft: Der Westen hat die Geduld mit dem Osten verloren.

Das ist bemerkenswert. Schließlich war uns bislang nicht bekannt, dass wir uns dort in einer laufenden Probezeit befinden.

Das Redaktionsnetzwerk Deutschland kündigt an (23.08.2026): 
"
Dem Westen reicht es irgendwann."

Und der Berliner Kurier übersetzt für alle, denen das noch nicht deutlich genug war (24.08.2026): 
"
Ossis jammern zu viel!"

Die Frankfurter Allgemeine meldet (22.08.2026): 
"Viele Westdeutsche haben mittlerweile die Nase voll."



Gemeint ist: von uns. Ganz ehrlich: Das berührt uns nicht besonders. Uns geht es mit euch genauso.

Und weil gegenseitige Erschöpfung möglicherweise die ehrlichste Gemeinsamkeit ist, die Ost- und Westdeutsche nach knapp 36 Jahren noch miteinander verbindet, sollte man sich ruhig mal einer Frage zuwenden, die viele von uns nicht erst seit diesen Artikeln beschäftigt:

Was haben wir eigentlich noch gemeinsam?

Müssen wir überhaupt etwas gemeinsam haben?


Und wäre es nicht vielleicht für alle Beteiligten besser – für euch, liebe Westdeutsche, vor allem aber für uns Ostdeutsche –, wenn wir künftig wieder getrennte Wege gingen?


DEUTSCHLAND: VON GOTT GESCHAFFEN, 1990 VON KOHL GELIEFERT

Politisch naive, historisch ungebildete und dialektisch eher semibegabte Zeitgenossen schütteln demonstrativ ihr leeres Haupt, wenn man fragt, warum Ostdeutschland gemäß dem völkerrechtlichen Selbstbestimmungsrecht der Völker nicht wieder zur Eigenstaatlichkeit finden sollte.

Ich halte das für ein interessantes und keineswegs absurdes Thema. Eingangs erwähnte Zeitgenossen – meist aus Westdeutschland – reagieren dagegen, als habe man gerade die Abschaffung des Grundgesetzes zugunsten der Speisekarte eines Thüringer Rostbratwurststandes vorgeschlagen.

Sie tun so, als sei das heilige vereinigte Deutschland bereits in Moses’ Steintafeln gemeißelt worden – gleich unter dem Gebot: Du sollst keine anderen Staatsgebiete neben mir haben. Allein der Gedanke an eine Trennung von Ost- und Westdeutschland, die ich persönlich übrigens für ziemlich konstruktiv halte – und zwar nicht nur für Deutschland –, gilt ihnen als vollkommen absurd und verrückt.

Warum eigentlich?

Wer es schafft, die Frage einmal sachlich und ohne nationale Gefühlsduselei anhand einer Pro-und-Contra-Liste zu betrachten, dürfte zumindest auf eine erstaunlich lange Pro-Separationsliste kommen. Das setzt allerdings voraus, dass man Deutschland nicht für ein gottgegebenes Naturereignis hält.

Werfen wir einen kurzen Blick auf die Geschichte: Das heutige Deutschland ist seit knapp 36 Jahren vereinigt. Zuvor war es mehr als 40 Jahre in zwei Staaten geteilt.


WIEDERVEREINIGUNG: ETIKETT DRAUF, GESCHICHTE ERLEDIGT

Nun ist es nicht so, dass man 1990 gleichsam heilsam zum territorialen Zustand vor der Teilung zurückkehrte. Ganz im Gegenteil: Das heute sogenannte wiedervereinigte Deutschland wurde streng genommen niemals wiedervereinigt.

Hätte man Deutschland in seinen Grenzen von 1937 wiederhergestellt, wäre sein Staatsgebiet fast ein Drittel größer gewesen und hätte unter anderem Ostpreußen, Schlesien und die östlichen Teile Brandenburgs umfasst. Nähme man auch noch jene Gebiete hinzu, die deutsche Nationalisten zeitweise für Deutschland beanspruchten – etwa das Sudetenland oder Österreich –, würde die Absurdität des Begriffs vollends deutlich. Selbstverständlich wäre das weder politisch legitim noch ernsthaft erstrebenswert. Es zeigt lediglich: „Wiedervereinigung“ bezeichnete nie die Wiederherstellung eines früheren Deutschlands.

Tatsächlich nahm die größere Bundesrepublik lediglich das Gebiet der kleineren DDR hinzu, zog einen Strich darunter und nannte das Ergebnis Wiedervereinigung – als sei Deutschland in den Grenzen von Opas Schulatlas wiederauferstanden.

Historisch und territorial ist das Unsinn. Politisch war der Begriff dagegen ausgesprochen nützlich.

Er vermittelte vor allem den Deutschen selbst: Nun sei alles wieder gut, das Jammertal durchschritten und die natürliche Ordnung der Geschichte wiederhergestellt. Das Jammertal wurde dabei auffallend häufig, wenn nicht ausschließlich, mit der DDR gleichgesetzt. Von nun an sollte das vereinigte Volk geschlossen einer glorreichen deutschen Zukunft entgegenblicken. Wie hervorragend das funktioniert hat, lässt sich heute in jeder Innenstadt, jedem Staatshaushalt und jeder Bildungsstatistik bewundern.

Warum sollten wir auf diese begriffliche Kleinigkeit achten? Weil sie für unsere weitere Überlegung entscheidend ist. Wenn zahlreiche Gebiete, die über Jahrhunderte zum deutschen Kultur- oder Staatsraum gehörten, heute problemlos nicht mehr zu Deutschland zählen können, dann ist seine gegenwärtige Gestalt offensichtlich weder naturgegeben noch für die Ewigkeit bestimmt.

Oder kürzer: Was Deutschland ist, bestimmt offenbar nicht die Geschichte, sondern der jeweilige politische Bedarf.


Die mehr als vier Jahrzehnte der Teilung haben – in Verbindung mit der Erfahrung des zuvor glücklicherweise gescheiterten "Dritten Reiches" – zwei grundverschiedene Gesellschaften in Mitteleuropa hervorgebracht, deren einzig verbliebene Gemeinsamkeit die Sprache ist. Und selbst diese wird längst nicht mehr überall auf dieselbe Weise gesprochen, verstanden und politisch benutzt. "Ei verbibbsch nochemol", sacht da das Mutschekiepchen...

DEUTSCHLAND: SEIT 1871 IM POLITISCHEN PROBEBETRIEB

Vor 1949 war Deutschland in Gestalt des Zweiten und später des sogenannten "Dritten Reiches" vereinigt – allerdings in völlig anderen Grenzen und politischen Konstruktionen als heute. Infolge der beiden Weltkriege gingen große Teile des damaligen Reichsgebietes verloren. So unveränderlich, heilig und naturgegeben waren deutsche Grenzen also auch in den letzten hundert Jahren nie.

Doch selbst dieses Deutschland existierte erst seit 1871 – gegründet ausgerechnet im Spiegelsaal von Versailles bei Paris. Mehr französische Starthilfe verträgt vermutlich kein deutscher Nationalmythos.

Zuvor gab es keinen deutschen Nationalstaat, sondern zahlreiche Königreiche, Fürstentümer, Herzogtümer und freie Städte. Noch in den 1860er-Jahren war keineswegs entschieden, ob Österreich oder Preußen den deutschen Raum dominieren würde. Entschieden wurde diese Frage 1866 nicht durch einen Volksentscheid, sondern im Deutschen Krieg. Auch damals ließ sich die deutsche Einheit offenbar leichter erschießen als abstimmen.

Und wer nun auf das sogenannte "Erste Reich" verweist – zumindest nummerierten die Nazis es so –, also auf das "Heilige Römische Reich Deutscher Nation", dem sei gesagt: Genau hier fängt die deutsche Geschichtsklitterung bereits an:

Das "Heilige Römische Reich Deutscher Nation" war weder heilig noch deutsch noch römisch noch Nation...


Eine deutsche Nation als über Jahrtausende gewachsene, natürliche Gemeinschaft hat es niemals gegeben. Aber: Nationalmythen funktionieren schließlich am besten, wenn möglichst wenig Geschichte darin vorkommt.

FRANKREICH: ERST ZUSAMMENBAUEN, DANN "GRANDE" DRAUFSCHREIBEN

Das betrifft im Prinzip alle Staaten. Denn – pardon, mes amis – auch die "Grande Nation" war ursprünglich weder besonders grande noch eine Nation.

Bretonen, Basken, Burgunder oder Okzitanier hatten mit dem kleinen königlichen Machtzentrum in der Île-de-France ungefähr so viel gemein wie ein Ostfriese mit sächsischer Eierschecke. Nicht einmal dieselbe Sprache verband sie. Frankreich war nicht zuerst eine Nation, die sich einen Staat gab. Es war ein Staat, der seinen Bewohnern danach erklärte, sie seien schon immer eine Nation gewesen. Französisches Marketing eben: erst zusammenbauen, dann "Grande Nation" draufschreiben. Kosmetik können die schon immer...


DIE SCHWEIZ: VIER SPRACHEN, EIN STAAT UND ERSTAUNLICH WENIG SENDUNGSBEWUSSTSEIN

Ein anderes Beispiel ist die Schweiz. Kaum ein Vorgarten in Appenzell, St. Gallen, Uri oder im Aargau – und schon gar nicht in Schwyz –, in dem nicht die sonderbar quadratische Schweizer Flagge weht. Andere Länder brauchen längliche Fahnen, um ihre nationale Größe unterzubringen. Die Schweizer schaffen das auf einem Quadrat.

Lässt man die Schweizer Gründungsmythen beiseite, bleibt etwas viel Interessanteres: die von Vernunft, Zweck und gemeinsamem politischen Willen getragene Entscheidung, eine staatliche Einheit zu bilden – trotz verschiedener Herkunft, Kulturen und Sprachen.

Die moderne Schweiz eint vor allem der Wille, eine politische Gemeinschaft zu sein: Föderalismus, direkte Demokratie, Neutralität, Frieden und ein gesunder Abstand zu Großmachtfantasien und Militärbündnissen. Eine Leitlinie klingt heute verführerischer als die andere.


Seit 1848 funktioniert dort ein Bundesstaat, in dem Menschen Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch sprechen – weil sie sich dafür entschieden haben und politische Grundsätze teilen. Damit fehlt der Schweiz bemerkenswerterweise schon einmal jene Grundeigenschaft, die unsererorts gern zur unverzichtbaren Voraussetzung einer Nation erklärt wird: eine gemeinsame Sprache. Und trotzdem funktioniert das Land – offenbar hat man vergessen, ihm mitzuteilen, dass das eigentlich gar nicht gehen dürfte...

Und: Warum sollte das heute unmöglich sein? Da es Wilhelm Tell historisch nicht gegeben hat, kann er unmöglich für alle Zeiten das Patent darauf besitzen. Das politische Konzept der Schweiz ist also Open Source. Warum nutzen wir es nicht?

Die gute Nachricht für alle Menschen, die ohne Patriotismus nicht auskommen: Er bleibt euch erhalten. Es ändert sich lediglich das Verwaltungskonstrukt. Insofern: ruhig Blut.


DIE NATION: EINE VERWALTUNGSEINHEIT MIT HYMNE UND FAHNE

Die Nation ist kein Naturgesetz. Sie ist eine sehr junge Entwicklung – und keineswegs automatisch ein Erfolgsmodell. Noch um 1800 hätte die große Mehrheit der Menschen im deutschen Raum vermutlich einen Vogel gezeigt, wenn man ihnen erklärt hätte, sie seien Angehörige einer deutschen Nation. Sie waren Preußen, Sachsen, Bayern, Thüringer oder Untertanen irgendeines Fürsten, dessen wichtigster Beitrag zur Weltgeschichte darin bestand, Steuern einzutreiben und gelegentlich den Nachbarfürsten zu überfallen.

Das war jahrhundertelang so – und erstaunlicherweise drehte sich die Erde trotzdem weiter.

Die "Nation" ist letztlich eine historische Verwaltungsvereinbarung mit Hymne, Fahne und der festen Überzeugung, schon immer da gewesen zu sein.


Warum also sollte ausgerechnet Deutschland bis in alle Ewigkeit in genau jener Zusammensetzung in Stein gemeißelt sein, die wir heute erleben? Weil es 1990 auf einer Pressekonferenz zu früh verkündet wurde? Weil Helmut Kohl es versprochen hat? Oder weil Grenzen nur dann veränderbar sein dürfen, wenn Deutschland dabei größer wird?

Und damit kommen wir zum entscheidenden Punkt: dem sogenannten "Selbstbestimmungsrecht der Völker".


SELBSTBESTIMMUNG: DIE WESTLICHE EXPORTVERSION MIT REGIONALSPERRE

Wenn diese Errungenschaft tatsächlich existiert – und laut UNO tut sie das –, wird sie erstaunlich selten angewandt. Ich begegne ihr fast ausschließlich im Dienste geostrategischer Interessen des Westens. Offenbar handelt es sich um ein Selbstbestimmungsrecht mit regional begrenzter Lizenz.

Alles östlich der Oder scheint davon ausgenommen zu sein. Dort dürfen Völker selbst bestimmen – allerdings nur, wenn das Ergebnis vorher in Washington, Brüssel oder Berlin feststeht.

Nun haben wir Glück: Dieser Text beschäftigt sich mit Deutschen diesseits der Oder, genauer gesagt zwischen Elbe und Oder. Dann sollte es möglich sein, hier das eigene Schicksal selbst bestimmt in die Hand zu nehmen. Immerhin befänden wir uns noch im anerkannten Einsatzgebiet westlicher Werte...

Wenn ein Volk darüber befinden können soll, welchem Staat es angehören möchte – ein Prinzip, mit dem der Westen unter anderem die Abspaltung des Kosovo rechtfertigt –, warum erscheint dann allein der Gedanke an eine ostdeutsche Abstimmung so abwegig?


Vielleicht besitzt das Selbstbestimmungsrecht im Kleingedruckten eine Deutschlandklausel?


USA: AUS STEUERFRUST ZUR WELTMACHT – MAN MUSS NUR GROSS DENKEN

Die selbst ernannte mächtigste Nation dieser Erde gründete sich übrigens zunächst auf der Unzufriedenheit englischer Untertanen mit ihrer Besteuerung. Wenn bereits ein Steuerstreit eine Rebellion auslösen konnte, die in der Gründung der bis heute dominierenden Weltmacht mündete, hätten die Ostdeutschen wohl drei oder vier Gründe mehr, über eigene Souveränität nachzudenken – zu hohe Steuern eingeschlossen.

Nach amerikanischem Gründungsmaßstab wären wir längst überqualifiziert.


DAS GRUNDGESETZ: MÖBELRÜCKEN ERLAUBT, AUSZIEHEN VERBOTEN

Nun wird der patriotisch besorgte Verfassungsfreund einwenden: Das geht doch überhaupt nicht! Das Grundgesetz! Die Verfassung! Karlsruhe! Vermutlich auch die Hausordnung des Bundestages!

Und tatsächlich: Nach geltendem Verfassungsrecht kann ein Bundesland nicht einfach austreten. Das Bundesverfassungsgericht erklärte 2016, die Länder seien nicht die "Herren des Grundgesetzes"; für ihre Abspaltung sei darunter "kein Raum". Wer Sachsen oder Thüringen beim Einwohnermeldeamt aus der Bundesrepublik abmelden möchte, wird dort vermutlich keinen passenden Vordruck finden.

Das Grundgesetz erlaubt zwar die Neugliederung von Bundesländern und teilweise sogar Volksentscheide. Man darf Länder zusammenlegen, neu zuschneiden und Grenzen verschieben – nur das Bundesgebiet verlassen darf niemand. Föderaler Möbelumbau ist gestattet, der Auszug aus der gemeinsamen Wohnung nicht.


Damit scheint die Sache erledigt. Scheint.

Denn Artikel 146 erklärt, dass das Grundgesetz seine Gültigkeit verliert, sobald eine Verfassung in Kraft tritt, die vom deutschen Volk "in freier Entscheidung beschlossen" worden ist. Das bedeutet nicht, dass das Grundgesetz keine vollwertige Verfassung sein könnte. Es hält aber ausdrücklich die Möglichkeit einer neuen, vom Volk beschlossenen Verfassung offen.

Und genau diese gesamtdeutsche Volksabstimmung hat es bis heute niemals gegeben.

1949 wurde das Grundgesetz vom Parlamentarischen Rat in der BRD ausgearbeitet und von den Landesparlamenten angenommen. 1990 trat die DDR dem Geltungsbereich des bestehenden Grundgesetzes der BRD bei. Schade eigentlich, dass sie dabei ihre eigene, sehr solide Verfassung nicht mitnahm: Schließlich kommt allein das Wort "Frieden" in ihr 11 mal häufiger vor als im Grundgesetz der BRD...

Aber: Ob sich die (Gesamt-)Deutschen gemeinsam genau diese Verfassung geben wollten, wurden sie niemals gefragt.

Die deutsche Einheit war offenbar zu demokratisch, um sie dem Risiko einer unmittelbaren demokratischen Entscheidung auszusetzen.

Kurz gesagt: Nach dem geltenden Grundgesetz ist eine Abspaltung Ostdeutschlands nicht vorgesehen. Aber dasselbe Grundgesetz erklärt in seinem letzten Artikel, wie man es durch eine vom Volk beschlossene Verfassung ersetzen kann.

Die Tür ist also abgeschlossen. Der Schlüssel steckt allerdings von innen.


DIE MAUER IST WEG – IN DER STATISTIK STEHT SIE NOCH

Den Ostdeutschen, vor allem aber den Westdeutschen dürfte längst klar sein, dass die ehemalige innerdeutsche Grenze in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen fortbesteht. Wir sehen sie auf Karten zu Wahlergebnissen, Einkommen, Vermögen, Rentenansprüchen, politischen Überzeugungen und beinahe jeder anderen Frage, die dieses angeblich vereinte Deutschland betrifft.

Die Grenze wurde 1990 politisch beseitigt und anschließend in jede relevante Statistik eingezeichnet.

Wenn diese Gegensätze mehr als 35 Jahre nach der sogenannten Wiedervereinigung noch immer so deutlich hervortreten und realistisch ausgedrückt längst unüberbrückbar sind, sollte man darüber nachdenken, ob diese politische Einheit tatsächlich das Maß aller Dinge ist – nicht nur für die Menschen, die in ihr leben, sondern auch für den Rest der Welt.

Schließlich ist dieses Land inzwischen fast genauso lange wiedervereinigt, wie es zuvor geteilt war. Viel länger kann man einem politischen Experiment kaum Zeit geben, bevor man wenigstens einmal nach dem Ergebnis fragt.

Es kann kaum jemand bestreiten, dass es mit diesem Land seit Jahrzehnten in gewaltigen Schritten bergab geht – wirtschaftlich, sozial, politisch und kulturell. Im Westen und Osten werden jedoch nicht nur diese Entwicklung, sondern vor allem ihre Ursachen vollkommen unterschiedlich bewertet. Selbst beim gemeinsamen Untergang herrscht Uneinigkeit über die Laufrichtung.


VOLKSABSTIMMUNG: AUS DEMOKRATISCHEN GRÜNDEN LEIDER AUSGEFALLEN

Fakt: Es gab 1989, 1990 oder 1991 niemals eine Volksabstimmung darüber, ob die BRD und die DDR vereinigt werden sollten. Weder die Menschen im Westen noch jene im Osten wurden unmittelbar darüber befragt.

Warum also sollte man nicht heute eine echte Abstimmung durchführen?


NEUE DEUTSCHE TEILUNG: EIN RISIKO – VOR ALLEM FÜR ALTE GEWISSHEITEN

Das Ergebnis einer solchen Abstimmung könnte tatsächlich riskant sein: Es könnte ein weiterer souveräner Staat mit deutscher Amtssprache entstehen – neben der Bundesrepublik, Österreich und der Schweiz.

Vier deutschsprachige Staaten in Europa. Das Abendland würde es vermutlich überleben. Schließlich ist die deutsche Sprache kein Betriebssystem, das nur auf einem einzigen Staatsgebiet installiert werden darf.

Dieser neue Staat müsste nicht einmal versuchen, die DDR aus dem Museum zu holen, abzustauben und wieder an die Steckdose anzuschließen. Er könnte etwas tatsächlich Revolutionäres wagen: aus den Erfahrungen beider deutscher Staaten lernen, ohne sich einem von beiden vollständig auszuliefern.


Er könnte soziale Sicherheit, öffentliches Eigentum, bezahlbares Wohnen, flächendeckende Kinderbetreuung und das Recht auf Arbeit wieder ernst nehmen – und gleichzeitig Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, freie Wahlen und umfassende Bürgerrechte garantieren. Man könnte also das Brauchbare bewahren und den politischen Sperrmüll entsorgen. Ein Verfahren, das bei Haushaltsauflösungen seit Jahrhunderten funktioniert, der deutschen Geschichte aber offenbar noch nicht vorgestellt wurde.

Vor allem könnte dieser Staat neutral, blockfrei und friedlich sein.

Keine ausländischen Militärstützpunkte. Keine Atomwaffen. Keine Kriegseinsätze zur Verteidigung westlicher Werte in Ländern, deren Namen die zuständigen Minister erst auf einer Landkarte suchen müssen. Keine jährlich neuen Milliardenpakete für Drohnen, Panzer und Raketen, während Schulen, Brücken, Krankenhäuser und Bahnstrecken den allmählichen Übergang in die Archäologie vollziehen.


Statt "kriegstüchtig" zu werden, könnte dieser Staat tatsächlich friedenstüchtig sein.

Das klingt heute beinahe extremistisch, war aber einmal gesellschaftlicher Konsens. Frieden müsste dort nicht nur einmal dekorativ in der Präambel stehen, um anschließend im politischen Tagesgeschäft unter Haushaltsvorbehalt gestellt zu werden. Er könnte verbindlicher Staatszweck sein.

Ein solcher Staat könnte sich weder Washington noch Moskau unterwerfen, weder Brüssel noch irgendeinem Militärbündnis seine außenpolitische Vernunft zur Aufbewahrung überlassen.

Er könnte mit allen handeln, mit allen sprechen und sich weigern, für andere Großmächte Schlachtfeld, Aufmarschgebiet oder moralisch beleuchteter Flugzeugträger zu spielen.

Unvorstellbar?


Die Schweiz praktiziert Neutralität seit Jahrhunderten, ohne dass morgens ihre Berge verschwinden. Österreich ist seit 1955 verfassungsrechtlich neutral und wurde deshalb ebenfalls nicht aus Europa herauskatapultiert. Offenbar können deutschsprachige Staaten existieren, ohne permanent am Hindukusch, im Baltikum oder im Südchinesischen Meer ihre Sicherheit verteidigen zu müssen.

Das eigentliche Risiko eines souveränen Ostdeutschlands bestünde womöglich gar nicht darin, dass es scheitert. Das viel größere Risiko bestünde darin, dass einiges funktioniert: niedrigere politische Temperaturen, eine Außenpolitik ohne Großmachtpubertät, wirtschaftliche Beziehungen in alle Richtungen und ein Staat, der seine Bürger nicht hauptsächlich als Steuerzahler, Soldatenreserve und Empfänger regierungsamtlicher Belehrungen betrachtet.

Dann müsste man nämlich erklären, warum all das in der Bundesrepublik angeblich alternativlos war.

Vielleicht wäre ein solcher Staat kleiner, bescheidener und weniger bedeutend. Das muss kein Nachteil sein. Die größten Katastrophen der deutschen Geschichte entstanden schließlich selten aus einem Mangel an Bedeutung.

Bertolt Brecht formulierte das bereits 1950 in seiner wunderschönen sogenannten "Kinderhymne" – ohne jede Großmachtambition, aber mit jenem selbstbewussten Anstand, der sich mehr als alles andere für eine deutsche Nationalhymne eignen würde:

"Und nicht über und nicht unter andern Völkern wolln wir sein."


Eigentlich ein denkbar bescheidener Anspruch: über niemandem stehen, unter niemandem knien. Für deutsche Verhältnisse offenbar schon wieder revolutionär.

Man wird ja wohl noch träumen dürfen – solange Träume nicht ebenfalls der deutschen Staatsräson unterliegen, vom Verfassungsschutz beobachtet oder wegen mangelnder Bündnistreue aus dem demokratischen Diskurs ausgeschlossen werden.

Und falls dem Westen tatsächlich "irgendwann reicht", wie seine Medien inzwischen verkünden, könnten wir ihm ausnahmsweise entgegenkommen.

Man soll Reisende bekanntlich nicht aufhalten. Nicht einmal, wenn sie in entgegengesetzte Richtungen reisen...

Zurück zum Blog

1 Kommentar

Super geschrieben dieses Gefühl denen nicht zu passen verspüre ich schon lange.Der Traum kann verwirklicht werden Träume werden wahr ,man muss nur dran glauben. Ich bin in meinem Leben auch noch nie so herabgewürdigt worden wie hier von diesen Menschen im Westen.Stalin wollte ein blockfreies Deutschland und friedlich mit den Menschen kooperieren.Adenauer und westl.Alliierte wollten das nicht der Russe sollte weg! Ein vierter deutscher Staat blockfrei und unabhängig ist auch in meinem Sinn ,denn die zerstören und Andersdenkende in der BRD

Dagmar

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte beachte, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen.