Es gibt Fragen, die sind gar keine Fragen. Sie sind fertige Antworten mit Fragezeichen. Eine davon lautet:
"Wenn es in der DDR wirklich nicht so schlecht war, warum sind dann so viele Menschen geflohen?"
Der Satz gehört zur bundesdeutschen Grundausstattung wie Mülltrennung, Tatort und die Überzeugung, dass die eigene Sicht auf die Geschichte selbstverständlich objektiv und richtig sei. Er beendet zuverlässig jede Diskussion über soziale Sicherheit, Vollbeschäftigung, günstige Mieten, Kinderbetreuung, Frieden oder das Leben in der DDR. Warum wollten denn dann alle weg? Schachmatt.
Nun ist unbestreitbar: Viele Menschen haben über 4 Jahrzehnte hinweg die DDR verlassen. Viele wollten mehr persönliche Freiheit, bessere berufliche Möglichkeiten oder schlicht ein anderes Leben.
Sobald wir jedoch Wanderungsbewegungen ernsthaft untersuchen, wird aus der einfachen Erzählung ein ziemlich kompliziertes Bild. Menschen gingen von Ost nach West, stimmt. Aber: Hunderttausende gingen auch von West nach Ost. Manche gingen zweimal. Manche kamen zurück.
Und: Erst nach 1989 setzte die größte ostdeutsche Abwanderungswelle seit Jahrzehnten ein – nun unter kapitalistischen Bedingungen und bei vollständig geöffneten Grenzen.
Und auch heute verlassen jedes Jahr Hunderttausende deutsche Staatsbürger die Bundesrepublik. Merkwürdigerweise gilt im Konsens der BRD nur eine dieser Bewegungen zuverlässig als "Abstimmung mit den Füßen".
🧱 DIE GROSSE FLUCHT – UND DIE GROSSE VEREINFACHUNG
Zwischen der Gründung der DDR 1949 und dem Bau der Berliner Mauer 1961 verließen etwa 2,7 Millionen Menschen die DDR in Richtung Bundesrepublik oder West-Berlin. Diese Abwanderung war für die DDR wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch ein existenzielles Problem. Darüber muss man nicht herumreden.
Die Bundesrepublik bot höhere Einkommen, ein größeres Warenangebot, bessere individuelle Karrierechancen und mehr persönliche und politische Freiheiten.
Hinzu kamen Großgrundbesitzer und sogenannte Junker, deren Besitz infolge der Bodenreform enteignet worden war, sowie Unternehmer und Eigentümer, die von Verstaatlichung oder wirtschaftlichen Sanktionen betroffen waren. Sie verließen nicht selten einen Staat, der ihnen Vermögen, gesellschaftliche Stellung und wirtschaftlichen Einfluss genommen hatte. Auch das ist ein politisches Motiv – aber ein anderes als die Flucht eines Oppositionellen aus einem Gefängnisstaat. Und ja: Unter denjenigen, die die DDR in dieser Zeit verließen, befanden sich auch etliche ehemalige NSDAP-Mitglieder, frühere Funktionsträger des nationalsozialistischen Staates und Menschen, die Ermittlungen, Entnazifizierung oder Bestrafung wegen ihrer Tätigkeit während der NS-Zeit fürchteten. In der BRD fanden Kriegsverbrecher, Altnazis & Konsorten (historisch belegt) nun mal nicht nur ein sichereres Zuhause, sondern quasi auch umgehend nach 1945 wieder beruflichen und gesellschaftlichen Anschluss.
Die sowjetische Besatzungsmacht und die frühen DDR-Behörden gingen gegen aktive Nationalsozialisten, Funktionäre des NS-Regimes und Kriegsverbrecher dagegen massiv vor.
Hinzu kamen Familienzusammenführungen, Konflikte mit der staatlichen Politik, die Kollektivierung der Landwirtschaft, berufliche Benachteiligung und die allgemeine Anziehungskraft des wirtschaftlich stärkeren westdeutschen Staates.
Und: Man sollte man auch den historischen Hintergrund nicht vollständig aus dem Bild schneiden.
Die DDR hatte die deutlich schlechtere wirtschaftliche Ausgangslage. Ein erheblicher Teil der industriellen Anlagen war nach dem Krieg demontiert worden. Die DDR trug hohe Reparationslasten gegenüber der Sowjetunion. Die Bundesrepublik war in den größeren westlichen Wirtschaftsraum eingebunden, erhielt Hilfen aus dem Marshallplan und profitierte vom Zugang zu internationalen Märkten. Beide deutschen Staaten starteten nicht am selben Punkt, nicht mit denselben Partnern und nicht unter denselben Bedingungen.
Die Abwanderung war trotzdem real. Sie war auch politisch. Aber sie war nicht ausschließlich politisch. Wer in den 1950er-Jahren für denselben Beruf im Westen deutlich mehr verdienen konnte, stimmte nicht automatisch über Marx, Lenin und die Zukunft des Weltsozialismus ab. Manchmal stimmte er schlicht über seine Lohntüte ab.
Das klingt weniger monumental, kommt dem wirklichen Leben aber näher.
🚪 NICHT JEDE AUSREISE WAR EINE FLUCHT
Nach dem Bau der Berliner Mauer sank die Zahl der Fortzüge drastisch.
Zwischen 1962 und 1988 verließen dennoch ungefähr 625.000 Menschen die DDR.
Doch auch hier wird sprachlich gern alles in einen Topf geworfen: Nicht jeder Mensch, der die DDR verließ, kletterte nachts über eine Mauer, schwamm durch einen Grenzfluss oder versteckte sich im Kofferraum eines Autos. Es gab unterschiedliche Formen der Ausreise: genehmigte Übersiedlungen, Familienzusammenführungen, Menschen, die von Reisen nicht zurückkehrten, erfolgreiche illegale Grenzübertritte und schließlich Ausreisen nach jahrelangen Anträgen.
Für Betroffene konnten auch genehmigte Ausreisen mit Druck verbunden sein. Trotzdem bleibt eine genehmigte Übersiedlung etwas anderes als eine unmittelbare Flucht über eine gesicherte Grenze. Das ist keine Haarspalterei. Wer historische Vorgänge beurteilen will, sollte wenigstens die Begriffe auseinanderhalten können.
In der öffentlichen Erinnerung wird jedoch oft schon derjenige zum "DDR-Flüchtling", der nach korrektem und genehmigtem Antrag mit Möbelwagen und staatlicher Genehmigung ausreiste. Warum kompliziert, wenn es auch dramatisch geht?
🧳 DIE 600.000 MENSCHEN, DIE IN DIE FALSCHE RICHTUNG GINGEN
Wenn Westdeutsche über die DDR reden, dauert es meist keine drei Minuten, bis die zuverlässigste Allzweckwaffe bundesdeutscher Geschichtsdeutung gezogen wird:
"Ja, wenn es in der DDR so gut war, warum wollten dann alle fliehen?"
Malte aus Wanne-Eickel lehnt sich zufrieden zurück. Alois aus München nickt bedeutungsschwer. Fall erledigt. Sozialismus widerlegt. Die DDR historisch vollständig erklärt. Es fehlte nur noch, dass irgendwo eine Banane ins Bild gehalten wird.
Dummerweise gibt es da eine Zahl, die in dieser beliebten Geschichtsstunde praktisch nie vorkommt:
Zwischen 1949 und 1988 zogen ungefähr 600.000 Menschen aus der Bundesrepublik in die DDR. Ja, richtig gelesen: aus dem goldenen Westen in den grauen Osten. Freiwillig. Ohne FDGB-Reiseveranstalter, ohne Entführung und in den meisten Fällen auch ohne sowjetischen Panzer im Rücken.
Von diesen rund 600.000 Menschen waren etwa 400.000 Rückkehrer. Sie hatten zuvor die DDR beziehungsweise die Sowjetische Besatzungszone verlassen, lebten eine Zeit lang im Westen und entschieden sich anschließend, wieder zurückzugehen. Weitere ungefähr 200.000 Menschen waren im Westen geboren oder hatten zuvor nicht in der DDR gelebt. Sie wurden in der DDR-Statistik als Erstzuziehende geführt. 600.000 Menschen sind keine kleine historische Fußnote. Das entspricht ungefähr der heutigen Einwohnerzahl von Leipzig. Eine komplette Großstadt voller Menschen ging in jene DDR, aus der angeblich ausnahmslos jeder nur noch herauswollte.
Bei über 400.000 Menschen handelte es sich also um "Flüchtlinge" die die DDR zuvor Richtung Westen verlassen hatten – und anschließend wieder zurückgingen.
Sie kannten die Bundesrepublik nicht aus dem "Schwarzen Kanal", aus dem Westfernsehen oder vom Hörensagen. Sie hatten dort tatsächlich gelebt, gearbeitet und ihren Alltag verbracht. Sie hatten den angeblich automatisch eintretenden Wohlstand, die grenzenlose Freiheit und das kapitalistische Paradies persönlich besichtigt – und sich danach entschieden, wieder in die DDR zurückzukehren.
Die Motive waren vielfältig. Viele kehrten wegen ihrer Familie, ihrer Partner, ihrer Freunde oder ihrer Heimat zurück. Andere fanden im Westen nicht den erhofften sozialen Anschluss, hatten berufliche oder wirtschaftliche Schwierigkeiten oder erwarteten in der DDR mehr soziale Sicherheit. Einige suchten Arbeit, eine Wohnung oder einen persönlichen Neuanfang. Enttäuscht "vom Westen" waren sie am Ende alle.
Das passt schlecht zur sauber aufgeräumten Erzählung, nach der jeder Weg nach Westen eine politische Abstimmung gegen die DDR gewesen sein soll, während jeder Weg nach Osten plötzlich nur noch als privater Sonderfall behandelt wird.
Hinzu kommt: Die DDR nahm tatsächlich nicht jeden Ankommenden begeistert und ohne Prüfung auf. West-Ost-Übersiedler wurden in Aufnahmeheimen überprüft. Die staatlichen Stellen fürchteten (nicht ohne Grund übrigens) Spione, Kriminelle und politisch unerwünschte Personen. Viele wurden nach ihrer Aufnahme weiter von Volkspolizei und Staatssicherheit beobachtet. Die DDR betrieb also keineswegs dauerhaft eine offene Einwanderungspolitik, um ihre Bevölkerungszahlen künstlich aufzubessern.
Trotzdem erreichte die Bewegung zeitweise erstaunliche Größenordnungen. 1958 wurden fast 55.000 Rück- und Zuwanderer aufgenommen, 1959 mehr als 63.000 und 1960 knapp 43.000. Das Statistische Bundesamt der BRD registrierte in diesen drei Jahren ebenfalls mehr als 100.000 Umzüge in die DDR.
Nach dem Mauerbau 1961 ging die West-Ost-Wanderung stark zurück. Ein Umzug in die DDR war nun viel schwerer rückgängig zu machen. Dennoch kamen weiterhin Menschen.
Auch das gehört zur Wahrheit: Manche gingen hin, manche kamen zurück, manche wechselten sogar mehrfach. Menschen führten Leben. Sie trafen gute und schlechte Entscheidungen, verliebten sich, scheiterten, versuchten es erneut und änderten ihre Meinung. Genau diese menschliche Vielschichtigkeit wird aus der Geschichte entfernt, sobald jede Wanderungsbewegung nur noch als Stimmzettel für oder gegen ein Wirtschaftssystem behandelt wird.
Die 600.000 West-Ost-Übersiedler beweisen nicht, dass die DDR das attraktivere oder bessere deutsche System war. Das müssen sie auch gar nicht. Sie beweisen etwas viel Einfacheres: Die deutsch-deutsche Wanderung verlief niemals nur in eine Richtung.
Und die Behauptung, niemand sei freiwillig in die DDR gegangen oder zurückgekehrt, ist historisch falsch.
Wieder etwas gelernt, Malte.
🚩 WER VOR DER BRD FLOH, PASST NICHT INS GESCHICHTSBUCH
Und selbstverständlich verließen Menschen die Bundesrepublik auch aus politischen Gründen. Nicht jeder West-Ost-Übersiedler war verliebt, verschuldet oder hatte sich auf dem Weg nach Hamburg versehentlich hinter Eisenach wiedergefunden.
In der BRD wurden Kommunisten überwacht, aus dem Staatsdienst entfernt, strafrechtlich verfolgt und nach dem KPD-Verbot von 1956 sogar wegen ihrer politischen Betätigung verurteilt. Zwischen 1951 und 1968 wurden gegen Kommunisten und ihr Umfeld rund 125.000 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Später folgten im Zuge des sogenannten Radikalenerlasses millionenfache politische Überprüfungen.
Lehrer, Hochschulangehörige, Postbeamte, Eisenbahner und andere Beschäftigte verloren in der "freiheitlich-demokratischen" BRD ihre berufliche Existenz, wenn sie als "politisch unzuverlässig" galten.
Einige gingen deshalb in die DDR, weil ihnen in der Bundesrepublik Verhaftung, Berufsverbot, Überwachung oder dauerhafte politische Ausgrenzung drohten. Darunter waren Kommunisten, Gewerkschafter, ehemalige Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und Menschen, die im Westen keine berufliche oder politische Perspektive mehr sahen.
Aber keine Sorge: Das war natürlich keine politische Verfolgung. Politische Verfolgung gab es nach westdeutscher Geschichtsschreibung ausschließlich östlich der Elbe.
Wurde ein belasteter Nationalsozialist in der DDR entlassen, überwacht oder eingesperrt, war das der endgültige Beweis für die Diktatur. Wurde ein Kommunist in der Bundesrepublik entlassen, überwacht oder eingesperrt, verteidigte sich eben die freiheitlich-demokratische Grundordnung.
Eine genaue Gesamtzahl derjenigen, die aus ausdrücklich politischen Gründen von West nach Ost gingen, lässt sich nicht seriös bestimmen. Sicher ist jedoch: Es waren keine drei verwirrten Marx-Leser mit Aktentasche. Historischer Fakt: Die Bundesrepublik produzierte ihre eigenen politisch Verfolgten, politisch Ausgegrenzten und beruflich Vernichteten. Ein Teil von ihnen zog daraus die Konsequenz und stimmte mit den Füßen ab.
Nur wurde diese Stimme später offenbar für ungültig erklärt.
Und: Haben wir bereits die rund 100.000 jungen Männer aus der BRD erwähnt, die bis 1989 aus der BRD nach West-Berlin flohen, um sich der Wehrpflicht und damit der Bundeswehr zu entziehen?
🏃 1989: FLUCHT, AUSREISE UND "WENDE"
Im Jahr 1989 stiegen die Ausreisebewegungen dramatisch an. Menschen verließen die DDR über Ungarn, die Tschechoslowakei und bundesdeutsche Botschaften. Gleichzeitig stellten immer mehr Bürger Ausreiseanträge. Diese Bewegung beschleunigte die politische Krise der DDR. Sie zeigte, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung nicht mehr bereit war, auf Reformen zu warten. Sie verstärkte zugleich den Protest jener Menschen, die ausdrücklich bleiben und ihr Land verändern wollten.
"Wir wollen raus" war eine Parole des Jahres 1989.
"Wir bleiben hier" war die andere.
Beides gehört zur Geschichte.
Die Menschen, die auf den Straßen von Leipzig, Berlin, Plauen, Dresden und anderen Städten demonstrierten, stimmten nicht mit den Füßen gegen ihre Heimat. Sie riskierten viel, um in ihrer Heimat Veränderungen durchzusetzen. Auch unsere Eltern gehörten dazu. Niemand von ihnen wollte unser Land verlassen.
Das wird gern vergessen, weil es nicht in die bequeme Erzählung passt, nach der die DDR ausschließlich von Menschen überwunden wurde, die möglichst schnell in einen westdeutschen Gebrauchtwagen in Wanne-Eickel steigen wollten.
💥 UNANGENEHMER FAKT: NACH DER FREIHEIT KAM DER ARBEITSPLATZABBAU
Mit der Grenzöffnung im November 1989 endete die Situation, in der Menschen die DDR nur mit staatlicher Genehmigung verlassen konnten. Spätestens mit der staatlichen Einheit am 3. Oktober 1990 war ein Umzug von Sachsen nach Bayern, von Thüringen nach Hessen oder von Mecklenburg-Vorpommern nach Hamburg keine Flucht mehr. Es war Binnenwanderung. Dennoch setzte nun eine neue, gewaltige Bewegung nach Westen ein. Die größte der deutschen Geschichte.
Die Gründe waren diesmal nicht fehlende Reisefreiheit, verbotene Westliteratur oder politische Verfolgung. Die Gründe hießen Betriebsschließung, Arbeitslosigkeit, Deindustrialisierung, fehlende Ausbildungsplätze, niedrigere Löhne und verlorene Zukunftsaussichten.
Zwischen 1991 und 2024 zogen im Saldo rund 1,2 Millionen Menschen mehr von Ostdeutschland nach Westdeutschland als umgekehrt. Berlin wird in dieser Berechnung nicht berücksichtigt. Rund 611.000 Menschen verlor der Osten im Saldo bereits bis zum Jahr 2000. Zwischen 2001 und 2010 kamen noch einmal rund 553.000 hinzu.
Allein 1991 betrug der ostdeutsche Wanderungsverlust gegenüber dem Westen rund 165.000 Menschen.
Das war keine Randerscheinung. Ganze Regionen verloren fast alle jungen Erwachsenen, Fachkräfte und vor allem Frauen. Schulen wurden geschlossen, Dörfer alterten, Geburtenzahlen brachen ein und Betriebe fanden später keine Nachfolger mehr. Nun wird es interessant:
Wenn ein 25-jähriger Werkzeugmacher 1988 von Leipzig nach Stuttgart ging, war das angeblich eine endgültige Abstimmung gegen den Sozialismus. Wenn derselbe Werkzeugmacher 1992 nach der Schließung seines Betriebs denselben Weg nahm, war es plötzlich nur noch notwendige Arbeitskräftemobilität. Der Mensch ging in beiden Fällen, weil er sich anderswo bessere Lebensbedingungen versprach.
Nur die politische Etikettierung änderte sich.
Vor 1989: "Systemflucht". Nach 1990: "wirtschaftliche Flexibilität".
Der Kapitalismus verliert offenbar keine Bürger. Er setzt lediglich "Humankapital" frei.
🏭 WER HAT NACH 1990 EIGENTLICH GEGEN WEN ABGESTIMMT?
Die Abwanderung nach der deutschen Einheit stellt die übliche Argumentation vor ein Problem. Denn wenn das Verlassen eines Landes oder einer Region automatisch ein Urteil über dessen gesellschaftliche Ordnung ist, müssten die Wanderungszahlen nach 1990 ebenfalls politisch interpretiert werden.
Dann hätten mehr als eine Million Ostdeutsche mit den Füßen gegen die Ergebnisse der deutschen Einheit abgestimmt.
Genau deshalb ist aber auch die pauschale Deutung der DDR-Abwanderung zu grob. Menschen verlassen selten abstrakte Systeme. Sie verlassen konkrete Lebenslagen.
Sie verlassen einen Arbeitsplatz, den es nicht mehr gibt. Eine Wohnung, die sie nicht bekommen. Eine Region ohne Perspektive. Eine Familie, mit der sie zerstritten sind. Einen Staat, dessen Regeln sie ablehnen. Oder einen Alltag, in dem sie keine Zukunft erkennen.
📉 DER OSTEN VERLOR NICHT NUR EINWOHNER
Seit 1990 verlor Ostdeutschland nicht irgendeinen beliebigen Querschnitt seiner Bevölkerung. Besonders häufig gingen junge Erwachsene. Seit 1991 wanderten im Saldo Hunderttausende Menschen zwischen 18 und unter 30 Jahren von Ost nach West. Gerade in dieser Lebensphase werden Ausbildung, Studium, Beruf, Partnerschaften und Familiengründung entschieden. Damit verlor der Osten nicht nur die Einwohner dieses Moments. Er verlor auch einen Teil der späteren Kinder, der zukünftigen Fachkräfte, der Unternehmensgründer und der kommunalen Steuerzahler.
Die Folgen wirken bis heute.
Und selbstverständlich trugen nicht alle diese Menschen ein Transparent mit der Aufschrift "Ich lehne den Kapitalismus ab", als sie in den Westen zogen. Viele wollten oder mussten schlicht "nur" arbeiten. Genau wie viele Menschen, die zuvor die DDR verlassen hatten.
☝️ HEUTE HEISST "FLUCHT" PLÖTZLICH "MOBILITÄT"
Nun springen wir in die Gegenwart. Deutschland ist bekanntermaßen ein Einwanderungsland. Seit Jahren ziehen mehr Menschen aus dem Ausland nach Deutschland, als Deutschland verlassen. Klingt erstmal positiv. Diese positive Gesamtbilanz wird jedoch ausschließlich durch zuziehende ausländische Staatsangehörige getragen.
Bei in Deutschland geborenen Menschen mit deutschem Pass sieht die Sache anders aus.
Seit 2005 verzeichnet Deutschland bei deutschen Staatsangehörigen durchgehend eine Nettoabwanderung. Es verlassen also jedes Jahr mehr Deutsche das Land, als deutsche Staatsbürger aus dem Ausland zurückkehren. Im Jahr 2023 betrug der negative Wanderungssaldo deutscher Staatsbürger rund 74.000 Menschen. Im Jahr 2024 stieg er auf ungefähr 81.000. Im Jahr 2025 lag er bereits bei rund 100.000 Menschen.
2025 wurden insgesamt etwa 1,48 Millionen Zuzüge nach Deutschland und rund 1,25 Millionen Fortzüge registriert. Der gesamte Wanderungsüberschuss lag damit bei ungefähr 235.000 Menschen und war deutlich niedriger als 2024.
Deutschland gewinnt also insgesamt Bevölkerung durch Migration, verliert aber seit Jahren gleichzeitig im Saldo massiv im eigenen Land geborene, eigene Staatsbürger.
Eine interessante Konstellation. Nur hört man erstaunlich selten:
"Wenn es in der Bundesrepublik so gut ist, warum gehen dann jedes Jahr Hunderttausende Deutsche?"
📊 2015 BIS 2025: ABWANDERUNG DEUTSCHER "DEUTLICHES WARNSIGNAL" LAUT WISSENSCHAFTLERN
Und während die Abwanderung aus der DDR bis heute gern als endgültige "Abstimmung mit den Füßen" gegen ein gesamtes Gesellschaftssystem verkauft wird, stimmen Deutsche inzwischen selbst wieder ziemlich deutlich ab:
Das "Institut der deutschen Wirtschaft" spricht 2026 von einem "deutlichen Warnsignal", warnt vor dem Verlust hochqualifizierter Fachkräfte und vor Schäden für Arbeitsmarkt, Innovationskraft und wirtschaftliche Entwicklung.
Übersetzt: Die gut Ausgebildeten gehen, weil ihnen die Bedingungen nicht mehr passen, und die entstandenen Lücken können nur mit leichter zugänglicher, unqualifizierter Zuwanderung gefüllt werden.
Bei der DDR hieß das früher:
"Die Menschen fliehen vor dem System!".
Heute heißt es: "demografischer Wandel, Fachkräftemobilität und Migrationswende."
Derselbe Vorgang, nur diesmal mit deutlich vorsichtigerem Wörterbuch.
✈️ WER VERLÄSST DEUTSCHLAND HEUTE?
Die heutigen deutschen Auswanderer sind keineswegs ausschließlich Rentner, die sich einen warmen Platz in Spanien suchen. Überdurchschnittlich mobil sind jüngere und gut qualifizierte Menschen. Dazu gehören Fachkräfte, (und tatsächlich eben:) Wissenschaftler, Ärzte, Ingenieure, Beschäftigte internationaler Unternehmen, Selbstständige und Akademiker.
Es würde jedoch deutlich zu kurz greifen, die heutige Abwanderung auf hochbezahlte Akademiker, Spitzenforscher und ein paar Ingenieure mit Headhuntervertrag zu reduzieren. Diese Vorstellung ist längst überholt. Deutschland verliert nicht nur Eliten, sondern Fachkräfte aus nahezu allen Bereichen, in denen eine solide Ausbildung auf dem internationalen Arbeitsmarkt etwas wert ist. Gerade die Schweiz zeigt das sehr anschaulich:
In Krankenhäusern, Praxen und Pflegeeinrichtungen der Schweiz arbeiten zahlreiche deutsche Ärzte, Pflegefachkräfte und andere Gesundheitsberufe – also genau jene Menschen, deren Fehlen man in Deutschland anschließend unter dem freundlichen Begriff „Fachkräftemangel“ beklagt. Die Schweiz erfasst seit Jahren erhebliche Zuzüge ausländischer Mediziner; Deutschland gehört bei den anerkannten ausländischen Arztdiplomen regelmäßig zu den wichtigsten Herkunftsländern.
Dasselbe Bild findet sich außerhalb der akademischen Berufe. Deutsche Köche, Restaurantfachkräfte und Hotelfachleute arbeiten in der Schweizer Gastronomie. Elektriker, Installateure, Mechaniker, Bauhandwerker und selbstständige Meister wechseln über die Grenze, weil ihre Qualifikation gefragt ist und Löhne sowie Arbeitsbedingungen häufig attraktiver erscheinen. Es wandert also nicht nur der Chefarzt mit zwei Doktortiteln aus. Es gehen Menschen mit Studium, Meisterbrief, Fachausbildung und Berufserfahrung – kurz: genau jene, deren Ausbildung Deutschland zuvor finanziert, organisiert oder zumindest ermöglicht hat.
Die Bundesrepublik bildet sie aus, die Nachbarländer beschäftigen sie, und anschließend erklärt man den deutschen Personalmangel mit dem demografischen Wandel. Das ist praktisch:
So muss niemand fragen, weshalb ausgebildete Fachkräfte ein reiches Land verlassen, das gleichzeitig immer neue Fachkräfte aus dem Ausland anwerben möchte.
Die heutige Abwanderung ist deshalb keine schmale Bewegung privilegierter Spitzenverdiener. Sie reicht vom Arzt bis zum Pfleger, vom Ingenieur bis zum Elektriker, vom Koch bis zum selbstständigen Handwerksmeister. Gemeinsamer Nenner ist nicht zwingend akademischer Status, sondern eine Qualifikation, mit der man anderswo bessere Bedingungen findet.
Die "besseren Bedingungen" sind dabei längst nicht mehr nur wirtschaftlicher Natur. Natürlich spielen höhere Löhne, niedrigere Abgaben und bessere berufliche Perspektiven eine zentrale Rolle. Deutschland hatte 2025 bei einem alleinstehenden Durchschnittsverdiener nach Belgien die zweithöchste Belastung durch Steuern und Sozialabgaben unter allen 38 OECD-Staaten. Gleichzeitig liegt die zu erwartende Nettoersatzquote der verpflichtenden Alterssicherung für Durchschnittsverdiener unter dem OECD-Mittel. Der deutsche Arbeitnehmer zahlt also international Spitze, ohne bei der späteren Absicherung international Spitze zu erhalten. Ein erstaunlich teures Abonnement für eine zunehmend überschaubare Leistung.
Doch Menschen gehen nicht nur wegen der Zahl auf ihrer Gehaltsabrechnung. Viele suchen ein Land, das sie als sicherer, sauberer, verlässlicher und funktionierender empfinden. Sie sind mit Schulen, Infrastruktur, Verwaltung, innerer Sicherheit oder dem Zustand des öffentlichen Raumes unzufrieden. Andere lehnen die innen- oder außenpolitische Richtung der Bundesrepublik ab, haben Vertrauen in Staat und Institutionen verloren oder wollen ihre Kinder schlicht in einem gesellschaftlichen Umfeld aufwachsen sehen, das ihren eigenen Vorstellungen eher entspricht.
Nicht jedes dieser Motive lässt sich aus der Wanderungsstatistik herauslesen. Das Statistische Bundesamt registriert, wer geht, aber nicht, ob der Betreffende wegen der Steuerlast, der Politik, einer kaputten Schule, mangelnder Sicherheit oder des Wetters gegangen ist. Deshalb wäre es unseriös, sämtliche Auswanderer zu politischen Flüchtlingen zu erklären.
Doch genau diese Seriosität gönnt man den Menschen aus der DDR bis heute nicht. Wer damals nach Westen ging, soll mit jedem Schritt das gesamte politische System verworfen haben. Wer heute Deutschland verlässt und ausdrücklich sagt, dass ihm Politik, Steuern, Sicherheit oder gesellschaftliche Entwicklung nicht mehr gefallen, trifft angeblich nur "eine private Karriereentscheidung".
Damals war jeder Koffer ein Misstrauensvotum. Heute ist selbst der voll beladene Umzugswagen nur internationale Mobilität.
Auch die Bundesrepublik erlebt also längst eine politische Abstimmung mit den Füßen. Nur wird sie noch nicht so genannt, weil die Auszählung unangenehm werden könnte.
Und damit sind wir wieder bei der berühmten "Abstimmung mit den Füßen": Verlässt ein DDR-Bürger sein Land, wird daraus ein Urteil über das gesamte System. Verlässt ein deutscher Arzt, Pfleger oder Handwerker die Bundesrepublik, handelt es sich plötzlich nur um "internationale Mobilität".
Derselbe Fuß, eine erstaunlich unterschiedliche Auszählung.
🧮 ZAHLEN WERDEN LÜGEN NICHT – WERDEN ABER GERN PASSEND POLITISCH SORTIERT
Man kann sehr bequem entscheiden, welche Statistik man erzählt. Erzählt wird regelmäßig:
Millionen Menschen verließen die DDR bis 1989.
Nie erzählt wird:
600.000 Menschen zogen zwischen 1949 und 1988 von der Bundesrepublik in die DDR.
Erzählt wird:
1989 flohen Zehntausende Menschen in den Westen.
Seltener erzählt wird:
Erst nach der Einführung der westdeutschen Wirtschaftsordnung verlor Ostdeutschland über 1,2 Millionen Menschen an den Westen.
Erzählt wird:
Die Bundesrepublik ist ein beliebtes Einwanderungsland.
Seltener erzählt wird:
In Deutschland geborene deutsche Staatsbürger verlassen seit über 20 Jahren zu Hunderttausenden das Land für immer.
Geschichte wird nicht erst dort manipulativ, wo Zahlen erfunden werden. Sie wird bereits dort schief, wo richtige Zahlen so ausgewählt werden, dass immer nur dieselbe politische Botschaft übrig bleibt.
⚖️ GLEICHE ZAHLEN, UNTERSCHIEDLICHES URTEIL
Nehmen wir drei Menschen.
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Der erste verlässt 1988 die DDR, weil er im Westen mehr verdienen, frei reisen und beruflich vorankommen möchte.
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Der zweite verlässt 1993 Sachsen-Anhalt, weil sein Betrieb von der Treuhand geschlossen wurde und er in Baden-Württemberg Arbeit findet.
- Der dritte verlässt 2025 Deutschland, weil er in der Schweiz mehr verdient, weniger Bürokratie erwartet und mit der Politik der BRD seit Jahren hadert.
Alle drei gehen, weil sie sich andernorts bessere Lebensbedingungen versprechen.
Doch die Lehrbuchübersetzung lautet:
-
Der erste flieht vor dem System.
-
Der zweite folgt dem Arbeitsmarkt.
- Der dritte sammelt internationale Erfahrung.
So praktisch kann Sprache sein.
7 Kommentare
Interessant wären auch die politisch motivierten Fluchtgründe aus Westdeutschland zb KPD Verbot. Oder die Gründung der Bundeswehr und Einberufungen in die BuWeh.
Der 4.kam nach 45 aus ehemaligen Ostgebieten ,die er verlassen muste ,als Flüchtling in die SBZ .Arbeit ,Familie ,Wohnung und die Aufgabe etwas aufzubauen hielten ihn nach 61 in der DDR .Traumata bis in die 3.Generation galt es zu heilen und wurden weitergegeben.Meine Ausreise war eine Notwendigkeit zur inneren Freiheit fast eine Zwangshandlung und hat mit Punkt 1 bis 3 gar nichts zu tun ich glaube die Hauptursache liegt in der Vergangenheit und Flucht meiner Vorfahren aus Gleiwitz und die Schuldgefühle.Die DDR war nicht die Ursache für die Ausreise sie war die Basis meiner Persönlichkeit.