"War ja nicht alles schlecht..."? Hört auf, euch zu entschuldigen!

"War ja nicht alles schlecht..."? Hört auf, euch zu entschuldigen!

Man kennt die Szene. Familienfeier, Gartenzaun, Kommentarspalte. Jemand will etwas Gutes über sein Leben sagen, über die Krippe, die Kollegen, den Urlaub an der Ostsee. Und bevor es rauskommt, wird erst der Passierschein vorgezeigt:

"Ja gut, nicht alles war schlecht, ..."


Wir lesen diesen Satz seit Jahren. Bei Facebook, bei Instagram, in Gesprächen mit Menschen, die es gut meinen. Und jedes Mal fragen wir uns: Wer hat euch das eigentlich beigebracht?

Denn dieser Satz ist kein Urteil. Er ist eine Kapitulation in vier Wörtern. Er setzt voraus, dass die DDR im Grunde schlecht war und der Sprecher jetzt um mildernde Umstände bittet. Wer so anfängt, hat verloren, bevor er bei Kindergarten, Ferienlager, Gratis-Schule, Gratis-Studium und subventionierter Neubauwohnung angekommen ist.

Ein Satz mit Vorgeschichte

Es kommt noch schlimmer. Den Satz gab es schon einmal. Nach 1945 hörte man ihn über ein ganz anderes Deutschland, meist gefolgt von der Autobahn. Wer ihn heute über die DDR sagt, stellt seine eigene Kinderkrippe unbemerkt in diese Reihe. Selbst die Pressemitteilung zum Thüringen-Monitor 2024 nennt die Aussagen zu den guten Seiten des Nationalsozialismus und den guten Seiten der DDR im selben Satz. So funktioniert Umdeutung: Man muss gar nicht lügen. Es reicht die richtige "Nachbarschaft".

Wer da eigentlich misst

Schauen wir uns die Nachbarn mal an. Den sogenannten "Thüringen-Monitor" gibt es seit 2000, jedes Jahr, bestellt und bezahlt vom Freistaat. In Auftrag gegeben hat ihn die Landesregierung unter Bernhard Vogel, geboren in Göttingen, vorher zwölf Jahre Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz.

Die Wissenschaft dazu lieferte die Uni Jena, genauer: Professoren wie Karl Schmitt, Jahrgang 1944, aus Bad Säckingen an der Schweizer Grenze, und Heinrich Best, Jahrgang 1949, aus Köln. Beide lehrten bis 1992 in Köln, beide kamen 1992 nach Jena.

Der klassische Aufbau Ost: Erst übernimmt man den Lehrstuhl, dann erklärt man den Eingeborenen ihre Einstellungen.


Seit 2018 leitet Marion Reiser das Projekt. Studium in Göttingen und Bristol, zuletzt Professorin in Lüneburg. Merken Sie sich die Stadt, wir kommen darauf zurück. Erhoben wurden die Daten anfangs von Infratest dimap, bekannt aus dem ARD-Deutschlandtrend.

Herausgegeben wird das Ganze heute zusammen mit dem "KomRex", dem Zentrum für Rechtsextremismusforschung. Die Frage nach der Kinderkrippe landet also im selben Haus wie die Forschung über Neonazis. Da dürfte von vorneherein das Ergebnis feststehen.

Seit 36 Jahren dieselbe Sendung

Das Programm läuft seit über 35 Jahren und kennt nur eine Folge: die DDR als Open-Air-Gefängnis. Alle hungerten, alle wurden rund um die Uhr vom Nachbarn überwacht, und alle warteten sehnsüchtig auf die Befreiung durch den goldenen Kapitalismus der BRD.

Wer dabei war, reibt sich die Augen. Gehungert? Bei 55 Pfennig für die Schulspeisung und 5 Pfennig fürs Brötchen? Erzählt wird diese Geschichte gern von Leuten, die die DDR im besten Fall aus einer Guido-Knopp-Dokumentation kennen: generische Filmchen, die seit Jahrzehnten dieselben schwachsinnigen Klischees bedienen, mit dunkler Stimme und viel Stacheldraht.

"Das ist ja wie in der DDR!"

Und heute, das muss an dieser Stelle auch mal gesagt werden, erzählen sie vor allem die sogenannten liberalen Medien. (Neo-)Liberal steht drauf, drin sind affige, erzkonservative Nichtskönner, die nicht wissen, worüber sie schreiben. Dass sie im Osten überhaupt gelesen werden, liegt nicht an ihrer Kompetenz, sondern an der Zweckgemeinschaft: Man ist gemeinsam unzufrieden mit der Bundesregierung. Das reicht für eine Affäre, nicht für eine Ehe.

Dort treten seit Jahren bartlose Jünglinge auf, die bei allem, was eine BRD-Regierung verzapft, inflationär dieselbe Formel ziehen:

Das ist ja wie in der DDR! Das Heizungsgesetz? Planwirtschaft! Dass im Plattenbau Heizung und Warmwasser in der Miete steckten, hat ihnen keiner erzählt. Das Tempolimit? Honecker! Stimmt sogar: Auf der DDR-Autobahn war bei 100 Schluss, nur brauchte der Trabi dafür kein Gesetz. Die Meldestelle gegen Hass im Netz? Stasi! Die Tagesschau? Der Schwarze Kanal! 

Das dürfen sie. Wir haben in diesem Land, zumindest offiziell, Meinungsfreiheit. Wo die endet, merkt man dann erst, wenn es morgens um 6 an der Haustür klingelt. "Ist ja wie in der DDR!" brüllt an dieser Stelle der Typ vom liberalen Internetmedium. Und verkauft nebenbei Kryptotipps. Glaubwürdig macht sie das nicht, und Substanz hat dieser Schwachsinn auch keine.

Wenn 25-Jährige für Rechtsaußenmedien die Bundesregierung kritisieren (was sie gern dürfen!), dabei aber ständig die DDR bemühen, die sie in ihrem ganzen Leben nie betreten haben, geschweige denn jemand aus ihrer Familie, dann ist das ungefähr so sinnvoll, als würde ein Rentner aus Suhl, der einmal auf der A7 an Lüneburg vorbeigefahren ist, im Fernsehen erklären, die Heide sei im Kern ein Unrechtsstaat mit Schnaken. Oder als würden wir ein Standardwerk über Bielefeld schreiben, einzige Quelle: ein Cousin, der nicht sicher ist, ob es Bielefeld überhaupt gibt.

Wer hier urteilen darf

Wer 1954 geboren wurde, hat 36 Jahre DDR hinter sich und 36 Jahre Bundesrepublik. Halbe-halbe. Dasselbe Volk, dieselbe Sprache, zwei Systeme: Einen größeren Feldversuch hat die deutsche Geschichte nicht zu bieten.

Rund zwei Millionen Menschen haben heute etwa gleich lange in beiden Staaten gelebt, und rund sieben Millionen haben mindestens zehn Jahre DDR selbst erlebt. Sieben Millionen Zeugen.

Gefragt werden trotzdem lieber Guido Knopp, Stefan Wolle, Sönke Neitzel oder Ilko-Sascha Kowalczuk. Beim agendakonformen Rundfunk nennt man das Expertenrunde: Das Ergebnis steht schon vor der Sendung fest.


Nur eine Seite Deutschlands kennt beide Versuchsanordnungen Ost/West von innen. Schule, Betrieb, Arzt, Amt, Miete, Kündigung. Der Ostdeutsche ist der Einzige, der den direkten Vergleich hat und ihn aus der eigenen Biografie bewerten kann. Der Westdeutsche kennt ein System aus Erfahrung und das andere aus dem (West-)Fernsehen.

Das sagen nicht nur wir. Vor einigen Jahren ließ ausgerechnet die Bundesregierung nachfragen, und das Ergebnis dürfte in Berlin keine Korken knallen lassen: 

57 Prozent der Ostdeutschen bescheinigten der DDR mehr gute als schlechte oder sogar ganz überwiegend gute Seiten. Daran haben 35 Jahre Dauerbeschallung wenig geändert. 


Nur 21 Prozent der Thüringer vertrauen der Bundesregierung, nur knapp über 40 Prozent sind damit zufrieden, wie die Demokratie in der Praxis funktioniert, und:

76 Prozent der Ostdeutschen fühlen sich gegenüber dem Westen benachteiligt.

Viele von uns gehen deshalb weiter: In den Dingen, die den Alltag eines Menschen ausmachen, war die DDR der lebenswertere Staat. Das liegt auch nahe. Dieser DDR-Alltag in seiner Unperfektheit war für Menschen gebaut, nicht für die Rendite.


Zum Mitschreiben

  • Krippe und Kindergarten: kostenlos. Bezahlt wurde nur das Essen, 1,40 Mark am Tag in der Krippe (mehrere, frisch zubereitete Mahlzeiten!), 35 Pfennig im Kindergarten.
  • Schulspeisung: 55 Pfennig die Portion mit Nachschlag so viel du wolltest, den Rest trug der Staat.
  • Geburtenbeihilfe: 1.000 Mark für jedes Kind.
  • Kindergeld: ab 1987 erst 50 Mark fürs erste, 100 fürs zweite, 150 ab dem dritten Kind. Viel Geld, bei Monatsmieten um die 60 Mark!
  • Babyjahr: komplett bezahlt, und danach wartete der garantierte Arbeitsplatz.
  • Ehekredit: 5.000 Mark zinslos, ab 1986 sogar 7.000. Erstes Kind: 1.000 Mark erlassen. Zweites: weitere 1.500. Drittes: alles weg. 7.000 Mark vom Staat geschenkt! Das war übrigens Anfang der 1980er ein durchschnittliches Jahresgehalt. Abkindern hieß das. Versuchen Sie das mal heute bei Ihrer Sparkasse.
  • Miete: 80 Pfennig bis 1,25 Mark pro Quadratmeter. Die Neubauwohnung für 60, 70 Mark im Monat, inklusive Heizung, Müll und Warmwasser. Indexmiete, Schufa und Besichtigung mit 40 Mitbewerbern: unbekannte Fremdwörter.
  • Arbeit: ein Recht, das in der Verfassung stand. Die Angst vor der Kündigung kannte in der DDR niemand, das Jobcenter auch nicht.
  • Ein Dach über dem Kopf: Wohnungen wurden zugeteilt, Obdachlosigkeit gab es so wenig wie Rentner, die Pfandflaschen sammeln mussten, um zu überleben.
  • Urlaub: 13 Tage FDGB mit Vollpension für rund 100 Mark, Kinder 30 Mark.
  • Ferienlager: rund zwei Millionen Kinder im Jahr 1984, in 5.000 Betriebsferienlagern. Elternbeitrag zuletzt 12 Mark.
  • Studium: keine Gebühren, dafür 200 Mark Grundstipendium im Monat. Oft dazu Gratis-Wohnheim und Verpflegung.
  • Medizin: die Poliklinik, alle Fachärzte unter einem Dach, ohne Vorkasse und ohne Privatpatienten-Wartezimmer.
  • Frauen: über 90 Prozent berufstätig oder in Ausbildung, dazu ein bezahlter Haushaltstag im Monat.
  • Selbstbestimmung: seit 1972 das Recht auf Schwangerschaftsabbruch in den ersten zwölf Wochen. Im vereinten Deutschland steht § 218 bis heute im Strafgesetzbuch.
  • Rente: Frauen mit 60, Männer mit 65. Mit 67 hat hier niemand gedroht.

SERO: Das Recycling, das nicht sein durfte

Die DDR hatte 17.000 Annahmestellen (Das ist rund eine Stelle je 960 Einwohner!). Altpapier, Flaschen, Gläser, alles gegen Bares beim Altstoffhandel um die Ecke, und jedes Kind wusste, wo das Taschengeld liegt.

Allein 1989 wurden über eine Milliarde Gläser und Flaschen neu befüllt.

Dass das funktionierte, behaupten nicht wir und nicht die DDR. Im Sommer 1990 gab das Bundesforschungsministerium eine Untersuchung in Auftrag.

Das Ergebnis der Recycling-Expertin Susanne Hartard von der Uni Kassel nach zwei Jahren: SERO war ausgesprochen effizient, Empfehlung: unbedingt fortführen. Geworden ist daraus nichts. Ging nicht, kam ja aus der DDR.

Stattdessen kam der (nahezu völlig sinnlose) "Grüne Punkt", ein Geschäftsmodell mit Lizenzgebühr und dem guten Gewissen zum Aufdrucken. SERO musste sterben. Es kam ja aus der DDR. Die ganze Geschichte steht in unserem SERO-Artikel.


Friedensstaat DDR

Hochgerüstet war die DDR, natürlich. Wie auch sonst: Ihre Grenze war keine innerdeutsche, sondern die zwischen den zwei großen Systemen dieser Welt. Aber in gut 40 Jahren hat dieser Staat DDR keinen einzigen Krieg geführt.

Die vereinte Bundesrepublik brauchte bis zu ihrem ersten Kampfeinsatz keine neun Jahre:

1999 bombten deutsche Tornados (völkerrechtswidrig) in Jugoslawien, danach ging es für 20 Jahre nach Afghanistan, denn Deutschlands Sicherheit wurde jetzt am Hindukusch verteidigt. Insgesamt war die Bundeswehr seit der Wiedervereinigung in über 50 Auslandseinsätzen, mit mehr als 400.000 Soldaten und über 100 Toten. Im Kosovo steht sie seit 1999 bis heute. Für wen? Viele (Ost-)Deutsche wissen es nicht...

 

DDR: Außenpolitik, für die man sich nicht schämen muss

Mit der Außenpolitik der DDR kann man sich als Ostdeutscher problemlos noch heute identifizieren.

Hilfe zur Selbsthilfe, internationale Solidarität, Support für Unterdrückte, Kampf gegen faschistische Diktatoren, Kolonialisten und Imperialisten. Von Vietnam über Nicaragua bis Kuba, von Mosambik bis Äthiopien.

 

  • Vietnam: Schulkinder sammelten Altpapier und Bleistifte, Brigaden fuhren Sonderschichten. Die DDR half beim Wiederaufbau der zerbombten Stadt Vinh, unterstützte das Viet-Duc-Krankenhaus und ein Orthopädiezentrum in Hanoi und holte vietnamesische Kinder zur Schulausbildung nach Moritzburg. Im Westen hieß es derweil: West-Berlin wird am Mekong verteidigt.
  • Chile: Nach Pinochets Putsch 1973 flohen über 2.000 Chilenen in die DDR.
  • Nicaragua: Das Hospital Carlos Marx in Managua, ab 1985, das Vorzeigeprojekt der DDR-Solidarität. Nach 1990 führte es die Bundesrepublik weiter und benannte es um. Das Krankenhaus durfte bleiben, die DDR nicht.
  • Mosambik: die Schule der Freundschaft in Staßfurt, Internat und Ausbildung für 900 mosambikanische Schüler.
  • Angola: Die DDR förderte die MPLA im Kampf gegen die Kolonialmacht Portugal. Gegen dasselbe Portugal, dem Bonn die Flugzeuge lieferte, dazu gleich mehr.
  • Simbabwe: Geld und Unterstützung für den Befreiungskampf gegen das weiße Minderheitsregime in Rhodesien.
  • Kap Verde: Auf dem SED-Parteitag 1981 bedankte sich das Land persönlich: Die Unterstützung der DDR sei für die Befreiung vom Kolonialjoch außerordentlich wichtig gewesen.
  • Namibia: Nach dem Massaker der südafrikanischen Armee im Flüchtlingslager Kassinga 1978 behandelte die DDR bis 1989 insgesamt 400 Überlebende und SWAPO-Kämpfer in Berlin. Namibische Kinder wuchsen im Heim in Bellin auf.
  • Südafrika: Der ANC von Nelson Mandela, im Westen "Terrororganisation" fand in der DDR Exil und Unterstützung.
  • Studium und Ausbildung: 1989 lernten rund 130.000 Studierende oder Lehrlinge aus befreundeten Ländern in der DDR. 


Solidarität hieß in der DDR nicht, drei Säcke Reis zu schicken und dann auf den nächsten Hilferuf zu warten. Solidarität hieß: Wissen weitergeben. Junge Leute aus Vietnam, Kuba, Mosambik, Angola oder Nicaragua kamen zu uns, lernten in Betrieben, Berufsschulen und an Hochschulen und gingen als Fachkräfte zurück. Dort bildeten sie selbst wieder ihre Leute aus. Hilfe zur Selbsthilfe, auf Augenhöhe, Kollege neben Kollege.


Viele Menschen in diesen Ländern erinnern sich bis heute gern daran. Bis heute gibt es in Hanoi, Havanna und Maputo Ingenieure, Ärzte und Facharbeiter, die noch ein paar Worte Deutsch können und vom Betrieb in Cottbus, Leipzig oder Karl-Marx-Stadt erzählen.

Umso bitterer war das Ende der DDR-Entwicklungshilfe: Mit der "Einheit" am 3. Oktober 1990 erloschen die Abkommen, und die Bundesrepublik führte sie nicht fort.

Rund 130.000 Menschen aus befreundeten Ländern arbeiteten, lernten und studierten 1989 in der DDR. Die neue BRD-Regierung hatte offenbar kein Interesse an der hochentwickelten und effektiven internationalen Hilfe der DDR.

Für fast alle hieß das: Ausbildung abgebrochen, zurück nach Hause, oft ohne Abschluss.

Und der Westen? Die Bundesrepublik lieferte Flugzeuge und Schiffe an das faschistische Portugal, den NATO-Partner mit dem Kolonialkrieg. Vieles davon tötete prompt in den Kolonien, obwohl auf dem Papier "nur NATO-Gebiet" stand. Deutsche Gründlichkeit: Der Vermerk stimmte. Und zur Colonia Dignidad, der deutschen Sektensiedlung in Chile mit engsten Verbindungen zu Pinochets Geheimdienst, fiel Außenminister Steinmeier 2016 dann auch der passende Begriff ein: "kein Ruhmesblatt". Das kann man wohl sagen.

Und dann kam die "Befreiung"

Niemand muss uns den Vergleich ausreden, denn der Westen hat ihn selbst geliefert.

Die Kaltmiete im Osten lag 1990 bei 88 Pfennig pro Quadratmeter, 1992 schon bei rund 4 Mark. Mehr als das Vierfache in zwei Jahren. In Thüringen waren es 2022 im Schnitt 5,65 Euro, umgerechnet rund 11 Mark, und wer 2024 neu einziehen wollte, sah 7,54 Euro, fast 15 Mark. Das Siebzehnfache. Das nennt man Freiheit: Man darf sich jetzt aussuchen, wovon man die Miete bezahlt. Vom Urlaubsgeld oder von den Kindern, die man sich dann eben spart.

In Thüringen ging 2026 rund 30 (oft 50) Prozent des Einkommens für die Miete drauf. In der DDR waren 60 bis 70 Mark Miete bei 1.300 Mark Durchschnittslohn rund 5 Prozent.

Die Treuhand übernahm rund 8.500 Betriebe mit über vier Millionen Beschäftigten. Durch die Privatisierung gesichert wurden etwa 1,5 Millionen Arbeitsplätze. Der (später ermordete) Treuhand-Chef Rohwedder hatte das Ganze im Oktober 1990 noch auf 600 Milliarden geschätzt, am Ende übernahm der Erblastentilgungsfonds 104,5 Milliarden Euro Schulden. Der Historiker Dierk Hoffmann, der das im Auftrag des Bundesfinanzministeriums erforscht hat, nennt die Abschlussbilanz "niederschmetternd". Und wer die produktiven Betriebe bekam, hat das ifo-Institut mit ausgerechnet: westdeutsche Investoren.

1993 öffnete in Berlin die erste Tafel Deutschlands. Wer im Osten nur die Schulspeisung kennt, dem sei das erklärt: Eine Tafel ist ein Verein, bei dem Ehrenamtliche Lebensmittel einsammeln, die Supermärkte nicht mehr verkaufen wollen, und sie an Menschen ausgeben, deren Geld nicht mehr reicht. Eine Armenspeisung mit Warenkorb, im (angeblich) reichsten Land Europas. Drei Jahre nach der "Befreiung vom SED-Regime" reichte uns Ostdeutschen also eine einzige.

Heute sind es mehr als 980.

Rund 1,5 Millionen Menschen stehen dort jede Woche an, versorgt von 77.000 Helfern mit 265.000 Tonnen Lebensmitteln im Jahr. Der Staat dankt und verleiht Ehrennadeln. Hat aber mit der Hilfe nichts zu tun. Die leisten ehrenamtlich Mitbürger.

Das ist das größte Wachstumsprogramm, das der Kapitalismus dem Osten je gebracht hat.

Das ist er also, der goldene Kapitalismus. Die Befreiung war ein Schnäppchen, nur nicht für uns.


Ostdeutscher: Lass den Passierschein stecken!

Das hier ist ein Aufruf, sich die eigene Sprache nicht mehr abnehmen zu lassen. Wer 35 Jahre lang einen fremden Satz wie "War ja nicht alles schlecht..." nachspricht, glaubt ihn am Ende selbst, und seine Enkel lernen ihn gleich mit. Perfekt war die DDR natürlich nicht. Perfekt ist nie etwas, nicht mal Lüneburg oder Bielefeld. Aber das ist ein anderer Satz als der, den man euch beigebracht hat.

Also: Beim nächsten Mal, am Gartenzaun oder unter dem nächsten Facebook-Post, lass die Entschuldigung weg. Du brauchst von niemandem eine Erlaubnis, dein eigenes Leben gut zu finden.

Sag einfach:

"Es war nicht alles perfekt. Ich war dabei. Und du?"

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5 Kommentare

Es war alles menschlicher, liebevoller, friedlicher, sozialer und innerhalb der Städte, Gemeinden und Betriebe herrschte mehr Demokratie als heute! Aber erkläre das mal den ganzen Nichtwissern. Ich finde es gut, wie Du das rüberbringst.

Chris Laconi

The GDR and its citizens have nothing to apologise for – instead, so very much to be proud of!

Pat Turnbull

Bitte benutzt den Spruch: es war ja nicht alles schlecht
nicht !
Es ist die Propagandasprache der Bundesrepublik die die Welt kindlich in Gut und Schlecht einteilt.
Wobei die Bundesrepublik natürlich die Guten sind und die DDR natürlich die Schlechten sind. Mit diesem Spruch, das ja nicht alles schlecht war, übernehmt ihr deren Sprache.
Gegenbeispiel. Die französische Regierung hat 1 Millionen Tote in 8 Jahren in Algerien zu verantworten.
Es war ja nicht alles schlecht. Kommt jemand auf so eine Idee ?
Genauso wie vor die DDR das Wort ehemalige zu setzen.

Ralph Ocheki

ja, es stimmt, es wahr nicht alles schlecht gewesen, in der ddr

Mario Heidmann

Genau meine Biographie lasse ich mir nicht nehmen .Ich kenne meine Schwächen und Stärken .Ich diskutiere gar nicht ,trage Meinung vor und wer das anerkennt darf mit mir weiter kontaktieren .Die anderen habe ich weggefegt.Uns hat man genug genommen .
Beim Mensch sein dürfen ,hört das auf .

Dagmar

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