(Auch) dieser Artikel handelt nicht von toter Geschichte. Er handelt von Biografien.
Zwischen 1956 und 1990 leisteten rund 2,5 bis 2,7 Millionen Ostdeutsche ihren Dienst in der Nationalen Volksarmee – als Wehrpflichtige, Unteroffiziere, Offiziere, Zeitsoldaten. Für sehr viele war der Dienst kein Randereignis, sondern ein prägender Abschnitt ihres Lebens: beruflich, politisch, persönlich.
Ein erheblicher Teil dieser Menschen lebt noch heute. Je nach Jahrgang sind es hunderttausende ehemalige NVA-Angehörige, die unsere Gesellschaft weiterhin mittragen – als Rentner, als Eltern, als Großeltern.
Wer also über die NVA spricht, spricht nicht über abstrakte Strukturen, sondern über lebende Menschen und ihre Lebensläufe.
Umso problematischer ist der Umgang mit dieser Biografie nach 1990. Der Dienst in der NVA wird bis heute pauschal delegitimiert, moralisch entwertet oder gleichgesetzt mit politischer Schuld. Für viele Betroffene ist das alles andere als angenehm – denn es geht um ihre eigene Geschichte, nicht um Ideologie.
Dieser Text will genau darauf aufmerksam machen: Es geht nicht um Apologie, sondern um Einordnung. Nicht um Verklärung, sondern um Fakten. Und nicht um Vergangenheit, sondern um Menschen, die noch da sind.
Wenn man über die Geschichte der NVA spricht, kommt man um die Geschichte der westdeutschen Bundeswehr nicht herum. Denn letztlich war – und das ist vielen heute nicht mehr bewusst oder wird bewusst unter den Teppich gekehrt – der Aufbau und die Gründung der westdeutschen Bundeswehr überhaupt erst der Daseinsgrund der Nationalen Volksarmee.
Fakt: Ohne Bundeswehr keine NVA.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum wir uns zunächst dem eigentlichen Grund der Existenz der Nationalen Volksarmee der DDR zuwenden müssen – nämlich der westdeutschen Bundeswehr und ihrer Entstehungsgeschichte. Genau hier dürften vielen Menschen historische Fakten kaum bekannt sein, obwohl sie viel aussagen: nicht nur über das politische und gesellschaftliche Selbstverständnis der Bundeswehr und der BRD, sondern auch über die Tradition und den Ethos, in denen sich die Nationale Volksarmee selbst sah und bewusst positionierte.
Wer diese Zusammenhänge ausblendet, kann die Geschichte der NVA nicht erklären – sondern nur verzerren.

Abbildung: Ein Offiziersschüler der Luftstreitkräfte, 1. Studienjahr in Berlin, Ende der 1980er.
🧱 Historischer Fakt: Die NVA war die Antwort auf den westdeutschen Militarismus
Die Gründung der NVA im Jahr 1956 erfolgte als unmittelbare Reaktion auf die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und deren Beitritt zur NATO. Das ist vielen (West-)Deutschen nicht klar: Die NVA der DDR hätte es ohne massive Aufrüstung der BRD und die Gründung der dortigen Bundeswehr nie gegeben.
Vor der Gründung der Nationalen Volksarmee existierte in der DDR mit der Kasernierten Volkspolizei eine (sehr leicht) bewaffnete Struktur, die jedoch keine reguläre Armee war und auch nicht diesen Anspruch verfolgte. Die KVP war als eine Art Bereitschaftspolizei konzipiert: zuständig für Sicherungs-, Schutz- und Bereitschaftsaufgaben, nicht für Kriegführung.
Erst mit der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, ihrem NATO-Beitritt 1955 und der Gründung der Bundeswehr entstand für die DDR der unmittelbare Zwang, eine eigene reguläre Armee aufzubauen – die NVA.
Während die Bundeswehr als Nachfolgeorganisation der Wehrmacht und Hort alter Nazi-Eliten aufgebaut wurde, verstand sich die NVA von Beginn an als antifaschistisches Gegenmodell, das einen konsequenten personellen Bruch mit der militaristischen Tradition der Vergangenheit anstrebte.
Abbildung: Der spätere Chef der westdeutschen Bundeswehr und Chef der NATO, General Adolf Heusinger, trifft Adolf Hitler in dessen Hauptquartier in Ostpreußen, um 1940. Im Hintergrund: die Generäle Friedrich Paulus, Wilhelm Keitel, Franz Halder und Walther von Brauchitsch.
⚖️ Ein Beispiel von vielen: Adolf Heusinger – Vorwürfe, Verbrechen und das große Wegsehen
Adolf Heusinger war nicht nur Hitlers operativer Chefplaner, sondern wurde nach 1945 auch konkret mit Kriegsverbrechen in Verbindung gebracht. Ihm wurde vorgeworfen, als Chef der Operationsabteilung im Oberkommando des Heeres (OKH) wissentlich an einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg mitgewirkt zu haben und Befehle vorbereitet zu haben, die unmittelbar Teil des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges waren.
Zu den zentralen Vorwürfen zählte seine Mitverantwortung für das Unternehmen Barbarossa, den Überfall auf die Sowjetunion, der von Beginn an als ideologisch motivierter Eroberungs- und Vernichtungskrieg geplant war.
Als hoher Stabsoffizier war Heusinger über die Massenerschießungen von Zivilisten, Kriegsgefangenen und Juden an der Ostfront informiert und trug darüber Verantwortung.
Heusinger arbeitete über Jahre an operativen Umsetzung des Feldzugs mit und trug zur Koordination der Heeresgruppen bei, deren Vormarsch von systematischen Verbrechen begleitet wurde.
Adolf Heusinger gehörte zum engsten Kreis der militärischen Lagebesprechungen im Führerhauptquartier. Als Chef der Operationsabteilung im Oberkommando des Heeres (OKH) nahm er regelmäßig – teils täglich – an den Lagevorträgen bei Adolf Hitler teil. Dort präsentierte er Frontlagen, erläuterte Operationspläne und setzte Hitlers Weisungen unmittelbar in militärische Befehle um.
Die Sowjetunion stufte Heusinger völlig zurecht offiziell als Kriegsverbrecher ein und stellte Haftbefehle gegen ihn aus. Auch in der DDR galt er als schwer belasteter NS-Militär, der für hunderttausendfaches Leid mitverantwortlich war. Dass Heusinger dennoch nie angeklagt wurde, lag nicht an fehlender Beweislast, sondern an der politischen Schutzfunktion der westlichen Alliierten.
Adolf Heusinger geriet 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Die Sowjetunion betrachtete ihn als schwer belasteten NS-Stabsoffizier und als potentiellen Kriegsverbrecher. Er wurde verhört und festgehalten – nicht als einfacher Soldat, sondern als hoher Planer des Ostkrieges.
Mit dem Beginn des Kalten Krieges änderte sich jedoch die politische Lage grundlegend. Die USA hatten plötzlich ein starkes Interesse daran, militärisches Wissen über die Rote Armee, die Ostfront und die sowjetische Kriegsführung zu sichern – und zugleich erfahrenes deutsches Führungspersonal für den Aufbau westlicher Streitkräfte verfügbar zu machen. Verübte Kriegsverbrechen, Morde, Massaker wurden nebensächlich, wichtiger waren militärische Kompetenz gegen "den Russen".
Adolf Heusinger begab sich im Mai 1945 in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft dort blieb er bis März 1948. Bereits in dieser Zeit arbeitete er aktiv mit CIA und US Armee zusammen. Parallel dazu begann bereits seine systematische Einbindung in die US-Militärgeschichtsschreibung. Im Auftrag der USA verfasste Heusinger kriegsgeschichtliche Studien und wurde ab 1947 stellvertretender Leiter der "Operational History (German) Section" der Historical Division der US Army. Diese Abteilung hatte maßgeblichen Einfluss auf das westliche Narrativ über die Wehrmacht.
Auf deutsch: Bevor Heusinger den Aufbau der westdeutschen Bundeswehr übernahm, beauftragten ihn die US-Amerikaner mit der propagandistischen Umschreibung (man könnte auch sagen "Reinwaschung") der deutschen Wehrmacht. Das machte Sinn, denn schließlich hatte man vor, aus deren Kadern die neue Armee der BRD zu formen...
Statt juristischer Aufarbeitung folgte also nun die exemplarische Musterkarriere altgedienter Nazis in der BRD...
Abbildung: Konferenz im Hauptquartier der Heeresgruppe Süd vor dem Angriff auf Stalingrad, Poltawa, 1.6.1942. Im Bild (v.l.n.r.): Generäle Adolf Heusinger, von Sodenstern, von Weichs, Paulus, von Mackensen, von Bock. (Bildquelle und Rechte: alamy.com)
⚠️ Die Bundeswehr: Ein Sammelbecken für Wehrmacht und SS
Bei ihrer Gründung und in den ersten Jahren bestand das Offizierskorps der Bundeswehr fast ausschließlich (zu 85%!) aus ehemaligen Kadern der Wehrmacht und SS.
Im Jahr 1959 waren von den knapp 15.000 Offizieren der Bundeswehr über 12.300 altgediente Wehrmachtsoffiziere, viele davon Kriegsverbrecher. Über 300 Offiziere stammten nachweislich aus dem Stab der SS oder hatten dort gedient.
Praktisch alle Generäle und Admirale der frühen Bundeswehr waren hochdekorierte Offiziere Hitlers gewesen. Das war kein Zufall, das war System.
Die Bundeswehr wurde im Wesentlichen von Menschen wie Adolf Heusinger aufgebaut, der auch ihr erster "Chef" (Generalinspekteur der Bundeswehr) war. Heusinger wurde 1961 auch "Chef" der NATO (Vorsitzender des Militärausschusses, Military Committee, der NATO in Washington, D.C.). Und Heusinger war niemand anderes, als der oben genannte Kriegsverbrecher und Generalleutnant im Stab Hitlers.
Abbildung: Bundeswehrgeneral Heusinger. Da hat er allen Grund zum Lächeln, bei dieser Karriere!
1948 übernahm Heusinger als Leiter der Abteilung Auswertung unter dem Decknamen Adolf Horn eine Führungsposition in der Organisation Gehlen, dem von der CIA beaufsichtigten westdeutschen Nachrichtendienst, der sich zum Sammelbecken ehemaliger deutscher Generalstabsoffiziere entwickelte. Damit hatte er eine Schlüsselstelle für die künftige Wiederbewaffnung Westdeutschlands inne. Die USA förderten Heusinger, der fortan sensible Informationen aus dem westdeutschen Staatsapparat an die CIA lieferte.
1955 als einer von 44 Wehrmachtsgeneralen in die Bundeswehr übernommen, wurde Heusinger mit Unterstützung der Bundesregierung und gegen das Votum des Personalgutachterausschusses, der ihn wegen fehlender Fronterfahrung als für die obersten militärischen Stellen ungeeignet betrachtet hatte, 1957 ihr erster Generalinspekteur.

Abbildung: An der Spitze der Bundeswehr war für Heusinger nicht Schluss. Der verdiente Planer des Überfalls auf die Sowjetunion wurde 1961 Chef der NATO (Chairman), (Bildquelle und -Rechte: alamy.com)
Abbildung: Adold Heusinger 1961, NATO (Chairman)
Die DDR setzte hingegen auf den "neuen Menschen". Ehemalige Wehrmachtsangehörige (nur sehr wenige und unbelastete) wurden nur in der kurzen Aufbauphase als Spezialisten geduldet und bereits bis Ende der 1950er Jahre fast vollständig durch politisch zuverlässige Arbeiter- und Bauernkinder ersetzt, um eine Armee neuen Typs zu schaffen. Und das gelang auch.
Abbildung: Angehörige der Nationalen Volksarmee gehörten in der DDR ganz selbstverständlich zum alltäglichen Straßenbild. Soldaten in Uniform waren keine abgeschottete Kaste, sondern sichtbarer Teil des öffentlichen Lebens. Man begegnete ihnen auf dem Weg zur Arbeit, in der Straßenbahn, im Konsum, auf dem Bahnhof oder auf dem Heimweg ins Wochenende.
Das hatte einen einfachen Grund: Die NVA war keine Einsatzarmee, sondern überwiegend eine Kasernen- und Ausbildungsarmee. Ausgang, Heimfahrten und Urlaub fanden regelmäßig statt, Wehrpflichtige wie Berufssoldaten bewegten sich ganz normal im zivilen Raum. Viele trugen Uniform nicht aus Machtdemonstration, sondern weil es praktisch war – der Dienst endete nicht an der Kasernentür.
Hinzu kam, dass nahezu jede Familie irgendeinen Bezug zur Armee hatte: als Wehrpflichtiger, Reservist, Unteroffizier oder Offizier. Die Soldaten waren Söhne, Brüder, Nachbarn, Kollegen. Genau diese soziale Nähe erklärt, warum die Vorstellung eines Einsatzes gegen die eigene Bevölkerung für viele Angehörige der NVA 1989 schlicht undenkbar war.
🪖❗ Wehrmachtsoffiziere in der NVA? – Ja, wenige. Und ganz anders, wie es oft behauptet wird...
Ein häufig vorgebrachter Vorwurf lautet, dass ja auch in der NVA ehemalige Wehrmachtsoffiziere gedient hätten. Das ist jedoch nur im Grundsatz richtig – wird aber fast immer bewusst verkürzt, verzerrt oder gleichgesetzt, um Unterschiede zu verwischen, die historisch zentral sind.
Tatsächlich griff die DDR beim Aufbau ihrer bewaffneten Kräfte in der frühen Phase auch auf einige ehemalige Wehrmachtsangehörige zurück.
Wie auch nicht? Nach 1945 existierte faktisch keine "wehrmachtsfreie Generation" wehrfähiger Männer.
Entscheidend ist jedoch nicht das Ob, sondern das Wie, Wen und Wie lange. In der NVA dienten ausschließlich als politisch tragbar eingestufte, sogenannte "unbelastete" ehemalige Wehrmachtsoffiziere. Belastete Personen, NS-Karrieristen oder ideologisch kompromittierte Kader waren ausdrücklich ausgeschlossen.
Noch entscheidender: Diese personelle Übergangslösung war zeitlich strikt begrenzt.
Bereits Ende der 1950er Jahre diente in der NVA kein einziger Wehrmachtsoffizier mehr.
Während in der Bundeswehr zu diesem Zeitpunkt über 10.000 ehemalige Wehrmachtsoffiziere dienten – viele davon in verantwortlichen Führungs- und Spitzenpositionen.
Das war kein Zufall, sondern politisches Ziel: ein bewusster personeller und ideologischer Bruch, der konsequent umgesetzt wurde.
Damit unterscheidet sich die NVA fundamental von der Entwicklung in der Bundesrepublik. In der Bundeswehr wurden ehemalige Wehrmachtsoffiziere nicht nur vorübergehend, sondern systematisch und dauerhaft integriert – in fünfstelliger Zahl, vielfach bis in höchste Führungspositionen. Hier handelte es sich nicht um eine Übergangsphase, sondern um personelle Kontinuität.
Abbildung: Friedrich Paulus (1890–1957) war Generalfeldmarschall der Wehrmacht und Oberbefehlshaber der 6. Armee.
Nach der Niederlage von Stalingrad geriet er 1943 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Dort vollzog er den politischen Bruch mit dem NS-Regime, schloss sich dem Nationalkomitee Freies Deutschland und dem Bund Deutscher Offiziere an und trat öffentlich für das Ende des Krieges und gegen Hitler ein. Nach 1945 lebte Paulus in der DDR, wo er als Zeitzeuge wirkte und den antifaschistischen Neuanfang unterstützte. Er hatte keinerlei Funktion beim Aufbau der NVA.
🎖️❌ Das Paulus-Argument – oft genannt, immer falsch
Als populäres, vermeintliches Gegenargument wird in Westdeutschland gern bis heute ein Name bemüht: Friedrich Paulus. Genau hier lohnt es sich, die Dinge einmal klarzustellen:
Paulus hat die NVA nicht aufgebaut. Er hatte keinerlei Funktion beim Aufbau der Kasernierten Volkspolizei oder der Nationalen Volksarmee, war kein NVA-Offizier und kein Organisationskader.
Paulus war nach Stalingrad politisch und militärisch gebrochen. In sowjetischer Kriegsgefangenschaft schloss er sich dem Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) und dem Bund Deutscher Offiziere (BDO) an – also ausdrücklich antifaschistischen deutschen Offiziersstrukturen, die zum Bruch mit Hitler und zur Beendigung des Krieges aufriefen. Nach seiner Freilassung aus der Sowjetunion siedelte er in die DDR über.
In der DDR war Paulus deshalb politisch nutzbar: als Zeuge, als Symbolfigur der Abkehr, als propagandischer Beleg dafür, dass selbst höchste Wehrmachtsränge den NS-Krieg als Irrweg erkannt hatten. Das macht ihn aber nicht zum NVA-Mitgründer.
Kurz gesagt:
Ja, es gab in der frühen Phase ehemalige Wehrmachtsoffiziere in der NVA. Aber ausschließlich unbelastete, zeitlich begrenzt und mit einem klaren politischen Schnitt, der spätestens Ende der 1950er vollzogen war. Alles andere – insbesondere der Vergleich mit der Bundeswehr – ist historisch unhaltbar.
Abbildung: Waffenbrüder, Sowjetische und NVA-Soldaten beim gemeinsamen Manöver
🕊️ War die NVA nun wirklich eine Armee des Friedens?
Diese (Grundsatz-)Frage lässt sich nicht mit Pathos beantworten, sondern nur mit Fakten:
Betrachtet man die deutsche Militärgeschichte der letzten rund 300 Jahre, dann ist die Nationale Volksarmee tatsächlich eine historische Ausnahme. Preußische Armeen, das Kaiserreich, die Reichswehr, die Wehrmacht – sie alle führten Kriege, Angriffskriege oder waren aktiv an ihnen beteiligt. Die NVA hingegen existierte von 1956 bis 1990 ohne einen einzigen Kampfeinsatz, ohne Bombardierungen, ohne Besatzung fremder Länder.
Die NVA war eine Bündnis- und Verteidigungsarmee, eingebettet in die militärische Logik des Kalten Krieges, aber ohne eigenständige Interventionspolitik. Weder entsandte sie Kampftruppen ins Ausland, noch führte sie militärische Operationen außerhalb ihres Territoriums. Selbst ihre internationale Präsenz beschränkte sich auf Beratung, Ausbildung und technische Hilfe, etwa in antikolonialen Kontexten – nicht auf Kriegführung (mehr dazu unten).
Der Vergleich mit der Bundeswehr macht diesen Unterschied besonders deutlich:
Bereits 1999, also keine zehn Jahre nach der sogenannten "Wende", war die Bundeswehr aktiv an der völkerrechtswidrigen Bombardierung Jugoslawiens beteiligt. Der NATO-Einsatz erfolgte ohne UN-Mandat und markierte den ersten Kampfeinsatz deutscher Streitkräfte seit 1945. Damit war eine Schwelle überschritten, die die NVA in knapp 35 Jahren Existenz nie überschritten hatte.
Wer also fragt, ob die NVA eine "Armee des Friedens" war, muss nicht auf Selbstbeschreibungen oder Ideologie zurückgreifen. Es reicht ein nüchterner Blick auf die Bilanz: keine Kriege, keine Auslandseinsätze, keine Bomben. In der langen Geschichte deutscher Armeen ist das kein Narrativ – es ist ein belegbarer Sonderfall.

Abbildung: Gemeinsames Manöver von Soldaten des Warschauer Vertrages – Menschen aus der DDR, Polen, der ČSSR, Ungarn, Bulgarien, Rumänien und der Sowjetunion. Wer heute abfällig über dieses Bündnis spricht, vergisst oft: Es geht nicht um Blöcke, sondern um Menschen, viele von ihnen leben noch heute.
🧭 Ein Faktor der Stabilität und Disziplin
In ihrer Hochphase Ende der 1980er-Jahre umfasste die NVA rund 175.000 aktive Soldaten sowie etwa 50.000 Zivilbeschäftigte; die Wehrpflicht betrug 18 Monate. Kasernen existierten in nahezu allen Bezirken, uniformierte Soldaten gehörten insbesondere in Garnisonsstädten zum alltäglichen Straßenbild.
Militärisch war die NVA vollständig in die Strukturen des Warschauer Vertrages eingebunden und unterstand im Ernstfall der sowjetischen Führung.
Westliche Militäranalysen der 1970er- und 1980er-Jahre stuften sie als die schlagkräftigste, bestorganisierteste und disziplinierteste Armee des Bündnisses ein.
Der Wehrdienst bedeutete für die meisten jungen Männer eine klare Zäsur: 18 Monate Unterbrechung von Ausbildung oder Beruf, lange Abwesenheit von Familie und Partnern, häufige persönliche Belastungen. Gleichzeitig berichten viele ehemalige Angehörige übereinstimmend von einem starken Kollektivdruck, aber auch von funktionierendem Zusammenhalt, klaren Verantwortungsstrukturen und praktischen Qualifikationen, etwa im technischen Bereich oder beim Führen von Fahrzeugen.
Auslandseinsätze, wie sie für die Bundeswehr nach 1990 typisch wurden, gab es für die NVA nicht; ihre Rolle blieb auf Abschreckung, Bündnisintegration und innere militärische Präsenz beschränkt.
Abbildung: Seltenes Foto! Die Volksmarine der NVA vor Istanbul, Durchfahrt durch den Bosporus (Foto von Mitte der 1980er)
🛠️ 2. Fachliche Qualifikation und Berufsausbildung
Die NVA war ein hochtechnisierter Apparat. Viele Soldaten erhielten dort eine umfassende technische Ausbildung, die ihnen auch im späteren Zivilleben zugute kam. Ob als Funker, Kraftfahrer für Spezialfahrzeuge oder Mechaniker – die Armee der DDR fungierte als eine Art "Schule der Nation" für technische Berufe und förderte die handwerklichen und ingenieurtechnischen Fähigkeiten ihrer Mitglieder nachhaltig.
🚜 Katastrophenschutz und zivile Hilfe – die NVA im Alltagseinsatz
Ein oft verdrängter, aber dokumentierter Bestandteil der Geschichte der Nationalen Volksarmee war ihr regelmäßiger Einsatz im Katastrophenschutz und in der zivilen Unterstützung.
Die NVA war nicht nur militärische Reserve, sondern faktisch eine staatliche Eingreiftruppe für Notlagen, auf die zurückgegriffen wurde, wenn zivile Mittel nicht mehr ausreichten. Und: Sie wurde regelmäßig zivil eingesetzt.
Besonders deutlich wurde das im Katastrophenwinter 1978/79. Nach extremen Schneefällen und Temperaturen bis unter –20 °C kam es in großen Teilen der DDR zu Verkehrschaos, Stromausfällen und Versorgungsengpässen. Zivile Räumdienste waren vielerorts handlungsunfähig. In dieser Situation wurden zehntausende NVA-Soldaten eingesetzt. Mit Kettenfahrzeugen, Pioniertechnik und schwerem Räumgerät hielten sie Verkehrsachsen offen, versorgten eingeschlossene Orte, reparierten Stromleitungen und sicherten Heizwerke. Zeitzeugenberichte und interne Dokumente sprechen von über 40.000 eingesetzten Soldaten, die teilweise wochenlang im Dauereinsatz waren.
Abbildung: NVA-Soldaten beim Schneeräumen in Neubrandenburg (2. Januar 1979)
Auch bei Hochwasserlagen, etwa an Elbe, Oder und Saale, wurde die NVA regelmäßig herangezogen. Pioniereinheiten errichteten Notdeiche, verstärkten Uferbefestigungen, evakuierten gefährdete Gebiete und stellten Transportkapazitäten bereit. Gerade die Kombination aus Disziplin, Logistik und Technik machte die Armee in solchen Situationen zur letzten belastbaren Reserve, wenn Feuerwehr, THW-ähnliche Strukturen und zivile Betriebe überfordert waren.
Abbildung: NVA-Soldaten treffen Jungpioniere, 1980er. Die Uniform der NVA stand im Alltag (wie jeder Ostdeutsche bestätigen wird) ganz sicher nicht für Angst oder Repression, sondern für Normalität. Sie war sichtbar, aber nicht dominant. Dass Soldaten Teil des Straßenbildes waren, war Ausdruck einer Armee, die in die Gesellschaft eingebettet war – nicht über ihr stand.
Der Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee dauerte in der Regel 18 Monate und war für viele junge Männer eine harte Zäsur. Für viele bedeutete er das erste Mal, über lange Zeit von zu Hause weg zu sein – fern von Familie, Freunden und Partnerinnen, was nicht selten dazu führte, dass Beziehungen zerbrachen. Rückblickend sagen jedoch nur wenige, dass der Dienst sie unselbstständiger oder unreifer gemacht hätte; im Gegenteil berichten viele, dass sie früher Verantwortung übernehmen und erwachsen werden mussten.
Weniger spektakulär, aber alltäglich war die Unterstützung der Landwirtschaft. In Erntezeiten – insbesondere bei Arbeitskräftemangel oder witterungsbedingtem Zeitdruck – wurden regelmäßig NVA-Einheiten abgestellt, um bei der Einbringung von Getreide, Kartoffeln oder Zuckerrüben zu helfen. Das war kein Ausnahmezustand, sondern planbarer Bestandteil staatlicher Koordination. Wehrpflichtige erinnern sich an mehrwöchige Einsätze auf Feldern, in LPGs oder bei Transportaufgaben.
Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich zehntausende Soldatentage in der Landwirtschaft geleistet wurden.
Diese Einsätze waren nicht propagandistisch, sondern funktional. Die NVA ersetzte keine zivilen Strukturen, sondern sprang dort ein, wo kurzfristig Arbeitskraft, Technik oder Organisation fehlten. Für die Bevölkerung war das sichtbar und konkret: geräumte Straßen, gesicherte Versorgung, gerettete Ernten. Die Armee erschien nicht als abstraktes Machtinstrument, sondern als praktische Hilfe in der Krise.
Gerade dieser Aspekt erklärt, warum viele DDR-Bürger die NVA nicht nur als militärische Institution wahrnahmen, sondern als Teil des gesellschaftlichen Alltags. Sie kam nicht, um zu drohen, sondern um zu helfen – mit Stiefeln im Schnee, nicht mit erhobenem Gewehr.
🚫 Die einzige deutsche Armee, die nie Krieg führte?
Die Nationale Volksarmee (NVA) bleibt historisch eine Ausnahme:
Von ihrer Gründung 1956 bis zu ihrer Auflösung 1990 war sie an keinem einzigen direkten Kampfeinsatz oder Krieg beteiligt. In einer Epoche permanenter Blockkonfrontation blieben ihre Waffen in den Depots.
Das war kein Zufall, sondern Teil einer sicherheitspolitischen Doktrin der DDR, die klar Einsätze der Volksarmee außerhalb der Staatsgrenzen ablehnte und die auf Abschreckung und Stabilität statt militärischer Eskalation setzte.
Übrigens:
Das oft bemühte Narrativ angeblicher Offensivpläne der Nationalen Volksarmee gegen die Bundesrepublik hält einer Faktenprüfung nicht stand.
Die bekannten Operations- und Übungsunterlagen der NVA und des Warschauer Vertrag waren Bündnisszenarien für den Verteidigungs- bzw. Eskalationsfall im Kontext der NATO, keine eigenständigen Angriffspläne "der NVA". Ein militärischer Plan, "die BRD in wenigen Wochen zu überrollen", ist quellenmäßig nicht belegt – das entspricht eher Kalter-Krieg-Propaganda (die sich leider bis heute hält) als historischer Dokumentenlage.
Abbildung: NVA im Manöver. Tatsächlich galt die Nationale Volksarmee (auch innerhalb der NATO) als schlagkräftigste, am besten ausgebildete Streitkraft des Warschauer Vertrages.
Zwar waren einzelne NVA-Offiziere und Militärberater im Ausland tätig – etwa in Angola –, doch ausschließlich in beratender Funktion: Ausbildung, Organisation, technische Unterstützung. Nie als kämpfende Truppen, nie mit eigenem Gefechtsauftrag, nie als Interventionsarmee. Diese Unterstützung richtete sich konsequent an anti-koloniale Befreiungsbewegungen.
⚖️ Gegen wen sich die beratende Unterstützung der NVA richtete
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Gegen den portugiesischen Kolonialkrieg (bis 1974)
Portugal führte bis zur Nelkenrevolution einen brutalen Kolonialkrieg in Afrika – getragen von einem autoritären, faschistischen Regime. Unterstützt wurden Befreiungsbewegungen wie die MPLA (Angola) und FRELIMO (Mosambik).
🎯 Gegner: portugiesische Kolonialarmee, Zwangsrekrutierung, Repression, Massaker.
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Gegen Militärdiktaturen, Söldnertruppen & Apartheidpolitik
Nach der Unabhängigkeit Angolas wurde der junge Staat von westlich gestützten Milizen und dem Apartheid-Regime in Südafrika bedroht. Die Unterstützung der DDR galt der international anerkannten Regierung – nicht der militärischen Expansion.
🎯 Gegner: Apartheidstaat, rassistische & reaktionäre Milizen, CIA-Söldnerarmeen (z. B. UNITA).
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Gegen koloniale & rassistische Minderheitenherrschaft.
Unterstützt wurden Bewegungen gegen: die südafrikanische Besatzung Namibias, das weiße Minderheitenregime in Rhodesien (heute Simbabwe), Beispiel: SWAPO
🎯 Gegner: Rassismus, Entrechtung, koloniale Gewaltstrukturen.
Es ging nie um Rohstoffe, Einflusszonen oder Märkte, sondern um Solidarität mit Bewegungen, die sich aus kolonialer oder diktatorischer Herrschaft lösen wollten.
Das unterschied die DDR-Militärpolitik grundlegend von klassischen (deutschen) imperialistischen Interventionskriegen, wie sie im selben Zeitraum von westlichen Staaten geführt wurden.
Gerade deshalb fiel es vielen DDR-Bürgern leicht, sich mit der NVA zu identifizieren: Sie wurde nicht als Angriffsarmee wahrgenommen, sondern als Verteidigungsarmee ohne Expansionsanspruch – eine Armee, die keinen Krieg führte, sondern ihn verhindern sollte.
Kurz gesagt: Keine Auslandseinsätze. Keine Bombardierungen. Keine Besatzungen. In der deutschen Militärgeschichte ist das bis heute ein einmaliger Befund.
Abbildung: Pioniere, NVA-Soldaten, Vertreter von Betriebskampfgruppen und Bürger gedenken der Kriegsopfer, Wittenberg Anfang der 1980er. Das Denkmal ist umgehend nach der "Wende" entfernt worden...
✌️Der friedliche Übergang 1989/90 – als die Waffen schwiegen
Eines der wichtigsten und zugleich am seltensten anerkannten Kapitel der Geschichte der Nationale Volksarmee ist ihr Verhalten während des politischen Umbruchs 1989/90.
In einer Phase, in der staatliche Autorität zerfiel, hunderttausende Menschen auf die Straße gingen und die Machtfrage offen im Raum stand, blieb die Armee dort, wo sie war: in den Kasernen.
Die DDR verfügte zu diesem Zeitpunkt über eine einsatzbereite, gut ausgerüstete Streitkraft von rund 170.000 Soldaten, einschließlich motorisierter Schützenverbände, Panzertruppen und Führungseinheiten.
Zum Bild der Nationale Volksarmee in der Wendezeit gehört auch eine Differenzierung, die oft bewusst unterschlagen wird. Ja, es gab im Herbst 1989 Bereitschaftsbefehle. Ja, einzelne Einheiten wurden in erhöhte Alarmstufen versetzt und auf einen möglichen Einsatz vorbereitet. Das ist unstrittig – und zugleich vollkommen nachvollziehbar.
Diese Befehle bezogen sich jedoch ausschließlich auf Objektschutz. Gemeint waren Kasernen, Depots, Funk- und Verkehrsinfrastruktur, Dienststellen der Volkspolizei sowie staatliche Gebäude. Nicht Demonstranten. Nicht Plätze. Nicht Straßen. Nicht die Bevölkerung. Es ging um Sicherung, nicht um Niederschlagung.
Warum das so war, erschließt sich nur, wenn man die damalige Situation ernst nimmt. Im Herbst 1989 wusste niemand, wie sich die Lage entwickeln würde. Weder die Staatsführung noch die Sicherheitsorgane – und auch nicht die Menschen auf der Straße. Es war offen, ob Proteste friedlich bleiben würden oder ob einzelne Gruppen versuchten, die Situation eskalieren zu lassen. Diese Unsicherheit betraf Leipzig ebenso wie Dresden, Weimar oder Berlin.
Aus eigener Erfahrung und aus den Berichten unserer Familien, die diese Wochen miterlebt haben, wissen wir: Es gab reale Sorgen vor unkontrollierten Gewaltausbrüchen. Nicht, weil die Demonstranten pauschal als Gefahr galten, sondern weil in jeder Massensituation die Möglichkeit besteht, dass einzelne Krawallmacher versuchen, Reviere der Volkspolizei zu stürmen, Kasernen anzugreifen oder sensible Infrastruktur lahmzulegen. Genau auf solche Szenarien waren die Bereitschaftsbefehle ausgerichtet.
Das ist kein DDR-Spezifikum. Jeder Staat der Welt hätte in einer vergleichbaren Lage Vorkehrungen getroffen. Ob man die DDR-Führung politisch verteidigen möchte oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Die Vorbereitung auf Eventualitäten ist staatliches Grundhandwerk – gerade dann, wenn ein Machtvakuum droht und niemand weiß, wie der nächste Tag aussieht.
Entscheidend ist nicht, dass diese Überlegungen existierten. Entscheidend ist, was nicht geschah. Trotz vorhandener Einsatzpläne für den Objektschutz kam es zu keinem flächendeckenden Einsatz der NVA. Keine Kasernenausfahrten gegen Demonstrationen, keine militärische Sicherung von Plätzen, keine Gewalt gegen die eigene Bevölkerung. Die Bereitschaft blieb Bereitschaft.
Gerade darin liegt die eigentliche Leistung dieser Monate. Die NVA war vorbereitet, ja. Aber sie wurde nicht eingesetzt. Nicht aus technischer Unfähigkeit, sondern aus bewusster Zurückhaltung. Das trug wesentlich dazu bei, dass der Umbruch 1989/90 ohne Blutvergießen verlief – und genau das gehört zur historischen Wahrheit dieses Übergangs.
Abbildung: "Waffenbrüder". 35 Jahre später ist alles auf den Kopf gestellt: Die Kinder dieser Soldaten sollen sich heute wieder auf einen Krieg vorbereiten – gegen jene, mit denen ihre Väter einst Schulter an Schulter standen.
Gerade im Oktober 1989, als sich die Lage zuspitzte und viele einen "chinesischen Weg" befürchteten, zeigte sich die tatsächliche Haltung vieler Offiziere und Soldaten.
In internen Berichten, späteren Zeitzeugeninterviews und Erinnerungen wird immer wieder deutlich, dass ein Einsatz gegen Demonstranten für die NVA undenkbar war. Die Soldaten waren Teil dieser Gesellschaft. Es ging um Nachbarn, Familien, Kollegen – nicht um einen äußeren Feind.
Die Entscheidung, die NVA nicht einzusetzen, war nicht allein Ergebnis politischer Führungsschwäche, sondern auch Ausdruck militärischer Besonnenheit. Auf mittlerer und unterer Führungsebene wurden Befehle bewusst eng ausgelegt oder gar nicht eingefordert. Verantwortung wurde nicht nach oben abgeschoben, sondern vor Ort getragen. Dass es in dieser Situation nicht zu einer militärischen Eskalation kam, war keine Selbstverständlichkeit, sondern eine bewusste Unterlassung von Gewalt.
Der friedliche Verlauf der sogenannten "Wende" war deshalb nicht nur ein zivilgesellschaftliches Ereignis, sondern auch ein militärisches Nicht-Ereignis – und genau darin liegt seine Bedeutung. Die NVA hat in diesen Monaten gezeigt, dass sie sich nicht als Machtinstrument gegen die eigene Bevölkerung verstand. Sie hat nicht geschossen, nicht geräumt, nicht eingeschüchtert.
Dass diese Zurückhaltung bis heute kaum gewürdigt wird, sagt weniger über die Armee als über den Umgang mit DDR-Geschichte aus. Eine Armee, die in der entscheidenden Stunde die Waffen nicht erhob, hat zumindest eines bewiesen: dass sie wusste, wo ihre Grenze lag.

Abbildung: Endlich NVA-Offizier nach vierjähriger Ausbildung!
🚫 Kein Respekt, keine Würde – der Umgang mit ehemaligen NVA-Offizieren
Bis heute dürfen ehemalige Offiziere der Nationale Volksarmee ihren Dienstgrad nicht mit dem Zusatz "a. D." führen. Dieses Recht wurde ihnen nach 1990 bewusst verwehrt – trotz jahrzehntelanger Berufslaufbahn, trotz regulärer Dienstverhältnisse, trotz staatlicher Verpflichtung.
Rechtsgrundlage dafür war der Einigungsvertrag vom 31.08.1990:
Darin wurde die NVA nicht als traditions- oder fortführungsfähige Armee anerkannt. NVA-Dienstgrade verloren ihre rechtliche Wirkung, Laufbahnen wurden nicht übernommen, Berufsbiografien faktisch entwertet. Rund 170.000 Soldaten wurden bis Ende 1990 entlassen. Berufsoffiziere mit 20 bis 30 Dienstjahren standen über Nacht ohne Status da, häufig mit gekürzten oder neu berechneten Renten.
Der Kontrast zur Behandlung ehemaliger Wehrmachtsoffiziere in der BRD ist eindeutig:
Bereits ab den 1950er Jahren wurden rund 12.000 frühere Wehrmachtsoffiziere (dazu hunderte Offiziere der SS!) in die Bundeswehr übernommen, darunter über 300 Generale und Admirale. Sie durften ihre Dienstgrade mit dem Zusatz „a. D.“ führen, galten als ehrenhafte Soldaten und prägten Aufbau, Führung und NATO-Integration der Bundeswehr.
1989 wurde jedoch kein einziger NVA-General in die Bundeswehr übernommen.
Während Wehrmachtsbiografien integriert, relativiert oder fortgeführt wurden, galten NVA-Angehörige pauschal als "Systemträger". Es gab keine Veteranenpolitik, keine öffentliche Anerkennung, keine institutionelle Würdigung. Die NVA wurde nicht historisch differenziert betrachtet, sondern politisch delegitimiert.
Und heute? Seit kurzem wird offen in der BRD-Politik darüber diskutiert, ehemalige NVA-Angehörige als Reservisten im Heimatschutz einzusetzen. Ausgerechnet jene Männer, deren Lebensleistung jahrzehntelang missachtet wurde, sollen nun wieder "verwendbar" sein – nicht aus Anerkennung, sondern aus Personalmangel.
Das Muster ist klar: Erst delegitimiert. Dann vergessen. Jetzt wieder gebraucht. Unsere DDR war nicht grau. Aber dieser Umgang mit ihrer Geschichte ist es bis heute.
Abbildung: 8-rädrige NVA-Radpanzer, die in den 1990er Jahren vom türkischen Militär für den Krieg gegen die Kurden eingesetzt wurden. Die BRD-Regierung verkaufte der Türkei nicht nur 300 NVA-Schützenpanzer, sondern auch NVA-Waffen im Wert von 2 Milliarden Mark.
💣 Schluss-Akt: Profit über Verantwortung – wie von der BRD verscherbelte NVA-Waffen bis heute töten
Am Ende dieses historischen Überblicks darf ein Punkt nicht fehlen, der zeigt, wie selektiv bis heute über die DDR gesprochen wird. Denn während Moral, Mangel und Kontrolle breit diskutiert werden, bleibt eine unbequeme Frage meist außen vor: Was tat die Bundesrepublik nach 1990 mit dem militärischen Erbe der DDR?
Die Antwort ist ernüchternd. Die BRD übernahm das vollständige Arsenal der Nationalen Volksarmee – und machte daraus ein Geschäft. Zehntausende Waffen, Panzer, Munition und Militärtechnik wurden weltweit verkauft, teils in Krisen- und Kriegsregionen. Abgewickelt über bundeseigene Stellen, mit politischem Wissen, mit finanziellen Erlösen in Milliardenhöhe.
Wer diesen Aspekt ignoriert, erzählt nur die halbe Geschichte. Denn hier zeigt sich ein zentraler Doppelstandard: Während die DDR moralisch bis ins Detail seziert wird, wurde ihr materielles Erbe ökonomisch verwertet statt verantwortungsvoll entsorgt.
Wer tiefer verstehen will, wie diese Nachwendepolitik aussah – und warum sie bis heute selten thematisiert wird –, sollte hier weiterlesen:
👉 Waffen aus der DDR – verscherbelt von der BRD: Wie die BRD nach 1990 mit dem Erbe der NVA Kasse machte
9 Kommentare
War dabei – von 1988 bis zum Ende.
Was für ein Beitrag ! Chapeau !! ✔️
Guter Kommentar. Eines wurde noch vergessen bzw. ich habe es überlesen. Die NVA-Angehörigen und auch die Ehemaligen mußten in ihrer Biographie über ihren Wehrdienst “In fremden Heeren gedient” angeben. Die DDR war ein Staat auf deutschen Boden und die NVA also eine d e u t s c h e Armee. Es wurden durch die Festlegungen des Einigungsvertrages tausende Biographien entwertet. Den Soldaten und Matrosen, Unteroffizieren und Maaten, Fähnrichen, Offizieren, Generalen und Admiralen wurde ihre soldatische Ehre genommen. Sie durften, im Gegensatz zu den ehemaligen Wehrmachts- und SS-Angehörigen, ihre militärischen Auszeichnungen nicht tragen. Ich war selber Berufsunteroffizier und zum Zeitpunkt der Wende bei der Volkspolizei. Auch mir wurden, genau wie bei den ehem. NVA-Angehörigen zwei Dienstgrade aberkannt. Ich weiß also von was ich spreche.
Ein sehr informativer Beitrag. Der Hr.Gauck liess ehemalige NVA Mitarbeiter auf Stasi kontakte untersuchen.Er hat von dieser friedvollen Armee nichts gehalten , die Bundeswehr ,als aus seiner Sicht Friedens -armee ,entsprach mehr seinem Charakter.Die NVA war ihm zu stalinistisch ,der aus der Nazizeit hervorgegangene Gehlen-Geheimdienst ,welcher in der BRD Nachkriegszeit von SS, SA Leuten usw.durchsetzt war ,entsprach mehr seinem Geschmack .200.000 Reservisten fehlen. Auf einmal brauchen ehemalige NVA Leute nur noch ein Gelöbnis ablegen ,damit alle wieder glücklich vereint sind . Was soll das denn?