Sag mir, wo die Blumen sind: Warum in DDR-Städten mehr blühte

Sag mir, wo die Blumen sind: Warum in DDR-Städten mehr blühte

vom Markus Gelau

Eine Bank, gestiftet von einer Bank

Am 1. November 2026 hat Eisenach den neuen Platz am Bachdenkmal eingeweiht. Die Rundbänke sind schön, ihre Finanzierung auch: 13.843,79 Euro, komplett gespendet. Auf den Plaketten stehen die Großspender, darunter der Rotary Club, die Eisenacher Versorgungsbetriebe und die VR Ihre Heimatbank.

Eine Bank, gestiftet von einer Bank. Das muss man erst mal hinkriegen.

Kurz darauf schickte mir meine Mutter eine WhatsApp-Nachricht, mit dem Foto der neuen Bänke. Schade, stand da. Die hübschen Blumen direkt unter dem Denkmal seien das ganze Jahr etwas fürs Auge gewesen. Aber man habe weder Geld für Blumen noch für Gärtner. Und auch auf dem Karlsplatz sei dieses Jahr nur Rasen zu sehen gewesen.



Abbildung: Johann-Sebastian-Bach-Denkmal in Eisenach. Zugegebenermaßen Anfang November fotografiert – selbst wenn hier noch bepflanzte Beete gewesen wären, hätte vermutlich kaum noch etwas geblüht. Dennoch: Diese runden Bänke, für wen auch immer aufgestellt, sollen nun also die mit Stiefmütterchen bepflanzten Beete ersetzen. Exemplarisch steht diese Art der Stadtplanung für die Entwicklung in fast allen Städten Ostdeutschlands.





Abbildung: Diese DDR-Postkarte von 1985 lässt die Blumenpracht, in der Bach alljährlich stand, erahnen. Tatsächlich wurde hier jedes Jahr anders und kreativ bepflanzt. 


Warum ausgerechnet das Bachdenkmal? Die Antwort ist einfach: In Eisenach habe ich einen Großteil meiner Kindheit verbracht. Direkt gegenüber vom Denkmal wohnte meine Oma, in der Lutherstraße 40. Auf ihrem Balkon habe ich Stunden damit verbracht, westdeutsche Touristen zu beobachten, die in Bussen auf den davorliegenden Parkplatz gekarrt wurden, um das Bachhaus zu besuchen. Frühe soziologische Studien, offenbar. Deshalb kann ich bestätigen, was meine Mutter schreibt: Die bunte Bepflanzung rund um das Bachdenkmal war jahrzehntelang schön. Jetzt steht dort eine runde Bank.

Jeder im Osten über 45 kennt dieses Gefühl: Früher blühte es, heute wird gemäht. Die Stadt Eisenach zumindest hat ihre Antwort parat. Der Rückbau der Grünfläche am Bach schütze die Bronze vor Feuchtigkeit. Ein Denkmal, das 1884 eingeweiht wurde, bekommt also 142 Jahre später Angst vor Stiefmütterchen.

Ehrlicher klang die Stadt 2021 am Karlsplatz: Dort musste die Bepflanzung zum "ohnehin knapp bemessenen Personal" passen.


Also: Sag mir, wo die Blumen sind. Und vor allem: Wer hat sie eigentlich früher gegossen?




Abbildung: Tja, da steht er nun, der Johann Sebastian, umgeben von wunderbaren, riesigen, leeren, runden Bänken. Die Blumenbeete gibt’s nicht mehr. Und mich findet man dort auch nicht mehr. Tatsächlich verbrachte ich viele Stunden auf dem Balkon, der auf dem Bild zu sehen ist. Mein Studium der BRD-Touristen, die sich vor dem Bachhaus tummelten, wurde damals optisch versüßt durch Tausende bunte Stiefmütterchen. Beides ist nun Geschichte.




Die DDR hatte Geld für Blumen. Und: Sie hatte Hände.

Gleich vorweg, weil wir hier nicht beim Tourismusverband sind: Eine Statistik, die Blumenbeete in Ost und West je Einwohner vergleicht, habe ich nicht gefunden. Wer behauptet, die DDR habe nachweislich mehr geblüht, kann das nicht belegen. Ich auch nicht. Aber: Ich habe den direkten Vergleich, genauso wie Millionen meiner Landsleute. Und wir haben Fotos: von unseren Innenstädten der 1980er und von heute.




Abbildung: Cafe Prag, Altmarkt in Dresden 1989



Belegen lässt sich auch etwas anderes, und das ist interessanter. Ein Blumenbeet ist vor allem eine Lohnfrage. Beim Wechselflor sind neben dem Pflanzgut Bodenvorbereitung, Pflanzen und Pflege die Hauptkosten. Wässern, Unkraut zupfen, Verblühtes abschneiden, zwei- bis dreimal im Jahr alles neu.

Genau diesen Posten hatte die DDR anders organisiert: mit vielen eigenen Betrieben, mit Pflegeverträgen, mit Hausgemeinschaften und mit einem Land voller Kleingärtner.

Die Blumen in den Städten der DDR waren nicht das Ergebnis von Reichtum. Sie waren das Ergebnis von Zuständigkeit.



Abbildung: Der Sachsenplatz in Leipzig im Jahr 1987. Stadtzentren in der DDR wurden als Orte der Begegnung gestaltet: zum Zusammenkommen, zum Verweilen, zum "Sozialisieren", wie man heute so schön sagt. Nicht nur in Leipzig sind viele dieser Plätze verschwunden. Sie wurden zugunsten von Konsumtempeln, Kaufhäusern und Co. wegrationalisiert. Die Blumen gleich mit.



Mach mit: Planziel 1.228 Verträge für Blumen, Bäume und Grün

Bereits ab Ende der 1960er lief in der DDR der Wettbewerb "Schöner unsere Städte und Gemeinden – Mach mit!". Die Bürger wurden angehalten, in ihrer Freizeit unentgeltlich das Wohnumfeld zu verschönern. Staatlich gelenkt, mit Plan, mit Medaillen und mit Geldprämien. Ausgesucht wurden oft Parks und Spielplätze, für die das staatliche Geld nicht reichte.

Wie konkret das aussah, steht beispielsweise in der Chronik der Stadt Riesa von 1984:

Allein im Kreis Riesa gab es im Mai des Jahres 1984 über 1.000 Pflegeverträge für "Blumenrabatten, Bäume und Grünanlagen". Das Jahresziel lag bei 1.228. 

Man stelle sich das heute im Kreistag vor: Tagesordnungspunkt 7, Planerfüllung Blumenrabatte.

Dazu kam die "Goldene Hausnummer für Hausgemeinschaften", die ihr Wohnumfeld besonders gut pflegten. In Ost-Berlin waren es bis Januar 1989 rund 3.500 Auszeichnungen. In Dresden sollen es von 1986 bis 1988 etwa 700 gewesen sein. Eine Metallplakette an der Hauswand, sichtbar für jeden Nachbarn. Sozialer Druck als Dünger.

Und dann der "Subbotnik": Zaun streichen, Schlaglöcher füllen, die Blumenbeete pflegen, danach Kuchen, Grill und reichlich Alkohol. Und das in Eigenregie der Hausbewohner. Das erklärt auch, warum so viele das Beet vorm Haus ihrer Neubauwohnung als ihr eigenes in Erinnerung haben. Es war ihres!


Abbildung: Initiative "Schöner unsere Städte", Mitte der Achtziger. Hier packten alle mit an. Und wer nicht wollte, musste trotzdem – dafür sorgte schon die Gemeinschaft. Immerhin gab’s am Ende für alle reichlich Bier und Bratwurst. Millionen DDR-Bürger werden sich erinnern: So gepflegt und bunt wie damals war es rund um die Neubauten nie wieder.



Erfurt: Das Blumenbeet als Staatsakt


Am 28. April 1961 eröffnete in Erfurt die "iga", die Erste Internationale Gartenbauausstellung der sozialistischen Länder. Das große Beet misst 6.000 Quadratmeter, heute beworben als größtes Blumenbeet Europas. Das Maskottchen "Florinchen" (nein, bitte nicht verwechseln mit "Filinchen", das auch aus Thüringen kommt) entwarf Gerhard Behrendt, der Vater des Sandmännchens. Teile der Blumenkübel stammen von Hedwig Bollhagen. Bei der DDR war selbst der Blumenkübel Chefsache.

Die Erfurter leisteten beim Aufbau über 400.000 freiwillige Arbeitsstunden. Bis 1989 kamen 37 Millionen Gäste, 120 bis 160 Menschen arbeiteten dort fest.





Abbildung: Die iga, die Internationale Gartenbauausstellung in Erfurt, Ende der 1970er. Auch wenn man sich als Kind nicht wirklich für Blumen interessierte, wusste man: Auf der iga gab’s die besten Klettergerüste. Dazu leckeres Softeis, und eine Bratwurst war natürlich immer drin. Ein Besuch dort war ein echtes Erlebnis. Neben den Blumen gab es oft Sonderausstellungen – und dann standen da auf einmal sowjetische Hubschrauber, riesige Maschinen. Hier gab’s immer etwas zu sehen.




Und dann kam die Einheit. Das Ministerium als Betreiber fiel weg, das Gelände wurde an MDR und Messe verkauft und geteilt. Abgerissen wurden die Zentralgaststätte, zahlreiche Hallen und eine hochmoderne Gewächshausanlage. Die letzten 44 Mitarbeiter bekamen ihre Entlassungspapiere. An ihrem letzten Tag setzten sie eine Fahne mit ihren Unterschriften auf Halbmast. Ein Drittel der iga-Fläche blieb übrig.

Die Blumenstadt selbst ist älter als die DDR, ihr Gartenbau reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Aber aus dieser Tradition machte die DDR eine Leistungsschau. Und die strahlte ins Land: Die iga setzte tatsächlich Maßstäbe für den Städtebau.



Abbildung: Die Prager Straße in Dresden um 1980. Der eine oder die andere aus Dresden wird sich erinnern – oft mit Wehmut.


Ja, manche Straße in der DDR war grau. Das hatte einen Grund.

Damit der Einwand gar nicht erst in die Kommentare muss: Ja, in vielen DDR-Städten gab es Sanierungsbedarf. Ja, manche Straße war grau, und mancher Altbau hatte seine besten Jahre hinter sich. Stimmt alles. Nur lassen die meisten, die das anführen, den zweiten Satz weg: Das war keine Schlamperei, das war eine Reihenfolge.

Kein Staat kann für alles gleichzeitig sorgen. Die DDR setzte 1971 ihre Priorität: erst das Dach, dann der Rest. Bis 1989 entstanden Millionen moderne Wohnungen für ein Land mit gut 16 Millionen Menschen, im Neubau mit Heizung, Einbauküche, Balkon, Keller und Warmwasser in der Miete von 80 Pfennig bis 1,25 Mark pro Quadratmeter. Was dann ungefähr auf 60-80 Mark pro Monat für eine kleine Dreiraumwohnung kam.

Das sind im Schnitt rund 6,6 neue Wohnungen je 1.000 Einwohner pro Jahr. Die reiche Bundesrepublik schaffte 2025 gerade mal 206.600 Wohnungen, also rund 2,5 je 1.000. Wer Millionen Familien ein Zuhause baut, muss sich für den Putz in der Nebenstraße nicht von einem Land belehren lassen, das gerade seinen schwächsten Wohnungsbau seit 2012 feiert.




Abbildung: Weil es so schön ist – Verzeihung: war. Die Prager Straße in Dresden im Jahr 1988.





Danach kamen die Innenstädte der DDR dran. 1985 öffnete die Semperoper in Dresden wieder, 1987 wurde in Berlin das Nikolaiviertel eingeweiht. Fertig wurde die DDR damit nicht mehr. Am Ende ging ihr die Zeit aus. 

Die Stadtsanierung in Ostdeutschland begann nicht erst 1990. Viele Maßnahmen der Neunzigerjahre bauten auf konkreten Vorarbeiten und Planungen aus der DDR auf. Die BRD rühmt sich der bunten Fassaden – die fachlichen Grundlagen dafür hatten vielfach DDR-Fachkräfte geschaffen.


Das ist keine Nebensächlichkeit: Bausubstanz erfassen, Schäden untersuchen, Sanierungskonzepte entwickeln und die Umsetzung planen – darin steckt ein erheblicher Teil der Arbeit. Wer nur auf den neuen Anstrich zeigt, unterschlägt die Menschen, die diese Sanierungen vorbereitet haben.




Abbildung: Cottbus in den Achtzigerjahren. Fußgängerzonen gehörten in der DDR selbstverständlich zum Stadtbild. Sie waren bunt, begrünt und luden zum Verweilen ein. Orte zum Begegnen, zum Plaudern, zum Ausruhen. Und damals noch voller Leben.


Und zur Bilanz gehört auch die Finanzierung. Die DDR-Städte waren in ein anderes Finanzsystem eingebunden; kommunale Kreditverschuldung wie heute gab es nicht. DDR-Städte waren nicht verschuldet. Nach 1990 wurde fast alles auf Pump finanziert. Die Fassaden wurden bunter, während langfristige Schulden entstanden. Hinter mancher frisch sanierten Fassade folgte später der Leerstand.

Wer die Stadtsanierung als reine Erfolgsgeschichte verkauft, sollte deshalb beides benennen: die Vorarbeit aus der DDR und den Preis, den die Kommunen und ihre Einwohner dafür langfristig tragen.

Und eines kann man der DDR nun nicht vorwerfen: dass sie mit den Blumen bis zum Schluss gewartet hätte. Ein Dach braucht Zement, Kontingent und Kran. Ein Beet braucht einen Spaten und jemanden, der sich zuständig fühlt. Deshalb blühte es auch vor Fassaden, die noch auf ihren Maler warteten. Das ist keine Behauptung aus dem Museumsshop. Fragt Mutti, fragt Vati, fragt jeden, der heute über 45 ist: Die Städte waren grün, bepflanzt und gepflegt. Und die Westtouristen, die ich vom Balkon meiner Oma aus studiert habe, gingen in Eisenach zu Bach und seinen Blumen.



Abbildung: Noch einmal die Cottbuser Innenstadt, Anfang der 1980er. So sah es tatsächlich in fast allen Städten der Republik aus.



Und heute? Sag mir, wo die Blumen sind. Antwort aus dem Rathaus: Budget gekürzt.

Das ist ehrlich, aber kurzsichtig. Natürlich kosten Blumen Geld. Pflanzen kostet, Gießen kostet, Zupfen kostet. Nur steht im Haushalt allein diese Seite der Rechnung. Die andere bucht niemand:

  • Ein Hektar Grün rechnet sich. 
    In 32 deutschen Großstädten werteten Forscher Daten von fast 7.000 Menschen aus. Ein zusätzlicher Hektar Grün im Umkreis von einem Kilometer ist den Anwohnern demnach rechnerisch über 930.000 Euro im Jahr wert. Nach Abzug von Bau und Pflege bleiben immer noch 730.000 bis 910.000 Euro. (Quelle: Krekel, Kolbe und Wüstemann, Ecological Economics 2016)

  • Mehr Bäume, weniger Antidepressiva.
    Bei fast 10.000 Leipzigern zeigte sich: Je mehr Straßenbäume im Umkreis von 100 Metern um die Wohnung standen, desto seltener bekamen sie Antidepressiva verschrieben. Am stärksten war der Zusammenhang bei sozial Benachteiligten. (Quelle: Marselle u. a., Scientific Reports 2020)

  • Zu wenig Grün kostet Leben.
    In einer Modellrechnung für 978 europäische Städte ließen sich rund 43.000 Todesfälle im Jahr vermeiden, wenn alle die WHO-Empfehlung für nahes Grün erreichten. 62 Prozent der Stadtbewohner haben zu wenig davon. (Quelle: Barboza u. a., ISGlobal, The Lancet Planetary Health 2021)

  • Wer im Grünen aufwächst, bleibt eher gesund.
    In Dänemark wurden über 900.000 Menschen untersucht: Wer mit dem meisten Grün aufwuchs, hatte ein bis zu 55 Prozent geringeres Risiko für eine psychiatrische Störung als jene mit dem wenigsten. (Quelle: Engemann u. a., PNAS 2019)

  • Grün verkleinert die Lücke zwischen Arm und Reich.
    In England mit knapp 41 Millionen Menschen unter dem Rentenalter war die Sterblichkeitslücke zwischen Arm und Reich in den grünsten Gegenden etwa halb so groß wie in den am wenigsten grünen. Das Grün wirkt also ausgerechnet dort, wo das Geld fehlt (Quelle: Mitchell und Popham, The Lancet 2008)

  • Ein paar Pflanzen senken den Stress.
    In Salford bei Manchester bekamen Anwohner ärmerer Straßen ein paar Pflanzen für den Vorgarten. Nach einem Jahr hatten 53 statt 24 Prozent ein gesundes Cortisol-Tagesmuster. (Quelle: Universitäten Sheffield, Westminster und Virginia)

  • Begrünen hilft gegen Depressionen.
    In Philadelphia wurden 541 Brachgrundstücke per Zufall eingeteilt. Wo begrünt wurde, berichteten Anwohner 41,5 Prozent weniger depressive Gefühle, in Armutsvierteln über 68 Prozent. Nur den Müll wegzuräumen brachte nichts. Kosten: rund 1.600 Dollar je Grundstück, plus 180 Dollar Pflege im Jahr. (Quelle: University of Pennsylvania, JAMA Network Open 2018)

  • Begrünen senkt die Kriminalität.
    Klingt komisch, is' aber so: Dasselbe Experiment zeigte in den Armutsvierteln laut Polizeidaten bis zu 29 Prozent weniger Waffengewalt und 22 Prozent weniger Einbrüche. Das Beet als Streifenpolizist. (Quelle: Branas u. a., Columbia University, PNAS 2018)

  • Der Blick ins Grüne hilft beim Gesundwerden.
    In einem Krankenhaus in Pennsylvania lagen Operierte mit Blick auf Bäume im Schnitt 7,96 Tage, mit Blick auf eine Ziegelwand 8,70 Tage. Sie brauchten weniger starke Schmerzmittel und bekamen 1,13 statt 3,96 negative Pflegenotizen. (Quelle: Ulrich, Science 1984)

  • Blumen machen glücklich.
    Bei einem Versuch an der Rutgers University lächelten alle 100 Prozent der beschenkten Frauen echt, wenn sie Blumen bekamen, bei einer Kerze waren es 77 Prozent. Der Floristenverband hat die Studie mitbezahlt, also bitte mit einer Prise Salz. Aber wer schon mal Blumen verschenkt hat, braucht keine Peer-Review. (Quelle: Haviland-Jones u. a., Evolutionary Psychology 2005)

Ein Beet ist also keine Deko. Die Geranie steht im Haushalt als Kostenstelle, der Cortisolspiegel der Anwohner steht nirgends. So rechnet man sich eine Stadt grau. Die DDR konnte sich nicht jede Fassade leisten. Die bunten Blumen jedoch schon.

Apropos: Schenk' deiner Mutti oder deiner Holden doch mal wieder einen Strauß Blumen! Und nein, dieser Artikel wird von keinem Floristen gesponsert (ich bin aber offen dafür!). 😁




Abbildung: Im Zentrum von Mühlhausen, 1985. Auch diese Innenstadt war damals bereits neu und schön gestaltet. Verweilen, sitzen, plaudern – und überall Blumen. Oft helfen diese authentischen Fotos sogar uns DDR-Bürgern dabei, uns wieder genau zu erinnern. Und sich richtig zu erinnern, ist wichtig. Nicht nur, wenn es um Blumen geht...




Nach 1990: Blühende Landschaften, blühende Städte? 

Die Antwort auf "Wer hat die Blumen  der DDR gegossen?" hat vier Teile:

  • Die Betriebe. In Ost-Berlin übernahm der VEB Stadtgrün, später das Kombinat Stadtwirtschaft, die Pflege der Freiflächen an größeren Wohnanlagen. Die Gartenämter selbst waren winzig: etwa 20 Angestellte im Hauptgartenamt, unter zehn je Bezirk.

  • Die Anwohner. Die Bezirksgartenämter schlossen immer wieder Pflegeverträge mit Anwohnern. Das Amt stellte das Material, die Nachbarn pflegten. Aber auch ohne Verträge sahen fast alle Beete vor unseren Neubauwohnungen (heute abfällig als "Platte" beschrien) piccobello und bunt gepflegt aus. Heute heißt das Bürgerbeteiligung und bekommt einen Förderantrag.

  • Die Gärtnereien. In Pankow wurden 1961 aus 23 privaten Betrieben die GPG "Blühende Zukunft", später spezialisiert auf Zierpflanzen und Blumen. Der Name stammt von 1961, nicht aus einem Kabarett. Der letzte Satz im Museumseintrag lautet: "Nach 1990 wurde die GPG 'Blühende Zukunft' aufgelöst." Kohl versprach blühende Landschaften. Die blühende Zukunft wurde abgewickelt.

  • Die Kleingärtner. 1989 hatte die DDR rund 1,5 Millionen Kleingärtner und etwa 850.000 Gärten. Sie lieferten 1988 ein Drittel des in der DDR verkauften Obstes. Das Erbe sieht man noch: In den östlichen Ländern ohne Berlin leben 15 Prozent der Bevölkerung, aber dort liegen 50 Prozent aller Kleingärten.
    Das Grün gehörte also nicht nur dem Amt. Es gehörte zum Alltag.



Abbildung: Dresdner Innenstadt, Mitte der 1980er-Jahre. Für Dresdner ein vertrautes Bild. Für viele andere heute überraschend, dass DDR-Innenstädte so aussahen. Ja, das taten sie.


Nach 1990: Ein Drittel Werktätige gefeuert in nur vier Jahren

Zwischen 1991 und 1995 sank die Zahl der Beschäftigten in ostdeutschen Kommunen von 662.000 auf 438.000, also um ein Drittel. Und es ging weiter: In den kreisfreien Städten des Ostens fiel die Personaldichte von 2000 bis 2014 von 44 auf 27 Vollzeitkräfte je 1.000 Einwohner, im Westen nur von 31 auf 28. Der Westen hat sich etwas schlanker gemacht. Der Osten bekam die Diät mit dem Skalpell.

Das sind alle Kommunalbediensteten, nicht nur Gärtner. Eine Gesamtzahl für Stadtgärtner in Ost und West habe ich nicht gefunden. Aber die Mechanik ist klar: Wenn gespart werden muss, trifft es das, was niemand einklagen kann. Ein Blumenbeet hat keinen Rechtsanspruch.

Eisenach ist dafür das Lehrstück. Die Stadt konnte ihren Haushalt seit Jahren nicht aus eigener Kraft ausgleichen, musste 2012 ein Haushaltssicherungskonzept aufstellen und bat am Ende selbst darum, ihre Kreisfreiheit wieder abzugeben. Eine Stadt, die zurück in den Landkreis will, diskutiert nicht über Geranien.


2018 pflanzte Eisenach noch rund 11.300 Sommerblumen, ausdrücklich auch auf den Flächen vor dem Bachdenkmal. Die Blumen aus der Nachricht meiner Mutter waren also keine Einbildung. 2026 ist die Rasenfläche dort weg, die Mauer auch, gepflastert wurde der Platz. Immerhin begrenzt der alte Zaun laut Stadt noch ein Beet an der Stützmauer.

Fairerweise: Ganz verschwunden sind die Blumen nicht. Im Frühjahr 2024 schmückten rund 12.800 Pflanzen das Stadtgebiet, 8.400 davon im schon immer wunderschönen "Kartausgarten". Und Stauden statt Wechselflor sind nicht nur Sparen, sie brauchen weniger Wasser und nützen den Insekten.

Fairerweise auch das: Es ist kein reines Ostproblem. Würzburg baute bis 2008 von 400 auf 25 Pflanzkübel zurück, Kassel strich seine Geranientürme. Der Markt spart überall an der Blume. Vielleicht, weil Blumen nur kosten, keinen Profit bringen und die Blumenlobby nicht stark genug ist für "Sondervermögen"?


Abbildung: Jena im Jahr 1980. Blumen und Wasserspiele gehörten damals zum Stadtbild. In fast allen Städten wurde seither beides aus vielerlei Gründen wegrationalisiert.



Mach mit, jetzt aber mit Spendenkonto...

Und jetzt das Beste: Die Idee ist zurück. Nur heißt sie anders:

Im Mai 2026 kamen in Eisenachs Fußgängerzone sieben neue Pflanzkübel dazu. Eine Bürgerin hat das angestoßen, 400 Euro kamen aus dem Verfügungsfonds, und gegossen wird von Gießpaten: Mitarbeiter von Buchladen, Sparkasse, Drogeriemarkt, Apotheke und Späti. Das ist tolles Engagement, und es ist exakt das, was es in der DDR schon gab. Pflegevertrag, Hausgemeinschaft, Mach mit. Nur die Goldene Hausnummer fehlt.

Am Bachdenkmal hat der Stadtrat 190.000 Euro für die Bauarbeiten bewilligt, gut für Bach und gut für Rollstühle. Die Bänke aber wurden gespendet, und für den letzten Bauabschnitt steht das Spendenkonto schon in der Pressemitteilung. Und die Plaketten lesen sich wie ein Kurs in Gesellschaftskunde: Die Großspender stehen einzeln mit Namen an den Bänken. Alle anderen teilen sich eine Plakette, Aufschrift "Bürgerinnen und Bürger von Eisenach"...

Das Volk ist also noch da. Es passt nur inzwischen auf ein Schild.

Zum Vergleich: Ein Quadratmeter "Wechselflor" kostet laut "Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof" rund 58 Euro im Jahr. Für das Geld der Bänke hätte man also etwa 238 Quadratmeter Blumen ein Jahr lang bezahlen können. Dem steht fairerweise gegenüber: Eine Bank hält (mit Glück) länger als einen Sommer.

"Sag mir, wo die Blumen sind", sang Marlene Dietrich 1962. In Eisenach lautet die Antwort heute: unter dem Pflaster. Und wir sitzen darauf, auf einer gespendeten Bank, und erzählen uns, wie schön es mal war. Was alles blühte in Eisenach, Leipzig, Dresden.

Wann wird man je verstehen?




+++++++++

Quellen

 

Eisenach

DDR: Mach mit, Goldene Hausnummer, Subbotnik

iga Erfurt

Stadtgrün, Betriebe, Kleingärten

Wohnungsbau, Innenstädte, Kommunen

Wirkung von Grün und Blumen

Lied


Zurück zum Blog

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte beachte, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen.

ZUM BUCH

ZUM BUCH