Das Märchen von der wertlosen DDR-Mark: Spott statt reale Kaufkraft

Das Märchen von der wertlosen DDR-Mark: Spott statt reale Kaufkraft

Die DDR-Mark ist bis heute ein Spottobjekt. Aluminium, Blech, "wertloses Ostgeld". In westdeutschen Rückblicken genügt oft schon ein Foto alter Münzen, um Gelächter bei der (historisch und politisch oft nur semigebildeten) Zielgruppe auszulösen. Die Währung der DDR gilt als Sinnbild eines (angeblich) gescheiterten Systems – billig, minderwertig, künstlich am Leben gehalten.

Und immer dann, wenn jemand darauf hinweist, dass Miete, Brot, Strom oder Nahverkehr in der DDR extrem günstig waren, folgt zuverlässig derselbe Einwand: Ja, die Preise seien niedrig gewesen, aber die Löhne eben auch. Außerdem habe man ohnehin nichts bekommen.


Diese Argumentation wirkt (nur) auf den ersten Blick schlüssig. Bei genauer Betrachtung hält sie jedoch nicht stand. Sie funktioniert nur, solange nicht gerechnet wird, historische Fakten ausgeblendet bleiben und zentrale Zusammenhänge ignoriert werden.

Ihr Fundament ist weniger Analyse als Auslassung: relevante Daten fehlen, unbequeme Fakten werden übergangen, Desinteresse ersetzt Prüfung.

Sobald man die Zahlen heranzieht und den historischen Kontext berücksichtigt, fällt das Konstrukt in sich zusammen. Mehr noch – es zeigt sich, wie fragil manche Weltbilder sind. Und genau darin liegt vermutlich das eigentliche Problem:


Weltbilder könnten, sobald man sich mit Fakten auseinandersetzt, durchaus Schaden nehmen. Und wo kämen wir denn dahin, wenn wir das zuließen...






Abbildung: Wie eine andere Form der Währung gegenüber dem FIAT-Geld der BRD, waren auch viele DDR-Innenstädte eine bewusst gegensätzlich konzipierte Vision: Die Prager Straße in Dresden ist heute (ebenso wie dir Mark der DDR) so nicht mehr existent). Die Neugestaltung der Prager Straße ab 1965 in Dresden war ein herausragendes städtebauliches und architektonisches Meisterwerk der DDR-Moderne. Hier entstand eine offene, freundliche und präzise durchkomponierte moderne Stadtlandschaft. Und übrigens: die erste reine Fußgängerzone der DDR. Dort schlenderte man, flanierte, kaufte ein, traf sich, schlürfte Kaffee: sicher, günstig, sauber und einladend. Die Kaufkraft der DDR-Mark machte es möglich.

Der Vollständigkeit halber muss auch folgender Fakt erwähnt werden: Die Prager Straße gilt heute als Kriminalitäts-Schwerpunkt, der von vielen Dresdnern bewusst gemieden wird (siehe Kommentare unter unserem Facebook-Post).




🔄 Währungs-Wechselkurse – ein Scheinargument

Wenn heute über den "Wert" der Mark der DDR gesprochen wird, landet man fast zwangsläufig bei absurden Umrechnungskursen. Der eine erzählt etwas von 1:5, der nächste von 1:10. Dann kommt der Hinweis auf angebliche Schwarzmarktpreise, als wären diese repräsentativ für den Alltag. Schließlich wird noch der Kurs der Währungsunion bemüht – der wiederum nur für Sparguthaben bis zu einer bestimmten Grenze galt und darüber völlig anders ausfiel.

All das wird gern durcheinandergeworfen, als ließe sich daraus irgendetwas Sinnvolles ableiten. Tut es nicht. Diese Umrechnungskurse waren politisch, administrativ oder situativ gesetzt – sie hatten keine ökonomische Grundlage und schon gar nichts mit realer Kaufkraft zu tun.


Der entscheidende Punkt ist: Keine Währung wird in ihrem eigenen Alltag über Wechselkurse definiert.

Die Mark der DDR war eine Binnenwährung. Ihr Wert bestand nicht darin, was sie auf irgendeinem Markt "wert gewesen wäre", sondern darin, was man mit ihr leben konnte.

Deshalb lohnt es nicht, diese Kurse im Detail zu analysieren. Sie erklären nichts, sie verzerren alles. Wer Kaufkraft verstehen will, muss auf Preise, Löhne und Lebensrealitäten schauen – nicht auf künstliche Umrechnungstabellen.


🧮 Was Kaufkraft tatsächlich bedeutet

Kaufkraft beschreibt nicht den Wechselkurs einer Währung, sondern ihre Wirkung im Alltag. Sie beantwortet eine einfache Frage:

Was kann ich mir von meinem Einkommen leisten – und wie sicher ist dieses Leben?

Der permanente Vergleich zwischen DDR-Mark und D-Mark verfehlt diesen Punkt vollständig. Die DDR-Mark war keine Weltwährung, sie war nie dafür gedacht, auf internationalen Märkten zu bestehen. Sie war eine Binnenwährung, deren Aufgabe es war, Wohnen, Ernährung, Mobilität, Bildung und Gesundheit für eine gesamte Gesellschaft zu organisieren.

Wer Kaufkraft ernsthaft bewerten will, muss das Verhältnis von Lohn, Preisen und Lebenssicherheit betrachten – nicht symbolische Umtauschkurse.





Abbildung: Gera im Frühling, 1987. Gera war in den 1980ern eine pulsierende Großstadt, es gab viele Kultur -und Sportangebote, gepflegte Grünanlagen und viele Brunnen.

Anders als es die heutige, oft verkürzte Geschichtsschreibung nahelegt, waren zahlreiche historische Altstädte der DDR bereits Mitte und Ende der 1980er-Jahre saniert, restauriert oder städtebaulich neu geordnet. Nachdem zuvor millionenfach neuer Wohnraum geschaffen worden war, richtete sich der Fokus gezielt auf die Aufwertung und Erneuerung historischer Stadtkerne. Gera gilt dabei als Paradebeispiel dieser späten DDR-Stadterneuerung: Die Innenstadt wurde planvoll umgestaltet, historische Substanz gesichert und mit zeitgenössischer Architektur verbunden – ein sichtbarer Ausdruck des Anspruchs, Modernisierung und Stadtgeschichte zusammenzudenken.

In den 1980er-Jahren erfuhr die Innenstadt von Gera eine umfassende städtebauliche Neugestaltung im Rahmen der DDR-Förderpolitik. Die Um- und Neugestaltung war 1984 im Wesentlichen abgeschlossen und trug zur Modernisierung und Profilierung der Bezirksstadt bei. Konzepte und Wettbewerbsbeiträge aus Gera fanden zudem in internationalen städtebaulichen Wettbewerben Beachtung.


💼 Löhne in der DDR – weniger spektakulär, aber stabil

Gegen Ende der 1980er-Jahre lagen die durchschnittlichen Nettolöhne in der DDR deutlich höher, als heute oft behauptet wird:

1989 bewegte sich der durchschnittliche Nettolohn im Bereich von rund 1.200 bis 1.300 Mark. Facharbeiter, qualifizierte Industriearbeiter, Ingenieure oder Meister lagen häufig darüber, während einfache Tätigkeiten darunter angesiedelt waren.

Dabei ist wichtig zu verstehen, dass Brutto und Netto in der DDR eine andere Bedeutung hatten als heute. Vom Bruttolohn wurden nur vergleichsweise geringe Beträge abgezogen. Lohnsteuer und Sozialabgaben waren sehr niedrig, viele Leistungen bereits kollektiv organisiert und nicht individuell zu finanzieren. In der Praxis bedeutete das: Ein sehr großer Teil des Bruttolohns kam tatsächlich als Nettolohn an.

Typischerweise lagen die gesamten Abzüge – je nach Familienstand und Einkommen – oft nur im Bereich von etwa 10 bis 15 Prozent. Krankenversicherung, Rentenansprüche, Bildungs- und Gesundheitsleistungen waren damit bereits abgedeckt. Zusätzliche private Vorsorge, Versicherungen oder Rücklagen für medizinische Risiken waren schlicht nicht notwendig.

Heute stellt sich die Situation grundlegend anders dar. Vom Bruttolohn werden regelmäßig 35 bis 45 Prozent einbehalten – durch Lohnsteuer, Solidaritätszuschlag, Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung. Trotz dieser hohen Abgaben sind zentrale Lebensrisiken jedoch nicht abgesichert. Private Zusatzversicherungen, Eigenvorsorge für das Alter, Zuzahlungen im Gesundheitswesen oder Rücklagen für Bildung und Pflege sind zur Regel geworden.

Und: Der entscheidende Unterschied liegt nicht nur in der Höhe der Abzüge, sondern in ihrer Wirkung. Während Abgaben in der DDR reale Sicherheit schufen, finanzieren heutige Abzüge vor allem Systeme, die zusätzliche Eigenleistungen weiterhin voraussetzen. Das formale Netto wirkt höher, die tatsächlich frei verfügbare Kaufkraft sinkt – nicht selten schleichend, aber dauerhaft.

Entscheidend ist jedoch nicht die bloße Zahl auf dem Lohnzettel, sondern der Kontext, in dem diese Löhne standen. Die Einkommensunterschiede in der DDR waren bewusst begrenzt, extreme Ausschläge nach oben oder unten gab es kaum. Arbeitslosigkeit war faktisch unbekannt, und existenzielle Risiken wie Mietschulden, Krankheitskosten oder hohe Bildungsgebühren spielten im Alltag keine Rolle.

Der größte Teil des Einkommens stand tatsächlich zur Verfügung – nicht, weil die Löhne spektakulär hoch gewesen wären, sondern weil das Leben insgesamt wenig kostete. Einkommen diente in erster Linie dem Leben selbst, nicht der Absicherung gegen Risiken, die heute als selbstverständlich gelten.





Abbildung: Original Lohnzettel eines Lehrers vom November 1989. 


📈 Die Lohnabrechnung eines Lehrers aus dem Jahr 1989

Wie unschwer zu erkennen ist, wurde die monatliche Gehaltsabrechnung der DDR-Werktätigen nicht (wie die von BRD-Arbeitnehmern heute) auf großen A4-Blättern geliefert. Das liegt auch daran, dass sie viel simpler und transparenter war als unsere heutigen Lohnzettel. Die oben abgebildete, authentische Lohnabrechnung aus dem Jahr 1989 hier noch einmal verständlich aufgeschlüsselt:

1.330 Mark Bruttogehalt

+ 126,66 Mark Zuschlag Unfallversicherung & Personenförderung / Sonderzahlungen
+ 150 Mark Kindergeld (à 75 Mark pro Kind)

-162 Mark Lohnsteuer
-60 Mark Sozialversicherung

= 1.384,66 Mark netto

(18 Mark FDGB-Beitrag wurde in bar eingesammelt)

Wenn man zu diesem Gehalt eines Ehepartners (in der DDR waren selbstverständlich meist beide Eltern berufstätig!) ein zweites addiert - und einem Haushaltseinkommen von über 2.000 Mark dann Lebenshaltungskosten wie Monatsmiete (50-80 Mark) und Bötchen für 5 Pfennig gegenüberstellt, kann man sich eine weiterführende Analyse der Lebenshaltungskosten und Kaufkraft fast sparen...




🛒 Preise und Alltag – kein Überfluss, aber Verlässlichkeit

Lebensmittel gehörten in der DDR bewusst zur Grundversorgung. Preise waren staatlich festgelegt, jahrzehntelang stabil und unabhängig von Marktschwankungen. Der Sinn dahinter war nicht Luxus, sondern Versorgungssicherheit.

Typische Preise des täglichen Lebens (DDR, ca. 1988/89):

  • Mischbrot (1 kg): 0,85 Mark
  • Brötchen: 0,05 Mark
  • Trinkmilch (1 Liter): 0,55 Mark
  • Butter (250 g): 2,50 Mark
  • Margarine (500 g): 1,20 Mark
  • Eier (Stück): 0,25 Mark
  • Schweinefleisch (1 kg): 6,50–7,00 Mark
  • Rindfleisch (1 kg): 8,50–9,50 Mark
  • Bockwurst (Stück): 0,80–1,00 Mark
  • Jagdwurst (1 kg): 5,20 Mark
  • Schnittkäse (1 kg): 6,00–7,00 Mark
  • Kartoffeln (1 kg): 0,40 Mark
  • Zucker (1 kg): 0,80 Mark
  • Weizenmehl (1 kg): 0,60 Mark
  • Nudeln (500 g): 0,50–0,70 Mark
  • Reis (1 kg): 1,20–1,50 Mark
  • Äpfel (1 kg, saisonal): 0,80–1,20 Mark
  • Weißkohl (1 kg): 0,30 Mark
  • Speiseöl (1 Liter): 2,30 Mark
  • Kaffee "Rondo" (125 g): 8,75 Mark
  • Bier (0,5 l): 0,60 Mark
  • Limonade (0,33 l): 0,30 Mark
  • Zigaretten "Karo" (Schachtel): 3,20 Mark
  • Seife (100 g): 0,35 Mark
  • Waschmittel (1 kg): 1,50–2,00 Mark
  • Zahnpasta: 0,90 Mark


🌾 Regionalität ohne Marketing – Versorgung als Realität

Eine wichtige Anmerkung, die im heutigen Rückblick fast vollständig ausgeblendet wird: Während Regionalität heute als Marketinginstrument dient und lange Transportwege für Billigprodukte aus dem Ausland zu Recht ökologisch kritisiert werden, war die DDR der einzige deutsche Staat, der sich jemals zu 100 Prozent autark mit Grundnahrungsmitteln versorgen konnte. Das ist kein Narrativ, sondern ein historischer Fakt.




 Abbildung: LPG-Gemüseernte im Raum Potsdam, Mitte der 1980er


Getreideprodukte, Kartoffeln, Gemüse, Fleisch, Milch und Eier stammten fast vollständig aus heimischer Produktion. Importabhängigkeit bei der Grundversorgung existierte nicht. Obst und Gemüse wurden regional angebaut und hatten oft nur wenige Kilometer bis zur Verkaufsstelle zurückzulegen. Saisonabhängigkeit war sichtbar, aber Versorgungssicherheit gegeben.

Diese Struktur war kein Zufall, sondern politisch gewollt. Ernährungssouveränität galt als Teil der staatlichen Sicherheit. Versorgung sollte unabhängig von Weltmärkten, Preisschwankungen und geopolitischen Abhängigkeiten funktionieren. Was heute als nachhaltiges Ideal diskutiert wird, war damals schlicht Alltag.


Dass diese Tatsache heute kaum thematisiert wird, ist bemerkenswert. Denn sie widerspricht gleich mehreren gängigen Erzählungen: vom angeblich ineffizienten System, vom permanenten Versorgungsversagen und von der vermeintlichen Überlegenheit globalisierter Lieferketten. Gerade im Rückblick auf heutige Krisen zeigt sich, wie ungewöhnlich – und wie stabil – dieses Modell tatsächlich war.

Regionalität war in der DDR kein Label. Sie war Voraussetzung.





Abbildung: Im Raum Potsdam-Werder befand sich mit 10.000 Hektar das größte bewirtschaftete Obst- und Gemüseanbaugebiet der DDR (Foto von Mitte der 1980er)



Diese Preise waren keine Lockangebote, sondern Dauerzustand. Viele galten über Jahrzehnte nahezu unverändert. Inflation spielte im Alltag keine Rolle. Der monatliche Grundbedarf war planbar, kalkulierbar und unabhängig von äußeren Krisen.

Noch deutlicher wird dieser Ansatz beim Wohnen:

Mieten lagen häufig zwischen 30 und 60 Mark im Monat, inklusive Nebenkosten. Wohnraum war kein Spekulationsobjekt, sondern Teil der sozialen Infrastruktur. Selbst in Städten verschlang das Wohnen nur einen sehr kleinen Teil des Einkommens – ein Umstand, der das gesamte Lebensgefühl prägte.

Auch Energie, Heizung und öffentlicher Verkehr waren so organisiert, dass sie den Haushalt nicht belasteten. Strom, Gas, Fernwärme und Nahverkehr waren feste, niedrige Posten. Nicht kostenlos – aber stabil, berechenbar und angstfrei.

Hinweis.
An dieser Stelle ist (vor allem bei westdeutschen Lesern) eine indoktrinierte Reaktion vorhersehbar, und die lautet: "Ja kein Wunder, dass die DDR pleite war!"

Wer über 35 Jahre nach der sogenannten "Wende" noch immer nicht im Besitz elementarer historischer Fakten ist, hat sich mit diesem Thema schlicht nie ernsthaft beschäftigt. Es fehlt nicht an Informationen, sondern an Interesse – und an der Bereitschaft, dafür auch nur einen Teil der eigenen Lebenszeit aufzuwenden.

Im vollen Bewusstsein, dass genau dies auch jetzt kaum zu erwarten ist, verweisen wir dennoch auf unseren ausführlichen Artikel zum Thema. Er arbeitet mit zahlreichen belegten Quellen, konkreten Zahlen und nachvollziehbaren Vergleichen – und widerlegt das bis heute gepflegte Märchen von der angeblich "Pleite-DDR“ Punkt für Punkt:

👉 Das Märchen der "Pleite-DDR": Realität und Mythos



Abbildung: Für viele Leser sicher ein Wiedersehen mit jahrelangen Begleitern – die Geldscheine der DDR



🎟️ Alltag für alle: Was Leben in der DDR wirklich kostete

Neben Ernährung und Wohnen zeigte sich die reale Kaufkraft der DDR-Mark besonders deutlich bei jenen Ausgaben, die heute oft als "freiwillig" gelten, tatsächlich aber zum normalen Leben gehören: Mobilität, Kultur, Kinderbedarf, Kleidung und gesellschaftliche Teilhabe. Auch hier galt das Prinzip der niedrigen, stabilen Preise – nicht als Ausnahme, sondern als System.

Ein Kinobesuch war kein besonderes Ereignis, sondern Alltagskultur. Als Kinder waren wir mindestens einmal pro Woche im Kino. Theater, Konzerte und Museen waren bewusst so bepreist, dass sie für Arbeiter, Familien und Rentner gleichermaßen erreichbar blieben. Gleiches galt für den öffentlichen Nahverkehr, der nicht nach Einkommen staffelte, sondern als Grunddienstleistung verstanden wurde.




Abbildung: DDR-Kaufhalle in den 1980ern. 

Anders, als es heute medial immer wieder dargestellt wird, waren die Regale im Konsum niemals leer. Diese Darstellung ist keine Zuspitzung, sie ist historische Verfälschung. Sie entsteht aus nachträglicher Dramatisierung, selektiven Bildern (übrigens gerne mal dem späten Russland entliehen, das tatsächlich unter Versorgungsschwierigkeiten in den 1980ern litt) und der bewussten Vermischung von punktuellen Engpässen mit dauerhafter Unterversorgung.

Ja, es gab zeitweise Engpässe bei bestimmten Produkten. Das ist korrekt und unstrittig. Bestimmte Waren waren nicht jederzeit verfügbar, einzelne Konsumgüter kamen unregelmäßig oder saisonal. Daraus jedoch einen permanenten Mangelzustand zu konstruieren, ist schlicht falsch.

Alle Grundnahrungsmittel waren über die gesamte Existenz der DDR hinweg gesichert. Über vierzig Jahre hinweg gab es keine Unterbrechung der Versorgung mit Brot, Mehl, Kartoffeln, Milch, Fleisch, Gemüse oder Grundfetten. Hunger, leere Grundregale oder Versorgungszusammenbrüche, wie sie aus anderen historischen Kontexten bekannt sind, existierten nicht. 


Die heutige Darstellung suggeriert oft leere DDR-Läden als Normalzustand. Tatsächlich handelte es sich bei bekannten Fotos und Erzählungen meist um:

  • kurzfristige Lieferverzögerungen
  • einzelne begehrte Produkte
  • Sonderwaren oder Importartikel
  • oder die Endphase der DDR unter massiver politischer und ökonomischer Destabilisierung (unter Einfluss der Wendezeit)
  • Diese Situationen werden rückwirkend verallgemeinert – und damit verzerrt.

Hier zeigt sich ein grundlegendes Problem der Erinnerungspolitik: Grundversorgung erzeugt keine spektakulären Bilder, Mangel schon. Also wird der Ausnahmezustand zur Regel erklärt. Dass Versorgungssicherheit über Jahrzehnte hinweg funktionierte, passt nicht in das gewünschte Narrativ – und wird deshalb ausgeblendet.

Leere Regale waren nicht der Alltag der DDR. Sie sind ein nachträglich konstruiertes Bild.




Abbildung: typisches Fußgängerzonenbild der DDR in den 1980ern. 

Entgegen heutigen Erzählungen sahen die Innenstädte unserer Städte mehrheitlich toll aus. Oft saniert, bunt, begrünt, schön und modern gestaltet. Vor allen Dingen: sicher. Sie waren Treffpunkte. Kaffee, Brause, Bratwurst konnte sich jeder leisten. 

Das Konzept entsprach dem, was westliche Städte erst ab 2000 als "verkehrsberuhigte City“" verkauften.

Fußgängerzonen waren in der DDR der 1980er weit mehr als ein paar autofreie Straßen – sie waren Ergebnis einer klaren städtebaulichen Linie. Bereits seit den 1960ern setzte die DDR systematisch auf verkehrsberuhigte Innenstädte und hatte bis 1989 über 70 größere Fußgängerbereiche geschaffen. Viele Bezirksstädte erreichten damit 20–40 % autofreie Kernbereiche, Leipzig und Dresden sogar über einen Kilometer durchgehende Fußgängerachsen. Die Prager Straße in Dresden umfasste rund 40.000 m² und gehörte Ende der 1980er zu den meistfrequentierten Einkaufsstraßen Europas.

Trotz knapper Baustoffe investierte die DDR in den 1980ern jährlich rund 150–200 Mio. Mark in ihre Innenstädte. Dresden erhielt bis 1987 rund 65 Mio. Mark für neue Beläge und Begrünung, Leipzig sanierte bis 1989 etwa 80.000 m² Pflaster und über 100 Fassaden. Auch Karl-Marx-Stadt, Halle und Magdeburg wurden modernisiert – mit Betonwerkstein, Klinker und energiesparender NARVA-Beleuchtung.





Abbildung: Mit um die 2,50 bis 3 Mark war ein Weihnachtsbaum eine recht günstige Angelegenheit für die Familie...



🎒 Kind sein in der DDR: Aufwachsen ohne Finanzstress

Besonders auffällig im DDR-Alltag war (gegenüber der BRD) die Entlastung von Familien. Schulessen, Kleidung für Kinder oder notwendige Textilien stellten keinen finanziellen Engpass dar. Kinder mussten nicht "durchgerechnet" werden, sondern waren Teil der gesellschaftlichen Planung. 

Typische Preise des täglichen Lebens (DDR, ca. 1988/89):

  • Kinokarte für Kinder: 25 Pfennige, Erwachsene ca. 1 Mark
  • Theaterkarte: 3–6 Mark
  • Konzertkarte (klassisch / populär): 3–10 Mark
  • Museumseintritt: 0,50–1,00 Mark
  • Fahrschein Bus/Straßenbahn (Einzelfahrt): 0,20–0,30 Mark
  • Monatskarte ÖPNV (Stadt): 6–10 Mark
  • Eisenbahn-Fahrkarte (100 km, 2. Klasse): ca. 6–8 Mark
  • Schulspeisung (Mittagessen): 0,55 Mark
  • Kindergartenverpflegung (pro Tag): 0,50–1,00 Mark
  • Kinderhausschuhe: 8–12 Mark
  • Kinderschuhe (Leder): 20–35 Mark
  • Jeans (DDR-Produktion): 35–50 Mark
  • Herrenhemd: 18–25 Mark
  • Damenbluse: 20–30 Mark
  • Pullover: 25–40 Mark
  • Wintermantel: 120–180 Mark
  • Bettwäsche (2-teilig): 25–40 Mark
  • Handtuch: 5–8 Mark
  • Friseurbesuch (Herren): 2,50–3,50 Mark
  • Friseurbesuch (Damen, einfach): 5–10 Mark

Diese Preise machten deutlich: gesellschaftliche Teilhabe kostete kaum Lebenszeit.

Kultur, Mobilität, Kinderbetreuung und Kleidung waren keine Luxusposten, sondern selbstverständlicher Bestandteil des Alltags. Niemand musste rechnen, ob ein Theaterbesuch "drin" war, ob das Kind neue Schuhe braucht oder ob der tägliche Weg zur Arbeit zu teuer wird.


Heute hingegen sind genau diese Bereiche zu Kostenfallen geworden. Nicht einzeln betrachtet, sondern in ihrer Summe. Was früher wenige Arbeitsstunden im Monat beanspruchte, verschlingt heute schnell ganze Tage oder Wochen an Lebenszeit.

Und genau hier zeigt sich, was Kaufkraft wirklich bedeutet – nicht auf dem Papier, sondern im gelebten Alltag.




Abbildung: die DDR war auch ein Land der Münzsammler. Und wurden auch immer wieder Sondermünzen der DDR Mark herausgegeben – so wie hier eine 10-Mark-Münze anlässlich der legendären Weltfestspiele in Berlin, 1973



Abbildung: Eines der tausenden typischen DDR-Ausflugslokale (das heute leider nicht mehr existiert). Das Terrassencafé Osterstein in Gera - Ende der 1980er. Ort und Treffpunkt ganzer Generationen. Auch, weil die Preise der gastronomischen Angebote für jeden leistbar waren.



🍽️ Gastronomie in der DDR – Alltag statt Ausnahme

Ein oft völlig unterschlagener Aspekt der realen Kaufkraft in der DDR war die Gastronomie. Essen gehen war kein Luxus und kein besonderes Ereignis, sondern selbstverständlicher Teil des Alltags. Möglich wurde das durch ein klar strukturiertes, landesweit einheitliches Preissystem.

Es gab verschiedene Preisstufen, die sich an Angebot, Ausstattung und Service orientierten – von der einfachen Gaststätte über HO-Restaurants bis hin zu gehobenen Häusern. Entscheidend war jedoch: Diese Preisstufen galten landesweit einheitlich.


Wer in Rostock, Erfurt oder Suhl ein Bier bestellte, musste keine Überraschungen fürchten. Essen gehen war kalkulierbar, überall.




Abbildung: "Schweinebraten für 2,30 Mark"! Beispiel einer staatlichen HO-Speisekarte, Anfang der 1980er



Abbildung: Abendkarte einer Konsum-Gaststätte im Herbst 1989 (und nicht vergessen, keinen Alkohol zu Pilzgerichten....)



Abbildung: Eine Speisekarte vom 6. Februar 1986 vom Haus Eichsfeld, einer damaligen HO-Gaststätte in Leinefelde. Da kostete ein Schnitzel mit Ei und Kartoffelsalat gerade 3,55 Mark (DDR-Mark). Und geschmeckt hat es auch (Convenience oder Tiefkühlschnitzel wurden in keiner DDR-Gaststätte serviert!)




Abbildung: Heute würde man sie "Snackkarte" nennen. Eine  kleine Speisekarte der gehobenen Preiskategorie (Interhotel Gera) 



Abbildung: So ging "teuer" in der DDR-Gastronomie. Eine Karte der oberen Preisstufe von 1984, Interhotel Potsdam


Typische Preise in der Gastronomie der späten 1980er-Jahre sahen etwa so aus:

  • Bier (0,5 l): 0,60–0,80 Mark
  • Bier (0,3 l): 0,40–0,50 Mark
  • Bockwurst mit Senf: 0,80–1,20 Mark
  • Bratwurst mit Brot: 1,20–1,50 Mark
  • Soljanka: 1,50–2,50 Mark
  • Gulasch mit Beilage: 3,50–5,00 Mark
  • Schnitzel mit Beilage: 4,00–6,00 Mark
  • Tasse Kaffee: 0,50–0,80 Mark
  • Kännchen Kaffee: 1,50–2,00 Mark
  • Stück Kuchen: 0,80–1,50 Mark
  • Kugel Eis: 0,20–0,30 Mark

Diese Preise bedeuteten übersetzt in Arbeits- und Lebenszeit: Essen gehen kostete wenige Minuten Arbeitszeit, nicht einen halben Tageslohn.

Entscheidend ist dabei der gesellschaftliche Kontext. Ein großer Teil des Lebens der DDR-Bürger fand bewusst außerhalb der eigenen vier Wände statt. Das war kein Zufall, sondern Ausdruck eines Systems, das auf Gemeinschaft setzte. Gemeinschaft musste gelebt werden – und dafür brauchte es Orte.




Abbildung: HO-Gaststätte 'Biesdorfer Kreuz', Berlin 1984


Und diese Orte gab es viele: Gaststätten, Ausflugslokale, Cafés, Eisdielen, Betriebsgaststätten, Kulturhäuser. In nahezu jedem Ort, oft mehrere. Treffpunkte für Senioren, Familien, Jugendliche, Kollegen, Alleinerziehende. Orte, an denen man sich traf, aß, redete, feierte, sich austauschte.

Übrigens ein weiterer gern verschwiegener Fakt: Rund die Hälfte aller gastronomischen Betriebe der DDR wurde privat geführt. Selbstständige Gastwirte waren Alltag – das Märchen von der vollständig staatlich gegängelten, "selbstständigenfeindlichen" DDR hält einer Realitätprüfung nicht stand.


Für viele Menschen bedeutete das echte Freiheit im Alltag. Alleinerziehende konnten nach der Arbeit mit dem Kind essen gehen, ohne rechnen zu müssen. Senioren trafen sich regelmäßig im Café. Freunde verabredeten sich spontan auf ein Bier. Niemand musste überlegen, ob ein Stück Kuchen "drin" ist.

Gastronomie war kein Statussymbol, sondern sozialer Raum. Nicht Konsum zur Selbstdarstellung, sondern Teilnahme am gemeinschaftlichen Leben.

Und genau darin zeigt sich erneut, was reale Kaufkraft bedeutet: nicht Auswahl auf dem Papier, sondern gelebter Alltag ohne Kostenstress.





Abbildung: In der DDR war „Essen gehen“ kein Privileg für besondere Anlässe, keine Belohnung und kein Statussymbol, sondern ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags. Gaststätten, Ausflugslokale und Cafés waren soziale Orte, die man regelmäßig nutzte – nach der Arbeit, am Wochenende, mit der Familie, mit Freunden oder einfach zwischendurch.


⏱️ Der entscheidende Maßstab: Lebenszeit

In der späten DDR entsprach eine Arbeitsstunde grob vier bis fünfeinhalb Mark. Heute liegt dieser Wert im Durchschnitt bei etwa dreizehn bis fünfzehn Euro. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein enormer Fortschritt. Doch entscheidend ist, wofür diese Stunden aufgewendet werden müssen.

Die entscheidende Frage lautet nicht, wie viel Geld jemand verdient, sondern wie viel Lebenszeit er dafür aufwenden musste, um sein Leben zu finanzieren. Arbeitszeit ist Lebenszeit. Und die ist der ehrlichste Maßstab für Kaufkraft.

Wer diesen Maßstab anlegt, verlässt sofort das bequeme Terrain von Wechselkursen, Bruttolöhnen und statistischen Mittelwerten. Er zwingt dazu, konkret zu werden:

Wie viele Stunden Arbeit waren früher nötig, um zu wohnen, zu essen, mobil zu sein, die eigenen Kinder zu versorgen oder am kulturellen Leben teilzunehmen? Wie viel vom eigenen Leben verschwand Monat für Monat in der bloßen Absicherung des Alltags? Und wie ist das im Vergleich heute?


Genau hier wird es unangenehm.
Denn diese Betrachtung zeigt, dass Kaufkraft nicht primär vom nominellen Einkommen abhängt, sondern von der Zeit, die ein Mensch opfern muss, um ein normales Leben zu führen. Und sie zeigt, dass dieser Zeitaufwand in der DDR in vielen Bereichen deutlich geringer war als heute.

Auffällig ist, dass dieser Aspekt in heutigen Debatten kaum eine Rolle spielt. Es wird über Lohnhöhen gesprochen, über Produktvielfalt, über Währungsstärke – aber selten darüber, wie viel Lebenszeit Menschen tatsächlich für ihr Leben aufbringen mussten. Als wäre genau diese Perspektive unerwünscht. Als würde sie ein Bild zeichnen, das nicht in die gängige Erzählung passt.

Denn wer in Lebenszeit rechnet, kommt zwangsläufig zu Vergleichen, die das einfache Schwarz-Weiß-Narrativ beschädigen. Er muss anerkennen, dass niedrige Preise, stabile Mieten, kostenlose Bildung und günstige Kulturangebote nicht bloß "Subventionen" waren, sondern reale Entlastung von Lebenszeit. Zeit, die nicht in Existenzsicherung floss, sondern für Familie, Freizeit, Engagement oder schlicht Ruhe zur Verfügung stand.

Dass dieser Zusammenhang heute kaum thematisiert wird, ist kein Zufall. Er verschiebt den Fokus weg von Geld und hin zu Leben. Und genau das macht ihn so brisant. Denn Kaufkraft ist am Ende keine Frage des Kontostands, sondern der Freiheit, die nach dem Bezahlen übrig bleibt. Und über diese Freiheit wird erstaunlich wenig gesprochen.




Abbildung: Die original Kindergarte aus Guben. Wir haben sie übrigens originalgetreu neu illustriert und als Poster in vielen Größen im Kosmonautshop (hier)!


🏠 Wohnen als Kipppunkt des Vergleichs

Bis heute ein ungeliebter Fakt: In der DDR reichten wenige Arbeitsstunden im Monat aus, um die Miete zu bezahlen. Der Rest des Einkommens stand für den Alltag zur Verfügung.

Heute sieht das grundlegend anders aus. Wer eine durchschnittliche Wohnung bezahlt, muss dafür sechzig, siebzig oder mehr Arbeitsstunden pro Monat aufbringen. Wohnen ist vom Nebenaspekt zum dominierenden Kostenfaktor geworden. Ein Drittel, oft sogar die Hälfte der Arbeitszeit verschwindet allein in der Sicherung eines Dachs über dem Kopf. Mieten in der DDR kosteten nie mehr als ca. 6% des Einkommens. Heute sind das oft über 50%.

Dieser Unterschied ist kein Detail. Er ist der Kern des Kaufkraftproblems.


🏫 Unsichtbare Kaufkraft: öffentliche Leistungen

Ein zentraler Faktor wird in Kaufkraftdebatten regelmäßig ausgeblendet: öffentliche Leistungen. In der DDR verursachten Kinderbetreuung, Schule, Studium, medizinische Versorgung oder kulturelle Angebote kaum direkte Kosten. Sie mussten nicht durch zusätzliche Arbeitszeit "erwirtschaftet" werden.

Heute sind diese Bereiche zwar weiterhin (wenn auch viel weniger) vorhanden, aber oft mit indirekten oder direkten Kosten verbunden. Wer sie absichern will, zahlt – mit Geld oder mit zusätzlicher Lebenszeit.





Abbildung: Die EVP-Liste des Fleischkombinats Bautzen



📊 Die nüchterne Bilanz

Rechnet man all diese Faktoren zusammen, zeigt sich ein paradoxes Ergebnis:

Trotz höherer Einkommen bleibt heute viel weniger frei verfügbare Lebenszeit übrig als in der späten DDR. Nicht, weil das Leben damals luxuriöser war, sondern weil es weniger Arbeitszeit verschlang, um grundlegende Sicherheit zu gewährleisten.


🛒 Der Mythos vom "Nicht-Bekommen"

Oft wird dieser Befund mit dem Hinweis auf den sogenannten Mangel relativiert. Doch auch hier lohnt Differenzierung. Nicht alles war sofort verfügbar, das ist unbestreitbar. Aber nicht verfügbar heißt nicht nicht existent. Der Alltag war nicht von Konsumüberfluss geprägt, sondern von Bedarf.

Der Westen ersetzte diese Logik später durch Kredit, Verschuldung und individuellen Druck. Verfügbarkeit wurde erkauft – häufig um den Preis langfristiger Unsicherheit.

Viele der bis heute kursierenden Urteile über den DDR-Alltag speisen sich aus oberflächlichen Phrasen, in die entscheidende Fakten niemals Eingang gefunden haben. Sie funktionieren als Schlagworte, nicht als Beschreibung realer Lebensverhältnisse. Besonders deutlich wird das am immer wieder bemühten Thema "Mangel" – vor allem bei Konsum und Lebensmitteln.

So ist die bekannte "Geschichte der Banane" richtig: Sie war in der DDR zeitweise knapp und nicht jederzeit verfügbar. Was dabei jedoch regelmäßig unterschlagen wird, ist der Kontext. Südfrüchte waren auch in der Bundesrepublik bis weit in die 1980er-Jahre hinein keineswegs Normalität. Orangen, Mandarinen oder Pfirsiche gehörten in beiden deutschen Staaten zum saisonalen Angebot, exotische Früchte wie Mangos, Kiwis oder Papayas hingegen nicht. Sie fanden erst gegen Ende der 1980er-Jahre langsam ihren Weg in westdeutsche Supermärkte – und galten auch dort lange als teurer Luxus. 


Die heutige rückprojizierte Vorstellung eines permanenten tropischen Überflusses in BRD-Supermärkten ist historisch schlicht falsch.


Ein ähnlicher Mechanismus greift bei sogenannten Luxusgütern. Ja, bestimmte Produkte waren in der DDR teuer: hochwertige Elektrogeräte, Unterhaltungselektronik, moderne Technik. Das lag jedoch nicht an Unfähigkeit oder Rückständigkeit, sondern an politischer Prioritätensetzung. Die Versorgung mit dem, was ein Mensch tatsächlich braucht – Wohnen, Ernährung, Bildung, Gesundheit, Mobilität, Kultur – hatte Vorrang. Dinge wie der neueste Farbfernseher, das aktuellste Telefonmodell oder ständig wechselnde Gerätegenerationen spielten im System keine zentrale Rolle. Sie waren nicht Ziel, sondern Beiwerk.

Dabei wird ein weiterer Aspekt fast vollständig ausgeblendet: die Qualität dieser Produkte. Gerade viele in der DDR hergestellte Elektrogeräte zeichneten sich durch eine Robustheit aus, die aus heutiger Sicht fast anachronistisch wirkt. Fernseher, Radios, Haushaltsgeräte funktionieren nicht selten noch nach vierzig oder fünfzig Jahren. Sie widersprechen damit direkt dem Prinzip der geplanten Obsoleszenz, auf dem der moderne kapitalistische Konsum maßgeblich beruht – kurze Lebensdauer, schneller Ersatz, permanenter Neukauf.

 

Ironischerweise beruhte ein erheblicher Teil des westdeutschen Konsums genau auf dieser Qualität. Die DDR war keineswegs ein abgeschotteter Produzent für den Eigenbedarf, sondern eine zentrale Werkbank für den Westen. Über 8.000 Produkte und Marken wurden in der DDR gefertigt und über westdeutsche Handelsketten verkauft – oft ohne Kenntnis der Käufer. Ganze Versandhauskataloge von Quelle oder Neckermann basierten auf DDR-Produktion. Kleidung, Haushaltswaren, Elektrogeräte – millionenfach gekauft in der Bundesrepublik, meist ohne zu wissen, woher sie tatsächlich stammten.

 

Dass all diese Zusammenhänge in der heutigen Debatte kaum auftauchen, ist bemerkenswert. Denn sie relativieren einfache Erzählungen vom angeblich "minderwertigen" Osten und stellen unbequeme Fragen: nach Prioritäten, nach Qualität, nach Nachhaltigkeit – und nach der Frage, ob ein System, das Bedürfnisse absichert statt Begehrlichkeiten zu produzieren, wirklich so rückständig war, wie man es bis heute gerne behauptet.

Gerade diese Fragen finden selten Eingang in die gängigen Kurzformeln. Vielleicht, weil sie mehr erklären würden, als manchen lieb ist...




Abbildung: Im Nähmaschinenwerk Wittenberge (Foto von Ende der 1980er)

Das VEB Nähmaschinenwerk Wittenberge ist ein gutes Beispiel dafür, wie leistungsfähig und konkurrenzfähig die Industrie der DDR war. Unter der Marke VERITAS produzierte das Werk Nähmaschinen, die nicht nur den Bedarf im eigenen Land deckten, sondern auch erfolgreich in westliche Länder exportiert wurden – darunter die BRD, mehrere Staaten Westeuropas und vereinzelt sogar die USA.

Dass diese Maschinen im kapitalistischen Ausland Absatz fanden, war kein Zufall. VERITAS stand für solide Konstruktion, Langlebigkeit und Reparaturfreundlichkeit – Eigenschaften, die heute wieder als Qualitätsmerkmale gelten, damals aber bereits industrieller Standard in Wittenberge waren. Im Westen wurden die Geräte häufig als preiswerte, aber technisch zuverlässige Alternative zu bekannten Marken angeboten und konnten sich im Alltag vieler Haushalte bewähren.

Der Export nach Westdeutschland und in andere kapitalistische Märkte zeigt, dass die DDR keineswegs nur für den Eigenbedarf produzierte, sondern technologisch konkurrenzfähige Industrieerzeugnisse auf den Weltmarkt brachte. Das Nähmaschinenwerk Wittenberge war damit nicht nur ein regionaler Großbetrieb, sondern ein Aushängeschild sozialistischer Industriepolitik: praxisnah, qualitätsorientiert und international anschlussfähig. Komischerweise wurde ab 1990 (bei deren Abwicklung) über all diese DDR-Betriebe plötzlich proklamiert, sie seien "nicht konkurrenzfähig" gewesen... 





💱 1990: Der eigentliche Kaufkraftbruch

Der eigentliche Kaufkraftverlust kam nicht mit der DDR-Mark, sondern mit ihrem abrupten, politisch erzwungenen Ende. Die sogenannte Währungsunion war kein sanfter Übergang, sondern ein ökonomischer Schock. Innerhalb weniger Monate wurde ein funktionierendes Preis-Lohn-System zerstört – und damit die materielle Grundlage des Lebens von Millionen Menschen.

Mit der Einführung der D-Mark schossen die Preise in die Höhe. Mieten, Dienstleistungen und Konsumgüter orientierten sich schlagartig am westdeutschen Niveau. Die Löhne taten es nicht. Sie blieben zurück, wurden gedrückt, neu bewertet oder ganz gestrichen. Was vorher kalkulierbar war, wurde über Nacht unbezahlbar. Kaufkraft verschwand nicht schleichend – sie wurde abgeschnitten.


Besonders verheerend traf es die Ersparnisse:

Hunderttausende, faktisch Millionen Menschen im Osten verloren innerhalb kürzester Zeit den realen Wert dessen, was sie über Jahrzehnte angespart hatten. Geld, das aus Verzicht, Sparsamkeit und Lebensdisziplin entstanden war, wurde entwertet, ohne dass es dafür einen Ausgleich gab. Der formale Umtausch kaschierte nur, dass sich die reale Kaufkraft dieses Geldes dramatisch verschlechterte.


Gleichzeitig explodierten die Fixkosten. Wohnen, Energie, Mobilität, Versicherungen – all das, was zuvor einen kleinen Teil des Einkommens beansprucht hatte, fraß plötzlich den größten Anteil auf. Lebenszeit, die früher frei war, wurde vollständig von Existenzsicherung verschlungen. Für viele begann hier erstmals etwas, das sie zuvor nicht kannten: dauerhafte finanzielle Angst.

Der Einschnitt war jedoch nicht nur monetär:

Rund ein Drittel der Ostdeutschen verlor in den Jahren nach 1990 seinen Arbeitsplatz. Ganze Industrien wurden abgewickelt, Berufe entwertet, Qualifikationen für wertlos erklärt. Lebensläufe brachen ab. Biografien wurden gelöscht. Einkommen wurde unsicher, Perspektiven verschwanden. Kaufkraft ohne Arbeitsplatz ist bedeutungslos – und genau diese Grundlage wurde massenhaft zerstört.


Hinzu kam der Verlust sozialer Sicherheit. Das Versprechen lebenslanger Arbeit, planbarer Zukunft und stabiler Verhältnisse wurde ersetzt durch Konkurrenz, Abstiegsangst und permanente Bewährung. Für Millionen Menschen bedeutete 1990 keinen Aufstieg, sondern einen tiefen sozialen Sturz.

Dass dieser Prozess bis heute oft als "Wohlstandsgewinn" verkauft wird, ist Teil der historischen Verklärung:

Denn Kaufkraft misst sich nicht an vollen Regalen oder bunten Werbeprospekten. Sie misst sich daran, ob ein Mensch sein Leben ohne Angst finanzieren kann.

Für viele Ostdeutsche begann diese Angst nicht vor 1990. Sie begann erst danach.

Und genau deshalb war 1990 kein Neubeginn der Kaufkraft – sondern ihr Zusammenbruch.


🧠 Fazit

Die DDR-Mark war keine starke Währung im internationalen Sinne. Aber das sollte sie auch nie sein. Sie war nicht dafür gemacht, Eindruck zu schinden, Prestige zu erzeugen, sie war nicht dafür konzipiert, an Börsen gehandelt zu werden oder auf Devisenmärkten zu glänzen. Sie war dafür gemacht, ein Leben zu tragen. Und genau das tat sie.

Was viele bis heute nicht verstehen – oder nicht verstehen wollen – ist, dass die Mark der DDR nicht aus Schwäche keine Aktienkurse bestimmte, keine Börsen bewegte und keine Spekulationsobjekte befeuerte. Sie tat es aus Prinzip. Die DDR-Mark war der bewusste Gegenentwurf zum spekulativen Fiat-Geld des kapitalistischen Westens.


Während im Westen Geld vor allem als Hebel diente – zur Rendite, zur Vermögensvermehrung, zur Spekulation –, war Geld in der DDR ein reines Umlauf- und Versorgungsmittel.

 Das Geld der DDR sollte nicht arbeiten, sondern dienen. Nicht wachsen, sondern verteilen. Nicht Unsicherheit produzieren, sondern Alltag ermöglichen. Dass sie keine Aktienmärkte bediente, war kein Mangel, sondern ein politisches Statement.


Der westliche Mythos erklärt diesen Umstand bis heute als Rückständigkeit. In Wahrheit verweist er auf einen grundlegenden Systemunterschied. Dort wurde Geld zunehmend von der realen Wirtschaft entkoppelt und in Finanzmärkte verlagert. Hier blieb es an Arbeit, Produktion und Bedarf gebunden. Während im Westen Kurse schwankten, Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert wurden, war Geld in der DDR kein Spielchip, sondern ein Werkzeug.

Dass die DDR-Mark nicht zur Vermögensvermehrung taugt, wird ihr bis heute vorgeworfen. Dabei ist genau das der Punkt. Sie sollte kein Instrument für wenige sein, sondern eine stabile Grundlage für alle. Wer Aktienkurse braucht, um Kaufkraft zu definieren, spricht nicht über Leben, sondern über Besitz.

Die DDR-Mark war kein Geld für Spekulanten. Sie war Geld für den Alltag.

Für eine Mark bekam ein DDR-Bürger kein Versprechen, sondern Verlässlichkeit. Wohnen war gesichert, nicht spekulativ. Arbeit war kein Risiko, sondern Normalität. Kinder kosteten kein Armutsrisiko, sondern gehörten selbstverständlich zum Leben. Bildung war kein Investitionsprojekt, sondern ein Recht. Krankheit bedeutete keine finanzielle Bedrohung. Alter keine Angst vor dem Absturz.

Alltag war kalkulierbar. Monat für Monat. Jahr für Jahr. Nicht, weil Menschen reich waren – sondern weil das System darauf ausgelegt war, existenzielle Sorgen zu minimieren. Fixkosten fraßen nicht das Leben auf. Lebenszeit wurde nicht permanent in Absicherung umgewandelt. Wer arbeitete, konnte leben. Punkt.

Heute ist das grundlegend anders. Einkommen sind höher, ja – aber sie sind zerbrechlicher. Fixkosten sind explodiert. Wohnen ist zur Dauerbelastung geworden. Kinder sind eine Rechenaufgabe. Bildung eine Kostenfrage. Alter eine Angstzone. Sicherheit wird individualisiert, privatisiert, ausgelagert. Wer nicht vorsorgt, verliert. Wer vorsorgt, zahlt doppelt.

Kaufkraft wird heute an Konsum gemessen. An Auswahl. An Verfügbarkeit.


Aber Kaufkraft im eigentlichen Sinne misst sich an etwas anderem: an Freiheit von Angst.


Die DDR-Mark ermöglichte genau diese Freiheit – nicht vollständig, nicht perfekt, aber real. Sie nahm dem Alltag den Druck. Sie machte das Leben planbar. Sie ließ nach dem Bezahlen noch Zeit, Ruhe und Würde übrig.

Und genau darin lag die reale Stärke der DDR-Mark.

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10 Kommentare

Klar hat man in der DDR ruhiger gelebt, aber musste man auch staatstreu sein, oder sich bei der Armee verpflichten, um beruflich etwas zu erreichen, oder um studieren zu können, oder man brauchte Beziehung, viele die das betrafen, hatten einfach die Nase voll von diesem System und gingen auf die Straße zur friedlichen Revolution. Meine Eltern arbeiteten in einer Großküche als Beikoch und Küchenhilfe und hatten zusammen einen Lohn von ca 1500 Mark, verhungert bin ich trotzdem nicht. Nach der Wende hielten sich meine Eltern mit ABM Maßnahmen über Wasser, aber mit dem Schulabschluss den sie hatten, konnte man sie im neuen System nicht mehr vermitteln, im alten System hat man solchen Menschen Arbeit gegeben. Es war wirklich eine schwere Zeit für die Beiden. Aber auch ich hatte es mit einem Realschulabschluss nicht einfach, nach einer überbetrieblichen Lehre kam die Arbeitslosigkeit, kam die Umschulung, kam die Zeitarbeit. Auch mein Mann, der in der DDR bei der Bahn war und nach der Wende die Heimat nicht verlassen wollte, musste sich damit abfinden, nicht mehr bei der Bahn angestellt zu sein, sondern einer Tochterfirma. Er wünscht sich oft die DDR zurück, aber die kommt nicht mehr wieder.

Christa

Da bin ich noch gerne Einkaufen gegangen heute gehe ich nur noch wenn ich muss!

Elke

Die DDR hatte einfach mal das bessere und fortschrittlichere System… Punkt!

Chris Laconi

Nicht zu vergessen, der private Lebensunterhalt war subventioniert. Die gewerblichen Verbraucher und die Industrie mußten reelle Preise z.B. beim Strom bezahlen. Heute ist es teilweise umgekehrt! Und wenn ich die 99 am Ende der Preisgestaltung sehe, weiß ich, daß ich einen geschönten Preis bezahle und keinen ordentlich kalkulierten!

Barbara

Besonders auffällig war der gravierende Unterschied beim Kindergeld! Von über 150 M DDR zu 50 DM West. Das war ein Schock! Von dem DDR Kindergeld war schon die Miete in Höhe von 81 M (52qm Neubauwohnung mit Fernheizung!) gesichert und es blieb noch so viel übrig, um dem Kind Bekleidung zu kaufen.

Barbara Hampf

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