Der Geruch von Papierstapeln, klirrende Flaschen in der Tasche, Der Bollerwagen, der von uns durchs Dorf oder durch die Kleinstadt zur örtlichen Annahmestelle gezogen wurde, danach die verdienten 3,50 Mark fest umklammert – für uns DDR-Kinder war das ganz normal:
Wir sammelten Altstoffe, regelmäßig, selbstverständlich.
Mal allein, meist aber mit Freunden. Manchmal organisiert als Jungpioniere für die Schule, manchmal einfach so, nachmittags auf eigene Faust. Jeder kannte die Wege, die Keller, die Hinterhöfe. Und jede Familie, jede Oma machte einem gern die Tür auf und gab bereitwillig alte Zeitungsstapel her: Warum auch nicht, der Müll war aus dem Haus und alle hatten etwas davon!
Am meisten natürlich wir Kinder: Wir gingen am Ende des Tages manchmal mit bis zu 5 Mark oder mehr in der Tasche nach Hause. Das war viel Geld in einem Land, in dem ein Brötchen 5 Pfennig kostete, Kinderschuhe 15 Mark und eine Mahlzeit im Restaurant um die 3 Mark.
Abbildung: Altstoffsammlung für die SERO war allgegenwärtig. Auch im Kinderfernsehen, wie hier bei "Jan & Tini"!
Ein Teil des Geldes ging in die Klassenkasse oder wurde gespendet: für Decken für Vietnam, für Kinder in Nicaragua, für Solidaritätsaktionen irgendwo auf der Welt, von denen wir wussten, dass sie real waren. Und manchmal behielten wir es einfach. Für ein Eis im Sommer, für Süßigkeiten, oder wir legten es beiseite, sparten auf ein neues Fahrrad, auf etwas Größeres.
Wir lernten früh, was Arbeit wert ist – und dass man dabei trotzdem etwas Gutes tun kann.
Das Sammeln war kein Zwang und kein moralischer Zeigefinger. Es war Teil des Alltags, Teil des Aufwachsens. Man half mit, man bekam etwas zurück, man verstand Zusammenhänge. Wertstoffe waren wertvoll. Müll war das, was sich nicht mehr gebrauchen ließ – und davon gab es wenig.
Und genau deshalb kennt jeder Ostdeutsche SERO.
Nicht aus Broschüren oder Sonntagsreden, sondern aus eigener Erfahrung. SERO war immer da. In der Kindheit, im Schulalltag, im Leben. Und dann plötzlich nicht mehr...

Abbildung: Tatsächlich war die SERO sogar mobil unterwegs...
🔔 Klingeling an der Haustür – Alltag statt Öko-Idee
Die SERO – ausgeschrieben Sekundärrohstofferfassung – war kein theoretisches Umweltprogramm, sondern gelebter Alltag. Wer in der DDR aufwuchs, erinnert sich weniger an Verordnungen als an Geräusche, Reime und Rituale:
Hab’n se nicht noch Altpapier,
liebe Oma, lieber Opa,
klingeling, ein Pionier, klingeling, steht hier, ein roter
hab’n se nicht noch Altpapier,
Flaschen, Gläser oder Schrott,
klingeling, schnell geb’n se’s mir – sonst holt sich‘s die FDJ! 😁
So klang funktionierende Kreislaufwirtschaft, lange bevor sie im Westen zum Marketingbegriff wurde.
Abbildung: Originalpreisliste der SERO-Annahme. Mit einem Wagen voll Sammelgut ließ sich ordentlich was verdienen!
🧒 Schule, Sammeln, Straßen – so funktionierte SERO
Wir zogen von Haustür zu Haustür und sammelten Altpapier, meist sorgfältig gebündelte Zeitungen und Zeitschriften, seltener Pappe, Kartons oder Bücher. Dazu kamen leere Flaschen und Gläser, darunter zahllose Einmachgläser. All das wurde beim Altstoffhandel abgegeben – gegen bares Geld.
Oft war die Altstoffsammlung fest in den Schulalltag integriert. Klassen und ganze Schulen sammelten gemeinsam, um ihre Klassen- und Schulkassen aufzufüllen oder konkrete Ziele zu erreichen. Gesammelt wurde nicht abstrakt „für die Umwelt“, sondern ganz praktisch für Ausflüge, Material – und für Solidaritätsaktionen.
🌍 Solidarität mit Rohstoffschein
Die Erlöse aus den Sammelaktionen flossen regelmäßig in internationale Hilfsprojekte. Unterstützt wurden Kampagnen wie "Solidarität mit den Völkern der Welt", "Solidarität mit Vietnam", der Wiederaufbau Vietnams oder Hilfsprogramme für Mosambik und Angola.
SERO verband damit mehrere Ebenen zugleich: Rohstoffsicherung, ökonomische Vernunft, Erziehung zu gemeinschaftlichem Handeln und internationalen Solidaritätsgedanken. Recycling war kein Selbstzweck, sondern Teil eines gesellschaftlichen Zusammenhangs.
Abbildung: Disco-Eintritt für 5kg Altpapier als altersgerechte Motivation!
📊 SERO in Zahlen – was die DDR tatsächlich leistete
🏭 Erfasste Sekundärrohstoffe (Ende 1980er Jahre)
In den letzten Jahren der DDR (ca. 1987–1989) wurden jährlich erfasst:
- Altpapier / Pappe: ca. 2,3–2,6 Mio. Tonnen
- Altglas: ca. 600.000–700.000 Tonnen
- Altmetalle gesamt: ca. 1,2–1,4 Mio. Tonnen
davon:
- Eisen/Stahl: ca. 1,0 Mio. t
- Buntmetalle (Kupfer, Alu etc.): ca. 200.000–300.000 t
- Textilien / Lumpen: ca. 150.000–200.000 Tonnen
- Knochen, Altöle, Kunststoffe u. a.: mehrere 100.000 Tonnen zusammen
👉 Gesamtmenge: rund 4,5–5 Mio. Tonnen Sekundärrohstoffe pro Jahr
♻️ Anteil an der Rohstoffversorgung
- Altpapier: deckte über 60 % des Papierrohstoffbedarfs der DDR
- Altglas: je nach Bereich 50–70 % der Glasproduktion
- Altmetall: unverzichtbar für Stahl- und Maschinenbau
- Importersparnis: Milliarden Valutamark pro Jahr
📦 Müllvermeidung (entscheidender Punkt)
Ein entscheidender Unterschied zwischen der DDR und der alten Bundesrepublik lag in der Müllvermeidung. Während in der BRD das Abfallaufkommen pro Kopf bereits Ende der 1980er Jahre sehr hoch war, lagen die Verpackungsabfälle in der DDR deutlich darunter. Das hatte nichts mit Verzicht zu tun, sondern mit System. Einwegverpackungen spielten im Alltag der DDR kaum eine Rolle, stattdessen dominierten Mehrwegkonzepte. Flaschen und Gläser wurden konsequent zurückgeführt, gereinigt und wiederverwendet, Transportbehälter waren langlebig und standardisiert. Verpackung war Mittel zum Zweck, nicht Teil der Verkaufsstrategie.
Dadurch fiel insgesamt erheblich weniger Müll an, und der verbleibende Abfall bestand zu großen Teilen aus stofflich verwertbaren Materialien. Der Bedarf an Deponien war im Vergleich zur BRD extrem gering. Wertstoffe galten nicht als Abfall, sondern als Rohstoffe, die in den Produktionskreislauf zurückzuführen waren. Müll im heutigen Sinn war die Ausnahme, nicht die Regel.
In der Bundesrepublik hingegen war das Müllaufkommen pro Kopf deutlich höher, die Recyclingquote niedrig, und der Schwerpunkt lag auf Sammlung und Beseitigung statt auf Vermeidung. Verpackungen wurden immer komplexer, Einweg nahm zu, und Deponierung blieb lange Zeit die dominierende Lösung. Erst sehr spät begann man, unter ökologischem Druck, über Recycling zu sprechen – ohne jedoch das grundlegende Problem der wachsenden Abfallmengen zu lösen.
Die DDR verfolgte einen anderen Ansatz. Stoffliche Verwertung stand vor Entsorgung, Rückführung vor Wegwerfen. Ein Wertstoff war kein lästiger Rest, sondern ein geplanter Bestandteil der Wirtschaft. Genau dieser Unterschied macht deutlich, warum SERO nicht nur ein Sammelsystem war, sondern ein integraler Bestandteil einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft.
⚙️ Warum SERO ökonomisch notwendig war
Die DDR war ein rohstoffarmes Land. Eigene Erz- und Metallvorkommen waren sehr begrenzt, Importe teuer und politisch riskant. Sekundärrohstoffe ersetzten deshalb in großem Umfang Primärimporte.
Über ein flächendeckendes Netz von Annahmestellen wurden Altglas, Altpapier und Pappe, Metalle, Textilien, Kunststoffe, Knochen, Batterien und später auch Altöle erfasst. Diese Stoffe flossen direkt zurück in Glaswerke, Papierfabriken, metallverarbeitende Betriebe und die chemische Industrie.
SERO war kein Anhängsel, sondern ein fest eingeplanter Bestandteil der Produktionsketten.
Abbildung: SERO-Annahmeschild aus dem Raum Dresden
📦 Müllvermeidung vor Recycling
Die DDR setzte nicht erst bei der Entsorgung an, sondern bereits beim Produkt. Verpackungen wurden auf ein Minimum reduziert, Materialien vereinheitlicht und Mehrweg konsequent bevorzugt. Dadurch fiel deutlich weniger Abfall an, und das, was anfiel, war nahezu vollständig verwertbar.
Das SERO-System sorgte dafür, dass diese Wertstoffe zuverlässig in den Rohstoffkreislauf zurückkehrten. Müll im heutigen Sinn war die Ausnahme.
♻️ SERO vs. „Grüner Punkt“
Das in der BRD später eingeführte System Grüner Punkt gilt bis heute als Symbol moderner Recyclingpolitik. Wissenschaftliche Untersuchungen kamen jedoch zu dem Ergebnis, dass es seit seiner Einführung zu keiner messbaren Müllvermeidung geführt hat. Im Kern blieb es ein Entsorgungs- und Verpackungsmanagement.
SERO hingegen setzte auf Ankauf statt Wegwerfen, auf Wiederverwendung statt Deponie und auf einen geschlossenen Stoffkreislauf statt auf symbolische Trennung.
📊 1990–1992: Anerkennung (auch) von westlicher Seite
Wie leistungsfähig SERO tatsächlich war, zeigte sich nach 1990. Die BRD-Recyclingexpertin Susanne Hartard erhielt im Sommer 1990 vom Bundesministerium für Forschung, Wissenschaft und Technologie den Auftrag, das System im Hinblick auf eine mögliche Fortführung in einer gesamtdeutschen Kreislaufwirtschaft zu untersuchen.
Nach zwei Jahren Analyse lautete das Ergebnis eindeutig: SERO sei ausgesprochen effizient, ökonomisch sinnvoll und seiner Zeit voraus. Es existierten konkrete Überlegungen, das System in angepasster Form weiterzuführen.

Abbildung: Ein typisches Bild, Pioniere beim Altstoffe sammeln
📉 Spekulationsobjekt SERO – der kontrollierte Zusammenbruch
Selbst in der frühen Nachwendezeit galt SERO noch als vorbildlich. Der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer äußerte offen seine Sympathien für das DDR-System der Sekundärrohstofferfassung. Tatsächlich erklärte Töpfer, dass das DDR-Recyclingsystem so gut sei, dass er es nach der Einheit erhalten wolle. Öffentlich wurde anerkannt, dass SERO funktionierte – ökologisch wie ökonomisch. Doch genau in diesem Moment begann sein schleichender Niedergang.
Die Lager füllten sich. Nicht, weil das System versagte, sondern weil es politisch und wirtschaftlich ausgehungert wurde. Recyclingbetriebe nahmen die gesammelten Altstoffe nicht mehr ab, da sie nun deutlich billiger mit (Wegwerf-)Material aus dem Westen beliefert wurden. Wertstoffe aus dem eigenen Land wurden plötzlich uninteressant. Annahmestellen mussten reihenweise schließen, das über Jahrzehnte gewachsene Netz begann zu zerfallen.
SERO wurde schließlich von der berüchtigten Treuhandanstalt privatisiert – und damit dem Markt überlassen. Was folgte, hatte mit Kreislaufwirtschaft nichts mehr zu tun. SERO wurde zum Spekulationsobjekt, ging sogar an die Börse:
Die angebliche Erfolgsstory westdeutscher Manager beruhte jedoch nicht auf Effizienz, sondern auf massivem Kreditbetrug in dreistelliger Millionenhöhe. 1998 endete dieses Kapitel mit Anklage und Verhaftung der Geschäftsführung.
Dokumentiert wurde dieser Vorgang unter anderem vom Mitteldeutscher Rundfunk, der die Abwicklung und Zweckentfremdung des Systems nachzeichnete.

Abbildung: Sammeln, Ordnen, Abgeben: FDJler der 8. bis 10. Klassen der Oleg-Koschewoi-Oberschule des Stadtbezirks Berlin-Friedrichshain sortierten im Januar 1981 Flaschen und Gläser. Im Vorjahr hatten die Schüler der Oberschule insgesamt 9.343 Mark durch das Sammeln von Sekundärrohstoffen eingenommen und auf das Solidaritätskonto überwiesen.
🟥 Fazit: SERO war Zukunft – und sie wurde entsorgt
SERO war kein romantisches Relikt und keine "Ost-Improvisation", sondern ein hochfunktionales System, das unter realen materiellen Bedingungen entstand. Die DDR musste mit knappen Ressourcen auskommen – und tat genau das, was heute als ökologische Vernunft gilt: Müll vermeiden, Materialien vereinheitlichen, Wertstoffe konsequent zurückführen und den Rohstoffkreislauf schließen. Nicht aus Imagegründen, sondern aus Notwendigkeit. Genau darin lag die Stärke des Systems.
Im Unterschied zur BRD wurde Recycling in der DDR nicht individualisiert, moralisiert oder vermarktet. Es brauchte keine Werbekampagnen, keine grünen Logos und keine symbolischen Trennsysteme. SERO funktionierte, weil es strukturell eingebettet war: ökonomisch sinnvoll, sozial akzeptiert und flächendeckend organisiert. Jeder wusste, dass Wertstoffe einen Wert hatten – ganz real, messbar und in Pfennigen ausgezahlt. Kreislaufwirtschaft war kein Lifestyle, sondern Teil des Alltags.
Die spätere westdeutsche Recyclingpolitik, insbesondere das System des Grünen Punkts, setzte hingegen auf Verpackungsmanagement statt auf echte Müllvermeidung.
Sie schuf neue Geschäftsmodelle, aber keine geschlossenen Kreisläufe. Der Müll wurde sortiert, nicht verhindert; verlagert, nicht reduziert. Dass wissenschaftliche Untersuchungen keine messbare Müllvermeidung feststellen konnten, ist kein Betriebsunfall, sondern systemimmanent.
Besonders bezeichnend ist der Umgang mit SERO nach 1990:
Obwohl westdeutsche Experten das System als effizient und fortschrittlich bewerteten und eine Weiterführung fachlich begründet empfahlen, wurde es abgewickelt. Nicht verbessert, nicht angepasst, sondern beseitigt. Offenbar war nicht entscheidend, was funktionierte, sondern woher es kam.
Ein funktionierendes sozialistisches System passte nicht in das Narrativ vom "Rückstand", das nach der Vereinigung aufrechterhalten werden musste.
SERO zeigt bis heute, dass ökologische Vernunft nicht zwangsläufig aus Marktmechanismen entsteht. Im Gegenteil: Dort, wo Profitinteressen dominieren, wird Müll zum Geschäftsmodell. Die DDR hat mit SERO bewiesen, dass eine andere Form des Wirtschaftens möglich ist – eine, in der Ressourcen geschont, Menschen eingebunden und gesellschaftliche Ziele über Marketingstrategien gestellt werden.
Dass dieses System verschwand, war kein Fortschritt. Es war ein Rückschritt – ökologisch, ökonomisch und gesellschaftlich.
15 Kommentare
Hab mit meinem Opa Ruinen nach Gußeisen-Badewannen abgeklappert,gab 100 Mark pro Wanne.👍
Ja, da haben wir uns so manche Mark verdient.
Auch habe es kennengelernt und es hat Freude bereitet. Wenn mir heutzutage von “grandiosen Ideen der Wieder/weiterverwendung” berichtet wird, für die ich mich begeistern soll, kann ich nur müde Lächeln.
Das waren noch schöne Zeiten.
Man konnte wirklich fast alles zur Sammelstation bringen und hat sich sein Taschengeld verdient.
Egal ob Flaschen, Gläser, Altpapier, Lumpen oder Schrott, es wurde alles recycelt.
Gut, eins zwei Zeitungsseiten wurden im Winter, täglich für die Öfen zum anfeuern benötigt … Schwund gibts überall 😁
Aber machen wir uns nichts vor.
Wenn es dieses System heute noch geben würde, müssten die Kinder mit ihren Eltern losziehen. Es gibt diverse Bürger, welche sich gern an der Arbeit anderer bereichern.
Und dies tun sie auch gern etwas Handfester.
Ich war dabei. Es war unser erarbeitetes Ferien-Taschengeld. Wir haben vorher bei der SERO- Annahnestelle bescheid gesagt und sind dann mit einem großen Karren zu den umliegenden Läden losgezogen und haben dort die Pappe abgeholt. Ehrlich verdientes Geld und gleichzeitig aktive Rohstoffrückführung.