Warum billiges Brot kein Makel, sondern ein zivilisatorischer Fortschritt ist, wie Kapitalismus Menschen beibringt, gegen ihre eigenen Interessen zu argumentieren und über Subventionen, Staatsaufgaben und: ökonomische Verblödung.
von Markus Gelau
Es gibt kaum einen dümmlicheren Kommentar, der uns unter unseren Beiträgen auf Facebook und Instagram häufiger begegnet als dieser eine Satz:
"Ja gut, das war in der DDR ja auch alles subventioniert!"
Und das unter Artikel und Posts, die durchweg sachlich, zahlenbasiert, sauber recherchiert sind – und zusätzlich aus eigener Erfahrung stammen. Dieser Satz ist kein Argument. Er ist ein Reflex. Und er offenbart jedes Mal aufs Neue eine tiefe ökonomische Indoktrination. Man muss es klar sagen: eine ökonomische Verblödung.
Meist kommt dieser Kommentar von Westdeutschen. Dort ist er erklärbar: Jahrzehnte BWL- und VWL-Pseudobildung, Marktmythen, Kapitalismus als Naturgesetz, Staat als angeblicher Störfaktor.
Tragischer ist es, wenn er von Ostdeutschen kommt. Denn viele von ihnen haben im Staatsbürgerkundeunterricht genau das gelernt, was sie seit 35 Jahren praktisch erleben:
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Märkte sind nicht neutral:
Preise entstehen nicht "von selbst", sondern durch Machtverhältnisse: Eigentum, Monopole, Lobbyismus, Kartelle. In der BRD bestimmen Konzerne, Energieanbieter, Wohnungsgesellschaften und Finanzmärkte die Spielregeln – nicht Angebot und Nachfrage allein. -
Preise sind politisch gemacht
Mieten, Energie, Gesundheit, Mobilität: Über Steuern, Abgaben, Privatisierungen und Deregulierung greift der Staat ständig ein – allerdings zugunsten von Kapitalinteressen. Dass Grundbedürfnisse teuer sind, ist keine Naturgewalt, sondern Ergebnis politischer Entscheidungen. -
Ein Staat schützt – oder er liefert aus
Die DDR schützte über Preisbindungen, Subventionen und staatliche Versorgungssicherheit. Die BRD schützt Eigentum, Rendite und Marktlogik. Wer keinen Besitz hat, trägt das Risiko: steigende Mieten, explodierende Energiepreise, Altersarmut trotz Lebensarbeit.
Die bittere Ironie:
Genau das, was man Ostdeutschen jahrzehntelang als "Ideologie" ausgeredet hat, bestätigt sich heute täglich an der Supermarktkasse, auf der Nebenkostenabrechnung und im Mietvertrag.
Dieser Artikel ist keine Nostalgie. Er ist eine Grundsatzklärung – auch und insbesondere für Westdeutsche, die glauben, "Subventionen" seien kommunistische Teufelei.
Abbildung: "Draußen nur Kännchen!" (Cottbus in den 1980ern) – dieser bekannte Spruch steht sinnbildlich für eine Alltagskultur, in der Gastronomie in der DDR für jeden, überall und zu jeder Zeit zugänglich war. Familien, Kinder, Jugendliche und Senioren nutzten Gaststätten, Cafés und Biergärten selbstverständlich als Teil des öffentlichen Lebens. Gemeinschaft fand draußen statt, nicht als Event, sondern als Normalität des Alltags. Möglich wurde das durch staatliche Subventionen und klar geregelte Preise in festen Preisstufen, die Essen und Trinken für breite Bevölkerungsschichten bezahlbar hielten. Entgegen eines bis heute verbreiteten Mythos wurde Selbständigkeit dabei nicht grundsätzlich unterdrückt: Fast die Hälfte aller gastronomischen Betriebe in der DDR wurde privat geführt – vom Dorfkrug bis zum Stadtcafé.
Denn während "sie" auf die DDR zeigen, übersehen sie Entscheidendes: Sie leben selbst in einem Subventionsstaat.
Der Unterschied ist nicht, ob subventioniert wird,
sondern wen man subventioniert.
Nämlich: Nicht Haushalte. Nicht Grundbedürfnisse. Nicht soziale Sicherheit. Sondern Profiteure: transnationale Konzerne, Energieunternehmen, Banken, Agrar- und Industriegiganten. Finanziert nicht aus Überschüssen, sondern aus dem Geld derer, die steigende Mieten zahlen, explodierende Energiepreise tragen und trotz Vollzeitarbeit kaum Rücklagen bilden können.
Die DDR subventionierte Preise, um Leben planbar zu machen.
Die BRD subventioniert Profite, um Märkte "attraktiv" zu halten.
Beides ist Politik. Beides ist staatlicher Eingriff. Der Unterschied liegt nicht in der Ideologie,
sondern in der Verteilungsrichtung.
Aber von Anfang an.
🏛️ Subventionen sind älter als der Kapitalismus (und auch viel älter als der Sozialismus)
Schon lange bevor es freie Märkte, Aktiengesellschaften oder neoliberale Dogmen gab, griffen Staaten regulierend ein, um soziale Stabilität zu sichern. Im Römischen Reich erhielten zeitweise bis zu 200.000 Bürger regelmäßig kostenloses oder stark verbilligtes Getreide im Rahmen der annona. Der Grund war schlicht: Hunger führte zu Aufruhr. Niemand wäre auf die Idee gekommen, diese Maßnahme als "Marktverzerrung" zu diffamieren – sie galt als staatliche Pflicht.
Auch im Mittelalter und in der Frühneuzeit waren Eingriffe in Preise und Versorgung selbstverständlich. Brotpreise wurden gedeckelt, Städte unterhielten öffentliche Kornspeicher, und Hungersnöte galten als Versagen der Obrigkeit, nicht als notwendiges "Marktsignal".
Der Markt hatte sich dem Überleben der Bevölkerung unterzuordnen, nicht umgekehrt.
Mit der Industrialisierung setzte sich diese Logik fort. Werkswohnungen, kommunale Versorgungsbetriebe, Preisregulierungen und soziale Mindeststandards entstanden nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus Notwendigkeit.
Der Staat griff ein, weil der (ach so freie) Markt Elend, Krankheit und soziale Explosionen produzierte. Und: Weil all diese negativen Begleiterscheinungen des Kapitalismus selbstverständlich den sozialen Frieden gefährdeten und damit den Staat selbst.
Der Merksatz lautet deshalb: Subventionen sind kein sozialistischer Sonderweg. Sie sind ein zivilisatorischer Standard – überall dort, wo ein Staat langfristig überleben will.
Abbildung: In der DDR war Brot "nur" günstig, für Bürger im alten Rom: gratis. "Panem et circenses" – staatlich subventionierte Brotverteilung im alten Rom: Versorgung als politisches Instrument zur Ruhigstellung der Massen im profitorientierten Imperium.
🚩 Die DDR: Subvention als System, nicht als Ausrede
Die DDR verstand Subventionen nicht als Ausrede für Mängel, sondern als grundlegendes soziales System. Sie subventionierte bewusst und flächendeckend – nicht punktuell, nicht verdeckt, nicht über Umwege, sondern offen und planvoll.
Ziel der DDR-Wirtschaft war nicht Gewinn, sondern soziale Planbarkeit.
Das zeigte sich zuerst beim Wohnen. Die durchschnittliche Miete lag bei etwa 0,80 bis 1,20 Mark pro Quadratmeter. Für Haushalte bedeutete das: fünf bis acht Prozent des Einkommens reichten aus, um wohnen zu können. Mieten von modernen Neubauwohnungen lagen (je nach Größe) bei 60-80 Mark monatlich.
Zum Vergleich: In der BRD der 1980er Jahre lagen die Wohnkosten bereits bei 20 bis 30 Prozent des Einkommens, heute sind 50 Prozent keine Ausnahme mehr. Wohnen war in der DDR kein Markt, sondern Teil der Grundversorgung.
Auch Kinder und Bildung waren konsequent aus dem Markt herausgenommen. Das Schulessen (die "Schulspeisung") kostete 55 Pfennig, für kinderreiche Familien war sie kostenlos. Kindergärten und Krippen waren stark subventioniert und oft nur mit symbolischen Beträgen verbunden. Ein Studium war vollständig kostenlos, hinzu kamen staatliche Stipendien von etwa 300 bis 500 Mark im Monat. Bildung war kein Investitionsrisiko, sondern ein gesellschaftlicher Auftrag.
Bei Mobilität und Energie setzte sich diese Logik fort. Eine Monatskarte im öffentlichen Nahverkehr kostete etwa sechs bis acht Mark. Strom lag bei rund acht Pfennig pro Kilowattstunde, Heizkosten waren staatlich gedeckelt. Mobilität und Wärme galten als Voraussetzungen für Teilhabe – nicht als variable Kostenfaktoren, die Haushalte disziplinieren sollten.
Auch bei den Grundnahrungsmitteln war die Subventionspolitik offen sichtbar. Ein Brötchen kostete fünf Pfennig, Brot je nach Sorte zwischen 70 Pfennig und 1,20 Mark. Ein Liter Milch lag bei 55 Pfennig, ein Viertel Kilo Butter bei etwa 2,50 Mark. Diese Preise waren politisch gesetzt, um Ernährung unabhängig vom Einkommen sicherzustellen.
Ja – das war subventioniert. Und genau das war der Punkt.
💰 DIE "ZWEITE LOHNTÜTE"
Was in der Kritik an den DDR-Subventionen fast immer unterschlagen wird: Sie fielen nicht vom Himmel und waren kein staatlicher Gnadenakt. Finanziert wurden sie von den arbeitenden Menschen selbst – über ihre Arbeitsleistung, die erwirtschafteten Werte und die staatliche Umverteilung.
Man hätte die Preise ebenso gut deutlich höher ansetzen und dafür höhere Löhne auszahlen können; am realen Lebensstandard hätte sich kaum etwas geändert.
Genau deshalb ist die Bezeichnung "zweite Lohntüte" sachlich korrekt: Ein Teil des Einkommens kam nicht bar, sondern als dauerhaft gesicherte, bezahlbare Grundversorgung zurück.
Abbildung: Karl-Marx-Stadt in den 1980ern. Essen, Getränke, Eis, Schulmaterial, Ferienlager, Sport, Kultur und öffentlicher Raum – alles, was man zum Aufwachsen brauchte, war subventioniert und bezahlbar. Sorgenfreiheit gehörte zur DDR-Kindheit.
🤡 Der (systemisch gewollte) Denkfehler der Gegenwart
Der heutige Vorwurf "subventioniert" funktioniert nur unter ganz bestimmten Annahmen – und genau darin liegt der Denkfehler der Gegenwart. Er setzt voraus, dass Preise eine Art objektive Wahrheit seien, ein neutrales Abbild von Knappheit und Wert. Als wären Zahlen auf dem Preisschild naturgegeben, statt Ergebnis von Macht, Eigentum, Regulierung, Steuern, Abgaben und politischer Entscheidung.
Er setzt weiter voraus, dass Märkte gerecht seien. Dass sie Leistung belohnen, Bedürfnisse korrekt abbilden und soziale Ergebnisse produzieren, die man als fair akzeptieren müsse. Wer so denkt, übersieht, dass Märkte immer Gewinner und Verlierer erzeugen – und dass diese Verteilung nicht moralisch neutral ist, sondern politisch abgesichert wird.
Und schließlich beruht der Vorwurf auf der Vorstellung, staatliche Eingriffe seien etwas Unnatürliches, ein Störfall im ansonsten "reinen" Marktgeschehen. Dabei ist das Gegenteil historisch belegt: Ohne staatliche Eingriffe kollabieren Märkte regelmäßig oder richten massiven sozialen Schaden an. Der Staat greift nicht ein, um den Markt zu zerstören, sondern um seine Folgen überhaupt erst erträglich zu machen.
🎭 Staatlicher Eingriff ist nicht gleich staatlicher Eingriff
Richtig ist: Die letzte Aussage lässt sich nicht uneingeschränkt auf den deutschen Staat der letzten Jahre übertragen. Denn hier wird staatliche Macht längst nicht mehr primär im Interesse der eigenen Bevölkerung eingesetzt. Welche Interessen tatsächlich handlungsleitend sind – geopolitische, transnationale, ideologische oder ökonomische –, darüber kann man nur spekulieren. Sicher ist nur eines: Im Interesse der deutschen Bevölkerung geschieht es offenkundig nicht.
Genau deshalb ist der Vergleich mit der DDR sachlich unzulässig.
Denn dort dienten staatliche Eingriffe – bei allen systemischen Problemen – erkennbar der inneren Stabilität, Versorgungssicherheit und sozialen Planbarkeit.
Heute hingegen werden staatliche Eingriffe genutzt, um wirtschaftliche Strukturen zu schwächen, industrielle Substanz zu opfern und Risiken nach unten weiterzureichen, während Profite, Haftungsfreistellungen und Rettungspakete nach oben verteilt werden.
Das eine war ein Staat, der Preise regulierte, um das Leben seiner Bürger beherrschbar zu halten. Das andere ist ein Staat, der Preise explodieren lässt, Angriffe auf lebenswichtige deutsche Infrastruktur hinnimmt, die eigene Rohstoff- und Energieversorgung torpediert, gut ausgebildete Fachkräfte in Scharen ziehen lässt und industrielle Substanz preisgibt.
Und anschließend erklärt er all das zur Natur des "Marktes" – als wäre es ein externes Ereignis, auf das Politik keinen Einfluss habe. Verantwortung wird so in Systemlogik umetikettiert, politisches Handeln als Sachzwang getarnt.
Das ist kein Markt. Das ist Politik, die sich als "Markt" ausgibt.
Abbildung: Zähneputzen im DDR-Hort. Kinderkrippe, Kindergarten, Hort und Schulspeisung – Betreuung, Bildung und tägliche Versorgung waren staatlich organisiert, subventioniert und für alle erreichbar. Aufwachsen bedeutete Verlässlichkeit und Sicherheit.
🏦 Die BRD: Subventionsstaat für Konzerne
Die BRD ist kein marktwirtschaftliches Paradies, sondern einer der größten Subventionsstaaten Europas – nur mit umgekehrter Verteilungslogik. Jahr für Jahr fließen weit über 65 Milliarden Euro in direkte und indirekte Subventionen, Steuervergünstigungen, Ausnahmeregelungen und staatliche Hilfsprogramme. Nicht als Ausnahme, sondern als struktureller Normalzustand.
Besonders deutlich wurde das in der Finanzkrise.
Zwischen 2008 und 2012 stellte der Staat Garantien in einer Größenordnung von rund 500 Milliarden Euro bereit, um Banken zu stabilisieren, deren Geschäftsmodelle kollabiert waren. Ein Teil dieser Garantien wurde nicht gezogen, doch die realen Kosten für den Steuerzahler gingen dennoch in die zweistelligen Milliarden. Verluste wurden sozialisiert, Verantwortung ausgelagert, Profite später wieder privatisiert.
Auch in der Energie- und Industriepolitik zeigt sich dieses Muster.
Energiepreisbremsen, Industriestrompreis-Subventionen und Ausgleichszahlungen für Großverbraucher summieren sich ebenfalls auf zweistellige Milliardenbeträge. Offiziell geht es um "Standortsicherung", faktisch werden Geschäftsmodelle gestützt, die ohne staatliche Hilfe nicht mehr tragfähig wären – während private Haushalte die Last steigender Preise tragen.
Die Rüstungsindustrie bildet ein weiteres Beispiel.
Milliarden fließen in Förderprogramme, Entwicklungszuschüsse und staatlich garantierte Abnahmen. Risiken werden vom Staat getragen, Absatzmärkte politisch abgesichert. Von Markt kann hier keine Rede sein – es handelt sich um staatlich organisierte Nachfrage.
Ähnlich im Pharmabereich:
Forschung und Entwicklung werden zu großen Teilen öffentlich finanziert, etwa über Universitäten, Förderprogramme oder staatliche Abnahmegarantien. Die Gewinne aus Patenten, Medikamentenpreisen und globalem Vertrieb landen anschließend bei privaten Konzernen. Das Risiko trägt die Allgemeinheit, die Rendite bleibt privat.
Subventioniert werden in der BRD unter anderem:
- Banken und Finanzinstitute (Rettungsschirme, Garantien, Haftungsübernahmen)
- Energiekonzerne (Preisbremsen, Ausgleichszahlungen, Netzentgeltsubventionen)
- Industrie-Großverbraucher (Industriestrompreise, Sondertarife, Ausnahmen von Abgaben)
- Rüstungs- und Sicherheitsindustrie (Förderprogramme, Abnahmegarantien, Exportabsicherung)
- Automobilindustrie (Abwrackprämien, Kaufprämien, Forschungsförderung)
- Agrarindustrie (EU-Direktzahlungen, Dieselprivileg, Flächenprämien)
- Luftverkehr (Steuerbefreiung für Kerosin, staatliche Rettungspakete)
- Immobilien- und Bauwirtschaft (Abschreibungsmodelle, Förderkredite, Steuererleichterungen)
- Pharma- und Biotechkonzerne (öffentlich finanzierte Forschung, Patentschutz)
- Digitalkonzerne und IT-Industrie (Förderprogramme, steueroptimierte Ansiedlungsmodelle)
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Exportwirtschaft (Hermes-Bürgschaften, staatliche Absatzgarantien)
Der Unterschied zur DDR liegt nicht im Ob, sondern im Wofür.
Die DDR subventionierte Brot, Miete und den Alltag, um soziale Sicherheit herzustellen.
Die BRD subventioniert Risiken, Profite und Konzerne, um bestehende Macht- und Eigentumsverhältnisse zu stabilisieren.
Beides ist Subvention.
Aber die Richtung der Umverteilung entscheidet, wem der Staat dient.
Abbildung: Bewohner im Einsatz in Sachen Grünanlagen in den 1980ern. Das war nicht wirklich Zwang: Mieten waren staatlich subventioniert und dauerhaft niedrig, Wohnraum kein Spekulationsobjekt. Neubauwohnungen entstanden für Familien, Arbeiter und Senioren gleichermaßen – bezahlbar, planbar, ohne Existenzangst. Hausgemeinschaften waren kein leerer Begriff: Man kannte sich, arbeitete gemeinsam, kümmerte sich um Treppenhäuser, Blumenbeete und Grünanlagen. Das Wohnumfeld war Teil des eigenen Lebensraums – gepflegt, gemeinschaftlich und sozial stabil.
🧱 Warum Subventionen (auch von Bürgern) heute so aggressiv bekämpft werden
Subventionen werden heute nicht zufällig so aggressiv bekämpft – vor allem dann, wenn sie Menschen zugutekommen. Denn genau diese Form von Subvention macht sichtbar, was politisch möglich wäre. Sie zeigt, dass Preise niedrig sein könnten, ohne dass "das System zusammenbricht". Sie zeigt, dass Wohnen kein Luxus sein müsste, sondern Teil der Daseinsvorsorge sein kann. Und sie zeigt, dass ein Staat nicht zwangsläufig schröpfen muss, sondern auch schützen könnte.
Gerade deshalb sind solche Subventionen (und die Geschichte der Subventionen in der DDR) systemgefährlich. Sie entlarven die Erzählung, nach der hohe Preise, permanente Unsicherheit und sozialer Druck naturgegeben seien. In Wahrheit beruhen viele heutige Verhältnisse auf politisch erzeugter Knappheit. Angst vor dem sozialen Abstieg, Konkurrenz um Wohnraum, Bildung und Energie sind keine Betriebsunfälle – sie sind funktional für ein System, das Disziplin, Anpassung und Verwertbarkeit verlangt.
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Unwissen und mangelnde ökonomische Bildung.
Viele Menschen haben nie gelernt, zwischen Marktmechanismen und politischer Gestaltung zu unterscheiden. Sie halten Preise für objektiv, den Markt für neutral und staatliche Eingriffe für moralisch verdächtig. Dass fast jeder Preis, jede Miete, jede Energieabrechnung Ergebnis politischer Entscheidungen ist, bleibt unsichtbar.
Darauf baut ein verbreiteter Trend zum (sogenannten) "Liberalismus", der bis weit in die arbeitende Mitte reicht.
Viele Bürger bezeichnen sich als "liberal", ohne zu verstehen, was Liberalismus für sie und ihre Familien konkret bedeutet: weniger Schutz, mehr Eigenrisiko, stärkere Abhängigkeit vom Markt, höhere Kosten für Wohnen, Bildung, Gesundheit und Alter. Freiheit wird mit Marktgleichgültigkeit verwechselt – und am Ende teuer bezahlt.
Subventionen für Menschen widersprechen dieser Logik frontal. Sie sagen: Der Markt ist gestaltbar. Sicherheit ist organisierbar. Leben muss nicht permanent unter Vorbehalt stehen. Genau deshalb gelten sie als verdächtig, rückständig oder "unfinanzierbar".
Nicht weil sie falsch wären. Sondern weil sie zeigen, dass es auch anders ginge.
🚨 "Wir rutschen in den Sozialismus!" – Die große neoliberale Angststörung der Gegenwart
Seit einigen Jahren grassiert bei Teilen der selbsternannten Liberalen und Neoliberalen eine fast schon panische Angst: Deutschland werde "sozialistisch", der Staat greife zu stark ein, die Freiheit sei in Gefahr, die Regierung plane Planwirtschaft durch die Hintertür. Subventionen seien Teil davon.
Diese Angst wirkt auf den ersten Blick nicht völlig aus der Luft gegriffen. Tatsächlich haben die deutschen Regierungen der letzten Jahre massiv eingegriffen:
- in Märkte
- in Unternehmen
- in den Alltag
- in Grundrechte
- in gesellschaftliche Abläufe
Aber genau hier liegt der entscheidende Denkfehler: Staatlicher Eingriff ≠ Sozialismus.
Was derzeit gerne als "Sozialismus" diffamiert wird, ist in Wahrheit sein genaues Gegenteil. Sozialismus heißt nicht "starker Staat" oder "Eingriff in den Markt", sondern ganz banal: gesellschaftliches Eigentum, demokratische Kontrolle wirtschaftlicher Macht, Umverteilung von oben nach unten und materielle Absicherung der Mehrheit.
Nichts davon ist passiert. Wirklich nichts.
Seit der Corona-Zeit erleben wir stattdessen eine der größten Umverteilungen von unten nach oben in der Geschichte der BRD: milliardenschwere Rettungspakete für Konzerne, garantierte Profite bei gleichzeitig vergesellschafteten Risiken, explodierende Vermögen an der Spitze – während Selbständige, Beschäftigte und Rentner die Rechnung zahlen. Reallöhne stagnieren oder sinken, Preise steigen, Subventionen fließen nicht zu den Menschen, sondern zu Kapital, Industrie, Energie- und Finanzkonzernen.
Das ist kein Sozialismus, das ist staatlich organisierter Krisenkapitalismus.
Weder Robert Habeck noch die Grünen, noch die SPD, noch – erst recht nicht – die CDU haben auch nur ansatzweise sozialistische Politik betrieben.
Es gab nie Vergesellschaftung, keine Entmachtung von Konzernen, keine demokratische Kontrolle von Schlüsselindustrien, keine ernsthafte Vermögensumverteilung. Die Marktlogik blieb unantastbar, Profite wurden abgesichert, Verluste sozialisiert – klassische Kapitalismusroutine.
Dass sich das für manche trotzdem "sozialistisch" anfühlt, liegt an jahrzehntelanger Indoktrination: Staat = links, Eingriff = Sozialismus, Subvention = Unfreiheit. Dabei ist ein Staat, der Konzerne rettet, Preise explodieren lässt, Bürger belastet und Vermögen schützt, vieles – aber ganz sicher kein sozialistischer Staat. Sozialismus würde Subventionen für Menschen bedeuten. Was wir sehen, sind Subventionen für Profite.
Die bittere Wahrheit:
Wir erleben mehr Staat für Kapital und weniger Staat für Menschen. Die Angst vor dem Sozialismus ist deshalb nicht nur unbegründet – sie ist Teil der Ideologie, die diese Umverteilung nach oben absichert.
Oder kurz gesagt: Wer in der heutigen BRD Sozialismus erkennt, hat entweder keine Ahnung von Sozialismus und Subventionen – oder lebt geistig auf der dunklen Seite des Mondes.
🚀 Fazit: "Subvention" ist kein Schimpfwort
Gerade mit Blick auf die DDR wird deutlich, wie absurd der Vorwurf „Das war ja alles subventioniert“ eigentlich ist. Er taugt nicht zur Abwertung – im Gegenteil:
Er beschreibt ziemlich genau einen Staat, der sich entschieden hatte, seinen Bürgern möglichst viel zu geben, statt ihnen möglichst viel zu nehmen. Als Kritik gedacht, ist dieser Vorwurf in Wahrheit eine Auszeichnung.
Die DDR war offen subventioniert. Sie hat das nie geleugnet, nie verschleiert und nie als Naturgesetz verkauft. Preise wurden politisch festgelegt, weil man wusste, dass der Markt Grundbedürfnisse nicht zuverlässig, gerecht oder stabil organisiert. Subvention war kein Notbehelf, sondern Ausdruck staatlicher Verantwortung. Sie bedeutete: Wohnen, Essen, Bildung, Mobilität und Energie dürfen kein Erpressungsmittel sein.
Die Ökonomen der DDR waren keine Spielkinder. Sie wussten mehrheitlich sehr genau, was sie taten. Viele von ihnen hatten Faschismus und Nationalsozialismus erlebt, das wirtschaftliche und soziale Chaos der Weimarer Republik durchlitten und teilweise sogar noch Kaiserreich, Monarchie und Zusammenbruch alter Ordnungen erfahren. Diese Generation dachte nicht theoretisch, sondern historisch – geprägt von realen Katastrophen, nicht von Modellrechnungen.
Ihre Skepsis gegenüber "freien Märkten" war keine Ideologie, sondern Erfahrung. Sie hatten gesehen, wie schnell Marktlogik in Massenarbeitslosigkeit, Hunger, Radikalisierung und Gewalt umschlägt, wenn der Staat sich zurückzieht. Stabilität war für sie kein Luxus, sondern Überlebensbedingung. Preisregulierung, Subventionen und staatliche Planung waren daher bewusste Instrumente, um genau jene Brüche zu verhindern, die Deutschland bereits mehrfach ins Verderben geführt hatten.
Man kann die DDR für vieles kritisieren. Aber man sollte aufhören, ihre Wirtschaftspolitik als naiv oder weltfremd abzutun. Sie beruhte nicht auf akademischer Spielerei, sondern auf historischer Erinnerung. Auf dem Wissen darum, was passiert, wenn ein Staat das Soziale dem Markt überlässt – und sich anschließend wundert, wenn die Gesellschaft auseinanderfällt.
Wer der DDR heute vorwirft, "alles subventioniert" zu haben, sagt damit – oft ungewollt – etwas Erstaunliches:
Dieser Staat hat seinen Bürgern fast alles ermöglicht, ohne sie finanziell auszuplündern.
Er hat Einkommen geschont, Lebensplanung erleichtert und Existenzangst minimiert. Nicht perfekt, nicht widerspruchsfrei – aber eindeutig im Ansatz. Der eigentliche Skandal ist nicht, dass subventioniert wurde. Der Skandal ist, dass man Menschen später beigebracht hat, genau das als Fehler zu betrachten. Dass man ihnen eingeredet hat, ein Staat dürfe ihnen nichts schulden, müsse sie "fordern" statt schützen, dürfe ihnen höchstens Chancen anbieten – aber keine Sicherheit.
Im Vergleich wirkt der heutige Vorwurf fast zynisch. Denn während die DDR Preise senkte, senkt der heutige Staat Leistungen. Während damals offen subventioniert wurde, wird heute verdeckt umverteilt – nach oben. Und während man früher sagte: "Das ist politisch gewollt", heißt es heute: "Das ist eben der Markt."
"Subventioniert" ist kein Schimpfwort.
Es ist die Beschreibung eines Staates, der Verantwortung übernommen hat. Und genau deshalb sollte man diesen Vorwurf nicht abwehren – sondern umdrehen.
14 Kommentare
Menschen sind dumm und lassen sich sehr leicht manipulieren,gerade der gemeine westdeutsche,dem kannste erzählen im Himmel ist Jahrmarkt.Einen klären Gedanken fassen und selbst ein Bild machen, kennen sie nicht. ARD bringt Nachrichten,da steht alles drin und das ist so. Es gibt Tiere,die logischer denken können.
im Kapitalismus ist der Mensch nichts wert .Er dient als Ware Arbeitskraft dem privaten Kapital und als Steuerzahler zwar der Gesellschaft darf aber letztendlich nicht darüber bestimmen wozu die Steuern eingesetzt werden .Nach Abzug der Abzüge vom Brutto bleibt der Nettobetrag ,welcher wegen steigenden Kosten oft nicht ausreicht,da die Löhne oft zu niedrig sind.Die Regierenden erlauben sich Erhöhungen ihres Einkommens aus unseren Steuergeldern.Das nennt sich Freiheit und wenn dann noch gesagt wird jeder ist für sein Glück selber verantwortlich frage ich mich warum kaum jemand den Mund aufmacht.
Das Stipendium lag bei 200M/Monat, und 300M/Monat, wenn man 3 Jahre Dienst bei den bewaffneten Organen geleistet hatte. Ausnahmen waren Leistungsstipendien(ca. 120M zusätzlich) und das Wilhelm-Pieck- bzw. Karl-Marx-Stipendium mit jeweils 500 bzw.550M bei Wegfall des Regelstipendiums und weitere Sonderstipendien.
Ich würde mir sehr wünschen, dass Leute wie Markus Krall, Roland Tichy, Marc Friedrich usw. wenigstens mal fünf Minuten darüber nachdenken würden, welchen offensichtlichen Unsinn sie diesbezüglich immer und immer wieder verbreiten.