Oder: Wie es der DDR-Führung in den 1980er Jahren gelang, Deutschland aus dem atomaren Fadenkreuz zu holen.
von Markus Gelau
Es ist schon bemerkenswert, wie selektiv heute über die DDR gesprochen wird. Fast jede Fernsehdokumentation, jede Talkshow und jeder Zeitungsartikel drehen sich fast ausschließlich um "Mauer, Stasi und Überwachung". Neben den (übrigens sehr zahlreichen) positiven Aspekten der DDR, wird seit Jahrzehnten eines offenbar bewusst vollständig ausgeblendet — obwohl es vierzig Jahre lang zu den zentralsten politischen und gesellschaftlichen Grundgedanken dieses kleinen Landes gehörte: der Frieden.
Wer nicht selbst dort aufgewachsen ist, kann sich heute kaum noch vorstellen, wie allgegenwärtig dieses Thema tatsächlich war. Und nein, damit meinen wir nicht einfach irgendeine staatliche Phrase, die irgendwo auf Transparenten stand und die niemanden interessierte. Wir meinen den tatsächlichen Alltag.
Wir haben unsere Kindheit und Jugend in der DDR verbracht. Und wenn wir ehrlich sind, gab es kaum einen Begriff, der uns häufiger begegnete als dieser:
Frieden. Frieden. Frieden.
So oft, dass es uns als Kinder manchmal sogar auf die Nerven ging....
Auch das Andenken an Erich Honecker, der die DDR über viele Jahre führte, scheint heute für viele endgültig festgeschrieben zu sein. Dieser Artikel soll jedoch weder dazu dienen, Honecker "reinzuwaschen" noch seine historische Rolle unkritisch zu verklären. Ziel ist vielmehr, auf historische Vorgänge hinzuweisen, über die heute kaum noch gesprochen wird — obwohl sie enorme politische und historische Bedeutung besitzen.
Denn unabhängig davon, wie man zur DDR insgesamt steht, bleibt ein Fakt bemerkenswert: Die DDR-Führung unter Honecker spielte in den 1980er Jahren die aktivste Rolle bei der Deeskalation mitten in Europa. Gemeinsam mit Teilen der westdeutschen Politik wurde erfolgreich auf Abrüstung, Entspannung und die Entfernung atomarer Mittelstreckenraketen aus Deutschland hingewirkt.
Gerade in einer Zeit, in der sich die deutsche, westlich dominierte Politik offenbar bereits im Krieg mit Russland sieht, lohnt sich der Blick auf diese Phase deutscher Geschichte mehr denn je.
Wir bastelten als Jungpioniere Friedenstauben. In Schulen, Pioniernachmittagen, Ferienlagern, aber auch am 1. Mai, am Republikgeburtstag (7. Oktober) sowie zu allen anderen festlichen Anlässen drehte sich quasi alles ständig um Völkerfreundschaft, Abrüstung und Antifaschismus. In Kinderzeitschriften wie Bummi, Atze, Frösi oder Mosaik tauchte immer wieder dieselbe Botschaft auf: Nie wieder Krieg. Selbst in Comics, Kinderfilmen und Kinderbüchern wurde vermittelt, dass Krieg nichts Heroisches ist, sondern Zerstörung, Leid und Elend bedeutet.
Abbildung: Jungpionier mit Friedenstaube. Kein ungewöhnliches Motiv — auch wenn es für viele Westdeutsche heute wie reine Propaganda wirken mag. Der Alltag der Jungpioniere drehte sich tatsächlich in erster Linie um ein Thema: Frieden. Zumindest wurde es uns so vermittelt. Fleißig lernen, Altstoffe sammeln, älteren Menschen helfen, viel lesen und sich solidarisch mit unterdrückten Kindern anderer Länder zeigen — all das sollte einem höheren Ziel dienen: dem Frieden.
Und mit diesem Friedensgedanken verbunden waren andere Werte, die vielen von uns bis heute geblieben sind:
Ablehnung von Ausbeutung und Unterdrückung. Solidarität mit ärmeren Ländern. Antifaschismus. Ablehnung kolonialer Herrschaft. Die Überzeugung, dass Menschen wichtiger sind als Profite. Und vor allem das tiefe Misstrauen gegenüber Politikern und Systemen, die Krieg irgendwann wieder als legitimes Mittel betrachten.
Man kann das heute belächeln. Man kann es kritisieren. Aber man kann nicht ernsthaft bestreiten, dass Frieden in der DDR einen Stellenwert hatte, der in Deutschland heute kaum noch vorstellbar ist. Und dafür gab es einen historischen Grund.
EINE REGIERUNG, DIE KRIEG, TOD, KZ UND EXIL SELBST ERLEBT HATTE
Ein erheblicher Teil der DDR-Führung bestand aus Menschen, die Krieg und Faschismus nicht aus Geschichtsbüchern kannten, sondern aus eigener Erfahrung.
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Erich Honecker, Generalsekretär des Zentralkomitees der SED, Vorsitzender des Staatsrates der DDR und damit faktisch Staatschef der DDR, wurde bereits 1935 von den Nazis verhaftet. Er verbrachte fast zehn Jahre im Zuchthaus Brandenburg-Görden. Traurige Ironie der Geschichte: Ab 1992 wurde Honecker nach der Wende erneut in die Justizvollzugsanstalt Brandenburg der Bundesrepublik eingeliefert.
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Hermann Axen, Mitglied des Politbüros der SED und Sekretär des ZK für internationale Beziehungen, war jüdischer Kommunist, saß im Konzentrationslager Sachsenhausen und wurde später nach Auschwitz deportiert. Wenn Axen im Sommer kurzärmelige Hemden trug, konnte man die ihm eintätowierte Häftlingsnummer aus Auschwitz sehen.
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Albert Norden, Mitglied des Politbüros, Sekretär des ZK und einer der wichtigsten außenpolitischen Ideologen der DDR, musste vor den Nazis ins Exil fliehen; zahlreiche Angehörige seiner Familie wurden ermordet.
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Walter Ulbricht, Mitbegründer der DDR, langjähriger Erster Sekretär der SED und Vorsitzender des Staatsrates der DDR, lebte während der NS-Zeit im Exil in Prag, Paris und Moskau.
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Wilhelm Pieck, erster und einziger Präsident der DDR, wurde jahrzehntelang politisch verfolgt und lebte ebenfalls im Exil.
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Paul Verner, Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der SED, kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg gegen Francos Faschisten und musste vor den Nazis fliehen.
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Friedrich Ebert, (Sohn von Reichspräsident Friedrich Ebert) Mitglied des Politbüros, Oberbürgermeister von Ost-Berlin und später Vorsitzender des Staatsrates der DDR, saß mehrere Jahre in Konzentrationslagern, darunter Sachsenhausen und Mauthausen.
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Anton Ackermann, führender SED-Ideologe, Mitglied des Zentralkomitees und zeitweise Außenminister der DDR, musste vor den Nazis in die Sowjetunion fliehen.
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Franz Dahlem, Mitglied des Politbüros und führender Funktionär der KPD und später SED, war aktiver kommunistischer Widerstandskämpfer und überlebte Haft und Internierung.
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Heinz Hoffmann, Armeegeneral, Mitglied des Politbüros und Verteidigungsminister der DDR, floh vor den Nazis in die Sowjetunion und kämpfte später in antifaschistischen Einheiten.
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Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und Chefideologe der SED, war im kommunistischen Widerstand aktiv und musste ins Exil fliehen.
- Horst Sindermann, Vorsitzender des Ministerrates der DDR und später Präsident der Volkskammer, wurde wegen antifaschistischer Tätigkeit von den Nazis verhaftet und verbrachte Jahre im Zuchthaus.
Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen. Diese Menschen hatten Gefängniszellen gesehen. Konzentrationslager. Bombennächte. Flucht. Tote. Verwüstung.
Und diese Menschen bauten das Land DDR nach diesen Erlebnissen auf und regierten es.
Abbildung: Egon Krenz trifft Fidel Castro bei den 11. Weltfestspielen in Kuba, 1978.
Das bedeutet nicht automatisch, dass jede politische Entscheidung der DDR richtig gewesen wäre. Natürlich nicht. Aber es erklärt, warum diese Generation das Thema Krieg völlig anders betrachtete als viele heutige Berufspolitiker.
Diese Generation DDR-Politiker hatte erlebt, wie Deutschland Europa verwüstete. Sie hatte erlebt, wie politische Gegner verschwanden, wie Faschismus ganze Staaten verschlang und wie schnell nationalistischer Wahnsinn in totaler Vernichtung endet. Und genau daraus entstand dieser fast obsessive Friedensgedanke, der die DDR jahrzehntelang prägte.
DIE DDR WURDE VON VERFOLGTEN DER NAZIS GEGRÜNDET. DIE BRD OFT VON ALTEN NS-ELITEN VERWALTET.
zur historischen Wahrheit gehört eben auch ein historischer Fakt, über den heute deutlich seltener gesprochen wird:
Während die Führung der DDR zu großen Teilen aus ehemaligen Verfolgten, Widerstandskämpfern, Exilanten und KZ-Häftlingen bestand, gingen die politischen, militärischen und geheimdienstlichen Eliten der frühen Bundesrepublik in weiten Teilen direkt aus der NS-Zeit hervor. Das ist keine polemische Zuspitzung, sondern klar historisch dokumentiert.
In der frühen Bundeswehr dienten tausende ehemalige Wehrmachtsoffiziere, darunter zahlreiche frühere Generäle des NS-Staates. Selbst ehemalige Angehörige der Waffen-SS fanden später wieder Verwendung in militärischen Strukturen der Bundesrepublik.
Zu den prägenden Figuren beim Aufbau der westdeutschen Bundeswehr gehörte ausgerechnet Adolf Heusinger — einst Chef der Operationsabteilung im Generalstab Adolf Hitlers und einer der wichtigsten militärischen Stabsoffiziere der Wehrmacht. Nach dem Krieg wurde Heusinger nicht nur Generalinspekteur der Bundeswehr, also der höchste Soldat der Bundesrepublik, sondern später sogar Vorsitzender des NATO-Militärausschusses.

Abbildung: Der spätere Chef der westdeutschen Bundeswehr und Chef der NATO, General Adolf Heusinger, trifft Adolf Hitler in dessen Hauptquartier in Ostpreußen, um 1940. Im Hintergrund: die Generäle Friedrich Paulus, Wilhelm Keitel, Franz Halder und Walther von Brauchitsch.
Abbildung: Bundeswehrgeneral Heusinger. Da hat er allen Grund zum Lächeln, bei dieser Karriere!
1948 übernahm Heusinger als Leiter der Abteilung Auswertung unter dem Decknamen Adolf Horn eine Führungsposition in der Organisation Gehlen, dem von der CIA beaufsichtigten westdeutschen Nachrichtendienst, der sich zum Sammelbecken ehemaliger deutscher Generalstabsoffiziere entwickelte. Damit hatte er eine Schlüsselstelle für die künftige Wiederbewaffnung Westdeutschlands inne. Die USA förderten Heusinger, der fortan sensible Informationen aus dem westdeutschen Staatsapparat an die CIA lieferte.
1955 als einer von 44 Wehrmachtsgeneralen in die Bundeswehr übernommen, wurde Heusinger mit Unterstützung der Bundesregierung und gegen das Votum des Personalgutachterausschusses, der ihn wegen fehlender Fronterfahrung als für die obersten militärischen Stellen ungeeignet betrachtet hatte, 1957 ihr erster Generalinspekteur.
Abbildung: An der Spitze der Bundeswehr war für Heusinger nicht Schluss. Der verdiente Planer des Überfalls auf die Sowjetunion wurde 1961 Chef der NATO (Chairman), (Bildquelle und -Rechte: alamy.com)
Der westdeutsche Auslandsgeheimdienst, der spätere Bundesnachrichtendienst, entstand direkt aus der sogenannten "Organisation Gehlen" um Reinhard Gehlen — einen ehemaligen Generalmajor der Wehrmacht und Leiter der Abteilung "Fremde Heere Ost" unter Hitler.
Auch in Ministerien, Behörden, Justiz und Verwaltung der jungen Bundesrepublik saßen zahlreiche ehemalige NSDAP-Mitglieder und Funktionsträger des Dritten Reiches.
Selbst höchste Staatsämter waren davon betroffen. Kurt Georg Kiesinger, von 1966 bis 1969 Bundeskanzler der BRD, war ehemaliges NSDAP-Mitglied und arbeitete während der NS-Zeit im Rundfunkreferat des Auswärtigen Amtes.
Nur wenige Jahre nach Gründung der Bundesrepublik bestand ein erheblicher Teil des Bundestages aus ehemaligen NSDAP-Mitgliedern.
Historische Untersuchungen kamen später zu dem Ergebnis, dass zeitweise mehr als ein Viertel der Bundestagsabgeordneten zuvor Mitglied der NSDAP gewesen war.
Auch deshalb unterschieden sich die politischen Gründungsmythen beider deutscher Staaten fundamental.
Die DDR verstand sich ausdrücklich als antifaschistischer Neuanfang unter Führung ehemaliger Verfolgter des NS-Regimes.
Die Bundesrepublik dagegen integrierte große Teile der alten Funktionseliten des Dritten Reiches wieder in Staat, Verwaltung, Militär und Geheimdienste.
Wer die Geschichte ernsthaft betrachten will, kann diese Unterschiede nicht einfach ausblenden.

Abbildung: Als deutsche Jugend noch gegen NATO-Raketen auf die Straße ging, 250.000 Teilnehmer beim Friedenstreffen der Jugend 1983 in Potsdam!
DIE DEUTSCHE TEILUNG WAR DIE FRONTLINIE DES KALTEN KRIEGES
Was heute ebenfalls fast immer unterschlagen wird: Die Teilung Deutschlands entstand nicht einfach aus irgendeiner Laune der Geschichte heraus.
Nach 1945 stand die Sowjetunion vor einer einfachen sicherheitspolitischen Frage:
Wie verhindert man, dass Deutschland jemals wieder als Aufmarschgebiet gegen den Osten genutzt wird?
Die Sowjetunion hatte rund 27 Millionen Tote verloren. Der überwiegende Teil übrigens Kinder, Frauen, Alte. Der Krieg hatte ganze Regionen ausgelöscht. Aus sowjetischer Sicht war die Angst vor einem erneuten Angriff aus dem Westen keine Paranoia, sondern historische Erfahrung.
Und genau deshalb sind die sogenannten "Stalin-Noten" von 1952 historisch so interessant.
Die Sowjetunion bot damals eine Wiedervereinigung Deutschlands an — unter einer zentralen Bedingung:
Deutschland sollte neutral und blockfrei sein. Also weder NATO-Mitglied noch Teil des späteren Warschauer Vertrags.
Heute wird oft so getan, als hätte Moskau Deutschland grundsätzlich teilen wollen. Tatsächlich war die sowjetische Führung offiziell bereit, ein vereintes Deutschland zu akzeptieren — solange es militärisch neutral, also blockfrei blieb. Dass das nicht unrealistisch war, zeigt die Geschichte Österreichs: Immerhin bis 1945 ein elementarer Teil des "3. Reichs", entschied sich Österreich nach 1945 für Blockfreiheit und Neutralität.
Abgelehnt wurde das Angebot zur schnellen deutschen Vereinigung und Neutralität vor allem von der Regierung von Konrad Adenauer, die die feste Westbindung und Einbindung der Bundesrepublik in ein anti-sowjetisches Bündnis priorisierte.
Danach war die Entwicklung praktisch vorgegeben: Mit der NATO-Integration der Bundesrepublik verschob sich die militärische Hauptfront des Kalten Krieges mitten nach Deutschland.
Und genau deshalb greift der Begriff "innerdeutsche Grenze" historisch viel zu kurz. Diese Grenze war eben nicht einfach nur die Grenze zwischen zwei deutschen Staaten. Sie war die direkte Frontlinie zwischen NATO und Warschauer Vertrag. Zwischen zwei atomar bewaffneten, hochgerüsteten Militärsystemen, die sich offiziell als Gegner betrachteten und sich jahrzehntelang auf einen möglichen Krieg vorbereiteten. Wer die Geschichte dieser Grenze nur auf Fluchtgeschichten reduziert, blendet die eigentliche geopolitische Realität aus:
Zwischen den beiden deutschen Staaten standen sich die beiden größten Machtblöcke der Erde unmittelbar gegenüber.
Egon Krenz, ehemaliger Staatsratsvorsitzender der DDR, fasste die Situation auch Jahrzehnte später authentisch und selbstkritisch zusammen:
"Ich weiß bis heute nicht, wie man diese Grenze anders hätte gestalten können, und wie wir als DDR-Führung damit anders umgehen hätten sollen."
Das ist für jeden, der sich aufrichtig und kritisch mit diesem Abschnitt der deutschen Geschichte auseinandersetzt, eine völlig nachvollziehbare Aussage.
Und genau aus dieser explosiven Situation entstand Anfang der 1980er Jahre die größte Angst vieler Menschen in Ost und West: dass Deutschland erneut zum Schlachtfeld wird. Diesmal atomar und damit zum letzten Mal.
Abbildung: So sah es in den Straßen der DDR häufig aus, besonders rund um den Republikgeburtstag am 7. Oktober. Die Forderung nach Frieden war allgegenwärtig.
Vielen Kindern war damals gar nicht bewusst, warum dieses Thema eine so zentrale Rolle spielte. Wir lebten schließlich im Frieden. Erst später, mit zunehmendem Alter und mehr historischem Verständnis, wurde vielen klar, warum diese Generation so dachte.
Die Menschen, die solche Transparente gestalteten und aufhängten, hatten oft selbst Krieg, Zerstörung und Verlust erlebt. Ihre Botschaft war eindeutig: Frieden ist nichts Selbstverständliches. Er muss bewahrt und verteidigt werden.
EUROPA AM RAND DER VERNICHTUNG
Ende der 1970er und Anfang der 1980er spitzte sich die Lage dramatisch zu. Die Sowjetunion stationierte in der DDR neue SS-20-Mittelstreckenraketen. Die NATO reagierte 1979 mit dem NATO-Doppelbeschluss und plante die Stationierung amerikanischer Pershing-II-Raketen und Cruise Missiles in Westeuropa — insbesondere in der Bundesrepublik.
Damit wurde Deutschland erneut zum möglichen Schlachtfeld der Großmächte.
Die Flugzeiten der Raketen lagen teilweise bei wenigen Minuten. Viele Militärstrategen gingen damals offen davon aus, dass ein Atomkrieg zuerst in Europa stattfinden würde — und zwar mitten in Deutschland. Nicht in Washington. Nicht in Moskau. In Deutschland.
Millionen Menschen hatten Angst vor einem atomaren Krieg. Und diese Angst war absolut real. Auch in der Bundesrepublik gingen Hunderttausende auf die Straße. Friedensbewegungen entstanden überall. Menschenketten, Ostermärsche und Großdemonstrationen prägten die frühen 1980er Jahre. Vor allem jedoch in der DDR spielte das Thema Frieden eine enorme Rolle.
Und genau hier wird es historisch interessant: Denn während heute oft so getan wird, als hätte Friedensbewegung ausschließlich im Westen existiert, wurde auch in der DDR massiv über Abrüstung gesprochen. Staatlich forciert, aber auch in bürgerlichen Initiativen.
Slogans wie "Schwerter zu Pflugscharen", "Nie wieder Krieg" oder "Frieden schaffen ohne Waffen" prägten eine ganze Generation.
Ja, die DDR-Führung stand unabhängigen politischen Gruppen oft skeptisch gegenüber. Das lag jedoch nicht primär daran, dass sich Menschen für Frieden engagierten, sondern grundsätzlich daran, dass autonom organisierte politische Strukturen außerhalb staatlicher Kontrolle kritisch betrachtet wurden.
Und auch das gehört zur (heute oft unterschlagenen) historischen Wahrheit: Derartige Spannungen zwischen Staat und außerparlamentarischen Bewegungen existierten keineswegs nur in der DDR. Auch in der Bundesrepublik wurden zahlreiche politische Gruppen, insbesondere linke, kommunistische oder systemkritische Organisationen, jahrzehntelang überwacht, verboten oder politisch bekämpft. Berufsverbote, Überwachung oppositioneller Gruppen und massive staatliche Eingriffe gegen politische Bewegungen gehörten auch zur Geschichte der BRD.
Genau dieser Kontext wird heute oft ausgeblendet, um die Geschichte möglichst simpel zu erzählen: hier die freie Demokratie, dort der autoritäre Staat. Tatsächlich war die Realität des Kalten Krieges deutlich komplizierter. Und trotzdem bleibt ein entscheidender Unterschied bestehen:
Frieden war in der DDR kein Randthema. Er war zentraler Bestandteil staatlicher Identität.
Der Gedanke "Nie wieder Krieg" durchzog Schule, Kultur, Jugendorganisationen, Außenpolitik und große Teile des gesellschaftlichen Selbstverständnisses der DDR wie ein roter Faden. Nicht zufällig, sondern als direkte Folge der Erfahrungen einer Generation, die Krieg, Faschismus und Vernichtung selbst erlebt hatte.

Abbildung: Die westdeutsche Presse nannte es — mangels besserer Vergleichsmöglichkeiten — das "Woodstock des Ostens". Die Weltfestspiele 1973 in Berlin gelten bis heute als legendär, besonders bei denjenigen, die selbst dabei waren.
Zehntausende Jugendliche und hunderttausende Besucher aus aller Welt, darunter auch viele aus westlichen Ländern, kamen friedlich in Berlin zusammen: zum Feiern, Diskutieren, Musizieren, Theater spielen und zum kulturellen Austausch.
Und wie so viele Großveranstaltungen der DDR standen auch die Weltfestspiele unter einer großen gemeinsamen Überschrift: Frieden.
🚀 DIE NATO ESKALIERT: 1983 KOMMEN NEUE ATOMRAKETEN NACH DEUTSCHLAND
Während die Sowjetunion ihre SS-20-Raketen auf eigenem Staatsgebiet stationierte (ähnlich wie die USA ja auch). begann die tatsächliche atomare Nachrüstung auf deutschem Boden zuerst durch die NATO und die USA.
Ab Ende 1983 wurden amerikanische Pershing-II-Raketen in der BRD stationiert. Erst danach reagierte die Sowjetunion mit der Stationierung nuklearfähiger SS-12-Raketensysteme in der DDR ab 1984.
Die NATO machte Deutschland damit ganz bewusst zum möglichen atomaren Erstschlags- und Gegenschlagsziel mitten in Europa — mit voller Zustimmung der damaligen Bundesregierung. Millionen Deutsche sollten im Ernstfall als geopolitischer Puffer zwischen den Machtblöcken dienen. Genau vor dieser Eskalation warnten große Teile der Friedensbewegung sowie vor allem die DDR-Führung jahrelang.

Abbildung: Heute leider undenkbar. Trotz Verbots nehmen Soldaten der Bundeswehr in Uniform am 22.10.1983 an einer Großkundgebung im Bonner Hofgarten teil und demonstrieren mit einem Transparent und einer Pershing-II-Attrappe gegen die NATO-Hochrüstung. Einen Monat später billigte der Bundestag mit knapper Mehrheit die Stationierung von atomaren US-Mittelstreckenraketen in der BRD.
WIE DDR-INITIATIVEN DIE RAKETENFRAGE VERÄNDERTEN
Bereits 1981 traf Erich Honecker den damaligen westdeutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt in Güstrow.
Offiziell ging es um deutsch-deutsche Beziehungen, wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entspannungspolitik. Tatsächlich stand aber ein Thema über allem: die atomare Eskalation in Europa.
Denn genau zu diesem Zeitpunkt verschärfte sich die Raketenkrise dramatisch. Die NATO bereitete die Stationierung neuer Raketen vor, die Sowjetunion reagierte ebenfalls militärisch, und Deutschland drohte erneut zum möglichen Schlachtfeld eines Weltkriegs zu werden.
Honecker begann spätestens zu diesem Zeitpunkt immer deutlicher, auf direkte deutsch-deutsche Gespräche zur Friedensfrage zu setzen.
1983 eskalierte die Lage weiter. Die Bundesregierung unter Helmut Kohl stimmte der Stationierung amerikanischer Pershing-II-Raketen in Westdeutschland zu. Millionen Menschen protestierten dagegen. Und genau in dieser Phase intensivierte Honecker initiativ seine Bemühungen um direkten politischen Kontakt mit Bonn — gegen erhebliche Widerstände aus Moskau.
Die sowjetische Führung betrachtete die DDR außenpolitisch nicht als völlig eigenständigen Akteur. Direkte politische Initiativen zwischen Ost-Berlin und Bonn wurden deshalb mit großem Misstrauen beobachtet. Trotzdem hielt Honecker an seinem Kurs fest.
1984 reiste er nach Moskau und führte Gespräche mit Konstantin Tschernenko. Dabei wurde immer deutlicher, dass Honecker stärker auf Entspannung und deutsch-deutschen Dialog setzen wollte, während Moskau härter auf Konfrontation mit der NATO orientierte.
Nach Aussagen von Egon Krenz gab es mehrere Anläufe für einen offiziellen Besuch Honeckers in der Bundesrepublik. Die sowjetische Führung blockierte diese Reise jedoch jahrelang. Denn aus Moskauer Sicht bestand die Gefahr, dass die DDR einen zu eigenständigen politischen Kurs entwickelt. Trotzdem setzte Honecker seinen Weg fort. Und das ohne Einwilligung und Absprache mit Moskau.
Im September 1987 kam es schließlich zum historischen Besuch in der Bundesrepublik. Honecker traf unter anderem Bundeskanzler Helmut Kohl in Bonn. Besprochen wurden wirtschaftliche Fragen, Reiseerleichterungen, deutsch-deutsche Beziehungen — aber eben auch die Sicherheitslage in Europa und die atomare Bedrohung Deutschlands.
Honecker betonte im Rahmen des Treffens auch mehrfach öffentlich, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen dürfe.
Und genau dieser Gedanke zog sich wie ein roter Faden durch den gesamten Besuch.
Abbildung: 1981 besucht BRD-Bundeskanzler Helmut Schmidt die DDR und trifft Erich Honecker am Werbellinsee. Im Mittelpunkt der Gespräche standen neben innerdeutschen Themen wie Handel, Mindestumtausch, Fragen der Staatsbürgerschaft und administrativen Regelungen vor allem die Spannungen der internationalen Aufrüstungspolitik.
Ein Thema dominierte dabei alles andere: die Stationierung und Raketenrüstung auf deutschem Boden. Beide deutschen Staaten befanden sich mitten im Kalten Krieg — und viele Menschen auf beiden Seiten hatten die reale Sorge, dass Deutschland im Ernstfall erneut zum Schauplatz eines großen militärischen Konflikts werden könnte.
Als sich Helmut Schmidt und Erich Honecker gegenübersaßen, trafen nicht einfach nur zwei deutsche Politiker aufeinander. Dort saßen zwei ältere Männer, die beide wussten, was Krieg bedeutet. Helmut Schmidt diente bis 1945 als Offizier der Wehrmacht. Erich Honecker hingegen verbrachte die Zeit des Nationalsozialismus als politisch Verfolgter im Zuchthaus der Nazis. Vielleicht erklärt genau das, warum die Angst vor einem neuen Krieg und insbesondere vor atomarer Eskalation für diese Generation keine abstrakte Theorie war, sondern bitterer Ernst.
Im Schlusskommuniqué betonten Schmidt und Honecker den Willen beider Staaten, "im Interesse von Frieden und Sicherheit in Europa und zum Wohle der Menschen in beiden deutschen Staaten die Bemühungen um gutnachbarliche Beziehungen stetig fortzuführen". (Bildquelle und -Rechte: imago)

Abbildung: Bundeskanzler Helmut Schmidt (l.) und Erich Honecker, Erster Sekretär des ZK der SED der DDR, bei der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte. Die KSZE bildete später die Grundlage für alle Abrüstungsverhandlungen der 1980er Jahre – etwa zu Mittelstreckenraketen und militärischer Vertrauensbildung. In einer Zeit, in der Europa voller Atomraketen, NATO-Manöver und gegenseitiger Bedrohungsszenarien war, galt das als wichtiger Schritt zur Verringerung eines möglichen Atomkriegs auf deutschem Boden.
Im August 1975 unterzeichneten 35 Staaten – sieben Staaten des Warschauer Vertages, 13 neutrale Länder und 15 Mitgliedsstaaten der NATO – die Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki. Für viele Menschen war dies einer der wichtigsten diplomatischen Schritte des Kalten Krieges hin zu Entspannung, friedlicher Koexistenz und einer Verringerung der atomaren Eskalationsgefahr in Europa.
Die KSZE-Schlussakte von Helsinki war das Ergebnis jahrelanger Verhandlungen zwischen Ost und West. Gerade die DDR und die Sowjetunion, hatten seit den 1960er Jahren immer wieder eine gesamteuropäische Sicherheitskonferenz gefordert.
🤝 HELSINKI, MOSKAU UND DIE DEUTSCHE GENERATION DES KRIEGES
Ein oft vergessener Teil dieser Geschichte beginnt bereits deutlich vor der eigentlichen Raketenkrise — nämlich mit der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, der sogenannten KSZE, deren Schlussakte 1975 in Helsinki unterzeichnet wurde.
Diese Konferenz war eines der wichtigsten Entspannungsprojekte des Kalten Krieges. Zum ersten Mal saßen die politischen Führungen der beiden Machtblöcke gemeinsam an einem Tisch und verhandelten offen über Sicherheit, Grenzen, Zusammenarbeit und Frieden in Europa.
Für die DDR war diese Konferenz von enormer Bedeutung. Die Führung in Ost-Berlin verstand sie nicht nur als diplomatischen Erfolg, sondern als Bestätigung eines Grundgedankens, der die DDR seit ihrer Gründung geprägt hatte: dass Frieden in Europa nur durch Verständigung und gegenseitige Sicherheitsgarantien möglich sei.
Und genau aus diesem Geist heraus entwickelten sich später auch die deutsch-deutschen Gespräche zwischen Erich Honecker und westdeutschen Politikern.
Besonders bemerkenswert ist dabei eine Episode, über die Egon Krenz später mehrfach sprach.
Demnach sollen sich Helmut Kohl und Erich Honecker bei einem Treffen in Moskau 1984 längere Zeit persönlich über ihre Kriegserlebnisse unterhalten haben.
Zwei deutsche Politiker, die politisch auf völlig unterschiedlichen Seiten standen — der eine konservativer Bundeskanzler der BRD, der andere sozialistisches Staatsoberhaupt der DDR — saßen zusammen und sprachen über Krieg, Zerstörung und die Erfahrungen ihrer Generation.
Und genau dieser Punkt ist historisch wahrscheinlich viel wichtiger, als viele heute begreifen.
Denn beide gehörten noch zu jener Generation, die den Zweiten Weltkrieg nicht aus Büchern kannte, sondern aus eigener Erfahrung. Laut Krenz soll Honecker dabei noch einmal mit großer Eindringlichkeit gesagt haben: Von deutschem Boden dürfe nie wieder Krieg ausgehen.
Dieser Satz war keine Floskel. Er war gewissermaßen der politische Kern jener Generation, die Deutschland nach 1945 geprägt hatte — im Osten wie im Westen.
Und vielleicht liegt genau darin eine der bittersten historischen Ironien unserer Zeit:
Dass ausgerechnet jene Generation, die Krieg, Bombennächte und Vernichtung selbst erlebt hatte, heute oft als rückständig oder ideologisch dargestellt wird, während politische Eliten, die Krieg nur noch aus Strategiespielen, NATO-Papieren oder Fernsehdokumentationen kennen, wieder offen über Aufrüstung, Kriegstüchtigkeit und militärische Eskalation sprechen.

Abbildung: Anlässlich der Trauerfeier für den ermordeten schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme treffen Erich Honecker und Helmut Kohl 1986 erneut in Stockholm aufeinander.
Tatsächlich näherte sich Honecker während der gesamten 1980er Jahre außenpolitisch zunehmend der BRD an — nicht nur im Kontext der deutsch-deutschen Beziehungen, sondern vor allem mit Blick auf Abrüstung und die Verhinderung einer weiteren atomaren Eskalation auf deutschem Boden.
Im Zentrum stand die Forderung, Deutschland dürfe nicht dauerhaft Aufmarschgebiet und potenzielles Schlachtfeld der Supermächte bleiben. Die Diskussion um Mittelstreckenraketen, NATO-Nachrüstung und atomare Abschreckung bestimmte diese Jahre massiv.
Dass Honecker dabei zunehmend eigenständig gegenüber Bonn agierte, sorgte auch innerhalb des Ostblocks für Spannungen. Nach dem Wahlsieg Kohls 1987 reagierte Michail Gorbatschow offenbar zunehmend skeptisch auf Honeckers direkte Kontakte zur BRD. In internen sowjetischen Einschätzungen tauchte sinngemäß die Sorge auf, man dürfe die Beziehungen zur BRD "nicht Honecker überlassen" — ein Hinweis darauf, dass Moskau wieder stärker selbst die Kontrolle über die Deutschlandpolitik übernehmen wollte. Bildquelle und -Rechte: alamy.com)
HONECKERS INITIATIVE: KEINE RAKETEN AUF DEUTSCHEM BODEN
Heute wird das kaum noch erwähnt, weil es nicht in das übliche DDR-Bild passt. Aber historisch gehört zur Wahrheit eben auch:
Erich Honecker begann Anfang der 1980er Jahre zunehmend einen fast selbständigen, eigenen politischen Kurs in der deutschen Friedensfrage zu verfolgen. Denn der DDR-Führung war völlig klar: Wenn amerikanische Pershings und sowjetische Mittelstreckenraketen in Deutschland stationiert werden, wird Deutschland im Ernstfall vernichtet.
Und genau daraus entwickelte sich eine Position, die für erhebliche Spannungen mit Moskau sorgte: Keine Raketen auf deutschem Boden. Nicht nur keine amerikanischen Pershings. Sondern langfristig überhaupt keine atomaren Mittelstreckenraketen in Deutschland.
Honecker drängte auf Gespräche mit der Bundesrepublik. Auf Entspannung. Auf Abrüstung. Auf direkte deutsch-deutsche Initiativen. Und genau das sorgte zunehmend für Konflikte mit der sowjetischen Führung, die eine zu eigenständige DDR-Außenpolitik skeptisch betrachtete.
Als Honecker schließlich 1987 offiziell Bonn besuchte, war das deshalb weit mehr als reine Symbolpolitik. Es war Teil eines politischen Kurses, der auf Entspannung, Abrüstung und eine schrittweise Entschärfung der atomaren Gefahr in Deutschland zielte.
Und genau dieser historische Zusammenhang wird heute oft verdrängt:
Die DDR war nicht nur Stationierungsgebiet sowjetischer Waffen. Ihre Führung arbeitete gleichzeitig aktiv daran, die atomare Eskalation in Deutschland wieder zurückzufahren.
Und ja — auch wenn das heute manchen nicht gefallen mag — dazu gehörte maßgeblich die Initiative Erich Honeckers.

Abbildung: Ein heute nahezu vergessenes Kapitel der Geschichte der Grünen: Die erste Generation rund um Petra Kelly trat Anfang der 1980er Jahre mit Forderungen in den Wahlkampf, die heute innerhalb der Partei kaum noch vorstellbar erscheinen: Raus aus der NATO, Abrüstung, Entspannungspolitik und ein Friedensvertrag mit den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs.
1983 reiste schließlich sogar eine Delegation der Grünen in die DDR und traf Erich Honecker. Dabei wurde symbolisch ein Friedensvertrag überreicht. Besonders bekannt wurde ein Bild dieses Treffens, auf dem Petra Kelly einen Pullover mit dem Motiv "Schwerter zu Pflugscharen" trägt — einem der bekanntesten Friedenssymbole jener Zeit.
DAS VERGESSENE ENDE DER RAKETENKRISE
Und tatsächlich geschah am Ende etwas, das heute fast unrealistisch wirkt:
Die Raketen verschwanden.
Mit dem INF-Vertrag von 1987 beschlossen die USA und die Sowjetunion sogar die vollständige Abschaffung einer ganzen Kategorie atomarer Mittelstreckenwaffen.
Pershing-II-Raketen wurden abgezogen. SS12-Raketen wurden abgezogen. SS-20 wurden verschrottet.
Tausende atomare Raketen verschwanden aus Europa. Und genau hier liegt der Punkt, über den heute kaum noch gesprochen wird: Diese Entwicklung fiel nicht einfach vom Himmel. Sie entstand auch durch politischen Druck aus Deutschland. Durch Friedensbewegungen. Durch Abrüstungsforderungen. Durch deutsch-deutsche Gespräche. Und eben vor allem auch durch die Initiativen der DDR-Führung unter Erich Honecker.
Der historische INF-Abrüstungsvertrag von 1987 wurde zwar formal zwischen den USA und der Sowjetunion geschlossen. Vorausgegangen war jedoch jahrelanger politischer Druck, insbesondere aus den beiden deutschen Staaten, die im Ernstfall zum atomaren Hauptschlachtfeld geworden wären.
Vor allem die DDR unter Erich Honecker drängte während der gesamten 1980er Jahre immer offensiver auf Entspannung, Abrüstung und die Entfernung atomarer Mittelstreckenraketen aus Mitteleuropa. Honecker suchte dafür wiederholt das direkte Gespräch mit westdeutschen Politikern und versuchte, die deutsche Frage stärker mit der Friedensfrage zu verbinden.
Auch in der BRD wuchs gleichzeitig durch Friedensbewegung, Proteste und politische Debatten der Druck auf NATO und USA. Die spätere Abrüstung fiel daher nicht vom Himmel, sondern war das Ergebnis jahrelanger gesellschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen — insbesondere auf deutschem Boden.
Natürlich entschied Honecker nicht allein über die Weltpolitik. Natürlich waren auch Reagan und Gorbatschow sowie internationale Abrüstungsverhandlungen entscheidend.
Aber ebenso historisch falsch wäre es, so zu tun, als hätte die DDR dabei keinerlei aktive Rolle gespielt. Denn faktisch setzte sich die DDR-Führung in den 1980er Jahren zunehmend dafür ein, dass Deutschland nicht dauerhaft atomarer Frontstaat bleibt.
Zur Geschichte gehört eben auch, dass die letzten sowjetischen Atomwaffen 1990 vom Gebiet der DDR und damit aus Gesamtdeutschland abgezogen wurden. Die Sowjetunion zog ihre nuklearen Systeme vollständig ab.
Die USA und die NATO dagegen beließen ihre Atomwaffen bis heute auf dem Gebiet der BRD. Noch immer lagern etliche amerikanische B61-Atombomben in Deutschland, eingebunden in die sogenannte "nukleare Teilhabe" der NATO.
Und genau hier beginnt die berechtigte Frage: Wozu eigentlich?
Gegen wen richten sich diese Waffen heute noch? Wer soll damit abgeschreckt werden? Und warum akzeptiert ein souveräner Staat auch 35 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges weiterhin fremde Atomwaffen auf eigenem Boden?
Denn eines ist ebenfalls Fakt: Im Ernstfall wäre Deutschland damit erneut eines der ersten Ziele eines atomaren Gegenschlags. Genau das kritisierten Friedensbewegungen schon in den 1980er Jahren massiv. Abrüstung endete offenbar nur auf einer Seite.
23 Kommentare
Es hat nach dem Rückzug der Soejetarmee aus der DDR nach 1990 soviel größere und kleinere territoriale begrenzte Konflikte gegeben wie es in den vorangegangenen Jahrhunderten nicht gab.
Tja, wie BAP und Udo Lindenberg in Ostberlin sagten, wir wollen gar keine Raketen, weder in Ost und West.
Das ist eine sehr informative Beschreibung all der Ursachen für die heutige pol.Lage. Wir sind in der DDR antifaschistische geprägt worden ,das kann ich bestätigen und die BRD nennt es Zwangs -anti-Faschismus und deshalb gedeiht jetzt die AFD so im Osten. Eine Friedensbewegung ist notwendig,selbst die haben sie entzweit .